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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1932-11-01 · 11 (11.1932) · p. Seite 3

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
7 (1932)
Issue
11 (11.1932)
Date
1932-11-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Es zeugt für die außerordentliche Bedeutung des Problems der Erwerbslosigkeit unter den Juden, daß sämtliche im Wirtschaftsausschuß vertretenen Richtungen des deutschen Judentums einhellig den Versuch unternehmen wollen, den von den gegenwärtigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten am schwersten Betroffenen, den jüdischen Arbeits- und Erwerbslosen, durch vereinte Anstrengung aller jüdischen Kräfte Linderung ihrer Not zu bringen. Die geplante Werbeaktion soll keine Hilfsaktion im üblichen Sinne werden, d. h. es geht hier nicht darum, Almosen zu sammeln oder zu erbitten, um aus dem Ertrag derartiger Sammlungen den Erwerbslosen zu helfen. Es geht vielmehr darum, durch eine Zusammenfassung aller Kräfte den Versuch zu machen, dort, wo cs heute noch möglich ist, dem jüdischen Erwerbslosen Arbeit und damit Brot zu beschaffen. Die Durchführung der Aktion ist der „Vor einigten Zentrale der jüdischen Arbeitsnachweis e", Berlin-Charlottenburg, Kantstraße 158, unter engster Mitwirkung der zentralen Organisationen des deutschen Judentums übertragen worden. Sämtliche jüdischen Veranstaltungen und Versammlungen, die im Lause des November stattsinden, sollen der Werbung von Arbeitsplätzen für jüdische Erwerbslose nutzbar gemacht werden. Darüber hinaus sollen in möglichst vielen Gemeinden Gemeindeversammlungen, Besprechungen von Arbeitgebern, Werbung von Vertrauensleuten für die Arbeitsnachweise durchgeführt werden. Die jüdische Presse, die gesamte jüdische Oessentlichkeit sollen in weitestem Umfange zur Unterstützung dieser Werbearbeit herangezogen werden. Zum ersten Male soll hier, getragen von dem organisierten Willen des deutschen Judentums, eine Aktion durchgesührt werden, deren Bedeutung über die Grenzen der Gemeinden, Organisationen, Parteien und Weltanschauungen hinausgeht. Der tiefere Sinn dieses Werbemonats soll auch darin bestehen, der maßlosen Hetze, in der dem deutschen Judentum nicht nur die politische Gleichberechtigung, sondern auch das Recht, in der Wirtschaft tätig zu sein, das Recht aus Arbeit und damit das Recht aus Leben bestritten wird, durch Zusammenschluß aller Kräfte, den entschiedenen Willen zum Leben und zur Selb st Hilfe entgegenzusetzen. Ungeachtet des außerordentlichen Umsanges der deutschen Arbeitslosigkeit gibt es auch heute noch in nicht zu unterschätzendem Umsange lebensfähige und mit Beschäftigung versehene Betriebe und Unternehmungen. Innerhalb dieser gesunden Teile der Wirtschaft vollzieht sich ein steter Personenwechsel, werden Stellen neu besetzt oder neu geschaffen, wird immer wieder ein großer Teil von Arbeitskräften neu eingesetzt. Die jüdischen Arbeitsuchenden können jedoch an diesen auch jetzt noch vorhandenen Arheitsmöglichkeiten nicht partizipieren, weil sie, verloren in dem Millionenheer der Arbeitslosen, fast gänzlich isoliert sind. Die Zahl der Betriebe, die den jüdischen Erwerbslosen den Zutritt zur Arbeitsstelle nur deshalb verweigern, weil sie Juden sind, wird von Tag zu Tag größer. Wirtschaftszweige, in denen die Juden früher vorherrschend waren, lehnen es immer mehr ab, aus Angst vor Konkurrenz, jüdische Angestellte oder Arbeiter anzustellen. Der jüdische Arbeitsuchende verliert damit die Möglichkeit der Bewerbung auch bei vorurteilsfteien Arbeitgebern, er ist vielfachen Gehässigkeiten und Demütigungen ausgesetzt, wenn er den Versuch macht, im Rahmen der allgemeinen Wirtschaft, sich um eine fteie Arbeitsstelle zu bewerben. Dieser Boykott arbeitswilliger Menschen aus Gründen eines gehässigen Antisemitismus bedeutet nicht nur eine Gefahr für die Stellung der Juden in der deutschen Wirtschaft überhaupt, er ist eine allgemeine Gefahr für den Aufschwung des Wirtschaftslebens, denn er ist in seinem innersten Wesen nach wirtschaftsfeindlich. Keine Wirtschaft verträgt es für die Dauer, daß