Mannheim
Compact Memory

Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1933-11-01 · 9 (11.1933) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
8 (1933)
Issue
9 (11.1933)
Date
1933-11-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9582242-9623192-9621156--0991-9621158
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Eigene Gedanken, eigene Aufgaben zu verwirklichen, ist uns nur auf einem Gebiete, aber einem entscheidenden, gewährt, auf dem unseres jüdischen Lebens und unserer jüdischen Zukunft. Hier sind die bestinnntesten Aufgaben gestellt. Neue Pflichten jüdischer Erziehung sind zu erfüllen, neue Bereiche jüdischer Schule sind zu schaffen und alte zu wahren und zu schützen, damit dem Heranwachsenden Geschlechte seelische Festigkeit, innere Widerstandskraft, körperliche Tüchtigkeit gegeben werde. Zu Berufen, die ihr einen Platz im Leben zeigen, soll unsere Jugend in besonnener Auswahl herangebildet und umgeschichtet werden, damit ihr Dasein seinen Ausblick gewinne. Das Bestehende wie alles Begonnene und Versuchte soll hier zusammengeführt werden, um zu helfen und zu stützen. Allem Zersetzenden soll entgegengearbeitet, dem Aufbau auf dem religiösen Fundament des Judentums alle Kraft geweiht werden. Viel von einstiger wirtschaftlicher Sicherheit ist uns deutschen Juden genommen oder beeinträchtigt worden. Innerhalb dessen, was uns bleibt, soll der Einzelne aus der Vereinzelung herausgeführt werden. Ständische Verbindungen und Zusammenschlüsse, soweit zulässig, können vorhandene Kräfte erhöhen und dem Schwachen einen Rückhalt geben, können Erfahrungen und Beziehungen für alle nutzbar machen. — So manchem wird die Stätte der Arbeit und des Berufes auf deutschem Boden versagt sein. Vor uns steht als Tatsache, der gegenüber alles Fragen und Meinen aufhört, die deutliche, geschichtliche Notwendigkeit, unserer Jugend Neuland zu bereiten. Es ist zur großen Aufgabe geworden, Plätze zu erkunden und Wege zu bahnen, wie auf dem heiligen Boden Palästinas, dem die Vorsehung eine neue Zeit gefügt hat, so überall, wo Charakter, Fleiß und Tüchtigkeit des deutschen Juden sich bewähren können, niemandem Brot nehmend, sondern anderen Brot schaffend. Hierfür wie für alles das andere erhoffen wir den verständnisvollen Beistand der Behörden und die Achtung unserer nichtjüdischen Mitbürger, mit denen wir uns in der Liebe und Treue zu Deutschland begegnen. Wir bauen auf den lebendigen Gemeinschaftssinn und das Verantwortungsbewußtsein der deutschen Juden wie auch aus die opferwillige Hilfe unserer Brüder überall. Wir wollen zusammenstehen und im Vertrauen aus unseren Gott für die Ehre des jüdischen Namens arbeiten. Möge ans dem Leiden dieser Tage das Wesen des deutschen Juden neu erstehen! Die Reichsvertretung der deutschen Juden: Leo B a e ck Otto Hirsch-Stuttgart Siegfried Moses-Berlin Rudolf Callmann-Köln Jakob Hoffmann-Frankfurt-M. Leopold Laudenberger-Nürnberg Franz Meyer-Breslau Julius L. Seligsohn-Berlin Heinrich Stahl-Berlin Aufruf der Reichsvertretung der deutschen Juden vom 31. 10. d. I. „Zum 12. November" siehe Seite 1. Freie Tterztecoatil für jüdische IHittelftanbsDerfjdjerte. Tie Reichsvertretung der deutschen Juden teilt folgendes mit: „Bekanntlich haben die Mittelstandsversicherungen eine Einschränkung in der freien Arztwahl für ihre Mitglieder vorgenommen. Diese Einschränkung gilt aber, worauf noch' einmal ausdrücklich hingewiesen sei, nicht für die jüdischen Mitglieder der Versicherungsvereine, da für jüdische Mitglieder der Versicherungsvereine die Liquidationen aller Aerzte,' auch aller jüdischen Aerzte liquidiert werden, ohne Rücksicht daraus, ob die Aerzte zu den Krankenkassen zugelassen sind oder nicht." ljilse und llufdau innerhalb der Landesverbände Hessens. 1. Allgemeines. Der Zentralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau hat anläßlich seiner Tagung über Fragen der Berufsumschichtung usw. am 22. Oktober 1933 in Berlin eine knappe Darstellung seiner Tätigkeit für die zurückliegende Zeit in Form eines kleinen Merkchens herausgegeben und am Schlüsse die Frage gestellt, „was leistet der Zentralansschuß", eine Frage, die wie der Zentralausschuß zutreffend bemerkt, in den letzten Monaten immer wieder in der jüdischen Oeffentlichkeit erneut erörtert worden ist. Es sit klar und brauchte eigentlich nicht besonders betont zu werden, daß sich die Zentralstelle zunächst eine gewisse Zurückhaltung auferlegen mußte, schon um deswillen, weil es sich infolge der veränderten Verhältnisse um eine Fülle neuer Aufgaben handelte und seither keine Erfahrungen über dieses