Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 11 (1936)
- Issue
- 10 (7.1936)
- Date
- 1936-07-01
- Page
- Seite 119 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Seite 119 Zu gleicher Zeit klagt das Hilfskomitee in Bogota (Columbien), es müsse immer wieder feststellen, dass die Einwanderer fast ausnahmslos sprachlich, psychisch und beruflich völlig unvorbereitet dahin kämen und sich so „selbst die allergrössten Hindernisse für ihr Vorwärtskommen" bereiteten. Aehniiche Klagen ■ über die unerträgliche Erschwerung ihrer Arbeit kamen und kommen fast jeden Tag von den ausländischen Komitees; so heißt t'R in einem Brief aus La Plata (Provinz Buenos Aires, Argentinien) vom 1. Mai: „Ich habe hier sehr viel Einzelschicksale beobachtet und habe ferner mit vielen Herren des Vorstandes des argentinischen Hilfsvereins gesprochen, die sich mir gegenüber ziemlich deutlich ausgesprochen haben, und habe dabei , festgestellt, daß eigentlich alle diese U n t e r h a 11 u ngon mehr oder minder eine Beschwerde über die ankommenden Emigranten waren. Die Leute (d. h. die Einwanderer), stellen immer wieder Vergleiche mit ihrem früheren Leben an und wollen sich in keiner Weise umstellen. Wenn es hier Firmen gibt, wie mir ein Herr versicherte wo er 9 junge Leute untergebracht hat, so muß er noch dazu extra einen Dolmetscher haben. Ich gebe ohne weiteres zu, daß die hiesige Landessprache auch mir sehr schwer fällt, aber ich kann mich doch schon notdürftig verständigen." Andererseits erhält der Hilfsverein aber auch immer wieder Briefe von früheren Auswanderern, die zufrieden darüber berichten, wie schnell sie dank ihrer früheren Sprachstudien Stellung gefunden haben, und welch unschätzbaren Vorteil es für den Einwanderer bildet, wenn er die Landessprache, und möglichst ausserdem noch eine Sprache, beherrscht. Es verdient nachdrücklichste Betonung, daß die Kenntnis der englischen Sprache auch fürAuswanderer nachSüdamerika, insbesondere natürlich für Kaufleute, eine ausserordentliche Hilfe bedeutet; noch wichtiger ist allerdings die Kenntnis der dortigen Landessprache, d. h. im allgemeinen des Spanischen und für Brasilien des Portugiesischen. Es ist deshalb unbedingt notwendig, daß jeder einzelne Auswanderer, ganz besonders wenn er öffentliche Mittel in Anspruch nimmt, schon in Deutschland die Sprache seiner voraussichtlichen Heimat studiert. Daß alle öffentlichen jüdischen Institutionen, insbesondere die Gemeinden und die vielerorts bestehenden jüdischen" Lehrhäuser, der sprachlichen Schulung der Auswanderer — nötigenfalls in Zusammenarbeit mit dem Hilfsverein selbst — ihre besondere Aufmerksamkeit zuwenden, darf mit Bestimmtheit erwartet werden. Vor allem aber muß jedem einzelnen Auswanderer das Gewissen geschärft werden für seine Pflicht, Sprachen zu lernen, schon bevor er auswandert. Nicht nur er selbst, sondern die jüdische Oeffentlichkeit wird sonst für sein Versäumnis zehnfach büssen müssen! Ferdinand von Saar und seine jüdischen Gestalten von Dr. Siegmund Hirsch Des Dichters Wesen und Werk Vor 30 Jahren, am 24. Juli 1906, ist Ferdinand von Saar aus dem Leben gegangen, der österreichische Dichter, der im Bild seiner Heimat- und Zeitgestaltung auch die Juden teilnahmsvoll und treu festgehalten hat. Noch immer ist der Name des grossen Erzählers vielen unbekannt. So ist es auch mit dem Lebenden gewesen. Lange hat der ernst Schaffende und Ringende im Hintergrund gestanden. Armut und bitterste Not, Schuldhaft, Entbehrungen im Essen, Leid und Sorge jeder Art hat Ferdinand von Saar ertragen, nachdem er als Sechsundzwanzigjähriger den Offiziersrock ausgezogen hatte, um seine dichterischen Pläne ausführen zu können. Er war kein betriebsamer Schriftsteller, der mit der Feder den Zeitgeschmack auszunutzen suchte. Die Kunst war ihm wirklich die hohe, die himmlische Göttin, und jede Zeile von ihm beweist, wie ernst und streng er bei dieser Anschauung geblieben ist. Zum rührigen Wettbewerb mit den Zeitgrössen war der