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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1933-07-01 · 6 (7.1933) · p. Seite 2

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
8 (1933)
Issue
6 (7.1933)
Date
1933-07-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Rddisoertretung ber jüdischen Canbesoerbänbe Deutschlands. Tic Reichsvertretnng trat am 11. Juni 1933 zu einer Sitzung zusammen. Bar Beginn der eigentlichen Beratungen wurden im Anschluß an die zur Einigkeit mahnenden Begrüßnngsworte des Präsidenten Kammergerichtsrat Wolff die Grundlagen für die p olitis ch e A r beit der Reichsvertretung erörtert: es wurde in einer Entschließung ausdrücklich festgestellt, daß keine der jüdischen Richtungen irgendwie eine unterschiedliche staatsrechtliche Behandlung anderer Richtungen verlangen dürfe. Die weiteren Beratungen galten dieses Mal nicht nur der palitischen Lage, die eingehend besprachen wurde, sandern auch Fragen des inneren jüdischen Lebens, besonders dem Stande der Schulfrag c. Ban mehreren Seiten wurde die Errichtung eines Bildnngsamtes bei der Reichsvertretnng als zentraler Stelle für alle Schnlangelegenheiten angeregt. Das Präsidium wurde beauftragt, bis zur nächsten Sitzung die Schaffung eines derartigen Bildungsamts varzubereiten. Für die palitische'Arbeit wurde besonderer Wert daraus gelegt, daß sie in eingehender Zusammenarbeit mit den graßen jüdischen Berbänden erfalge. Deren Führer fallen in einem besonderen Ausschuß der Reichsvertretnng zu gemeinsamer Arbeit zwecks Wahrnehmung der Interessen der jüdischen Gesamtheit znsammengefaßt werden. Zn der am 25. Juni d. Z. stattgefundenen Sitzung beschäftigte sich die Reichsvertretung Var allem mit Schul- und Erzielt u n g s s r a g e n. Es wurde die Begründung eines Erziehnngsausschnsses beschlassen, der als eine zentrale Stelle alle Erziehnngsfragen des deutschen Judentums behandeln und den Landesverbänden und Gemeinden anregend und beratend zur Seite stehen soll. Zum Barsitzenden wurde Herr Präs. Dr. Elbagen (Berlin) bestellt. Alsdann erstattete das G e n e r a l s e k r e t a r i a t des Z e n t r a l a u s s ch u s s e s der deutschen I u d e it f ü r Hilfe n n d A u f b a u ausführlich Bericht über die Arbeit des Ausschusses. Im Anschluß daran fand eine eingehende Anssprache über alle Fragen der wirtschaftlichen und s a z i a l e n H i I f s a r b e i t statt. Der Reichsvendand des Jübifdjen Milteistandes gegründet. Die Gründung des Reichsverbandes des Jüdischen Mittelstandes ist im Juni 1933 als Zeiterfardernis vallzagen Warden. Seine Hauptaufgabe wird sich darauf richten, zur Existenz-Erhaltung jüdischer Menschen Arbeits- und Absatzmöglichkeiten in allen in Frage kammenden Kreisen zu beschaffen. In engster Fühlung stehend, als Parallel-Organisatian des Bereins selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens, stehen dem Reichsverband des' Jüdischen Mittelstandes Erfahrungen van Männern zur Berfügnng, deren jahrzehntelange im Interesse des jüdischen Mittelstandes'geleistete Tätigkeit zweckmäßige produktive Arbeit garantiert. Hinzu kämmt, daß die dnrcharganisierte Geschäftsstelle des Handwerker-Bereins mit ihrem reichen Unterlagen-Matcrial jede Leerlanfarbeit ansschließt und somit in der Lage ist, sofort praktische Matznahmen zum Zwecke der Arbeitsbeschaffung zu treffen. Der Reichsverband wird als einzige Wirtschafts-Organisation deshalb in der Lage sein, die Interessen aller ihm angeschlassenen Mittelständler, ganz gleich in welchen Berufszweigen, zu vertreten. Er wird aber auch das Salidaritätsgefühl in Bezug auf den wirtschaftlichen Zusammenschluß in starkem Maße fördern. Alle Angehörigen des gewerblichen Mittelstandes und der freien Berufe werden hiermit anfgefardert, sich bei der Geschäftsstelle im Bereinsbüra, Lanis Walff, Berlin W 50, Rachadstraße 8, schriftlich zu melden dn ölück, Jube zu fein? Ban Rabbiner Dr. E. S e l i g m a n n , Frankfurt a. M. Mit freund!. Genebmigung des Verfassers entnebmen wir die nachfolgenden im frankfurter tzsr. Gemeindeplatt Nr. 10 unter vorstehendem Thema veröffentlichten sehr beachtenswerten, zeitgemäßen Betrachtungen Die Gchristleitung. Im dritten Aufzug van „Nathan der Weife" fragt Recha den Tempelherrn, der eben vom Berge Sinai kommt: „Ob's wahr, möcht ich nur gern van euch erfahren, daß es bei weitem nicht so mühsam sei, ans diesen Berg hinaufznsteigen, als herab?" In dieser kindlichen Frage liegt eine tiefe Symbolik. Wer