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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1932-12-01 · 12 (12.1932) · p. Seite 2

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
7 (1932)
Issue
12 (12.1932)
Date
1932-12-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Eine „Ehanukkah"-Betrachtung. Von Lazarus Friedmann, Mainz. Die gegenwärtige Lage der Juden in Deutschland ähnelt in vieler Beziehung der Lage der Juden vor und während der Hasmonäischen Zeit. Die Beschäftigung mit geistigen jüdischen Werten wurde iu den Jahrzehnten vor dem Austreten der Makkabäer sehr vernachlässigt und lief Gefahr, im Laufe der Zeit gänzlich ausgeschaltct zu werden. Das Schicksal verschiedener kleiner Völker, die durch ihre Aupassung an den Hellenismus ihreu Untergang verursachten, drohte auch dem damaligen Judentum, zumal große Uneinigkeit zwischen verschiedenen religiösen Anschauungen innerhalb der Judcnheit — Chassidäern und Freisinnigen — herrschte. Da trat eine Wendung ein: Die Anpassung der Juden an die griechische kulturelle Umwelt, die bis dahin eine freiwillige gewesen war, genügte dem König Antiochus nicht. Er wollte urit G c - w a l t ihre Religion beseitigen, um den vollständigen Untergang des Volkes zu beschleunigen. Unter harten Strafen verbot er die Einhaltung der wichtigsten jüdischen Gesetze, schaffte den Dienst im heiligen Tempel ab und ersetzte ihn durch den Kultus der heidnischen Götter. Da einigten sich die verschiedenen politischen und religiösen Richtungen, sogar die, welche dem Judentum fast ganz entfremdet waren, fanden sich zurück, um diese Brutalität zu bekämpfen und das jüdische Heiligtum zu schützen. Die Heldentaten der Makkabäer, die durch ihre Begeisterung die Judenheit aufrüttelten und die große Ucbermacht des syrischen Heeres besiegten, sind Ruhmestaten in der Geschichte des jüdischen Volkes. Die Gefahr des Untergangs des Judentums wurde infolge des gewaltsamen Vorgehens des Antiochus abgewandt, die Kultur der Umwelt wurde nur soweit augenommeu, als sie mit der jüdischen Lehre zu vereinbaren war. Ist nun die heutige Lage der deutschen Juden nicht beinahe ebenso kritisch, wie die der damaligen Zeit? Führte denn nicht der fortschreitende Eintritt in die Kultur der Umwelt zur Vernachlässigung der jüdischen Kulturgüter? Grundlegende jüdische Gesetze wurden nur von Wenigen beobachtet, Mischehen, Austritte aus den Gemeinden usw. vermehren sich fortwährend. Die Organisationen und Verbände haben nur einen lockeren Zusammenhang, manche arbeiten sogar gegeneinander. Darf man auch in unserer Zeit erwarten, daß durch das Auftreten der Judengegner, die — gleich Antiochus — eine gewaltsame gänzliche Vernichtung der Juden erstreben, ein neuer Makkobäergeist entsteht, der die in Parteien zersplitterte Judenheit wieder einigt, um mit vereinten Kräften dem gemeinsamen Feind mit Erfolg entgegcntreten zu können, und auch den notwendigen inneren Frieden bei uns Juden herstellt? Wenn die Aussichten dafür vorerst noch sehr gering sind, so ist doch immerhin eine kleine Besserung bemerkbar. Ter um sich greifende Judenhaß übt bei manchen Juden eine heilsame Wirkung aus, erweckt jüdische Gefühle, Selbstbewußtsein, und läßt ihn seinen eigenen Wert erkennen. Unsere Jugendgeneration bekommt nach und nach Interesse an jüdischem Wissen und am jüdischen Leben, das Gefühl der Zusammengehörigkeit nimmt allmählich zu. Wir wollen also hoffen, daß, so wie seiner Zeit das Auftreten des gewalträtigen Antiochus zum Erwachen und Aufblühen der Judenheit führte, auch heute, die Hetzereien und Verleumdungen von seiten der Judenfeinde zur Aufrüttelung der Judenheit und zur Besinuung auf sich felbst sichren. Iudentaufen im 17. Jahrhundert in Gietzen. Nach Mitteilungen des Pfarrer Bechtolsheimer-Gießen. Im 17. Jahrhundert scheint in der lutherischen Kirche eine förmliche Wut geherrscht zu haben, Andersgläubige dem Luthertum zuzuführen. Teilweise wurde dieser Glaubenswechsel an Menschen vorgenommen, die alt, krank und dem Tode nahe waren. Die Gießener Kirchenbücher berichten eingehend darüber. Die katholische Geistlichkeit machte es, besonders in der Zeit nach dem 80jährigen Kriege, wo sich die Seelenhirtcn beider Konfessionen mit erbitterter Schroffheit gegenüber standen, nicht anders. Auch sie suchte evangelische Christen mit allen Mitteln für die alleinseeligmachende Kirche zu retten. Mit Vorliebe scheint man aber damals Juden getauft zu haben. Von jeder solchen Taufe hat man in Gietzen ein ganz besonderes Aufheben gemacht. Im Taufbuche der Burgkirche hat mau uuter dem 9. Juli 1682 folgendes verzeichnet: „Sonntag, den 4ten nach Trinetatis ist ein Jud aus Polen bei 58 Jahren nahmens <aöw Mohses Meier getauft worden, nachdem er vorher in unserer