Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 10 (1935)
- Issue
- 10 (6.1935)
- Date
- 1935-06-01
- Page
- Seite 113 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Seite 113 -4 uns eigentlich nur die gesicherte Welt vorstellen, in die wir als Kinder hineinwuchsen. Und nun sehen wir hier uns ganz nahverwandte Menschen, oft mit Familienzügen, die wir an uns seiher wieder entdecken, die ganz Ähnliches durchlebt haben, die so in stiller Weise mit all dem fertig wurden, daß wir heute kaum noch etwas davon wissen. Die über all das Trermungsleid hin aber dann einen unfasslichen Wandel in ihrer Welt erlebt baben, der ihre Kinder an Ziele führte, die ihnen ganz fremd waren. Und daß, über all das Ferne und Fremde, die innere Verbundenheit bestehen blieb, so stark, daß sie über Generationen hin noch bis zu uns, den späten Enkeln dieser tapferen Frauen, reicht, die soviel Wandel und Veränderung ihrer Umwelt durchlebt haben. Unter den drei Büchern, die ich in Ihrer Kiste fand, schildert eines den langsamen und mühsamen Aufstieg einer Handwerkerfamilie in den ersten zwei Dritteln des vergangenen Jahrhunderts aus einem kleinen Familienbetrieb bis zu einem grossen gewerblichen Unternehmen, mit viel rührenden Einzelzügen aus den alten Wanderbüchern und Familienbriefen; das zweite das Leben in einer Kleingemeinde so bis etwa 1840, als der energische Sohn des kleinen Wollhändlers sich selbständig macht, das enge, traditionsgebunde Leben für immer verlässt; das dritte die Erinnerungen einer Großmutter, die aus einem süddeutschen Rabbinerhaus kommt und überraschend schnell ihrem „fortschrittlichen" Mann zu lieb, alles Altgewohnte aufgibt, nach dem sie aber sichtlich im Jahre 1906 noch solche Sehnsucht hatte, daß sie es in stillen Mussestunden für die Enkel aufschrieb. Gerade bei diesem Frauenbuch können wir sehen, wie scheinbar rasch die neue Zeit siegte, wie scheinbar leicht man über alle gefühlsmässigen Hemmungen hinwegkam — wie aber, im Alter aus dieser vergessenen und versunkenen Kindheitswelt beunruhigende Erinnerungen kamen, die man nicht recht aussprechen, aber doch auch nicht völlig verschweigen konnte... Ich bin überzeugt, dass heute bei unsern vielen Umzügen, bei all den Umstellungen noch eine Menge HANS MARCUS TR E U H'ÄN DER FACHBERATER FÜR STEUER- U ND DEVISE NREECHT GOETHESTR.5 TELEFON28561 Frankfurt am Main. solch unbeachteter „Erinnerungen" zum Vorschein kommen und immer noch nicht recht gewertet werden, da sie noch nicht die ehrwürdig machende historische Patina haben. Aber durch die Besonderheit der von uns und den zwei Generationen vor uns durchlebten Epochen jüdischer Geschichte sind diese schlichten und nur für den Kreis der Allernächsten bestimmten Werkchen schon zu historischen Quellen geworden, die uns tiefe Erkenntnisse vermitteln, trotz, oder vielleicht gerade wegen ihrer bescheidenen Art, die nur berichten, garnicht deuten und werten will. Betäubt und geblendet von dem raschen Aufstieg wagte man gewiss dessen Glanz nicht zu bezweifeln, aber uns, den nachdenklich Gewordenen, steigt ungewollt manche Sinndeutung aus diesen leisen Worten auf. Es wäre schön, wenn mein Brief Sie, liebe Freundin, anregen könnte, die Hinterlassenschaften unserer grosselterlichen Generation an Briefen, Familienpapieren, Stammbüchern auf solche Sinndeutung hin durchzusehen und auch vielleicht noch andere dazu anzuregen. Mit diesem Wunsche grüsst Sie herzlich Ihre Dora Edinger Leasings Beschäftigung mit jüdischer Literatur Von Dr. Siegmund Hirsch Ueberraschend und erheiternd dringt in einem Jugendlustspiel LessLngs der Name des Maimonides an unser Ohr. Der junge Gelehrte, Damis, ein eingebildeter, vom toten Wissen lächerlich und töricht gewordener Pedant, ist unwillig, weil sein Bedienter ihn beim Lesen stört. Der schlaue Bursche aber weiss, wie er seinen bö.-e gewordenen Herrn wieder umstimmen kann. Er muss ihm nur Gelegenheit geben, seine Gelehrsamkeit an den Mann zu bringen. Darum fragt er mit scheinheiligem Staunen: „Aber sagen Sie mir nur, was lesen Sie da für ein Buch? Potz Stern, was das für Zeug ist! Das verstehen Sie? Solche Krakelfüsse, solche fürchterliche Zickzacke, die kann ein Mensch lesen? Wann das nicht wenigstens Fausts Höllenzwang ist--ach, man weiss es ja wohl, wie's den Leuten geht, die alles lernen wollen. Endlich verführt sie der böse Geist, daß sie auch hexen lernen.--" Dieser geheuchelte Schrecken verfehlt nicht seine Wirkung: Damis wird munter, weil er sich im Glänze seines Vielwissens zeigen kann, und herablassend beruhigt er den Bedienten über das geheimnisvolle Werk: „Du guter Anton! Das ist ein Buch in hebräischer Sprache. Des Ben Maimon Jad chasak a." Wie stolz ist Damis! Er hat ja soviel in sich hineingepfropft, obwohl er erst 20 Jahre alt ist. Sogar das Hebräische ist bei den sechs Sprachen, die er alle vollkommen besitzt. Aber er ist ein weltfremder Bücherwurm, ein trauriger Wirrkopf. Ein Mädchen kennen zu lernen, hält er für etwas, was unter der Würde eines Gelehrten ist, und als ihn sein Vater verheiraten will, ist er mit seinen Gedanken so weit weg, daß er die unsinnigsten Antworten gibt und sich schliesslich entschuldigt: „Verzeihen Sie mir, wenn ich ein wenig zerstreut geantwortet habe! Ich dachte eben nach,--warum wohl die Rabbinen das Schurek M'lo Pum heissen." Der 18jährige Student Lessing hatte mit dem Stück, das eine solche Karikatur dem Gelächter preisgab, einen großen Erfolg. Annelise Bender ausgeb. u. staatl. geprüft bei Prof. Hohmann, Univ. Klinik Frkf.-M. Massage, Heißluft, Orthop. Gymnastik Frankfurt a. M., Oberweg 52, II. Telefon 54575 Moses Levi A I i e y Kurzu. Wollwaren- Grosshandlung Gegründet 1853 Inserieren bringt Gewinn! Wendelsladtslrasse Erdg.4Zimm.- Wohnung, Veranda, Garage z. 1. 7. zu vermieten Oppenheimer Herdweg 58 ALLE DRUCKSACHEN LIEFERT IN BESTER AUSFÜHRUNG GEBRÜDER BRAUN FRANKFURT-M. Hanauerlandstr. 155 Tel. 47761 SCHLOSS Wiesbaden . Langgasse 32 Das große Fachgeschäft für Damen- Mädchen- und Kinderbekleidung BERÜCKSICHTIGEN SIE DIE INSERENTEN! i