Mannheim
Compact Memory

Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1933-07-01 · 6 (7.1933) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
8 (1933)
Issue
6 (7.1933)
Date
1933-07-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9582242-9623192-9621135--0971-9621138
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

steht geschrieben: „des Unglücks hat uns viel getroffen, seitdem wir uns von den Böllern abgesondert haben." Wir befragen Josephus, den Geschichtsschreiber des indischen Volkes, und erfahren, wie schon zu seiner Zeit dem Judentum in giftigen Schmähschriften die ungeheuerlichsten Verleumdungen angedichtet wurden, z. B. daß sie im Tempel einen Eselskopf verehrten. Seneka nennt das jüdische Volk im glühenden Haß des Herrenmenschen „das frevelhafteste Volk" niw Tacitns wiederholt in seinen Historien all die giftigen Schmähungen, die das von dern heidnischen Rom unverstandene Judentum zum Zerrbild herabwürdigen. Und als das besiegte und gehaßte Volk seine Besieger durch seine „Sklavenmoral" überwunden hatte, als das Evangelium, die frohe Botschaft vom Sinai und von Zion, hinausgegangen war zu allen Mühseligen und Beladeneil und Enterbten der Gesellschaft, als in den Tempeln von Rom und Athen, von Alexandria und Byzanz und später in allen christlicheil Domen Europas jüdische Psalmen erklangen und die heiligen Bücher der Juden verehrt und ausgelegt wurden, da wurde der Haß und die Verlästerung, die Herabsetzung und Mißhandlung noch unerträglicher. Damals begailil eine durch fünfzehn Jahrhunderte sich fortsetzende Zeit des Martyriums, wie sie noch kein Volk der Erde erlitten hat. Tie Päpste und Könige, der Pöbel und Adel ganz Europas wetteiferten in Unterdrückung und Mißhandlung, Ausplünderung und Hinschlachtung der Juden. Papst Innozenz III. erklärte, daß das ganze Volk der Juden wegen seiner Schuld am Tode des christlichen Heilands zu immerwährender Sklaverei von -Gott bestimmt sei, und Kaiser Karl I V. verfügt in einer Urkunde: „ihr gehört ilns lind den: Reiche iilit Leib ilnd Gut an, wir mögen damit schaffen, tun lind handeln, was wir wollen uild was uns gntdünkt." „Eine peinlichere Existenz", sagt D ö l l i n g e r in seinen! akademischen Vortrag über die Inden in Europa, „als die eines Inden im Mittelalter ist kaum denkbar. Jeden Tag mußte der Jude gewärtigen, eine Erpressung oder den Verlust seines Vermögens, Kerker oder Verbannung zu erleben. Auswanderung war oft unmöglich, wllrde meist, solange noch etwas von ihm zu erpressen war, verweigert. Auf den öffentlichen Straßeil des Landes war er so unsicher wie ein Geächteter. So ist denn die ganze äußere Geschichte der Juden, während fast tausend Jahren, eine Kette von ausgesuchten Bedrückungen, von herabwürdigenden und demoralisierenden Quälereien, von Zwang rmd Verfolgung, von inassenhaften Abschlachtungen, ein Wechsel von Verbannungen und Zurückrufnngen. Es ist, als oh die europäischen Nationen wetteifernd alles aufgeboten hätten, um den Wahn zu verwirklichen, daß bis ans Ende der Zeiten den Juden das härteste Helotentum nach dem Ratschluß des Hiiumels bestimmt sei. Das ist die äußere Geschichte der Juden. In all diesen Zeiten aber traten diese um ihres Judentums willen Gemarterten an jeden! Morgen vor ihren Gott und beteten aus voller Seele: „Heil ulls, wie herrlich ist unser Teil, wie beglückend unser Los, wie kostbar unser Erbe! Heil uns, daß wir gewürdigt sind, das jüdische Bekenntnis „Schema Jisroel" an jedem Morgen unb Abend zu beten." In allen diesen Zeiten brachen diese Ausgestoßenen, angesichts ihrer Thora, in den Rllf