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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1936-08-01 · 11 (8.1936) · p. Seite 127

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
11 (1936)
Issue
11 (8.1936)
Date
1936-08-01
Page
Seite 127 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11 127 Friedberg in Hessen von S. Lilrenthal, Wiesbaden Das „Frankfurter Israelitische Gemeindieblatt" veröffentlicht zur Zeil eine Reihe: „Jüdische Wanderungen" Daraus entnehmen wir den folgenden Abschnitt über Friedberg i. H. Die Reihe soll als jüdischer Führer durch unsere Gegend im Zusammenhang erscheinen. Oberhessische Kreisstadt mit 12000 Einwohnern, neben der auf einem alten Römerkastell von den Hohenstaufen angelegten Reichsburg Friedberg schon 1219 urkundlich genannt. Während die Burg von Anfang an eine AdelsrepuMik bildete, wird die Stadt schon 1226 mit Mainz, Bingen, Worms, Speyer, Frankfurt und Gelnhausen Mitglied des Rheinischen Städtebundes- 1254 vereinigt sie sich mit Mainz, Köln, Worms, Speyer, Strassburg, Basel und mit den Rischöfen der rheinischen Landschaft sowie mit vielen Grafen und Herren zu dem berühmten Rheinischen Rund, der ausdrücklich auch Knien und Juden durch einen lOiährigen Landfrieden schützt. 1254 wird Friedberg Freie Reichsstadt und 1265 Mitglied des grossen Rheinischen Städte- und Herrenbundes, der die Juden ausdrücklich in seinen „Landfrieden" einbezog. Tn stetem Streit mit der Burg erwächst Friedberg zu Macht., Blüte und gewaltigem Reichtum, wird aber 1347 von Karl IV. verpfändet. Der Niedergang setzt nun allmählich ein, beschleunigt durch den fortdauernden Streit mit der Burg, grosse Brände, Zusammenbruch des Städtebundes, immer stärkere Vormachtstellung des Frankfurter Handels und der Frankfurter Messen. Totzdem entwickelt Friedberg reiches wissenschaftliches und künstlerisches Leben bis auf den heutigen Tag; wodurch freilich die hier besonders zahlreichen Hexenprozesse — allein 12 von 1574 bis 1666, also nach der Reformation — nicht verhindert werden. Seit 1535 gehört Friedberg der Burg, die allmählich alle Pfandrechte gegenüber der Stadt an sich gebracht hat, bis es 1802 an Hessen-Darmstadl fällt und 1843 mit der Burg zu einem Gemeinwesen vereinigt wird. Jetzt wieder langsamer Aufstieg, der erst nach dem Weltkrieg schnelleres Tempo angenommen hat. Die Geschichte der Judengemeinde ist leider noch nicht geschrieben. Sie ist der Geschichte Friedbergs würdig, für lange Zeitläufe der grossen Geschichte der Frankfurter Gemeinde ebenbürtig und! fast immer eng mit ihr verknüpft. Selbstverständlich, wenn auch nicht dokumentarisch nachweisbar, erhält die Stadt bei ihrer Gründung oder Stadtwerdung das Recht, „Juden zu halten". Daraus erklärt sich, dass die Stadt später, als die Juden schon längst der Burg unterstanden, mehrfach zu ihren Gunsten einschritt, wenn sie von der Burg über Gebühr bedrückt wurden. Auch die Lage des Ghettos zwischen Burg und Stadt noch heute deutlich erkennbar, deutet darauf hin. Bereits in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts bildet sich ein „Minhag" (die Gemeindesteuern am Chanukkah festzusetzen); also besteht die Gemeinde schon einige Zeit. 1241 oder wenig später dichtet der Friedberger Rabbi Jehuda ben Mose Hakohen seine Trauer-Ode auf die erste Frankfurter Judenschlacht. 1260 ist die Gemeinde bedeutend und wohlhabend, denn sie errichtet eine Mikwoh, die in der Welt ihresgleichen sucht. Der Zuzug scheint, wie auch nach anderen wetterauischen Gemeinden (Münzenberg!), vom Rhein her gekommen zu sein. So ist der Stifter der Mikwoh Jsaak (aus) Koblenz. — Eine Wertschätzung des jüdischen Elementes drückt sich damals — 1265 — in seiner nachdrücklichen Einbeziehung in den schon erwähnten Landfrieden aus. Damit stimmt überein, dass, während noch 1241 die Gesamtjudenschaft der Wetterau 150 Mark Silber an Judensteuer zu zahlen hat, 1275 die Friedberger Juden allein 130 Mark Kölner Münze entrichten. In diesem Jahr nimmt Rudolf von Habsburg sie in seinen königlichen Schutz und übergibt sie der Obhut der Burg. Dennoch haben sie 1336 unter den Judenschlägern Gebrüder Armleder zu leiden, noch bitterer ist das Jahr 1319 (der schwarze Tod). Dazu wurden sie noch der Miturheberschaft an einem grossen Brand in Flanau beschuldigt; Ullrich von Hanau eignet sich „die Judenschule, das