Mann nicht geschaffen, dem alles Vordringliche, Lärmende, Sensationelle zuwider war, der alles, was er gestaltete, langsam reifen Hess und der mit scharfer Selbstkritik nur dem wahrhaft Erlebten Ausdruck gab. Darum ist ihm erst spät der verdiente Ruhm zuteil geworden, und wenn auch dem Dramatiker der Erfolg immer versagt blieb, der Lyriker und Erzähler Ferdinand von Saar hat auch noch einen Lohn seines Schaffens ernten dürfen: die Huldigung ausgezeichneter Männer und Frauen, denen der Dichter mit seinen Werken ans Herz gegriffen hatte, den Dank der Heimat, die ihn für das letzte Jahrzehnt seines Lebens aller wirtschaftlichen Sorgen enthob. Die Vaterstadt ehrte den Schöpfer der „Wiener Elegien", der herrlichen Verse, in denen Saar voll Liebe ausgesprochen hatte, was ihm sein Wien von der frühsten Kindheit bis ins beginnende Alter gewesen war. Der Staat zahlte seine Dankesschuld an den Meister der Heimaterzählung, der in seinen Novellen aus Österreich Volk und Land, alle Stände und Kreise in lebenswahren Bildnissen gezeichnet hatte: die Schlösser des Adels, die Hütten der ärmsten Arbeiter, die Salons der Finanzwelt, den Kleinbürger von Wien und von den Vorstädten, die Offiziere, die Landgeistlichen. Aber auch der Anerkannte, von den Berufenen als ein Meister gewürdigte Saar ist nicht volkstümlich, ist kein Vielgelesener geworden — trotz der vortrefflichen und wohlfeilen Gesamtausgabe seiner Werke, die Jacob Minor zwei Jahre nach des Dichters Tod im Auftrag des Wiener Zweigvereins der Deutschen Schillerstiftung veranstaltete (Leipzig, Max Hesses Verlag), und zu der Anton Bettelheim eine feine, bei aller Freundesverbundenheit und Liebe, ernst abwägende Darstellung von Saars Leben und Schaffen beisteuerte. Als ich, etwa sechs Jahre nach dem Erscheinen der Volksausgabe, zum ersten Mal mit einer Klasse eine Novelle von Ferdinand von Saar las — es war die Geschichte: Die Steinklopfer, die von einem armen, verkümmerten Menschenpaar, von der Güte derer, die im Leben viel Not gelitten haben, und von ihrer im Elend aufblühenden Liebe erzählt — da hatte noch keines der erwachsenen Mädchen vorher von Saar gehört oder etwas von ihm gelesen. Und auch jetzt in einer Zeit, in der man schneller zum Verstehen wertvoller und ernster Bücher heranreift, haben immer noch wenige — auch Ältere — den Weg zu einem Dichter gefunden, der soviel zu geben vermag. Dieser Weg aber ist durch nichts erschwert, nicht durch epische Breite; die den gehetzten Menschen unserer Tage abschreckt, nicht durch gedankliche Uberladung, nicht durch Künstelei oder schrullenhafte Sonderart. Ganz schlicht, wie die Wirklichkeit, nicht erfunden sondern erlebt sprechen Saars Erzählungen als Lebensschicksale zu jedem. Sie lassen, wie Nadler gesagt hat, bei dem Leser den Eindruck kunstloser Natur entstehen. Und sie sind doch alles andere als vergängliche Unterhaltung. Sie haben einen Grundton, der uns ergreift und lange in uns nachhallt: die Wehmut über die Gebrechlichkeit und Nichtigkeit des menschlichen Daseins. „Sehr zu beneiden ist niemand, sehr zu beklagen unzählige" — dieser Ausspruch Schopenhauers könnte als Motto über allen Erzählungen Saars stehen. Wie der von ihm in seiner ganzen Tiefe erfasste und als Führer zur Erkenntnis gepriesene Philosoph, so hat auch der Dichter das Leben angesehen, und die Menschen sind ihm „einsame Fremdlinge in einer Welt voll Irrtum und Schuld, in einer Welt, wo nichts Bestand hat als der Schmerz, und selbst das Höchste, Bedeutendste allmählich vergeht und verweht, als wäre es nie gewesen". Nur ganz wenige von den Novellen haben einen guten Ausgang. '„Weil ein echtes, bleibendes Glück nicht möglich ist, kann es kein Gegenstand der Kunst sein", hat Schopenhauer gemeint, und Saar bekennt sich in einer seiner Geschichten zu der Ansicht des Philosophen, dass die sogenannten Glücklichen es nur scheinbar, höchstens aber nur vergleichsweise seien und wenn schon hin und wieder ein wahrhaft Glücklicher vorkäme, so sei dies