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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1936-07-01 · 10 (7.1936) · p. Seite 118

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
11 (1936)
Issue
10 (7.1936)
Date
1936-07-01
Page
Seite 118 (sequence 2)
Language
German
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Seite 118 Nr. 10 Dem Andenken an Julius Brodnitz Am 16. Juni verschied an den Folgen eines Autounfalls Julius Brodnitz. Die Judenheit in Deutschland ist damit um eine Persönlichkeit ärmer geworden, wie sie nur selten in ihrer Mitte zu finden ist. Jahrzehntelang stand Julius Brodnitz im Dienste der jüdischen Gemeinschaft, gestaltete er jüdisches Geschehen in Deutschland, mit weitem Blick für die grossen Fragen, mit steter Hingabebereitschaft auch für die kleinen Aufgaben des Tages. Er war ein Mensch, dessen Wurzeln in eine Zeit, in der Sicherheit und Wohlstand unsere Gemeinschaft segneten, zurückreichen. Aber diese glücklichen äusseren Umstände führten ihn nicht zu Behäbigkeit und Selbstzufriedenheit, sondern wurden für ihn zur Grundlage, auf der sich seine harmonische Persönlichkeit aufbauen konnte. Zu seiner Verwurzelung im Jüdischen, die schon in seiner Herkunft aus dem Posener Judentum gegründet war, trat die Verbundenheit mit den grossen menschheitlichen Werten, denen er aufgeschlossen war: wie oft hörte man ihn in seinen Reden die grossen Denker der Antike zitieren, wie oft formten Humanismus und Goethe'sche Lebensweisheit seine Gedanken und seine Sprache; Sinn für das Schöne war ein bezeichnendes Merkmal für das Gesamtbild seiner Persönlichkeit. Er, der so viel wirkte, nahm sich jeder Sache so an. als sei sie die einzige, die ihn beschäftigte. Sechzehn Jahre lang lenkte Justizrat Dr. Brodnitz die Geschicke des Centrai-Vereins der Juden in Deutschland als dessen erster Vorsitzender, nachdem er unter dem Vorsitz von Horwitz und Fuchs zwei Jahrzehnte bereits an führender Stelle gestanden hatte. Unter seiner Leitung wurde der C. V. zu der starken und straffen Organisation, die ihm das Vertrauen der weitesten jüdischen Kreise in Deutschland verschaffte. Julius Brodnitz' jüdischer Standort ist dadurch gekennzeichnet, daß für ihn das Judesein kein zufälliger Ausgangspunkt für seine Gemeinschaftsarbeit bildete, sondern daß er sich bewusst war, wie stark sein ganzes Sein und Denken gerade durch sein Judentum bestimmt waren. Obwohl für seine praktische Arbeit das Problem Judentum und Umwelt eine erhebliche Rolle spielte, war Organisationen, die uns fjelfen: doch jüdisches Leben für ihn niemals lediglich Reflex auf das Geschehen der Umwelt. Es war ihm etwas in sich Geschlossenes, Lebenswertes, etwas Absolutes. Sein starkes jüdisches Gemeinschaftsgefühl kam auch in seinem Verständnis für gesamtjüdische Zusammenhänge zum Ausdruck, in seiner Arbeit für den H i 1 f svereinder Juden in Deutschland, für die Gesellschaft,, O r t" und nicht zuletzt in seiner Bereitschaft für das P a 1 ä s t i n a w e r k. Brodnitz' Streben nach Festigung der jüdischen Grundhaltung führte ihn zu einer aktiven Förderung religiöser Aufgaben. Als das Jahr 1933 die Juden in Deutschland vor neue, nicht geahnte Fragen stellte, war es Julius Brodnitz, der als einer der ersten für einen stärkeren Zusammenschluss eintrat, und der durch den Einsatz seiner Persönlichkeit als Führer des C. V. den Weg für die Schaffung des Zentralausschusses und der Reichsvertretung der Juden ebnete. Die Arbeit, vor die er sich in den letzten Jahren gestellt hat, drückte diesen an Jahren alternden Menschen nicht nieder, sondern wirkte steigernd auf seine Leistungskraft. Er durchdrang das Schicksal, das den Juden in Deutschland widerfahren war, in jeder Phase und bis in seine letzten Folgerungen; ungebrochen bemühte er sich, dieses Schicksal zu meistern. Er Hess sich durch den Strom der Geschehnisse nicht umreissen und blieb aufgeschlossen für die neuen Anforderungen, die eine neue Situation stellte. Es ist mehr als ein Äusserliches, daß seine handschriftlichen Äusserungen der letzten Wochen