Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 8 (1933)
- Issue
- 8 (9.1933)
- Date
- 1933-09-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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stellen, in allen Anschauungen, Sitten und Branchen, auch nicht in der Form der Gottesverehrnng völlige Uebereinstimmung zeigen sollen, sondern nur darin geeinigt werden, Gottes Willen zn tun. Tie heilige Schrift, die in ihrem Beginn die Lehre von der Einheit des Menschengeschlechts aufstellt, alle Menschen als Kinder eines einzigen Menschenpaares betrachtet, muß folgerichtig als Endziel nach allen Irrungen die Bereinigung aller Menschen zu der Erfüllung des göttlichen Willens, so wie er sich ihnen offenbart, hinstellen.' Ties Gebet enthält für uns selbst die eindringliche Mahnung: Bergesset nicht die Grundforderung Eurer Lehre, den Abstand zwischen dem Menschen und seinem Gott; das Gefühl des Erschanerns, die Ehrfurcht vor unfern Heiligtümern und vor unserer geschichtlichen Bergangenheit muß uns beherrschen. Wie sehr müssen wir uns davor hüten, uns mit der Ausübung pflichtmäßiger Formen zu begnügen, und wie leicht vergißt man gerade an den „furchtbaren Tagen" das Grundgefühl der Religion. Wie peinlich das Judentum darauf bedacht ist, daß der Gottesname nicht vergeblich geschrieben oder gesprochen werde, lehrt ein Beispiel. Ta es zweifelhaft ist, ob man beim Anlegen der Tephillin einen oder zwei Segenssprüche zu sprechen habe, der zweite Segenssprnch also eine überflüssige Anrufung Gottes sein kann, so spricht man nach dem 2. Segenssprnche: boruch schein kewod malchnso leolom woed. „Gepriesen sei der Name seiner erhabenen Maiestät immer und ewig." — Tas heißt also: Berletzen wir manchmal die Heiligkeit des göttlichen Namens, so soll durch den angeführten Satz Gottes Erhabenheit und Unnahbarkeit uns zum Bewußtsein gebracht werden. Wir sehen in Gott nicht nur den gütigen und vertrauten Bater, sondern auch den strengen verehrnngswürdigen Weltregenten. Ter 2. Absatz unseres Gebetes erfleht keine überragende Sonderstellung für das eigene Bolk, sondern wie es sich ans der Bereinigung aller Menschen im Dienste Gottes ergibt, die Erlösung aus der Verachtung, Anerkennung unseres Glaubens, Freiheit unseres Bekenntnisses, Freude für das heilige Land und Wonne für die heilige Stadt. Sticht Machtgelüste, n'icht Herrschsucht erfüllen uns, aber' was wir erflehen ist: Menschenrecht. Es darf angenommen werden, daß der Berfasser unseres Gebets eine nationale Wiedergeburt Israels ans dem heimatlichen Boden zum Ziele hatte, aber auch darin ist keine Ueberheblichkeit zn erblicken, denn eine Neugestaltung im Einklang niit den vorangegangenen Bitten erscheint wie eine Selbstverständlichkeit, nicht aber als eine Notwendigkeit. An einer solchen Weltordnung, meint der Berfasser unseres Gehets, werden alle Gerechten, nicht nur die in Israels Mitte ihre wahre Freude finden. Ter Sieg des Rechts bedeutet Glück aller Frommen ans Erden. Gemäß der Bildersprache unserer Propheten ist der Herrschersitz Gottes auf Zion, aber seine Herrschaft erstreckt sich über die ganze Welt. Alle Sehnsucht Israels gilt dem Siege der Gerechtigkeit, denn der heilige Gott, dessen Namen der „Furchtbare" ist, wird' nur durch Gerechtigkeit würdig verehrt. Die Krise unserer Zeit und wir von Rabbiner Tr. Holzer, Worms. Starr gebannt hält der Mensch der Gegenwart seine Blicke auf die Wirtschaftskrise unserer Zeit gerichtet, die freilich in den letzten Wochen dank der gewaltigen Kraftanstrengung der deutschen Regierung eine Wendung zum Besseren nehmen zu wollen scheint. Es ist gewiß richtig, daß' ohne ausreichende wirtschaftliche Grundlage weder das Einzelleben, noch das Gemeinschaftsleben, weder eine materielle, noch eine geistige Kultur gedeihen, oder auch nur auf die Tauer bestehen kann. Aber bei aller Wichtigkeit der wirtschaftlichen Faktoren im Leben des Ganzen, eine Alleinherrschaft können sie nicht beanspruchen. Ja, sie stehen nicht einmal an erster und entscheidender Stelle unter den Faktoren, die das Leben gestalten. Denn „es ist der Geist, der sich den Körper baut." Mag es auch wahr sein, daß die wirtschaftliche Notlage unserer Zeit einen Grad und Umfang gewonnen hat wie nie zuvor, so ist es doch nicht minder wahr, daß sich auch andere Krisen gleich Gewittern über unserem Haupt znsammenziehen, die für die Zukunft der menschlichen Gemeinschaft noch bedrohlicher, noch verhängnisvoller sich answirken können als selbst eine noch so lang andauernde