Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 10 (1935)
- Issue
- 10 (6.1935)
- Date
- 1935-06-01
- Page
- Seite 112 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 112 Nr. 10 Man hat schon in alten Zeiten in dem Büchlein Ruth mancherlei Tendenz erblickt. Die Einen sahen in ihm eine Tendenzschrift, die der Versöhnung zwischen Ephraim und. Judas Wort redete, andere eine Verherrlichung der Humanität, einen Preis der Duldsamkeit gegen Fremde, indem einer Moahiterin, einer Fremdstämmigen, das schönste Liebeswort in den Mund gelegt und sie als Ahnherrin des Königs David gefeiert wird. Uns aber kümmert diese Frage wenig, wir nehmen die Erzählung, so wie sie ist. Das Bedeutsame ist uns die Heldin Ruth, so wie sie im Rahmen ihrer Umgebung uns vorgeführt Avird. Wir erfreuen uns an einer Schilderung, die auch Goethe als „das Lieblichste" erschien, „das uns episch und idyllisch überliefert worden ist". So stellt sich Alexander von Humboldt das Buch als „ein Naturgemälde dar von der naivsten Einfachheit und von unaussprechlichem Reize". So urteilt der christliche Verfasser der „Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Hebräer": „Es ist eine Dorfgeschichte, ein idyllisches Familiengemälde, voll der lieblichsten, sich selbst genügenden Beschränkung und der innigsten Natureinfalt und Naivität. Ein seliger Friede geht durch das Ganze und teilt sich von selbst auch dem Leser mit. Die Seele der ganzen Erzählung ist eigentlich das Gefühl des tiefsten Familienzusamenhangs, der hier umso sittlicher und schöner erscheint, als er zugleich auf freier Selbstbestimmung beruht. Wir können hier einen Blick tun in die Gediegenheit und Ehrenhaftigkeit des Familienlebens, in ein gemütvolles, innig frommes Stilleben, das bei aller Einfachheit doch so reich und anziehend ist. Auch das spätere jüdische Schrifttum hat diese charakteristischen Züge stets anerkannt. — Ruth wird überall mit den schönsten Farben geschildert. Namentlich wird hervorgehoben, wie sie, obwohl , eine arme Ausländerin, doch wegen ihrer Tugend in die Gemeinde Israels gekommen und wie die Bewohner Betlehems, gleichsam ihre Wichtigkeit ahnend, über ihre Ehe mit Boas freudig den Segen sprechen. Und Wünsche in seinem Buche „Die Schönheit der Bibel" schliesst seine Betrachtung über unser Buch und seine Heldin mit den Worten: „So wird das wohltuende idyllische Gemälde, das uns das Ruthbüchlein entrollt, für alle Zeiten eine Perle in der Weltliteratur bleiben und so lange es noch ein Familienleben auf der Welt gibt, wird man es mit spannendem Interesse lesen. Vor allem wird der heranwachsenden Jungfrauenwelt die edle Moabiterin in ihrer sittlichen Reinheit und freudigen Selbstlosigkeit als leuchtendes Beispiel vor Augen gestellt werden". Ella Seligmann Ein Brief - auch an Dich Liebe Freundin! Endlich konnte ich Ihren Auftrag erfüllen und die Bücherkiste aus dem Nachlass Ihrer Cousine nachsehen. Sie hatten recht; <;.es ist eine Menge dabei, was aufzuheben nicht lohnt bis Sie -einmal wieder zu einem eigenen Bücherschrank kommen. Manches , .wird sich noch zum Geschenk für Bibliotheken eignen, einiges habe ich als ziemlich wertlos ausgesondert. Vielleicht kann ich } es für Sie noch verkaufen. All das wird Sie nicht überraschen, ' so ungefähr hatten Sie sich ja den Inhalt der Kiste vorgestellt, und deshalb schreibe ich Ihnen auch garnicht, sondern nur, weil -/■*■-< .n^h pj^^gr Rfln.hen waren, die ich sehr interessant fand. bis sie sich in irgend einer noch dunkleren Kiste wiederfanden. Verkaufen, wie die alten zerlesenen Klassiker, mochte man diese allzu persönlichen Dinge nicht — aber zum Lesen lockten sie auch nicht. Und doch enthalten sie für uns, die Enkel, so viel Ergreifendes und sogar Aktuelles! Uns interessiert wieder sehr lebhaft, woher unsere Voreltern denn eigentlich kamen, in der Zeit unserer Eltern sah man lieber vorwärts in die Zukunft als zurück in die Vergangenheit! Da entdeckt man nun auf einmal eine Biedermeierwelt mit zwar nicht mehr ungebrochenem jüdischen Bewusstsein, aber reichem Wissen um Sitte und Brauchtum, das wir neu zu erwerben uns x-f "'^u^'.- >'!!!