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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1933-09-01 · 8 (9.1933) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
8 (1933)
Issue
8 (9.1933)
Date
1933-09-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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bcrrte Mensch sein Leben mißbraucht, verwendet, abnntzt und zerstört als Ware er nicht sein zeitweiliger Verwalter nur und Lehensenrpsanger, sondern geradezu sein eigenmächtiger, eigensüchtiger L-chopfer und Herr, ohne jedes Gefühl der Verantwortung gegenüber dem kommenden Geschlecht, dem das Leben, dieses' Gotteslehen, weiter gereicht werden soll? ist eine Krise der Religion, eine Krise des Geistes und eine Kr:,e der sittlichen Lebensform Beim modernen Menschen, da und dort auch bei deni modernen Juden, ansgebrochen in eineni Ausmaß und einer Stärke, die das sittliche Leben der'Menschen nicht ilur, sondern das Leben iiberhaupt bedrohen, weit mehr als die schlimmste Wirtschaftskrise es vermöchte. Ueber sie nachzndenken lind die Mittel zu ersinnen lind in Anwendung zu bringen, die sie heilen und beseitigen könnten, was wäre wohl heute wichtiger und nützlicher, was unserer hohen Festtage würdiger? Auf dem Wege sittlicher und religiöser Erneuerung den Völkern der Erde voranzngehen, war ja seit je Israels göttliche Aufgabe und weltgeschichtlicher Beruf. Die Laubhütte in unserer Zeit von Rabbiner Tr. Erich B i e n h e i m , Tarmstadt. Es ist das wundersame Geheimnis jüdischer Volkserziehnng, daß ihr Streben darauf gerichtet ist, die Vergangenheit zur Gegenwart zu machen, die Menschen derart mit den Ereignissen der früheren Tage zu verbinden, daß sse glauben, dies alles' sei ihnen selber geschehen. Bei der Feier des Seder klingt es ans der Hagada dem Juden entgegen: Betrachte dich so, als seist du selbst ans Aegypten gezogen! Wenn am Wochenfest die zehn Gebote verlesen werden, soll ihr erhabener Inhalt ihn so mächtig erschauern lassen, als stehe er selbst inmitten des Volkes am Fuße des Sinai. Und wenn dem Juden befohlen wurde, am Snkkothfest in einer Hütte zu wohnen, so soll auch dies ihm die Möglichkeit geben, im Geiste mit den Kindern Israel die Mühseligkeiten und Gefahren der Wüstenwanderung zu erleben. Das Besondere dieses Jahres aber liegt darin, daß die Laubhütte aufgehört hat, nur ein Symbol der Vergangenheit zu sein. Sie ist uns deutschen Juden zugleich und noch viel eindrucksvoller ein Sinnbild für die Gegenwart. Und erst durch das Geschehen unserer Tage wird uns wiederum ganz deutlich, was einst die Hütte unseren Vätern war. Vielen Juden der vergangenen Jahrzehnte war der Zugang verloren gegangen zu dem ernsten Gedanken, der in dem Gebot des Lanbhüttenfestes eingeschlossen ruht: ['Nr; nm an yup nri» ns „Verlasse deine feste, geschützte Wohnung und halte dich in einer provisorischen Wohnung ans." Wir verschlossen uns der darin enthaltenen Mahnung, der Mensch solle nicht Hab und Gnt, Leben und Erwerb für etwas Festes und Unerschütterliches halten, sondern nie vergessen, ans wie schwankem Grunde alle menschlichen Verhältnisse, 'unser gesamtes Dasein anfgebant sei. Wir nahmen diese Gedanken nicht sonderlich ernst, sie waren uns selten mehr als eine geläufige Redewendung. Run aber, da in unseren Tagen wortwörtlich so mancher seine Wohnung, die ihm sicher und eine dauernde Bleibe zu sein schien, aufgeben muß, jetzt, wo wir uns genötigt sehen, uns auf allen Gebieten größte Einschränkungen anfznerlege'n, auf manche liebgewordene Gewohnheit zu verzichten, erhält das altehrwürdige Symbol der Laubhütte einen neuen Sinn. Es ist, als rufe uns'die zerbrechliche Hütte zu: Lerne beizeiten, auch mit dem Einfachsten fürliebnehmen! Bewahre dir die seelische Kraft, die in dir Zuversicht, Behagen und Ausgeglichenheit selbst dann noch anfkommen läßt, wenn du ans nlanche Annehmlichkeiten des Wohlstandes unb auf die Erfüllung dringender Knltnrbedürfnisse Verzicht leisten niußt! Und ebenso, wie wir mit der Aenderung unserer äußeren