Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 8 (1933)
- Issue
- 9 (11.1933)
- Date
- 1933-11-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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4 junge Menschen gegen entsprechende Bezuschussung einzustellen und auszubilden. Damit war Mitte Juni 1933 der Anfang gemacht. Wenige Landwirte und Winzer in Rheinhessen und Starkenburg, deren Betriebe sich für die Ausbildung ebenfalls besonders eignen, konnten sich leider bisher nicht dazu entschließen, in gleicher Weise vorzugehen. Die Verhandlungen mit ihnen sind erfolglos geblieben. Trotzdem wird versucht werden, ihnen im Frühjahr geeignete junge Menschen zuzuweisen. Weitere 10 männliche und weibliche Jugendliche konnten in den Monaten August und Septeniber in Gartenbaubetriebe untergebracht werden. Jur Hinblick auf die große Zahl der sich Meldenden konnte dabei auf hie Inanspruchnahme der Lehrgüter, wie der Gartenbauschule in Ahlem und der Siedlung in Groß-Gaglow nicht verzichtet werden. Zum Zwecke der Ausbildung in handwerklichen Betrieben konnten 18 junge Menschen nntergebracht werden, wobei in der Hauptsache Schlossereien, Schreinereien (Bauhandwerk) von den Lehrlingen bevorzugt werden. 3 weibliche Personen werden zur Zeit als Schneiderinnen ausgebildet. Für 1 Mädchen wird eine Lehrstelle als Frise n s e gesucht, eine Entschließung, die besonders begrüßenswert erscheine. In der Landwirtschaft wird die Lehrzeit in der auf 1 Jahr zu bemessen sein, weil es nach der Auffassung Sachverständiger notwendig ist, daß der Praktikant Saat und Ernte kennen lernt. Die Zeitdauer der Ausbildung im Handwerk wird je nach der Schwierigkeit des zu erlernenden Berufes verschieden zu bemessen sein. Grundsätzlich wird daran festgehalten werden müssen, daß insbesondere bei der ersten Berufsausbildung, die gesetzlich festgelegte Lehrzeit durchgemacht werden muß. Denn nur dann ist Gewähr dafür geboten, daß der Ausgebildete auch imstande ist, später seinen Beruf mit Erfolg auszuüben. Es ist klar und bedürfte eigentlich keiner besonderen Hervorhebung, daß für die Durchführung dieser Aufgaben erhebliche Mittel aufgewandt werden müssen. Die Zentralstelle für Wirtschaftshilfe in Berlin gewährt wohl im Einzelfalle Zuschüsse, die jedoch nicht ausreichen, die Aufwendungen in voller Höhe zu decken. Dem Lehrmeister kann insbesondere dann, wenn es sich um eine kurzfristige Ausbildung im Hinblick auf das vorgeschrittene Alter handelt, nicht zugemutet werden, daß er auf jede Entschädigung für seine Mühewaltung verzichtet. In den ersten Monaten nach Beginn der Lehre wird der Lehrmeister von dem Auszubildenden erfahrungsgemäß erheblich in Anspruch genommen, sodaß für seine Mühewaltung und seinen Zeitverlust eine Entschädigung angebracht und gerechtfertigt erscheint. Anderseits ist nicht zu umgehen, daß dem Auszubildenden zur Befriedigung kleinerer Bedürfnisse ein geringes Taschengeld gewährt wird, das auch geeignet ist, einen Anreiz für die Arbeit zu bieten. Selhstverständlich gelten diese Gesichtspunkte nicht, wenn es sich um die Durchführung einer ordnungsmäßigen Lehre handelt, wobei die tariflichen Bestimmungen anzuwenden sein dürften. Die Frage der Umschichtung weiblicher Kräfte zur Hauswirtschaft wird seit einiger Zeit mit den beteiligten Franenorganisationen erörtert. Die Durchführung steht unmittelbar vor ihrem Abschluß. Diese kurze Darstellung soll nicht mehr und nicht weniger als einen Ueberblick über unsere Tätigkeit der Landesverbände auf dem Gebiete der Berufsumschichtung geben. Sie erhebt keinen Anspruch darauf, daß durch die ergriffenen Maßnahmen die Frage der Berufsumschichtung der jüdischen Jugend in Hessen schon jetzt entscheidend beeinflußt sei. Trotzdem wird der Sachkundige anerkennen müssen, daß angesichts der großen Schwierigkeiten sowohl bei der Ermittlung von Lehrstellen,' als auch bei der Bereitstellung von Mitteln, schon ein recht wertvolles Stück Arbeit geleistet worden ist, eine Arbeit, die durchaus den Vergleich mit anderen größeren Städten Deutschlands standhalten kann. Anderseits ist auch nicht zweifelhaft, daß. wie bereits erwähnt, zur Fortsetzung einer ersprießlichen Tätigkeit erhebliche Mittel erforderlich sind. Daher wird an Alle der Appell gerichtet, die erforderlichen Mittel zur Fortsetzung unserer Arbeit zur Verfügung zu stellen, zumal es sich hier um bedeutsame jüdische Aufgaben handelt und die Mittel unbedingt produktiv verwendet werden. Jeder hat aber auch die Pflicht, die Landesverbände auf geeignete Lehrstellen hinzuw eisen, weil es ausgeschlossen ist, diese Arbeit allein ohne Mitwirkung der jüdischen Bevölkerung zu leisten. Wir sind auf diese Mithilfe und Mitarbeit angewiesen, weil nur dadurch das Werk zu einem