«! irr-:-. - ■*» ■ :(>^i?TK^n^lRT5S8ruc?9i 1 /VA':;,'.'=< -iffh^i ,'";^wie sie um die Jahrhundertwende ^kvificien eitstanden und nie ♦Vüber den engsten Kreis, für den allein sie bestimmt waren, hinaus-; '-^gekommen sind. Diese hier sind offensichtlich nie gelesen worden, v *|jihd doch wären sie es heute wert! * 4 Es war in jenen Jahren blühenden bürgerlichen Wohlstandes, als sich eine Generation den sechzig näherte, die noch aus ganz andern, schweren Zeiten, herkam, aus kleinbürgerlichen, sehr -.. kinderreichen Familien. Man war sozial aufgestiegen, hatte Tüchtiges geleistet und hatte sich nun vom Geschäft zurückgezogen, um in einem allmählich ein wenig eng werdenden Bezirk der nachdrängenden jüngeren Generation Platz zu geben, trotzdem man sich noch gar nicht alt oder müde fühlte. Und nun, in einer ungewohnten und darum ein wenig unheimlichen Stille kamen die Erinnerungen an die so anderen Jugendtage und damit der Wunsch, für die Kinder und — mehr noch — die Enkel etwas festzuhalten von all dem atemberaubenden Aufstieg, den man miterlebt hatte. So war der Großvater oder die Großmutter auf einmal wieder merkwürdig geschäftig. Die Jungen, die mitten im „Ernst des Lebens" schafften, sahen auf dies zwecklose Tun mit Rührung und Nachsicht herab — und zum siebzigsten, zum fünfundsiebzigsten Geburtstag war es in diesen wohlhabenden Familien, wo es kaum unerfüllte Wünsche noch gab, eine passende Aufmerksamkeit, wenn man diese anspruchslosen Niederschriften dann unverhältnismässig kostbar drucken und binden hess und natürlich nicht las! Man hatte diese Geschichten ja so unendlich oft schon am Familientisch gehört, und eigentlich interessierte man sich ebensowenig für diese ganze verschollene Kleinbürger Welt, wie man deren Geschmack sonst teilte! Und wie nach dem Tode der alten Herrschaften ihr allzu altmodischer Hausrat zerstreut wurde, da er zu den modernen und eleganten Wohnungen garnicht passen wollte, so kamen auch diese „Erinnerungen" in ihren schönen Goldschnittbänden irgendwo in eine Ecke des Bücherschranks und blieben da, ■■»ii1 ii.u.»d'yiqir''Tr .mha I uUm Dasein, das an allen Kulturgütern viel innigeren Anteil nimmt als die weltbürgerlichere nachfolgende Generation und dessen Lebens- und Gemeinschaftsformen viel mit unserem eingeschränkten Dasein gemein haben: man hat sehr sehr wenig Müsse, besonders die Frauen sind unermüdlich tätig, aber man liest viel, wenn auch nicht immer alle Neuerscheinungen, man treibt Hausmusik, reist kaum, aber man schreibt viele und lange Briefe an all die verstreuten Familienglieder. Noch gibt es nicht viel Akademiker unter den nächsten; die Söhne lässt man früh aus der Schule und als Handwerks- oder Kaufmannslehrlinge in fremde Familien: viel Frühreife und Verantwortungsbewusstsein scheinen sie zu haben, wenn sie als Kinder noch aus dem Elternhaus fortkommen, das ihnen doch schon so viel Entscheidendes fürs Leben mitgegeben hat! Und da man es dann so lange nur mit Heimweh und in sehnsüchtigen Gedanken vor sich sah, hat sich das Bild des Elternhauses viel fester eingeprägt als bei der nächsten Generation, die ja überhaupt dem Zurück-Schauen eher abgeneigt war! An alles scheinen sich die Alten noch zu erinnern, an den Festtagstisch so gut wie an treue Hausgeister, an seltene Ausflüge und Ferientage: in diesen Büchern scheint über diesen lang vergangenen Jugendtagen ein stiller Glanz zu liegen, wie ihn der geschäftige Alltag, der dann sobald die Menschen ganz in Anspruch nahm, nie verdunkeln konnte. Ja, heute scheint uns fast, als hätten diese liebevollen Großeltern so ganz im Geheimen auch ein wenig Mitleid mit ihren allzu tüchtigen Kindern verspürt und ihnen etwas zeigen wollen, worüber die stolz und selbstsicher hinwegsahen. Mit ihrer ungelenken Feder ist ihnen das ja offensichtlich nicht gelungen. Aber da seltsamerweise die Pietät diese Bücher aufbewahrt hat, so können wir, die Enkel, die nun wieder nicht mehr selbstsicher in die Zukunft sehen, mit dankbarer leiser Rührung auf diese zagen Stimmen hören. Gerade wir Mütter, die mit so viel Sorge in die Zukunft unserer Kinder sehen, von denen wir uns schon so früh trennen sollen, können