Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 8 (1933)
- Issue
- 8 (9.1933)
- Date
- 1933-09-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Israels Recht und Pflicht von Rabbiner Dr. Max D i e n e m a n n , Offenbach. Eine Midraschstelle lautet: „Rabbi Pinchas und Rabbi Chilkijah sagten irn Namen von Rabbi Ssimon: All die Engel des Dienstes versammeln sich um den Heiligen, gelobt sei er, und sprechen vor ihm: Herr der Welt, wann ist Ransch-haschonoh? und ER erwidert ihnen: MJEH fragt ihr? JEH und ihr, wir müssen darum den großen Gerichtshof drunten ans Erden befragen. Rabbi Hoschajah lehrte: Hat der große Gerichtshof drunten angeordnet, daß heute Ransch-haschonoh ist, so befiehlt der Heilige, gelobt sei er, den Engeln des Dienstes: richtet auf den Sitz des Gerichtes, mögen die Verteidiger hertreten, mögen die Ankläger sich ans ihren Platz begeben, denn meine Kinder haben gesagt': heute soll Ransch-haschonoh sein. Ist der Gerichtshof anderen Sinnes geworden und will in das alte Jahr einen Tag einschalten, daß morgen erst Ransch-haschonoh sein soll, so befiehlt der. Heilige, gelobt sei er, den Engeln des Dienstes: schaffet wieder hinweg die'Gerichtstribüne, Verteidiger und Ankläger mögen abtreten, denn meine Söhne sind anderen Sinnes geworden und haben Ransch-haschonoh auf morgen verschoben. Und worin hat das alles seine innere Begründung? Tenn so heißt es: „Gesetz ist es für Israel, Recht für den Gott Jakobs." Und wenn es nicht Gesetz für Israel ist, ist es auch nicht Recht für den Gott Jakobs." (Jerufchalmi Rosch-hafchanah 57 b). Will man einen Midrasch recht verstehen, so muß man sich dessen bewußt halten, daß seine Sprache nicht die des Alltags ist, daß aber hinter den Worten und hinter den berichteten Geschehnissen ein besonderer Sinn steht, um dessentwillen er so geformt ist, wie er nun sich darstellt. Auf diesem Sinn ruht seine starke Aktualität, auf ihm die Möglichkeit, durch Jahrhunderte jeglichem Geschlecht der Ausdruck der Empfindungen zu sein, die es in seinem Zeitalter und seinen Verhältnissen als die seinigen erkennt, ans ihm ruht seine Prägekraft, mit der er Menschen sein Siegel aufdrückt und ihr Denken in eine gewollte Richtung lenkt, in die Richtung, in der sie sich bewegen müssen, um ihre Notwendigkeiten zn erkennen und ihnen zu gehorchen. Daraus allein schon ergibt sich, daß Midrasch nie eindeutig ist, daß vielerlei Gestalt in ihn sich hüllt, daß Juden ihn je nach der Verschiedenheit ihrer Zeit und ihres Erlebens verstehen. Welchen Sinn finden wir in dem oben wiedergegebenen Midrasch? Zunächst den: ein neuer Zeitabschnitt beginnt nicht nur mit dem rechnungsmäßigen Jahresanfang, er ist immer dann da, wenn Israel von einem heiligen Erneuernngswillen durchglüht ist, immer dann, wenn es fühlt, daß es dieser Erneuerung bedarf und sie bejaht. Für uns nun ist diese Zeit, die wir durchleben, in die wir schicksalhaft hineingestellt sind, solche Zeit der Erneuerung. Alles ist in uns und an uns zu erneuern; was wäre nicht neu zu' gestalten? Unsere Berussschichtnng, unsere Berufswahl ist neu zn lenken — war sie längst, — unsere Einstellung zur Umwelt, unsere Wertung irdischer und gesellschaftlicher Ziele ist neu zu formen, unsere Auffassung vom Individuum in der Gemeinschaft ist neu zu bestimmen. Tie Formen und Ziele unserer Hilfe für einander, Formen und Rechtssätze, in denen jüdisches Gemeindeleben sich verwirklicht und Juden sich selbst führen, sind zu erneuern. Wie wir Geschichte und unsere Geschichte lernen und verstehen, bedarf der Erneuerung. Wie wir Innenleben und Leben nach außen gegen einander abgrenzen, muß neu erfaßt werden. Der „himmlische Gerichtshof" hat solches längst über uns bestimmt, aber Wahrheit und wirkliches Urteil ist es erst dann, wenn w i r, das Geschlecht unserer Tage, der irdische Gerichtshof, das dieses Israel von heute einsetzt, es von innen heraus wollen. Werden wir es wollen? Werden wir die Kraft haben, diesen Nenjahrstag anznsetzen? Ein Zweites: Wir lesen im Midrasch die Worte, die fast ketzerisch sagen, Neujahr ist an dem Tage, den Israel als solchen bestimmt. Ist das auszndenken? Hat denn nicht Gott grad diesen einen Tag als Tag des Gedenkens, als Tag der Erweckung bestimmt? Gewiß! llnd doch bleibt es in Israels Hand, ihn 51t bestimmen. Will heißen: wie Gott den Menschen und unser Schicksal lenkt, in dies Geheimnis einzudringen, ist uns verhohlen. Es ziemt uns, in Ehrfurcht uns vor dem Geheimnis zu