Wirtschaftskrise. Und was diese Krisen besonders bedrohlich macht, das ist die Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit, ja völlige Achtlosigkeit, mit der weiteste Kreise ihnen gegenüberstehen. So komuien uns beim die traditionellen Tage der Selbstbesinnung und Einkehr, als welche Rasch-haschonoh und Iolnkippnr im Judentum seit Jahrtausenden eine überaus segensreiche^ Funktion ansüben, gerade recht, um uns zum Nachdenken über die^Krisen, richtiger Sünden der Zeit anzuregen. Tenn Krisen sind Sünden, sind fast ausnahmslos ans Verfehlungen oder Unterlassungen, ans Mängel unb Gebrechen der Menschen znrückznführen, mögen sie welches Gebiet, welches Bolk auch immer betreffen, welche Form auch immer annehmen. Die Elemente der Natur sind es nicht, die die Krise erzeugen, sondern die Menschen sind es, die ihre höhere Menschenpflichst den Sinn und Zweck ihres Daseins vergessen und ans den Allgen Verlierer!. Ta ist zilnächst und an erster Stelle die Krise zrr nennen, die den Glauben und die Religion des modernen Menschen ergriffen hat, seine Sünde wider Gott und das Göttliche. Daß das All mit seinen zahllosen Gestirnen nicht nur, sondern auch alles Regen und Weben ans dieser Erde das Werk Gottes ist, daß sein Geist dieses All dnrchwaltet und seine Fürsorge alles Leben, vorab das Leben der Menschen, liebend umhegt, dieser Glaube ist die Grundlage und die Grnnderkenntnis aller positiven Religioncn, wie es der große deutsche Dichter ausspricht: Gottes ist der Orient, Gottes ist der Okzident, Nord- und südliches Gelände Ruht ilu Frieden seiner Hände. Doch dieses Bewußtsein ist dem modernen Menschen als gestaltende, bildende, sein inneres und äußeres Perhalten zwingende Macht fast völlig abhanden gekommen, ist ihm nicht mehr gegenwärtig. Einst hat es das ganze Leben jedes Einzelnen beherrscht; jede Tat und jedes Wort, jeder Schritt des Lebens war von diesem Gedanken geleitet und beherrscht. Seitdem aber das öffentliche Leben, seitdem Wissenschaft, Wirtschaft und Politik sich von den Fesseln starrer Kirchlichkeit gelöst, ist fortschreitend eine Loslösung leider auch von dem Gottesgedanken, von dem Gottesbewußtsein erfolgt. Der Mensch fühlt sich nicht mehr in dauernder Abhängigkeit von Gott, nicht mehr ist er in seinen! Handeln, Fühlen und Wollen von: Gottesgedanken geleitet und beherrscht. Tas ist die Krise der Religion, die Sünde wider Gott und das Göttliche. An zweiter Stelle wäre die Krise des Geistes zu nennen, seine Sünde wider den Geist. Was ist es, das den Menschen erst und wahrhaft zum Menschen macht? Was hebt ihn empor, macht ihn erhaben über alle Statur und Kreatur, was ist das Letzte, Höchste und Bleibende, wenn der Leib in Stailb zerfallen? Worauf ist all sein Mühen und Arbeiten, sein Kämpfen und Ringen gerichtet? Wofür ist alles Körperliche und Materielle, alles Sinnliche und Erdenhaste nur das Mittel und Werkzeug? Cs ist dies der Geist. Ter Geist, um derentwillen der Psalmist den Menschen preist: „Nur um ein Weniges hast Du göttlichen Wesen ihn nachgesetzt, hast mit Hoheit und Würde ihn gekrönt." Der Geist also ist es. ans dessen Entwicklung und Entfaltung, Pflege und Wachstum alles Streben des Menschen gerichtet sein sollte, weil er das Höchste und Wertvollste, das einzig wahrhaft Seiende und Bleibende ist. Der moderne Mensch hat aber vielfach die Ordnung der Natur und den Willen Gottes ins Gegenteil verkehrt. Er hat den Geist dem Körper unterworfen, dem Irdischen und Sinnlichen. Der Geist ist ihm, statt das Ziel zu sein, das Mittel geworden, um sich immer mehr materielle Freuden und Genüsse zu verschaffen. Oft genug ist ihn! alles Geistige nur ein Werkzeug der Täuschung und Heuchelei, um materielle Bestrebungen besser verschleiern, verhüllen zu können. So ist der Geist der Sklave und Knecht des Körpers geworden. Tas ist die Krise des Geistes, die Sünde wider den Geist. Schließlich sei noch die Krise der sittlichen Lebensform erwähnt, die Sünde wider das Blut und das physische Leben. Ein deutscher Dichter hat das Wort geprägt: „Das Leben ist ein Darlehen, keine Gabe." Was der Dichter mit diesem Worte bezeichnen will, drücken wir noch deutlicher aus, wenn wir sagen: das Leben ist ein Lehen, das zur vollwertigen und ungeminderten Erhaltung und Weitergabe bestimmt ist, nicht aber zu eigennütziger, selbstsüchtiger Ausbeutung und Vergeudung. Ist aber der moderne Mensch nicht oft genug von solchem Gedanken und seiner Verwirklichung weit entfernt? Sehen wir es nicht oft genug, wie der mo- JLJUUI£( 4