aus: „gepriesen seist du, Ewiger, unser Gott, Weltenherr, der uns unter allen Völkern erwählt hat, uns seine Thora zu geben." In allen diesen Zeiten haben unsere Vorfahren es als ein Glück allgesehen, Jude zu sein. Warum? Was war der tiefste psychologische Grund, weshalb diese gepeinigten Juden des Mittelalters, bei aller äußeren Demütigung, es als hohes Glück empfanden, Inden zu sein? Diese Träger uralter religiös-sittlicher Kultur mochten wohl, wie die Aegypter zu den Griechen, sagen „ihr seid nur wie Kinder gegen uns." Geistig und sittlich fühlte sich der Jude tausendmal höherstehend als alle seine Quäler und Verfolger. Dieses ganze rohe Mittelalter war ihm, wie das massive alte Rom, nur durch seine brutale Gewalt üherlegen. Kein jüdisches Kind, das ohne tiefere oder weniger tiefe Thorakenntnis aufwuchs, in einer Zeit, als über der abendländischen Welt geistige Finsternis lag. In seinem von religiöser Weihe erfüllten Familienhans, in feinem sozialen und Gemütsleben durfte sich der Jude höher dünken als dieses von Faustrecht, Wegelagerungen und ewigen Fehden nnd Kriegen erfüllte Mittelalter. Je mehr er verachtet war, um so höher' achtete er sich selbst, je unglücklicher ihn die äußere Welt machte, um so glücklicher fühlte er sich in seiner inneren Welt, dem Judentum. Dieses Verhältnis zur umgebenden Kultur mußte sich, seitdem durch Renaissance und Humanismus, durch Refornlation und Aufklärung ein ungeheurer Fortschritt der Bildung Europas sich angebahnt hatte, von Grund auf ändern, zumal da dieser Aufschwung mit dem Niedergang jüdischer Kultur in den letzten zwei Jahrhunderten vor Mendelssohn zusammentraf. Als sich darum vor hundertfünfzig Jahren den Juden die Pforten des Ghetto öffneten, als die bürgerliche Emanzipation ihnen als Geschenk der Humanität in den Schoß fiel, standen sie wie geblendet vor dem Glanz der Zivilisation und eilten mit lechzendem Durst zu den neuerschlossenen Quellen europäischer Literatur und Kunst. Rousseau und Voltaire, Herder und Lessing, Schiller und Goethe, Kant und Hegel und die Romantiker verdrängten die Sinailehre aus den Herzen und Geistern der bildungsdurstigen Juden. War ihnen früher das Judentlun alles und die Außenwelt nichts, so wurde ihnen jetzt die Außenwelt alles und das Judentum nichts. Stand ihnen früher das Judentum so hoch, daß sie um seinetwillen alles ertragen konnten, so entfremdeten sie sich jetzt so sehr dem Ursprung ihres Seins, daß sie von dem eigenen Sein schließlich nichts mehr wußten, als daß es ihnen ein Unglück war. — Hinter uns liegt heute der Rausch der Emanzipationszeit. Aufgerüttelt aus allen' unseren Träumen stehen wir heute einer schier unfaßbaren Wirklichkeit gegenüber. Eine Welt ist uns untergegangen. Alte Gespenster stehen aus ihren Gräbern auf. Jüdische Menschen werden entrechtet, aus ihrer Lebensbahn herausgeschleudert und gebrandmarkt, jüdische Menschen, die über ihrem Menschsein ibr jüdisches Sein schon fast vergessen hatten, die sich an unser deutsches Vaterland mit flammender Liebe hingegeben hatten, so voll und ganz, daß sie im Begriffe standen, sich'als Juden aufzugeben. Was nun? Sollen wir in Wüsten fliehen und das Leben hassen? Sollen wir der ratlosen Verzweiflung und Verbitterung in die Arme fallen? Oder sollen wir nicht vielmehr wieder lernen, wie unsere Väter, im Judentum unser Glück ilnd unsere Ehre zu finden? Nun denn? Wenn wir hundert Jahre lang alles Heil darin erblickt haben, es den anderen in allem gleich zu tun, wenn wir auf die trügerische Macht der Menschenliebe gebaut und dabei uns selbst verloren haben, wenn wir unsere