erspießlichen und erfolgreichen Ziele geführt werden kann. Hoffen wir, daß diese Anregung dazu beiträgt, alle Kräfte, die sich mit dem Schicksal unserer Glaubensbrüder verbunden fühlen, für unsere Arbeit zu gewinnen und bei der Lösung des schwierigen Problems mitzuwirken. Die beabsichtigte zweite Abhandlung wird Fragen der Wirtschaftshilfe, der Wohlfahrtspflege, der Aus- und Rückwanderung behandeln. Verwaltungsamtmann Schlösser. Und wenn nicht jetzt, wann denn? von Lazarus Friedmann, Mainz Mit dem Hinweis auf die Juden des Mittelalters, die sich durch Vertrauen auf Gott und durch die Beobachtung der Gebote aufrecht zu erhalten vermochten, wurden in letzter Zeit in jüdischen Zeitungen von prominenten Persönlichkeiten Mahnungen an die Juden' von heute gerichtet, sie möchten ebenfalls ihr Leben auf ein stärkeres religiöses Gefühl einstellen, um dadurch Mut und ein festes Rückgrat zu gewinnen. Diese mahnenden Worte sind sicher sehr zu begrüßen, ob sie aber eine große Wirkung ausüben werden, ist fraglich. Der Hinweis auf die Juden des "Mittelalters ist insofern nicht anwendbar, als man gar keinen annähernden Vergleich zwischen den heutigen Inden und denen des Mittelalters ziehen kann. Während die letzteren durch das Studium der Thora und durch die Verheißungen der Propheten ihr ganzes Leben auf eine tiefe Religiosität eingestellt hatten, sind bei dem größten Teil der deutschen Juden seit der Emanzipation die Kenntnisse der jüdischen Lehre und die Beobachtung der religiösen Gesetze rapid zurückgegangen. Woher soll jetzt ein so tiefes religiöses Erleben kommech das sie über die heutige Lage hinwegsetzen könnte? Man bedenke ferner, daß die Juden des Mittelalters, indem sie täglich die Ankunft des Messias erwarteten, in ihrer Frömmigkeit ihre Hoffnung auf die Zukunft fetzten, was aber für den größten Teil der deutschen Juden seit der Periode des Liberalismus nicht mehr zutraf. Es ist wohl auch kaum denkbar, daß nur das religiöse Gefühl allein den heutigen Juden einen festen Halt geben kann. Es muß vielmehr ein Zukunftsideal hinzukommen, ein Ideal, das durchaus kein Gegensatz zum Messiasglauben ist — und das ist der Ausbau Palästinas. Man kann ihn nur als einen Anfang — nrnnn« — betrachten. Dieser Anfang birgt aber so viel eminente Kraft in sich, daß die Judenheit der' ganzen Diaspora eine Hoffnung, ein Wiedererwachen erlebt, das sie über die heutigen Schwierigkeiten hinwegsetzen kann. Es war vor 50 Jahren, als Leo Pinsker und vor 30 Jahren, als Theodor Herzl die kommende Lage der Juden voraussahen. Sie haben gleichzeitig die schlummernden Ideale des jüdischen Volkes zu wecken versucht und haben dabei manche praktischen Wege für die Zukunft gezeigt. Nur eine kleine Minderheit hatte es trotz aller Anfeindungen und Verhöhnungen verstanden, die zeitgemäßen Forderungen der zionistischen Führer zu erfassen. Diese kleine Zahl hat es mit ihren schwachen finanziellen Mitteln fertig gebracht, — was auch die jüdische Welt jetzt einsieht — wenigstens' einem ansehnlichen Teil unserer existenzlos gewordenen Brüder Zuflucht- und Heimstätte in Palästina zu bieten. Mit eiserner Energie hat sie bereits vor Jahren die Berufsumschichtung eingeleitet und so die Bedingungen geschaffen, um unserer Jugend Ausbildung und Fortkommen zu ermöglichen. Welche Erfolge wären aber der praktischen zionistischen Arbeit beschieden gewesen, wenn der größte Teil der Juden dem Palästinawerk früher ihre Unterstützung geliehen hätte? Diese Unterlassungssünde, durch die wir für die augenblickliche Situation nicht gerüstet dastehen, soll uns Juden wenigstens eine Lehre für die Zukunft sein. Da eine Heimat für die Heimatlosen zu schaffen keine Erbschaft ist, die einem in den Schoß fällt, vielmehr erworben und erkämpft werden muß. so kann dies Ziel nur durch gemeinsame und hingebungsvollste Arbeit der gesamten Judenheit erreicht werden. Nur Klal Jisroel kann Hilfe'bringen. Und wenn nicht jetzt, wann denn?' Rabbiner Dr. S. Ceoi, ITIainz 50 Jaljre alt. Am 2. November d. I., beging Herr Rabbiner Dr. Sali L e v i, seinen 50. Geburtstag. Geboren in Walldorf (Baden), wurde er schon früh, noch als Hörer des jüdisch-theologischen Seminars, zweiter Rabbiner in Breslau. Im Kriege war er Feldrabbiner im Osten, und was er dort neben der Sorge für die jüdischen Kameraden seiner Armee im damals von dem deutschen Heere besetzten Gebiet für die dort wohnenden Glaubensbrüder an Einrichtungen geschaffen hat, ist von den deutschen Militärbehörden in ehrender Weise anerkannt und noch heute nicht vergessen worden. Nach Beendigung des Krieges wurde Rabbiner Dr. Levi als Nachfolger von Professor Dr. Salfeld s. A. nach Mainz berufen, und hier erst entfaltete sich sein ganzes Schaffen. Ob im Gotteshaus als Prediger, 3