Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 9 (1934)
- Issue
- 8 (4.1934)
- Date
- 1934-04-01
- Page
- Seite 85 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 Seite 85 in das tägliche Morgengebet aufgenommen und im „Jigdäl" poetisch bearbeitet wurden. Das arabische Original des Mischnakommentars wurde noch bei Lebzeiten des Verfassers ins Hebräische übertragen, und diese hebräische Uebertragung wurde bald nach Drucklegung des Talmud als unentbehrlicher Bestandteil jeder gedruckten Talmudausgabe beigegeben. Die interessantesten Stücke wurden schon frühzeitig, das gesamte Werk zusammen mit der Mischna, von Surenhusius im 17. Jahrhundert ins Lateinische übersetzt. In den äusseren Lebensverhältnissen des Maimonides hatte sich inzwischen ein glücklicher Umschwung vollzogen. Nicht nur, daß ihn der Kuhm seiner Gelehrsamkeit und seine Ehrfurcht gebietende Persönlichkeit zur höchsten Würde als Nagid, d. h. Fürst der ägyptischen Judenheit emporhob, er war zu gleicher Zeit auch ein vielbeschäftigter und berühmter Arzt, wozu er die Vorkenntnisse bereits in seiner Jugend in Spanien und später im Umgang mit arabischen Aerzten in Nordafrika gesammelt hatte. Sein Ruf drang bis an den Hof des Kalifen, wo er Leibarzt des Wezirs und konsultierender Arzt in der Familie Saladins wurde. Eine Stelle als Leibarzt des Königs der Franken in Askalon (vermutlich Richard Löwenherz) schlug er aus. Eine große Anzahl medizinischer, vor allem auch hygienischer Schriften, verbreitete seinen Ruhm weit über die Grenzen Aegyptens. Von Zeitgenossen wird er als der bedeutendste Arzt seiner Zeit bezeichnet. In all seiner aufreibenden Tätigkeit als Führer der ägyptischen Judenheit, als Rabbiner seiner Gemeinde Fostat und als v: elbegehrter Arzt fand er dennoch Zeit, in dem Jahrzehnt von 1170-1180 sein großes talmudisches Hauptwerk „Mischne Thora" oder, wie er selbst es nannte, „Chibbur" d. h. Summa Theologiae und, wie es später genannt wurde, „Jad hachasaka" (die starke Hand) zu vollenden, ein Monumentalwerk, das in der gesamten Weltliteratur nicht seines Gleichen hat. In dieser „zweiten Thora" stellt er zum erstenmal das gesamte jüdische Religionsgesetz in einzigartiger systematischer Geschlossenheit dar. Den nahezu unübersehbaren Stoff aus den schier unentwirrbaren Diskussionen des Talmud, das vielfach noch unbearbeitete Gebiet der ausser - talmudischen Literatur in Tosefta, halachischen Midraschim, geonäischen Gutachten, trägt er in erschöpfender Vollständigkeit zusammen und ordnet das Ganze nach einem bis ins Einzelne durchdachten genialen Plan. So wird er zum großen Organisator des geistigen Gedankenguts des Judentums. Der Ruhm dieses in der Sprache der Mischna abgefassten Werkes verbreitete sich in allen Ländern der Erde, wo Juden wohnten. Mit beispiellosem Enthusiasmus wurde es in Arabien, Palästina, den Euphratländern, Spanien und vor allem in der Piovence aufgenommen. Bis nach Indien wurden Abschriften versendet. Ueberschwenglich klingt der Hymnus, den ein zeitgenössischer Dichter anstimmt: „Nie ist ein Werk geschrieben worden, das mit der Mischne Thora zu vergleichen wäre, und auf der ganzen Erde von einem Ende bis zum anderen gibt es keinen Mann, der ein solches Meisterwerk zustande brächte". Man nannte ihn den „großen Lehrer", den „starken Hammer", die „Fahne der Rabbinen", den „Erleuchter der Augen des Exils", „Glanz und Krone Israels", „Wunder der Welt vom Orient bis zum Okzident". Mischne Thora wurde zum Ausgangspunkt eines bis dahin unerhörten Aufschwungs des Talmudstudiums. Bis in die populistischen Disputierstuben der polnischen Jeschiwas des neunzehnten Jahrhunderts reichte der Einfluß dieses aufrüttelnden Werkes, indem die Gelehrten und Jünger einen „harben Rambam"2) zum Ausgangspunkte ihrer halachischen D'raschot3) machten. Neben einer fast unübersehbaren Menge von Gutachten, Sendschreiben und kleineren Werken, wie „das Buch der (613) Gebote" -^W ph thh^OHHUH^ den guren L U N A 2) Rambam ist der aus den hebräischen Anfangsbuchstaben der Worte: Rabbi