Kostbarkeiten in den Staub geworfen und unseren Glauben in ein fadenscheiniges, bloßes Gedankending, ohne Leben, ohne Saft und Kraft und Seele und Atem, verwandelt haben, dann legt in dieser Notzeit das Schicksal seine eiserne Faust auf uns, dann ruft unser Gott und der Gott unserer Väter im Schicksal dieser Zeit, das er über uns ergehen läßt, uns zu, daß wir, wie im Jobeljahr „zurückkehren ein jeglicher zu seinem Eigenbesitz und zu seinem Geschlecht." Hier sind die starken Wurzeln unserer Kraft. Hier ist der Ort, wo wir ein umfriedetes, loarmes Plätzchen in dieser kalten, von Liebe verlassenen Welt finden können. So hoch uns auch die Achtung von außen steht, die A ch t u n g vor uns selb st muß uns höher stehen. Wir müssen uns wieder bewußt werden — um so mehr, je mehr die Außenwelt uns fühlen läßt, daß wiy Juden sind — daß wir nicht als Bettler in die europäische Kultur eingetreten sind. Daß wir in uns etwas haben, was keine Meinung der Welt zu schmälern vermag. Nicht was andere von uns denken, sondern wie wir selbst uns fühlen, macht unseren Wert ans. Nicht welchen Platz andere uns einräumen, sondern welchen Platz wir selbst uns geben, ist entscheidend für unseren Platz unter den Völkern. Daß wir das auserwählte Volk uns nannten, warf man uns einst als Hochmut vor. O, daß wir nur ein klein wenig von diesem „hochgemuten" Sinn hätten, nur soviel, daß es zur Selbstachtung reichte! Erben ungeheurer eigener Schätze, sollten wir es verschmähen, zu betteln, wo wir zu schenken haben. Nur dürfen wir freilich das Leben nicht von außen ansehen, als ein Jagen nach äußerem Erfolg, als ein Streben nach Anerkennung und Gleichmachung, wie es vielen in den Jahrzehnten äußerlicher Verflachung geworden ist. Solchen mag wirklich das Judentum, zumal heute, ein Unglück dünken, und sie mögen es für unverständlich ansehen, wie man es je als Glück betrachten konnte, ein Jude zu sein. Ein Vergnügen war es nie, Jude zu sein. Aber die Menschen sind auch nicht zum Vergnügen auf der Welt. Wer das noch je gewähnt und sein Leben darauf gestellt hat, ist noch nie auf ferne Rechnung gekonunen. Unseren Patriarchen ward in grauer Vorzeit eine doppelte Verheißung: „ihr sollt werden wie die Sterne am Himmel" uno „ihr sollt werden wie der Staub der Erde ". An uns liegt es, welche Verheißung in Erfüllung gehen soll. Wir können wie der Staub und können wie die Sterne' sein. Wir können am Staube kleben und im äußeren Genießen den Sinn des Lebens erblicken, und wir können unserem Dasein einen Sternensinn geben. Wie erhebt und beglückt der Gedanke, in diesem kleinlichen Leben eine große heilige Aufgabe zu haben, um derentwillen es sich lohnt zu leben nnd zu sterben. An uns liegt es, an diesen Sinn unseres Daseins, an den Sinn und Zweck unserer einzigartigen Forterhaltung unter allen Nationen der Erde, an unsere Sendung und Bestimmung vom Sinai her zu glauben: „ein Reich von Priestern zu sein und ein heiliges Volk". Ein solcher Hochgedanke würde uns emporreißen aus der seelischen Heimatlosigkeit und der äußeren Erbärmlichkeit der Gegenwart, würde unser Leben wieder reich und tief, lebenswert und glücklich machen. Würde uns und unsere Kinder wieder hungern lassen nach dem geistigen Brote unseres Volkes, nach seiner Si'nailehre, seinen heiligen Schriften, seiner wunderbaren Geschichte. Würde die Selbstachtung und das Selbstgefühl unserer Väter und Mütter wieder in unsere matte Seele gießen und uns mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele empfinden lassen das ch l ü ck Jude zu sein. v \ 3

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.