Lebensbedingnngen rechnen muffen, wie wir gezwungen sind, neuen Gegebenheiten uns anzupassen, so gilt das Wort des Talmuds: Verlasse deine feste Wohnung! auch hinsichtlich der geistigen und seelischen Grundlagen unseres Seins. Wir haben uns 'in der hinter uns liegenden Zeit viel zu ausgiebig die Anschauungen und Urteile der Umwelt zu eigen gemacht, sogar dann, wenn sie im Gegensaü zu jüdischer Lebensauffassung standen. Eine nicht geringe Zahl unserer Glanbensbrüder war durch Indifferenz oder Anbiedernngssncht dein Judentum entfremdet und fühlte sich in einer unjüdischen Atmosphäre wohl. Viele andere hatten sich in ihrer Stellungnahme zu brennenden Fragen jüdischen Gemeinschaftslebens durch' einseitige Parteiansichten bestimmen lassen und sich nicht darin genngtun können, jeden anderen Standpunkt abznlehnen und zu verdammen. Heute haben wir längst eingesehen, daß es notwendig ist, die gewohnten Denkweisen zu verlassen, alle unsere Anschauungen von Grund ans neu zu überprüfen unb auch unser ganzes geistiges Leben neu anfzubanen. Wir müssen die Entschlußkraft anfbring'en, Wege ins Unbekannte zu wagen und uns vor der Schutzlosigkeit des Ungewissen nicht zu fürchten. Uns ist jetzt wiederum die Aufgabe gestellt, die unsere Weisen in die Worte faßten: „Verlasse deine feste Wohnung und halte dich in einer zerbrechlichen, allen Gefahren ansgelieferten Hütte ans." Und endlich ist dieses Wort harte Wirklichkeit geworden für alle, die notgedrungen unser Land verlassen, weil ihnen hier die Möglichkeiten zum Erwerb des Lebensunterhaltes abgeschnitten sind. Da ziehen sie in die Welt hinaus, die Scharen jugendlicher Menschen, verlassen das schützende Dach des väterlichen Hauses und stellen ihre Zukunft einem ungewissen Schicksal anheim. Tausendfach wiederholt es sich, daß diese Menschen froh sind, des Nachts ihre von ergebnisloser Arbeitssuche müden Glieder in armseligen Räumen ausstrecken zu können. In Palästinas Tälern ist es alltägliches Ereignis, daß junge Geistesarbeiter, denen früher behaglich ausgestattete Zimmer etwas Selbstverständliches waren, aus bloßer Erde in Zelten nächtigen, allen Unbilden des Wetters ansaesetzt und doch beseelt und'angefeuert von idealem Wollen und zäher Lebenskraft. Aber an ihnen allen, an die das Wort erging: „Verlasse deine feste Wohnung und halte dich in einer allen Gefahren ausgesetzten Hütte ans", was vollzieht sich anderes an ihnen, als uraltes, sich stets wiederholendes Jndenschicksal? Tie Blätter unserer Geschichte sind angefüllt mit ergreifenden Schilderungen, wie Juden die Geborgenheit und die Behaglichkeit ihrer Wohnungen anfgaben, in die feindliche Welt hinanswanderten und oft in baufälligen Hütten hausten, und dies alles ans dem todesmutigen Vorsatz, ihrer eigenen Art, ihrem tausendjährigen Gesetz, ihrem Gott die Treue zu halten. Wenn wir demnächst die Laubhütte anfsuchen, dann möge ein Ahnen dessen über uns kommen, daß sich in der Laubhütte Vergangenheit und Gegenwart berühren. Und was das Einstmals und das Heute verbindet, das sei die gleiche Treue, die gleiche Dpferfähigkeit, die gleiche Zuversicht. Nicht Reicbsangeljörigkejt, fonbern Reid)sbürgerred)tl Unter vorstehendem Titel veröffentlicht der Stuttgarter Stadtrabbiner Dr. Rieger in der „Züdischliberalen Zeitung" Nr. 11 einen Artikel, der sich mit der künstigen Regelung der staatsbürgerlichen Stellung verluden in Deutschland beschäftigt. Aus ihm entnehmen wir nachfolgenden Abschnitt. Oie Schristleitung. Der deutsche Staat wird, das ist allerdings der Glaube aller deutschen Inden, auch ihnen einen Lebensranm einränmen müssen, der ihnen ein ehrbares Leben in Deutschland ermöglicht und ihnen die Einordnung in den deutschen Staat, die Mitarbeit am deutschen Aufbau verstattet. Tie deutschen Juden dürfen sich dabei ans das Wort ans des Reichskanzlers großer Friedellsrede berufen: „Es ist nicht weise, die wirtschaftlichen Lebensmöglichkeiten einem Volke zu entziehen, ohne Rücksicht darauf, daß die davon abhängige Be- 5

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