dieselbe Klarheit und Gleichmässigkeit in den Schriftzügen aufzeigen wie die Notizen vergangener Jahrzehnte. . Nun hat ein unerbittliches Geschick diesem Leben ein rasches Ende gesetzt, nun ist dieser stets wache und wachsame Mensch zur letzten Ruhe gegangen. Die Führer der jüdischen Zentralorganisationen und sein Centrai-Verein werden ihre Arbeit ohne seinen klugen Rat fortsetzen müssen. Sie werden dies nicht besser tun können, als wenn sie sich von der Hingabe und dem Verantwortungsbewusstsein leiten lassen, die Julius Brodnitz auszeichneten. —1—n Keine Auswanderung ohne Sprachenkenntnisse! Der Hilfsverein der Juden in Deutschland teilt mit: Die verstärkte Auswanderung nach Uebersee, die im Herbst 1935 eingesetzt hat, hält unvermindert an und richtet sich vor allem nach Südafrika, den Vereinigten Staaten und einigen südamerikanischen Ländern. Bei der fortgeschrittenen wirtschaftlichen Erholung der meisten dieser Länder könnte man die Absichten unserer Auswanderer trotz der bekannten Schwierigkeiten des Kapitaltransfers und trotz der ungesunden Berufsgliederung der deutschen Juden als verhältnismässig günstig bezeichnen, zumal die grossen ausländischen Organisationen, wie die Ica, die Hicem und die verschiedenen Hilfskomitees bei der Unterbringung der Neu-Eingewanderten unschätzbare Hilfe leisten, für die das deutsche Judentum zu grösstem Dank verpflichtet ist. Demgegenüber mehren sich aber in letzter Zeit immerstärker die Klagen, dass unsere Auswanderer selbst verhängnisvolle Fehler begehen, die nicht nur ihr wirtschaftliches Fortkommen erschweren, sondern auch eine unerträgliche Belastung für die Arbeit der ausländischen Hilfskomitees darstellen. Dass es Pflicht des jüdischen Auswanderers ist, sich im Einwanderungslande jeder politischen Tätigkeit strikte zu enthalten, ist vom Hilfsverein wie von den zuständigen ausländischen Organisationen mehrfach betont worden und muss auch an dieser Stelle mit allem Nachdruck wiederholt werden, da der Schaden, der durch die unzulässige Einmischung einzelner Einwanderer in die politischen Verhältnisse ihrer neuen Heimat angerichtet werden kann, unabsehbar ist und die Einwanderungsmöglichkeit für Tausend^ von nachrückenden Auswanderern zu zerstören vermag. Während aber eine unstatthafte politische Betätigung im Einwanderungslande immer nur von wenigen Einzelnen ausgeht, liegt ein sehr viel allgemeineres Verschulden unserer Auswanderer in ihrem mangelnden Eifer zur Erlernung der künftigen Landessprache. Es liegt auf der Hand, dass der Einwanderer auf wirtschaftliehen Erfolg in der Regel nur rechnen kann, wenn er die Sprache seiner neuen Heimat von Anfang an wenigstens einigermassen beherrscht und sich dann im Lande selbst möglichst rasch in ihr vervollkommnet. Dies gilt natürlich in besonderem Masse für die Angehörigen der kaufmännischen und akademischen Berufe, die ohne Beherrschung der Landessprache als Arbeitskräfte meistens geradezu unbrauchbar sind. Trotzdem wird immer häufiger aus den überseeischen Ländern berichtet, daß kaum ein kleiner Teil der Einwanderer auch nur über die bescheidensten Sprachkenntnisse verfügt, und daß viele, wenn nicht die meisten, sich einfach darauf verlassen, sie würden die: Sprache schon im Einwanderungeland sozusagen von selbst lernen. Allein innerhalb der letzten Tage sind dem Hilfsverein aus Südafrika, Columbien, Argentinien, Uruguav und Brasilien heftige Klagen über die Trägheit vieler Auswanderer in dieser Hinsicht zugegangen. So heißt es in einem Brief aus Südafrika: „Auf diesem Schiff sind fast nur jüdische Auswandere]-. Direkt erschreckend ist die Tatsache, daß von ihnen allen höchstens 10 (von über 200) die englische Sprache beherrschen. Wenige (ca. 20) lernen auf dem Schiff. Der Rest ist uninteressiert und verlässt sich darauf, in Südafrika zu lernen " Beratung des C. V. in Mainz 1 )ie Beratungsstelle des Centrai vereins befindet sich in Mainz Albinistrasse 12, II. Stock. Sprechzeit: Montag — Freitag 16 — 18 Uhr. Fernsprecher: 31857. $

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