irgendeine Gruppe in ihr aus politischen oder aus religiösen Gründen mit offener oder versteckter Gewalt verdrängt wird. Deshalb bedeutet die Aktion für unser Recht aus Arbeit nicht nur einen Protest gegen den Antisemitismus in der Wirtschaft, sondern auch gegen die wirtschaftsschädigende Bedeutung jeder Bohkottbewegung. Unsere Aktion wendet sich deshalb zuerst und vor allen Dingen an die gesamte Oessentlichkeit, an die Reichs- und Staatsbehörden mit der dringenden Forderung, alle Machtmittel des Staates gegen derartige wirtschastsseindliche Methoden, wie sie heute den Juden gegenüber zur Anwendung kommen, einzusetzen. Von den Wirtschastsverbänden, Parteien und Gewerkschaften der Arbeiterschaft erwarten wir, daß sie auch die Interessen ihrer jüdischen Mitglieder wahrnehmen und sie vor der drohenden Gefahr der völligen Verdrängung aus der Wirtschaft schützen. Wir wenden uns an alle Arbeitgeber, die noch frei sind von antisemitischen Vorurteilen mit der dringenden Bitte, die jüdischen Arbeitsuchenden, die in ihren Leistungen allen anderen Arbeitsuchenden gleichwertig sind, nicht deswegen aus der Konkurrenz um die freie Arbeitsstelle auszuschalten, weil sie Juden sind. Wir wenden uns insbesondere an die jüdischen Arbeitgeber, die heute noch Arbeitsplätze zu besetzen haben, mit dem dringenden Wunsch, daraus zu achten, daß bei der Besetzung dieser Plätze jüdische Bewerber zur Konkurrenz mitherangezogen und beachtet werden. Den Gemeinden und Organisationen, der gemeindlichen und freien Wohlfahrtspflege des deutschen Judentums fällt hier eine große und wichtige Ausgabe zu. Wir alle wissen, wie gering die Leistungen der öffentlichen und privaten Wohlfahrtspflege im Vergleich zu dem ungeheuren Ausmaß der Not geworden sind. Es gibt keine bessere Wohlfahrtspflege als die 'Arbeitsbeschaffung. Jeder Mensch, der neu in Arbeit gebracht wird, entlastet unsere Wohlsahrtsmittel, macht sie frei für solche, die nicht mehr durch eigener Hände Arbeit ihren Lebensunterhalt erwerben können. Wir erwarten und hoffen, daß alle, die die ungeheure Bedeutung der jüdischen Arbeitslosigkeit erkannt haben, Mitarbeiten werden, um unser Recht aus Arbeit durch Schaffung zahlreicher Arbeitsstellen zu manifestieren. Aus unseren Verbandsgememden. Altenstadt. Am 28. Oktober d. I. konnte Herr Hermann Goldschmidt in körperlicher und geistiger Frische seinen 80. Geburtstag begehen. Der Jubilar versieht heute noch das Vorlesen aus der Thora. Wir wünschen ihm weiterhin einen gesegneten Lebensabend. MV cntwn nxa Friedberg (Hess.). Am 25. November begeht das älteste Mitglied unserer Gemeinde, Frau Adolphine Weil, geb. Strauß, ihren 90. Geburtstag in voller körperlicher und geistiger Frische. Die Greisin versieht noch ihre Hausarbeit wie in früheren Jahren und fertigt noch die schönsten Handarbeiten an. An den Ereignissen der Gegenwart nimmt sie tätigsten Anteil. Leider hat sie vor einiger Zeit ihren ältesten Sohn verloren, so daß ihr die Festesfteude sehr getrübt ist. Wir wünschen ihr noch viele Jahre in gleicher Rüstigkeit. MV Dntyyi NXü ny Ober-Ingelheim. Der hiesige Frauenverein feierte am Schemini- Azeresfeste sein 100jähriges Bestehen. Zur Erinnerung an diesen denkwürdigen Tag stiftete der Verein für die Synagoge ein Porauches. Am Vormittag fand in der festlich geschmückten Synagoge ein Gottesdienst statt. Die an den Ausspruch unserer Weisen „Dein Haus sei weit geöffnet, damit Arme wie Kinder Deines Hauses würden" anknüpfende inhaltsreiche Festpredigt des Herrn Lehrer Ludwig Langstädter machte einen tiefen Eindruck auf die zahlreich erschienenen Gäste. In meisterhafter Weise führte Herr Langstädter die Ziele und den Zweck des Vereins und die Pflicht der Wohltätigkeit den Anwesenden vor Augen. Nach Rezitation mehrerer Psalmen sprach Herr Lehrer Langstädter ein Gebet, in dem er Gottes Beistand für das segensreiche Wirken des Vereins erflehte. Sodann ergriff der erste Vorsitzende der Gemeinde, Herr Ferdinand Oppenheimer das Wort, begrüßte Herrn Bürgermeister Dr. Nückert als Vertreter der Zivilgemeinde und die Vorstands- 3

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