Judenbad und einige Juden- Häuser und llofstätte zu Fridburg" zu und verkauft sie ein Jahr darauf „an Burgemeistern, Schöffen, Rath und Gemeine Stadt Fridburg vor eine genannte Summe Geldes", wird schliesslich 1351 von Karl IV. mit den Juden jener ganzen Gegend „belehnt". Das Privilegium fori, d. i. das Recht der alleinigen Gerichtsbarkeit über seine Juden erhält Hanau aber erst 1434; bis dahin können sie auch vor das geistliche Gericht von Chur-Mainz gezogen werden. Inzwischen hat die Stadt Friedberg schon 1359 mit den anderen wetterauischen Reichsstädten einen neuen, engeren Landfrieden abgeschlossen, der vorzüglich den Zuzug von Juden erleichtern und sichern sollte. Inwieweit Friedberg dann von der Judenverfolgung betroffen wurde, die 1445 die ganze Wetterau durchtobte, steht nicht fest; die Gemeinde bleibt jedenfalls wohlhabend: 1495 nehmen 6 Gemeindemitglieder, darunter „calman Arzt, und Nasse Worffeimacher" (Nathan der Würfelmacher!) an einer grossen Hochzeit zu Münster am Stein teil, und worden wegen „Geleitsbruch" also etwa Passvergehen, mit vielen anderen Hochzeitsgästen festgenommen, bis vier reiche Teilnehmer, darunter die Friedberger Mayer Back und Liepmann, die ganze Gesellschaft mit 2100 „Rinischer Gulden" (über 21000 Reichsmark) auslösen ,,und darinnen viel truwlichen ubung und arbeit getan habent." Die Wohlhabenheit der Gemeinde bewirkt wohl neben der persönlichen Würdigkeit ihrer Mitglieder, daß 1515, als der Churfürst-Erzbischof von Mainz die Stände und Freien Städte seines Gebietes zur Austreibung aller Juden veranlassen will, der Burggraf von Friedberg — nach allerlei Ausflüchten und Befragung all seiner Burgmannen ablehnt, d. h. nur unter der Bedingung zusagt, daß — unter anderem — erst einmal die Uebervorteilung der im ausgedehnten Gebiet der Burg wohnenden Bauern durch die Frankfurter (Christen!) aufgehört habe! 1523 schliesst die Gemeinde ihren wahrscheinlich aus dem 13. Jahrhundert stammenden Friedhof an der äusseren Mainzer Pforte, nahe beim Richtplatz, und legt den neuen an der innerem Mainzer1 Pforte, links der Ockstadter Strasse an, der erst 1934 geschlossen wurde. Bald kommt aber eine neue Prüfung über die Friedberger wie über die Gesamtheit der Juden in Deutschland: Dr. Martin Luther, erst ein begeisterter Fürsprecher der Juden, aber von ihrer ablehnenden Haltung auch gegenüber dem protestantischen Christentum tief enttäuscht, wendet sich scharf gegen sie; mit ihm einige seiner weniger geistvollen, aber desto gröberen Mitarbeiter. Besonders Martin Butzer, geistlicher Berater Philipps des Grossmiitigcn von Hessen, predigt und schreibt unermüdlich gegen die Juden. Gewalttaten setzen ein. Ein Raubgeselle, der auf der Landstrasse bei Friedberg einen Juden verletzt und beraubt, verteidigt sich: „sehe, jude, den truck an, so Butzerus erlaupt hat, man soll auch euer gueter nemen und die teilen under arme." Gerade diesen Fall nimmt Jose! von Rosheim, der berühmte Verteidiger und Ermahner seiner jüdischen Brüder, zum Anlaß, sich . mündlich und schriftlich mit einem gewissen Erfolg, besonders auf dem Frankfurter Reichstag von 1539, mit Martin Butzer auseinanderzusetzen. — Die gross gewordene Gemeinde pflegt jüdische Wissenschaft und beruft bedeutende Rabbinen. 1588 stirbt dort R. Chajim ben Bezalel, Bruder des Rabbi Low ben Bezalel, des „Hoben Rabbi Low" in Prag. Er oder sein Nachfolger R. Jakob begründete die 1596 zum ersten Male aktenmässig erwähnte Jeschiwah, die Jahrhunderte in enger Beziehung zur Frankfurter Gelehrtenwelt stand. 1603 präsidiert der aus Friedberg stammende R. Samuel ben Elieser als „Oberster Rabbi" der grossen Rabbinerversammlung in Frankfurt, die u. a. folgende Beschlüsse fast: Die Juden sollen ihre Streitigkeiten nicht vor die Landesherrlichen Gerichte bringen, damit sie nicht noch mehr „verschmäht" wTerden. Es werden 5 jüdische Gerichtshöfe gebildet, deren einer in Friedberg. Tn Haft gekommene böswillige Bankrotteure dürfen nicht unterstützt werden. Innerhalb 30 Tagen ist der Missbrauch abzustellen, daß manche sich kleiden, daß „man sie nicht als Juden erkennen soll" und etliche „kleiden sich und ihre Töchter, als sie grosse Herren wären". Friedberg wird auch Sitz eines Bezirks-Schätzungsausschusses zur Bildung eines Fonds für allgemeine Fälle,

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