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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1935-06-01 · 10 (6.1935) · p. Seite 111

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
10 (1935)
Issue
10 (6.1935)
Date
1935-06-01
Page
Seite 111 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10 Seite 111 nis und Einsicht, so beten wir denn auch (im Achtzehngebet): Du begnadest den Menschen mit Erkenntnis und lehrst ihn Einsicht. Er sei dir gnädig, das bedeutet: er gebe euch Verständnis dafür, daß ihr einander mit Gunst und Erbarmen begegnen sollet. Er sei dir gnädig, man kann auch übersetzen, er schenke dir Gunst, das bedeutet: seine Gunst sei so auf dir, daß du, wo immer du weilest, Gunst bei Menschen findest. Er gebe dir Gunst, das bedeutet: auch ohne Verdienst sei er dir hold, wie der Psalmist betet (Ps. 123,3): „gib uns Gunst, Gott, gib uns Gunst". Er sei dir gnädig, das bedeutet: er mache dich frei von fremder Herrschaft und Knechtung, so fährt auch der Psalmist fort (123,3): „denn übersatt sind wir von Schmach". Die meisten dieser Deutungen sprechen wiederum für sich selbst. Auf einige sei besonders hingewiesen. In der Deutung, Gott gebe dir Erkenntnis und Einsicht, kommt zum Ausdruck, daß in der jüdischen Denkart der Tätigkeit des Verstandes, dem Denken, ein gebührendes Gewicht beigelegt wird, sie ist dem Geist, wie sie Geist versteht, innerlich verbunden. Wundervoll ist der Hinweis darauf, daß die höchste Einsicht, mit der Gott uns begnadet, die ist, daß man einander helfen und beistehen und jeder mit jedem Erbarmen haben muss. Die Menschen im Bund gegenseitigen Sicheinfühlens und gegenseitigen Sichhelfens, das ist der größte Segen. In der Deutung: „auch ohne Verdienst sei er dir hold", kommt zum Ausdruck, daß niemand vor Gott auf Verdienst und Anspruch pochen kann, daß keiner vor ihm bestehen kann, in Wahrheit jeder unwürdig ist und Gottes Gabe als unverdientes Geschenk empfinden muß. Gott wende sein Antlitz dir zu, wörtlicher: Gott hebe sein Antlitz, das bedeute „er wende seinen Zorn von dir ab", erheben ist, soviel wie Vergangenes abtun, so heisst es auch (1. M. 40,13): „Pharao wird dein Haupt erheben (und dich wieder gnädig in dein Amt einsetzen), Antlitz ist soviel wie Zorn, denn so heisst es (3. M. 20,6): „richten werde ich mein Antlitz auf diesen Mann und werde ihn ausreissen". — Wie ist das zu verstehen? Hier heisst es: Gott erhebe sein Antlitz zu dir" und an anderer Stelle heisst es (5. M. 10,17) von Gott, daß „er nicht das Antlitz erhebt"? Wenn Israel Gottes Willen tut, dann hebt Gott das Antlitz, wenn sie nicht seinen Willen tun, dann gilt es: „er hebt nicht das Antlitz. Nochmals die Frage, wie sind die beiden einander widersprechenden Verse in Einklang zu bringen? Gott wird sein Antlitz erheben, das bezieht sich auf Dinge zwischen dir und Gott; er erhebt nicht das Antlitz, das bezieht sich auf Verfehlungen zwischen Mensch und Mensch". — Auch diese Deutungen sind der Erläuterung nicht bedürftig. Nur sei mit Nachdruck auf jene Deutung hingewiesen, daß die Dinge zwischen Mensch und Mensch schwerer wiegen als die zwischen Mensch und Gott. Er gebe dir Frieden. Nun ist die Fülle der Bemerkungen über Größe und Wert des Friedens gar nicht mehr zu erschöpfen. Einige wenige nur: „Groß ist der Frieden, denn selbst wenn Israel in Götzendienst versinkt aber unter ihnen ist Frieden, so sagt gleichsam der Heilige, gelobt sei er, kein Widersacher kann sie antasten. Groß ist der Friede, denn selbst in Kriegszeit muß man zum Frieden reden, so heisst es (5. M. 20,10): wenn du dich einer Stadt nahest, sie zu bekriegen, so sollst du sie anrufen zum Frieden. Groß ist der Frieden, denn selbst die himmlischen Heerscharen bedürfen des Friedens, denn so heisst es (Jjob 25,2): Frieden wirkt er in seinen Höhen; wenn da, wo weder Feindschaft noch Haß herrscht, Friede gewirkt werden muß, wie erst auf Erden, wo all diese Eigenschaften lebendig sind. Groß ist der Frieden, er winkt als Lohn aller Erfüllung der Thora und der Gebote, denn so heisst es (3. M. 26,6): dann gebe ich Frieden in eurem Land. So auch im Segen der Priester, nach allen Segnungen schliesst er mit Friede, er gebe dir