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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1935-06-01 · 10 (6.1935) · p. Seite 110

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
10 (1935)
Issue
10 (6.1935)
Date
1935-06-01
Page
Seite 110 (sequence 2)
Language
German
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Seite 110 Nr. 10 Erwebt die blaue Beitragskarte für Hilfe und Aufbau Ein Jahr ist vergangen, seit der Zentralausschuss der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau und die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden gemeinsam mit den Jüdischen Gemeinden Deutschlands DIE BLAUE BEITRAGSKARTE FÜR HILFE UND AUFBAU eingeführt haben. Tausende von freiwilligen Helfern haben in aufopfernder Weise mitgearbeitet, und es so ermöglicht, dass jeder Pfennig ungeschmälert seiner Bestimmung zugeführt werden konnte. Allen denen, die durch Spenden oder Mitarbeit ihre Verbundenheit mit unserem Werk bekundet haben, gilt der Dank des deutschen Judentums. — Ungeheuer groß sind die Aufgaben, die dem deutschen Judentum gestellt werden. Menschen aller Altersklassen, aller Berufsgruppen und aller sozialen Schichten muß geholfen werden. Menschen, die in tiefer Armut leben, muß notwendigste Hilfe der Gemeinschaft zuteil werden. Die Gesundheit unserer Kinder, die Hoffnung unsere Zukunft, muß geschützt und gepflegt werden. Alte Menschen müssen ihren Lebensabend in Ruhe und Frieden beschliessen können. Jüdische Schulen müssen für unsere Kinder bereit stehen, um ihr großes Erziehungswerk im Dienste des Judentums zu leisten. Der jüdische Kaufmann, der mit Anstrengung aller Kräfte um seine Existenz ringt, muß Hilfe durch Rat und Kredit erhalten. Die Wanderung nach Palästina und den anderen Ländern muß allen denen ermöglicht werden, die sich draussen ein neues Leben aufbauen wollen. Die Berufsumschichtung muß erhalten bleiben und weiter geführt werden. Die Zukunft unserer Jugend hängt von ihrer gediegenen Ausbildung ab. Nur durch Anstrengung aller Kräfte des deutschen Judentums können diese Aufgaben gelöst werden. Die blaue Beitragskarte gibt mit ihren monatlichen Beiträgen von 0,25 bis 5.— RM. jedem die Möglichkeit der Beteiligung. Wir erwarten keinen leicht entbehrlichen Beitrag, sondern wir verlangen im Namen des deutschen Judentums spürbare Opfer, die allein wirkliche Verbundenheit mit einer Idee bezeugen. Kein Jude in Deutschland darf in Zukunft o h n e die blaue B e i t r a g s k a r t e für Hilfe und Aufbau sein! | Das Schriftwort \ Der Priestersegen von Max Dienemann In dem Thoraabschnitt, den wir am ersten Sabbat nach dem Wochenfest lesen, ist ein Stück, das zu den gekanntesten Sätzen der heiligen Schrift gehört, nicht nur im Gottesdienst seinen Platz hat, sondern eine der stärksten Stützen der persönlichen Gebetsfrömmigkeit ist, das nicht nur in der jüdischen Frömmigkeit ^S^Wfmm^fflWffi^Wfflifl^^nW^Wff^^ft^'P^'^^^r^rt^*?^ keitsleben eine große Bedeutung hat. Es ist der sogenannte Priestersegen (4 M. 6,24-26). An jedem Morgen wird in unserem feebetsritus dieses Segens gedacht, er wird vom Vorbeter zitiert als Segen der Priester; an den Festtagen wird er, falls der Tag nicht auf einen Sabbat fällt, feierlich von den Priestern verhüllten Hauptes gesprochen, da wo man den Priestern die Ausübung dieses Amtes gestattet. Im Lande Israel wird er nach dem dortigen Ritus alltäglich in der vorgeschriebenen Form vom Priester, dem Kohen, gesprochen. Man kennt seinen Wortlaut: „Gott segne dich und behüte dich. Gott lasse sein Antlitz dir leuchten und sei dir gnädig. Gott wende sein Antlitz dir zu und gebe dir Frieden". Wir sind an die Worte gewöhnt, fast könnte man sage^man denkt sich beinahe nichts