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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1932-12-01 · 12 (12.1932) · p. Seite 4

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
7 (1932)
Issue
12 (12.1932)
Date
1932-12-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Schritte. Unter dem erschütterndem Eindruck des Berichtes beschloß die Versammlung die sollende Resolution: „Die Hauptversammlung des Allgemeinen Deutschen Rabbinerve/bandes nimmt mit tiefem Kummer von der katastrophalen tNotlage der jüdisch-theologischen akademischen Bildungsanstalten in Deutschland Kenntnis. In schwerer Sorge um die Zukunft des rabbinischeu Nachwuchses und seine wissenschaftliche Ausbildung richtet sie an die jüdischen Gemeinden und Verbände die dringende Bitte, den aus Beseitigung des Notstandes gerichteten Vorstellungen der drei Anstalten in Berlin und Breslau ernsteste Beachtung zu schenken ' und alle Schritte zu tun, urn die Existenz der Anstalten zu sichern. Sie richtet an die eigenen Mitglieder die nachdrückliche Mahnung, aus den eingctretenen Notstand hinzuweisen und ihnen die Verpflichtung gegenüber den Stätten der jüdischen Wissenschaft und der Ausbildung der Rabbiner zum Bewußtsein zu bringen." Rabbiner Dr. Dienemann erstattete sodann den zweiten Teil des Geschäftsberichtes und leitete die Erörterung des Zweiten Haupttbemas der Sitzung ein: „Was kann der Rabbiner in dieser 'Notzeit tun zur Sicherung der Gemeinde und zur Fürsorge für die Arbeitslosen?" Die eingehende Diskussion bezog sich sowohl aus die Erörterung praktischer Hilfsmaßnahmen für die Gemeinden und die Einzelnen als auch aus die Erörterung der Gefahren, die den Gemeinden und dein Judentum aus dem Abfall ringeuder und erregter Jugend erwachsen. Alle waren sich einig, daß alle Möglichkeiten der seelsorgerischen Arbeit ersaßt werden müssen, lim den vielell sozialen und seelischen Nöten zu begegnen, die dem Judelitum entfremdeten Kreise zurückzugewinnen und damit dem gefährdeten Gemeindeleben neue Kräfte zuzusühren. Den Rest der Tagung füllten Wahlen aus. Zum 1. Vorsitzenden des Verbandes wurde aus deni einmütigen Verlangen der ganzen Versammlung Dr. Baeck-Berlin als allseitig geschätzter und erprobter Führer wiedergewählt. — Gemeinde und Gemeindemitglieder bewährten eine vorbildliche Gastsreuildschast. Zahlreiche Teilnehmer hatten gastliche Ausnahme in Familien der Gemeinde Mainz gesunden. — Die Tagung, welche von Rabbinern verschiedener religiöser Richtungen besucht war, verlies in vorbildlicher Harmonie, die auch in der lebhaftesten Aussprache nicht gestört wurde, und war eine von allen Teilnehmern herzlichst begrüßte Gelegenheit zu gegenseitiger Förderung. Bücherschau. Der Verlag Gustav Kiepenheuer, Berlin-Charl-Ktenburg 2, Kantstr. 10 kündet das Erscheinen eines neuen Romans von Arnold Zweig an. Ter Roman spielten den Tagen der Vorgänge und Unruhen, welche Palästina im oommer 1929 erschütterten; im Mittelpunkt des Romanwerkes steht der religiöse Sucher und Schriftsteller de Vriendt, in welchem unschwer der aus ungeklärte Weise im Juli 1924 ermordete holländische Schriftsteller Israel de Haan zu erkennen ist. Das Buch führt den Titel „De Vriendt kehrt heim" und vebandelt politische und religiöse Probleme des modernen Palästina. Das Werk bringt im Nahmen