christlichen Religion unterrichtet worden und sein Glaubensbekenntnis in öffentlicher Gemeind vor dem Taufstein gethan." Wie wichtig man es mit dem Taufen erwachsener Juden genommen hat, geht daraus hervor, daß der damals regierende Landgraf und mehrere adlige Herren die Taufpaten waren. „1686 am 1. August" — steht im Kirchenbuche verzeichnet — „ist ein Jude aus Friedberg Joel getauft worden und Philipp Christian genannt. Gott sei Dank für seine Erleuchtung. Er lasse sie ihm kräftig und beständig sein zum ewigen Leben und durch unfern Herrn Jesum Christum Amen." — Ein weiterer Eintrag meldet „Ludwig Christian aus dem Judenthumb zum christlichen Glauben durch Gottes Gnade geführt, aus Prag in Böhmen bürtig eures Rabbi Sohn." Ihren Höhepunkt erreichten diese Taufhandlungen mit erner Feier die im Jahre 1670 am 31. Juli in der Stadtkirche ftattfand. Es heißt darüber, daß „7 Persorren, welche Juden bisher gewesen, als Vatter und Mutter mit 4 Kindern und noch eine ledige Mannespersohn, nachdem sie vorher in dem christlichen Glauben fleißig unterrichtet worden, auch sich zu demselben öffentlich bekannt haben, getauft wurden in öffentlicher sehr volkreicher Gerneind und sehr großer Menge Volks, Einheimischer und Frernder; Dem Patter ward der christliche Name Ludwig Christian, der Mutter der Name Sophie Christina, der ledigen Mannspersohn Georg Christian, dem ältesten Sohn der Eltern Friedrich Christian, der ältesten Tochter Elisabeth Christina, der zwerhten Tochter Dorothea Christina, der jüngsten Tochter Juliane Christina gegeben. Gevattern: Landgraf Ludwig, seiue Gemahlin Elisabeth Dorothea, die verwitwete Landgräfin Sophia Eleonora zu Darmstadt, Landgraf Georg zu Nöhla und Gemahlin Alexandra, die beiden Prinzen zu Darmstadt Landgraf Ludwig und Landgraf Friedrich, der Graf von Kirchberg Präsident zu Darmstadt, die sämmtlichen Corpora, geistliche und weltliche, die Universität, die Regierung zu Gietzen, General Baumbach, die sämtlichen Gauerben im Busecker-Thal." Pfarrer Bechtolsheimer schreibt hierzu: „Man sieht, daß man aus dieser Judentaufe eine hochbedeutsame Staats- und Kirchenaktion gemacht hat. Nicht in der Stille, etwa im Pfarrhause oder iu der Sakristei der .Kirche, wie man jetzt wohl Erwachsene tauft, hat man diese Taufen vollzogen, sondern feierlich am Sonntag morgen, vor der ganzen Gemeinde. Jedenfalls hat man diese Feier vorher gehörig bekannt gemacht, sonst hätte sich nicht eine so volkreiche Gemeinde in der Kirche zusammen gefunden. Gewiß hat die Neugierde viele in das Gotteshaus geführt, man wollte die seltsamen Menschen sehn, die seither Juden gewesen waren und nun Christen werden wollten. Sicherlich hat man in den Tagen vor dem Taufakt in den Wirtsstuben, auf den Straßen, in den Häusern und Werkstätten viel von dieser Judentaufe geredet. In einem späteren Eintrag ist gesagt, es seien viele Tausend hierbei iü der Kirche gewesen, aber das kann nicht möglich sein, denn die alte 1809 niedergelegte Stadtkirche hat kaum 1000 Meuschen Raum gewähren können. Wenn man hört, daß die höchsten Personen des Landes, der Adel der Umgebung von Gießen und die Notabein des Gemeinwesens, wenn sie bei der Taufe auch nicht alle persönlich anwesend waren, im Taufbuche genannt wurden, was doch incht ohne deren Zustimmung geschehen ist, so kommt man zu dem Schluß, daß es in den Kreisen des Hofes und der Geistlichkeit im l8. Jahrhundert als ein besonders verdienstvolles Werk angesehen wurde, Juden zum christlichen Glauben zu bekehren. Etwa Vier- Monate später, am 26. November 1670, ist übrigens einer der Täuflinge Georg Christian in der Lahn ertrunken? Er soll sich bei Hochwasser des Flusses am Abend, nach einem Eintrag im Sterberegister, an der Lahnbrückc verirrt und dabei sein Ende gefunden haben. Die Judentaufen hat meistens damals der Superinteiident und Professor Peter Haberkorn, gestorben 1676, vollzogen. Er hat sonst nicht getauft, scheint aber sich eine besondere Ehre daraus gemacht zu haben, durch den Taufakt Juden dem christlichen Glauben zuzuführen." Soweit die Kirchenbücher und die Mitteiluiigen des Pfarrer Bechtolsheimer. Ueber die Motive und die Gründe, welche für diese jüdischen Menschen damals bestanden haben, sich taufen zu lassen, berichten natürlich die alten Eintragungen iiichts. Gustav Wohlmuth-Gießeu. Aus unseren Verbandsgemeinden. Alsfeld. Am nnas* starb nach einem längeren Leiden, welches sie mit großer Geduld und Ergebung getragen hat, Frau Bertba Flörsheim geb. Adler in einem Älter von 65 Jahren. Mit der Heimgegangenen ist eine, im besten Sinne des Wortes^ pflichtaetreue und liebevolle Gattin und Mutter aus dem Leben geschieden. Mit der Güte und Milde ihres Wesens'vereinte sich 2

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