mehr bei ihrem Klang. Man ist so ganz und gar Empfindung und Gefühl,, so ganz und gar nur Hören und In-sich-eintrinken bei ihnen, daß man nach dem inneren Sinn kaum fragt. Und fragt man schon danach, so begnügt man sich mit dem Verstehen des einfachen Wortsinnes, ohne nach einem tieferen Sinn, nach einer Ausdeutung zu fragen. Aber die Alten begnügten sich nicht mit Hören und Empfinden, mit Andacht und mit Entrücktsein, sie fragten nach einem inneren Sinn, nach einer bestimmten Bedeutung jedes in dem Segen gewählten Ausdruckes. Sie wollten wissen, was ist Segen? Was heisst, Gott sei dir gnädig? Womit soll er begnaden? Wovor soll der Mensch behütet werden? Und nur zu erklärlich, daß es nicht bei einer Erklärung, einer Deutung blieb, dass mancherlei Erklärung und Ausdeutung gegeben ward. Und diese Einzelerklärungen und verschiedentlichen Deutungen haben ihren besonderen Reiz. In ihnen enthüllt sich der Wunschtraum der Deutenden, aus ihnen kann man ablesen, was als Sehnsucht und Wunsch in den Herzen lebte. In der Zeitlosigkeit dieser Wünsche, dieser Hoffnungsbilder liegt ihre stete Gegenwartsgeltung durch Geschlechter und über unsere Zeit hinaus. Aus ihnen kann man lernen, wonach die jüdische Seele sich sehnt und was sie erstrebt.— Wir nehmen jeden Teil des dreigeteilten Segens für sich und fügen ihm aus der Fülle der Deutungen einige hinzu. Gott segne dich und behüte dich. Was bedeutet das? „Gott segne dich mit irdischem Besitz und behüte dich vor den schädigenden Drängern, die dich umringen.' Andere De ^^j^^^^p^^^gj^^^^^jj^^^^^^^^^^p^g^^^^r^^y^^y^^^^^gM^^b^H^^^g Töchter hast, denn diese bedürfen besonderer Hut. Gott se dich — mit irdischem Besitz, und behüte dich — daß du mit ihm Gutes tust. Behüte dich, oder wie man auch übersetzen kann: wahre dich, das bedeutet, er bewahre dir den Bund, den er mit den Vätern geschlossen. Bewahre dich, das bedeutet, er bewahre dir das verheissene Ende der Zeiten. Bewahre^üch — vor dem bösen Trieb". Dann wird das ganze nochmals zusammengefasst in folgendem Gleichnis: „Denk dir einen irdischen König, er residiert in Rom und hat einen Freund in Syrien. Der König lässt den Freund zu sich kommen, schenkt ihm hundert Pfund Goldes, gibt sie ihm mit. Er geht des Weges, da fallen ihn Räuber an, nehmen ihm alles, was der König ihm geschenkt hat, er konnte ihn nicht vor den Räubern bewahren, darum gehört zum vollen Segen das Behüten, das Bewahren". Die allermeisten dieser Deutungen sprechen so für sich, daß es einer Deutung nicht bedarf, sie gehen uns ein, auch ohne daß man sie mit vielen Worten ausbreitet. Nur zu einer Deutung wäre ein Wort hinzuzufügen. Gott segne dich, hiess es, mit irdischem Gut. Liegt darin nicht eine materielle Gesinnung? Ist das nicht der Ausdruck eines Ueberwertens des Besitzes, eine zu betonte Diesseitigkeit? Zweierlei ist zu antworten; — einmal, es ist das Großartige der jüdischen Religiosität, daß sie den Menschen so nimmt, wie er ist, daß sie mit seinen Leidenschaften rechnet. Das Streben nach B3sitz ist dem menschlichen Begehren zu eigen, man soll es nicht leugnen und so tun, als habe man sich dessen zu schämen. Daß es nicht in ein Uebersteigern des Wertes ausarte, das ist die Sorge; darum die Deutungen, er behüte dich, daß du ihn nicht missbrauchst, sondern Gutes damit tust, er behüte dich vor dem bösen Trieb, der dich verführen kann, in ihm den Wert des Lebens zu erblicken. Gott lasse sein Antlitz dir leuchten und sei dir gnädig. „Gott lasse sein Antlitz leuchten, das bedeutet das Licht der Thora, daß er dein Auge und dein Herz mit der Lehre erleuchte. Er sei dir gnädig, das bedeutet, er schenke dir Erkennt- \

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