Anfgahengebiet Vorlagen. <§etzt nach mehr als 6-monatlicher Tätigkeit tritt die Stelle mit einem Bericht hervor, der in seinem klaren Aufbau Mittel und Wege zeigt, wie die Not der Juden, insbesondere die der Jugend, wenn auch nicht behoben, so doch gelindert werden kann. Den: Beispiel des Zentralausschusses folgend, erachten es auch die Landesverbände an der Zeit, über ihre bisherige Tätigkeit kurz Rechenschaft abzulegen. Wenn in der breiten Oeffentlichkeit diese Tätigkeit bisher nicht so sehr in die Erscheinung trat und daher nicht genügend gewürdigt werden konnte, so um deswillen, weil die Landesverbände ebenfalls vor völlig neuen Aufgaben gestellt, sich zunächst eine Grundlage schassen mußten. Der Grundstein ist gelegt, das Haus bedarf nunmehr seines Auf- und Ausbaues. 2. Nmschichtungswerk. Die Hauptaufgabe, die den Landesverbänden unmittelbar nach den Ereignissen zufiel, war die Berufsumschichtung und Ansbildung der jungen Menschen, die plötzlich ihre Existenz verloren hatten oder ihre bisherige Ausbildung abbrechen mußten. Schon feit Jahren ist' von der jüdischen Gesellschaft in der überwiegenden Mehrheit erkannt worden, daß die Struktur ihrer Bernfsgliederuug anormal und ungesund war und die Berufsschichtnng auf eine breitere Grundlage gestellt werden mußte. Leider wurde diese Erkenntnis von der Jugend und auch von den mittleren Jahrgängen nicht immer und einmütig geteilt, Wohl in der Annahme, daß sich zu irgendeiner Zeit doch wieder Gelegenheit biete, ihren erlernten kaufmännischen Beruf, in der Hauptsache handelt es sich um einen solchen, auszuüben. Schon seit Jahren hatte ein kleiner Kreis von Personen einen neuen Weg zu zeigen versucht, um allmählich die jüdischen Menschen in neue produktivere Berufe zu überführen. Was in jahrelanger Arbeit sorgfältig vorbereitet vor sich gehen sollte, mußte jetzt in kürzester Zeit durchgeführt werden. Bereits Mitte Mai 1933 wurde im Benehmen mit dem Mainzer Jugendverein, für dessen Mitarbeit an dieser Stelle gedankt jein soll, sestzustellen versucht, welche jüdische Menschen sich zur Umschichtung eignen. Etwa 25 junge Leute, die jetzt infolge der eingetretenen Ereignisse überzeugt waren, daß sie nicht mehr in ihrem bisherigen Beruf verbleiben konnten, entschlossen sich, in landwirtschaftliche und handwerkliche Berufe umzuschichten. Wenn auch einzelne zunächst nur zaghaft den Gedanken erwogen, so hatten sie inzwischen dank der eingetretenen Verhältnisse die innere Festigkeit gewonnen, die Berufsumstellung durchzusühren. Dabei traten die Wünsche nach handwerklicher Umschichtung zunächst in den Hintergrund, wohl in der Annahme, daß sich keine Ausbildungsmöglichkeit auf diesem Gebiet bieten würde. Bei einer Anzahl junger Leute konnte ferner sestgestellt werden, daß sie ihre Berufsumschichtung davon abhängig machten,-daß auch während ihrer Ausbildung der Lebensunterhalt ihrer versorgungsbedürstigen Angehörigen sichergestellt sei. Mit der Meldung der Mainzer jüdischen Jugend war der bescheidene Anfang gemacht. Da es jedoch Aufgabe der Landesverbände ist, auch für die jüdische Jugend des Landes zu sorgen, so erschien es notwendig, die Feststellung über die Frage der Berufsausbildung und Umschichtung auch auf die übrigen Gemeinden des Landes auszudehnen. Tie Durchführung gestaltete sich äußerst schwierig, weil zunächst die für die Beurteilung des Umschichtungswerks iuaßgebenden Fragen nur unvollständig beantwortet würden. Erst nach wiederholten Ergänzungen und Feststellungen an ^rt und stelle konnte das eingegangene Material für die Zwecke der Umschichtung verwendet werden. Für die Art der Ausbildung gingen die Landesverbände von der Auffassung aus daß diese zweck'- maßlg^weye und erfolgreicher in Einzellehrstellen vorgenommen wird. Erst dann wenn genügend Lehrstellen nicht mehr vorhanden waren, sollte die Umlchichtung in vorhandenen Lehrgütern und Letzrwerkjtatten (Kollektivausbildung) durchgeführt werden. Für diele Einstellung waren sowohl der Kostenpunkt als auch ",e ^ch^ebend, daß die Berufsausbildung in Einzellehrstellen wirksamer und erfolgreicher gestaltet werden --Daß der eingeschlagene Weg richtig war, wurde?on den beteiligten Sachverständigen der Berliner Zentralstelle bestätigt. Aufgabe der Landesverbände war es nunmehr, Lehr- und Ausbildungsstellen zu ermitteln, eine Aufgabe, die im Hinblick darauf daß An- Feststellung dieser Stellen völlig fehlten, nur jchwer erfüllt werden konnte. In dankenswerter Weise erklärte ück zunächst der Landw.rt Alfred Mayer in Rieder-Jn>,°l§im bereist 2

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.