beugen und zu wissen, daß Gott allein Richter und Gesetzgeber ist. llnd doch hört ER auf die Stinnuen des irdischer: Gerichtshofes und wartet ans ihn. ER ruft uns zur Entscheidung und Mitbestimmung ans. Wir müssen fühlen, es ziemt uns nicht, die Hände in den Schoß zu legeu und die Gestaltung unseres Lebens von außen zn erwarten; w i r müssen sie in die Hand nehmen, w i r müssen sie versuchen, und in jeder Zeit und jeder Lebenslage können wir es versuchen. Das ist unser Neujahr: den Willen zn schöpfen, an die Gestaltung unseres Lebens in einem veränderten und gewandelten öffentlichen Denken nach den inneren Notwendigkeiten der Gemeinschaft Israels und nach den Linien, die unsere Geschichte und unser Sein bestinnnen, heranzngehen. Welchem Ziel uns dann Gott entgegenführt. das stellen wir ihm anheim; nach den Worten des Psalms „werfen wir aus IHN unsere Last, ER wird uns erhalten." Nur wissen müssen wir: ER wartet aus uns! Unser hauptgebet am Rosch-Yaschonv und jom Kippur: Uwechen ten pachdecho von Rabbiner D r. Sander, Gießen. Von den vielen Bezeichnungen der hebräischen Sprache für Beten hat sich das Wort hispallel und für Gebet Tephilla am meisten eingebürgert. Tie ursprüngliche Bedeutung dieser Worte aber ist: Mit sich ins Gericht gehen, sich Rechenschaft ablegen über seine Gedanken und Gefühle. Es wäre auch Tephilla die treffendste Bezeichnung für Gebet, wenn solches aus der Seele des Beters in der persönlichen Prägung hervorquillt. Unsere Stammgebete aber entstanden in längst dahingeschwundenen Zeiten, — unser Uwechen ten pachdecho Wohl schon in'der Mitte des 2. Jahrhunderts der gewöhnlichen Zeitrechnung, — und haben die ursprüngliche Form bis in unsere Tage bewahrt. So sind alle Gebete des öffentlichen Gemeindegottesdienstes nicht der Ausdruck persönlicher Seelenregung sondern ein feierliches Bekenntnis zu den darin niedergelegten Glaubenswahrheiten, ein Zeugnis allgemein jüdischen Würstchens, Hofsens und Vertrauens. Ein Erzeugnis prophetischen Geistes in eine bewundernswerte Form gebracht, angemessen der Bedeutung unserer beiden Feste des Ernstes ist das Gebetsstück, dem wir unsere Beachtung schenken wollen. Nachdem ein nichtjüdischer hervorragender Theologe dieses Gebet in seiner wörtlichen Auffassung als das erhabenste Gebet bezeichnet hat, bedarf es nicht mehr einer Milderung oder Umdeutung des Ausdrucks, um es den: Bewußtsein des modernen Menschen anzupassen, und die Feste selbst, die wir jomim nauroim nennen, werden im Sinne dieses Gelehrten von einer für die jüdischen Gebete begeisterten Dichterin und deren Uebersetzerin als „die furchtbaren Tage" bezeichnet, weil an diesen Tagen die Furcht vor dem Walten des Allmächtigen in der Brust des Menscheu geweckt werden soll. Alle Religion hat ihren Ursprung genommen in dem Erzittern, dem Erschauern vor dem Unfaßbaren, das sich im Schicksal der Einzelmenschen wie in der Völkergeschichte offenbart, diese Furcht vor dem Allgewaltigen ist ein heiliges Gefühl, ein nicht zn entbehrender Bestand der Religion, der nicht durch Ehrfurcht wiedergegeben zu werden braucht. Gerade unser Festgebet belehrt uns ja, wie aus dem ursprünglichen Gefühl der Furcht sich das edelste Gut der Religion entwickelt. Die Tora enthält ebenso die Mahnung: „Ten Ewigen deinen Gott sollst Tr: fürchten" wie die: „Tn sollst lieben den Ewigen Deinen Gott". Furcht ist die Quelle, Liebe die Mündung des religiösen Stromes, Furcht die Vorbedingung, Liebe das Endziel, der Gipfel aller Religion. Der religiöse Jude ist zu bescheiden, uni von sich zn sagen: „Ich liebe Gott", er sagt nur: „Ich fürchte Gott" — Frömmigkeit heißt Jir'as schomajim —• Furcht vor dem Himmel (vor Gott), der Fromme ist jere schomajim — Gott fürchtend. Erst der Märtyrer wie R. Akiba, der sein Leben unter Qualen hingibt für seinen Gott, wagt zu sagen: Ich erfülle das Gebot: „Tn sollst lieben den Ewigen." — Furcht vor Gott aber heißt auch: Furcht vor der Siinde. Unser Gebet wünscht die Zeit herbei, da alle Menschen von der Furcht vor Gott, von der Furcht vor der Sünde beherrscht werden, von hier ans aber ist das höchste Ziel der Religion die Liebe zu Gott, zu erstreben. Es sollen alle Menschen sich vereinigen, um deu göttlichen Willen zn erfüllen mit ganzem Herzen, d. h. in wahrer Liebe, in Liebe zu Gott und in Liebe zn einander. Ties ist die tiefste Bedeutung des Messiasglaubens. Das Judentum erwartet nicht, daß alle Nassen und Stämme eine unterschiedslose Masse dar- 3