des Romans, der Schilderung von Menschenschicksalen, packende Natur- und Ortsschilderungen und schlägt geschichtliche Brücken in alte Zeiten, die aus der Landschaft zu uns sprechen. Wir sind im der Lage, aus den Aushängebogen eine Probe des Romanwerkes unseren Lesern zu unterbreiten: „Freitag, sehr früh, hupt Esra, der Chauffeur, in seinem kleinen schnellen Ford vorm Hause. Durch das Gedränge der Fellachen, die aus der Bethlehemstraße zu Markte ziehen, ihrer hochbeladenen Esel, schön hinschreitenden Kamele, lenkt er, die Zigarette fröhlich zwischen den Lippen, aus der Stadt hin: der Weg geht nach Hebron. Dr. de Vriendt, eine Mappe neben sich und einen Mantel, lehnt über die offenen Scheiben, begeistert von der morgendlichen Klarheit. Wie dumm, nicht längst so losgesahren zu sein. Das weiße und graue Land dreht sich gleichsam huldigend an dem Boten der Thora vorüber. Es ist der Weg des davidischen Könighauses, den sie fahren, das Herz Judäas, steinig, zernarbt von uralten Regengüssen, entwaldet, aber in allen Ebenen grün bebaut und bewässert. Links bleiben die Teiche Salomos zurück, die halbgeleerten Reservoire; eine Ruine aus der Kreuzfahrerzeit schützt sie; eine Wasserleitung aus Römertagen, einst oberirdisch, bis vor kurzem tief begraben, tut jetzt wieder Dienst. Dieses Land hat niemals geschlafen, wie ja auch der nicht schläft und schlummert, der es in seine besondere Liebeshut genommen hat. Und das 4 moderne Automobil rafft seine wunderbaren Weihtümer dicht zusammen. Heute ist Freitag, er könnte vor Sabbatanbruch schon wieder in Jerusalem sein; aber er wird in Hebron den heiligen Ruhetag verbringen, das Brautlied des Rabbi Salomo Alkabez vor den Kerzen singen, am nächsten Tage das Nachmittagsgebet unter der Tercbinthe Abrahams verrichten, die aus Ephrons des Chetiters Zeiten noch steht, ungeheuerlich,, mit abgestorbenem Stamm und lebendigen Aesten. Die Höhle Machpela wird er nicht betreten, wie er auch jetzt an Rahels Grab vorübersährt, das am Wege wartet, und wie er sich um die Abgabelung der Straße nach Bethlehein nicht kümmern kann. Denu Bethlehem mit seinen blonden Kreuzsahrerkindern haben sich die Christen angeeignet, und die Höhle Machpela ist von den Moslem besetzt worden, zugebaut, überwölbt, mit engen Gassen umlagert; die zudringlichsten Führer ganz Arabiens umwimmelu sie und setzen sich wie Fliegen auf die Reiseuden. Ach, es ist schon arg, zu empfinden: das eigentliche Erez Israel und Judenland liegt noch tief im Boden, und die fremden Kulturen besiedeln nach immer mit dem Recht des Stärkeren seine Oberfläche — falsche und vergängliche Bemühungen. Aber die Felsen sind echt, das Land ist es, der Himmel ist es, noch türkisblau, noch nicht durchglüht von älterer Sonne, all die faltigen Täler sind es, all die Steine, die Judas Größe gesehen haben und seinen Fall. Oh, er, de Vriendt, der hier in den schwarzen Lederpolstern lehnt und gierig den Fahrwind atmet — er ist ein gebildeter Mann, er weiß selbst den leisesten Spott zu verdrängen, den ihm die Glaubensaulagen der Messias-Religionen abnötigen, all die Grabes-, und Geburtskirchen, Marien-Grotten und Propheten-Höblen. Er weiß, daß Josephs Grab nicht mehr Josepchs Grab ist, daß das Grab des Propheten Samuel zwar in der Gegend von Mizpa liegen wird, aber^nicht notwendig dort, wo