Friede; denn; aller Segen wäre wertlos, wäre er nicht ni i t£. Frieden verbünden". — Unnötig, diesen Beispielen aus der! Fülle der Worte über Frieden etwas hinzuzufügen, sie würden): durch Reden nur entwertet. So wie sie sind, müssen sie in derj| Seele des Lesenden ihr eigenes Leben gewinnen. Ruth, dif* JVfloahiteriii Das Hohe Lied, Ruth, Klagelieder, Kohelet und Esther, zusammengefasst unter dem Namen der „Fünf Megilloth" werden nach der alten Bestimmung der Synagoge der Reihe nach an Pessach, Schabuot, Neunten Ab, Schemini Azeret und Purim gelesen. Schabuc t war ursprünglich das Fest der Weizenernte, und eben weil in dem Büchlein Ruth die Erntezeit den Rahmen der Geschichte bildet, haben die alten Ordner des Gottesdienstes dieses liebliche Idyll zur Verlesung am Schabuotfeste bestimmt. Spätere Ausleger wollten freilich aus dem schlichten Büchlein mystische, mit der Offenbarung in Zusammenhang gebrachte Klänge vernehmen. Wertvoller ist die interessante Antwort eines allen Weisen auf die Frage, warum das ganze Büchlein niedergeschrieben worden sei, da sich darin nichts von Erlaubtem und Verbotenem, Reinem und Unreinem finde. Seine Antwort lautet: Um zu lehren, wie groß der Wert der Menschenliebe sei. Diese in ihrer schlichten Selbstverständlichkeit so rührende Menschenliebe ist es denn auch, die uns die Personen des anmutigen und gemütvollen Gemäldes so anziehend macht. Vor allem die Hauptperson, nach der das kleine Buch benannt ist, das Musterbild der Treue und selbstlosen Hingebung, der Bescheidenheit und Dankbarkeit, der unermüdlichen Arbeitsamkeit und Geduld, die reizvolle, liebliche Ruth. Sie ist eine Moabiterin. In das Nachbarland Moab war während einer Hungersnot, die in der Richterzelt ausbrach, die Familie Elimelechs aus Betlehem in Juda ausgewandert, er selbst, seine Frau Naemi und seine beiden Söhne. Die Söhne nahmen sich möabitische Frauen, Orpa und Ruth. Im Lande Moab starben Elimelech und die beiden Söhne, so daß Naemi allein mit ihren beiden Schwiegertöchtern zurückblieb. Da machte sich die vereinsamte Frau, als sie gehört hatte, daß die Hungersnot in ihrer Heimat aufgehört habe, auf, um nach Betlehem zurückzukehren. Orpa und Ruth begleiten sie. An der Landesgrenze bittet Naemi ihre beiden Schwiegertöchter heimzukehren. Auf ihre dringende Bitte kehrt Orpa um. Ruth auer, in ihrer wunderbaren Treue spricht die rührenden Liebesworte, wie sie schlichter und liebe voller nie aus eines Menschen Mund gekommen sind: „Dring nicht in mich, dich allein zu lassen und von dir wegzugehen. Wt du hingehst, will ich hingehen, und wo du bleibst, will ich blei', ben. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott, wo du' stirbst, will ich auch sterben und da begraben werden. Mag Gott mit mir vorhaben, was er wolle, nur der Tod kann mich von dir scheiden". Wer hört aus diesen schmucklosen einfachen Worten nicht die vollströmende Kraft der selbstlosen Hingebung, der Treue bis in den Tod, die der unvergleichliche Reichtum des weiblichen Herzens ist! So wandern die Beiden zusammen nach Betlehem, arm, ohne zu wissen, wie sie den Hunger stillen sollen. Aber Ruth weiss Rat zu schaffen. Das Gesetz der Thora lässt die Armen nicht Hungers sterben. Es gibt ihnen das Recht, die Aehren hinter den Schnittern zu sammeln, ein schwer verdientes, kümmerliches Brot. Aber Ruth scheut nicht die mühsame, peinliche Arbeit. Und sie findet gute, hilfreiche Menschen auf dem Felde, die ihre Unverdrossenheit und Sittsamkeit vor dem Besitzer des Feldes, Boas, rühmen. Da spricht Boas sie freundlich an, und aus dieser ersten Begegnung entspinnt sich ein ländliches Liebesidyll, das von Scene zu Scene sich immer reizvoller und spannender gestaltet und seinen Höhepunkt in der Vermählung des vornehmen und reichen Boas mit der aus der Fremde gekommenen, in bitterer Armut lebenden Ruth erreicht. Ganz Betlehem gönnt der sanften, still bescheidenen Ruth ihr Glück und segnet sie mit dem Glückwunsch: „Möge dich Gott werden lassen, wie Rahel und Lea, welche beide das Haus Israel erbaut haben". Und Ruth wurde durch den Sohn, den sie dem Boas gebar, die Stammutter des Königs David.

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