einmal die Höhe des Sinai erstiegen hat, für den ist es fast unmöglich, van dieser Höhe wieder herabzusteigen. Es gibt gewisse Wahrheiten, die — einmal gefunden — nicht wieder zu verlieren sind. Die Wahrheit des Sinai ist Gemeingut der Welt geworden. Ein Funke vom Flamrnengesetz des Sinai' ist in die nichtjüdische Welt gefallen und hat wie kein anderer Gedanke je gezündet, daß Aegyptens und Griechenlands Weisheit davor erblaßten und die mächtigste Umwandlung des rechtlichen, gesellschaftlichen, sittlichen Lebens davon ausging. Sa gewaltig war die Umwälzung, welche diese Wahrheit des Sinai in der griechisch-römischen Welt hervarrief, daß Nietzsche nicht mit Unrecht van einer U m Wertung aller Werte, van einem Sklavenansstand der Maral gegen alles Selbstherrliche, Erobernde, Herrschsüchtige, was bisher allein in der Welt galt, redet. „Alles, was auf Erden gegen die Barnehmen, die Gewaltigen, die Herren, die Machthaber getan worden ist, ist nicht der Rede wert im Bergleich zu dem, was die Juden gegen sie getan haben. Die Inden haben die Sklavenmaral, das Mitleid mit den Schwachen, an die Stelle der Herrenmaral, der Selbstherrlichkeit der Starken gesetzt. Mit den Inden begann der Sklavenanfstand der Maral, der uns heute nur deshalb ans den Augen gerückt ist, weil er — siegreich gewesen ist." Als zum ersten Male dieses Sinaigesetz unter die alten Böller;SLyU WVUUUU uu;> uuui |upuu vau •> \ v v*. vy j uuvv schon Mannes an und sprachen, wir wallen mit euch qeheu, denn wir haben gehört, daß Gatt mit euch ist. Ans. jener Zeit berichtet uns der berühmte Philosoph Philo ans Alexandrien: „diese Gesetze Moses' haben eine außerordentliche Anerkennung erlangt, wie die keines anderen Gesetzgebers. Born Aufgang der Sanne bis zu ihrem Niedergang hat fast jedes Land/ jedes Volk eine Abneigung Var fremden Gesetzen. R u r m i t n n sere m Gesetz i st es a n d crs. Denn es unterwirft sich alle Menschen und führt sie zur Sittlichkeit: Griechen und Nichtgriechen, die Bewohner des Festlands und der Inseln, die Böller des Orients loic des Okzidents, Europäer, Asiaten, alle Böller der Erde." Damals strömten Hnnderttausende, ja Millionen, aus den heidnischen Völkern dem Judentum zu. Tie Verheißung der Thora hatte sich erfüllt: „diese Thora wird eure Weisheit fein in den Augen der Böller." Ter griechische Rhetor T a t i a n , der im zweiten Jahrhundert nach der gewöhnlichen Zeitrechnung zu Rom lebte, schreibt: „als ich ernstlich das, was frommt, erwog', fielen mir die heiligen Schriften der Inden in die Hand. Diesen gelang es, mich zu überzeugen, und zwar durch ihren schlichten Ausdruck... durch die Bartrefflichkeit ihrer Gesetze und weil sie die alles beherrschende Monarchie Gattes lehrten. So ward meine Seele van Gatt unterrichtet." Nach überschwänglicher ist, wie Gregor, den die Kirche den Graßen nennt, lind der der Sohn eines römischen Senators war, sich über die Thora äußert: „sie übertrifft ohne allen Vergleich jede Wissenschaft und Gelehrsamkeit, sie verkündet nichts als Wahrheit und läßt die Seele nach höheren Dingen streben. Ban dem Ungelehrten wird sie verstanden, und dem Gelehrten bleibt sie immer neu." Zst es linter diesen Umständen zu verwundern, daß im letzten Jahrhundert eine Rahel in ihrer Sterbestunde bekannte: „Mit erhabenem Entzücken denke ich an meinen Ursprung... Was Zeit meines Lebens meine größte Schmach war, möchte ich jetzt um keinen Preis missen." Ist es zll verwundern, daß ein anderer berühmter Sahn des Judentums, H e i n r i ch Heine, schrieb: „meine Barliebe für Hellas hat abgenammen. Wenn nicht jeder Geburtsstalz töricht wäre, fa könnte ich stolz sein, daß meine Ahnen dem edlen Hause Israel angehören, daß ich ein Abkömmling jener Märtyrer, die der Welt einen Gatt und eine Maral gegeben." Dieser k| “.yv.v W* vv *v, * vw*v*vjvv/v l\k/ illUHUU UU^tUl Feind. Man hat nichts als Schimpf und Schande davon. Ich'sage Ihnen, es ist gar keine Religion, sandern ein Unglück." Ist das Judentum ein Glück oder ein Unglück, eine Schmach oder eine Ehre? Scheint nicht die ganze Weltgeschichte, van der ältesten Vergangenheit bis zur deutschen Indennot der Gegenwart als Zeuge aufznstehen für die pessimistische Entscheidung'? Wir schlagen die Bibel auf und lesen den Klageriif: „alle, die des Weges ziehen, schlagen wider dich die Hände zusammen... sie sperren wider phcn zur' Hand, und gleich zu Anfang des ersten Makkabäerbnches 2

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