Mosche ben Maimon (RMBM) zusammengesetzte, in der jüdischen Gelehrtenwelt gebräuchliche Name des Maimonides; harb im Jii(lischdeutsch soviel wie herb, schwierig. Gemeint ist, daß eine wirklich schwierige oder auch nur zunächst als schwierig hingestellte Stelle aus Mischne Thora mit anderweitigen Stellen aus dem Talmud oder der halachischen Literatur zusammengestellt und schliesslich ausgeglichen wird. 3) D'raschot werden die talmudischen Disputationen genannt. leicht und mild Stumpen Handarbert MEISTER¬ MISCHUNG 10 im Metall- Etui und „Abhandlungen über die Auferstehung der Toten", die der gefeierte Lehrer in den letzten Jahrzehnten seines Lebens schrieb und von denen vor allem sein „Sendschreiben nach Jemen"4) hervorzuheben ist, entstand als drittes Monumentalwerk, das er im Jahre 1190 vollendete, sein (wieder in arabischer Sprache verfasstes) philosophisches Hauptwerk, das klassische „Standard work" des Judentums „Dalälat al Ilairin" oder, wie es in der hebräischen Uebersetzung des Samuel ibn Tibbon genannt wird: „More nebuchim" (richtiger „More n'bokhim") „Führer der Irrenden". Ohne auf den an Originalität und Fruchtbarkeit überreichen Inhalt dieses bahnbrechenden Buches, das der Freiheit des Gedankens im Judentum die Pforte öffnete, einzugehen, (und das hier von anderer Seite eine Darstellung finden wird) sei nur kurz die ungeheure Wirkung angedeutet, die von ihm, noch gewaltiger als vom Mischne Thora, ausging. Im Judentum rief es einen Sturm hervor, auf der einen Seite einen Sturm der Begeisterung, auf der andern einen Sturm der Entrüstung, dessen Wellen zwei Jahrhunderte lang hoch gingen und der bis zum heutigen Tage die Geister scheidet. In alle Kultursprachen wird der „Führer" übersetzt und in künstlerischen, mit Goid und Farben ausgeschmückten Handschriften in Bibliotheken bewahrt. An arabischen Hochschulen werden Juden damit betraut, den Studenten Vorlesungen über den More zu halten. Am Hofe des großen Hohenstaufenkaisers Friedrich II. bildet die lateinische Uebersetzung des Buches den Gegenstand gedankenvoller Unterhaltung und veranlasst den Kaiser zu geistreichen Bemerkungen darüber. Bei den Dominikanern als ketzerisch denunziert und auf dem Scheiterhaufen von Paris verbrannt, entzündete es die Geister der größten Dominikaner, Albertus Magnus und Thomas von Aquino, die dem „Führer" des Maimonides ihre reifsten Ideen verdanken. Spinoza und Leibniz stehen unter seinem Einfluss, Moses Mendelssohn reift an ihm zum Philosophen, Hermann Cohen nennt Maimonides den Klassiker des Rationalismus und preist seine „reine Ehrlichkeit des Denkens". Im siebzigsten Lebensjahr, am 13. Dezember 1204 (20. Tebet 4965) schloss der „große Adler der Synagoge" seine müden Augen. Sein Todestag wurde eine Trauertag für ganz Israel. Im Heiligen Lande, in Tiberias, wurde er nach seinem Wunsche begraben. Die Jemenitischen Juden fügten seinen Namen ihrem Kaddisch an. Heute rüstet sich Spanien, einen seiner größten Söhne, der mit unverlöschlicher Liebe an seiner andalusischen Heimat hing, durch eine große offizielle Nationalfeier zu ehren und so, nach Jahrhunderten die Schmach zu tilgen, die es durch die Vertreibung der Juden zu seinem eigenen Schaden seinem Lande zugefügt. Wir aber wollen durch neue Vertiefung in die Werke des ebenso geistig großen wie sittlich vollendeten Mannes der Vorsehung für das Gnadengeschenk danken, das sie uns mit dieser providentiellen Persönlichkeit verliehen hat. 4) In diesem erhebenden Trostschreiben heisst es u. a.: „Die göttliche Lehre, die wir in Händen haben, hat uns von jeher Feinde erweckt, und man strebte stets danach, uns von ihr abwendig zu machen. Wir haben im Altertum gelitten, und unsere Leiden sind nicht geringer geworden, seitdem zwei neue Religionen entstanden sind, die christliche und die mohamedanische. Weil die unsre eine Lehre der Wahrheit ist, darum müssen wir für sie dulden. Aber die Leiden werden uns nicht erdrücken. Die Leiden sind für uns ein Prüfstein, und es gereicht uns zum Stolz und Ruhm, in ihnen zu bestehen".