die Führer es weisen, und daß all die Errichtungen und Beschriftungen vergängliches Menschenwerk sind. Siegen nicht die Straßen des eigentlichen Jerusalem, des heiligen, bis zu achtzehn Meter tief unter dem Schutt der Zerstörungen begraben, über dem sich das heutige Steinpflaster wölbt? was soll dann aber dem ernsthaften Sucher die gegenwärtige Via Dolorosa mit gll ihren Pilatushöfen, Kaiphashäusern und Leidensshationen? und sind nicht die Archäologen glücklich, wenn sie Ruinen und Reste, Fußböden und Säulen aus den Zeiten des römischen Judäa ausgraben, des hellenistischen, all der Herodes, Agrippa und Antigonos, die doch das Ende der jüdischen Antike darstellen, nicht einmal ihre Spätform? Nein, meine Herren von beute, das Wahre Land Israel wird austauchen, wenn die Zeit erfüllt ist, wenn die Menschen reis sein werden, nach der Gesetzgebung vom Sinai und der mündlichen Lehre zu leben und nicht n'.ehr das vergängliche Jahr 1929 als einen Gipfel vorläufiger Entwicklung anpreisen, das doch nur ein besonders tiefes Wellental des Abstiegs darstellt. Ja, dort unten liegt Hebron. Hier wohnt eine Minderzahl von Juden in enger Nachbarschaft mit zwanzigtausend Arabern, besonders reizbaren Muslim, leicht zu sanatisieren — Kleinbürger, angesteckt von nationalistischer Aufklärung durch Schulen, Lehrerseminare und Fremdenindustrie. Die Juden sagen, sie kämen mit ihren Nachbarn ganz leidlich aus; es gibt aber nur Juden der alten Art hier, fromme Männer, eine Jeschiwa oder Talmudhochschule, handeltreibende Familien, viele Kinder. Das Land gehört den Essendis; die Stadt dehnt sich weitbin über die Hügel, die einst die Herden Abrahams sahen und den Hain Mamre. „Jehudi, Jehudi", schreien die Kinder vom Wege her. Ein Stein klappert an das Blech der Rückwand. Er kann ebensogut vom Rad aufgeschleudert sein; aber Esra, der Chauffeur, kennt die Gegend. Er weiß, er ist in Hebron, diesen Stein hat ein arabisches Kind geschleudert. Israel in Newpork von Pierre Guody und Moi'se T w'e r s k y, 288 Seiten mit künstlerischem Osssetumschlag von Georg Salter. In Ganzleinen geb. M. 5.—, elegant kartoniert M. 3.90. Phönix- Verlag Carl Siwinna, Berlin SW 11, Tempelhoser User 31. Das Buch will ein Stück Zeitgeschichte in Form eines Romanes geben. Wäre der Titel des Buches ernst gemeint, dann wäre er unrichtig. Nicht um Israel geht es bei dieser Darstellung, sondern um eine Gruppe von jüdischen Einwanderern der ersten Generation. Diese finden sich mit den Problemen, welche Newhork und Amerika allgemein den aus Osteuropa übersiedelnden Juden zur Lösung ausgibt, weltanschaulich und praktisch recht verschieden ab. Aehnlicher literarischer Stofs ist in den letzten Jahren wiederholt behandelt worden. Im vorliegenden Buch ist aber nicht die Rede von den inneren und äußeren Konflikten zwischen der Eltern- und Kindergeneration in der ghetto-freien amerikanischen Umwelt, das Leben spielt sich auch nicht in der Familie ab, junge Menschen suchen ohne Familie Stellung und Stand im wirtschaftlichen Leben und in der Ideologie der neuen Welt, Treffpunkt für den Austausch der Erfahrungen und für kritische Betrachtung der Umwelt ist das Kaffeehaus und das Versammlungslokal. Gesühlsverhaftete Stimmung, Wehmut oder gar Sentimentalität

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