Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 7 (1932)
- Issue
- 6 (6.1932)
- Date
- 1932-06-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Öffentlichkeit unter Namensaugabe der betreffenden Gemeinde und ihrer Mitglieder) ergeben könnten, auftadcn müßten. Angesichts der heutigen Notlage, find wir leider nicht inehr in der Lage, den von uns geführten Kampf, der eine Besserung- und Sicherstellung der Einkommensvcrhältuisse und Rechte der jüdischen Lehrer in vielen Kleingemeindcn bezweckt, in der bisherigen Form weiter zu führen. Wir beugen uns vor diesen harten Tatsachen und müssen vorerst den Kampf, der in den letzten Jahren-doch Erfolge aufzuweiscn hatte, vertagen auf eine bessere Zeit. Wir Lehrer stehen auch angesichts der Not, die in so zahlreichen Häusern unserer Gemeinden eingekehrt ist, nicht tatenlos bei Seite, sondern cs ist heute Ehrenpflicht eines jeden jüdischen Lehrers, nach besten Kräften dieser Not zu steuern und teilnahmsvoll an dem Geschick seiner Gemeindeangehörigen teilzunehmcn. Mit dem Landesverband israelitischer Religionsgemeinden Hessens wurde auch im abgelausenen Jahre ein großes Stück Arbeit gemeinsam geleistet. Es sei auch an dieser Stelle anerkennend bervorgchoben, daß der Landesverband, trotz seiner beschränkten Geldmittel, sich um die Hebung und Förderung des jüdischen Lebens in Hessen große Verdienste erworben hat. Nach wie vor fließt ein großer Teil der aufgebrachten Geldmittel in kleine, leistungsschwache Gemeinden, wird dort in erster Linie zur Bestreitung des Religionsunterrichtes benutzt und kommt so. wenn auch in indirekter Weise, einer ganzen Anzahl von jüdischen Lehrern zugute. Eine jede jüdische Gemeinde, von der es feststeht, daß sie leistungsunfähig ist, kann die Hilfe des Landesverbandes in Anspruch nehmen, und es muß ebenfalls anerkennend hervorgehoben werden, daß der Verband seine Hilfe solchen Gemeinden gegenüber niemals versagt hat. Es ist daher ganz unbegreiflich, daß auch heute manche Gemeinden aus Kurzsichtigkeit oder anderen nichtssagenden Gründen den: Landesverband noch fernstehen und es auch heute noch nicht begriffen haben, daß der Landesverband keine Lehrerangelegcnheit ist, sondern daß er eine eminent wichtige Ausgabe innerhalb der hessischen Judenheck zu erfüllen hat. Wir hoffen, daß durch das neue Steuersystem, das der Verband einzuführen beabsichtigt, diese Hilfe in Zukunft noch viel wirksamer für die notleidenden Gemeinden sich gestalten wird, und daß hierdurch die noch vorhandenen Lehrerstellen erhalten werden können. Es freut uns, feststellen zu können, daß in die Kommission, welche die gesetzlichen Grundlagen dieses Steuersystems ausarbeitet, ein Mitglied unseres Vereins, Herr Kollege Strauß, Ofsenbach, gewählt worden ist. Möge die Arbeit dieser Kommission von bestem Erfolge gekrönt sein! Aus unserer vorjährigen Tagung wurde einstimmig ein Antrag angenommen, der den Vorstand beauftragte, gegen die Anstellung nicht ordentlich vorgebildeter Lehrer Schritte zu unternehmen. Zunächst mußte einmal sestgestellt werden, wieviele solcher „Lehrer" in Hessen amtieren. Es ergab sich, daß in Starkenburg zehn Herren, in Oberhessen einer und in Rheinhessen ebenfalls ein Herr in jüdischen Gemeinden als Lehrer, Kantor und teilweise auch als Schochet fungieren, die alle keinerlei Vorbildung aufzuweisen haben, welche wir Lehrer als Vorbedingung zur Ausübung unseres Berufes ansehen. Wir sind bei dieser Aufstellung nicht kleinlich gewesen, haben, was wir sonst stets fordern müssen, noch nicht einmal den Maßstab der seminaristischen Ausbildung als Grundlage genommen, denn sonst wäre diese Liste noch größer geworden. Aber es ist doch erschreckend, daß in Hessen zwölf solcher „Auchlehrer", davon zehn allein in einem Rabbinat, vorhanden sind, deren Qualifikation zum Lehrer auch in keinem einzigen Falle erbracht werden kann. Wir haben uns in Verbindung mit den Behörden gesetzt. Leider haben wir bis jetzt keine Erfolge, denn die vorhandenen Gesetze reichen nicht aus, um gegen diese Uebelstände vorzugehen und diesen Herren das Handwerk zu legen. In den letzten Monaten haben wir nun eine Aktion unternommen, über die ich heute noch nicht reden kann, von der ich aber hoffe, daß sie uns in unserem Kampfe Erfolge bringen wird. Innerhalb des Tätigkeitsbereichs des Landesverbandes wird in Zukunft kein solcher „Lehrer" mehr angestellt oder subventioniert werden. Durch einen Antrag, den wir im Schulausschuß stellten, wurde dies erreicht. Jedoch auf die Gemeinden, die nicht zum Landesverband gehören, haben wir keinen Einfluß, und diese werden solch billige Kräfte, von denen manche noch nicht einmal eine ordentliche Volksschulbildung aufweiscn können, immer den teueren wirklichen Lehrern vorziehen und es muß leider auch gesagt werden, daß van einer bestimmten Stelle in Hessen die Anstellung dieser „Lehrer" nicht behindert, sondern sogar sehr gefördert wird. Dagegen müssen wir uns mit aller Entschiedenheit wenden, und ich erkläre hiermit, daß wir nichts unversucht lassen werden, um diesen Uebelständen ein Ende zu bereiten. Wir brauchen diese Herren nicht, von denen verschiedene in anderen Berufen Schiffbruch erlitten haben und dann schnell in die Kutte des jüdischen Lehrers gesprungen sind. Sie sind nicht nur ein Krebsschaden für den ordentlichen jüdischen Lehrerstand, sondern gar manche von ihnen sind durch ihr Auftreten eine Schande für das Judentum. Es ist leider heute schon so, daß ordentlich vorgebildete Junglehrer kaum mehr eine Stelle 4 finden. In Hessen warten verschiedene junge Lehrer, die unlängst ihre Prüfungen abgelegt haben, auf Anstelluug und sie können keine finden, weil ihnen die Stellen durch diese Elemente weggenommen wurden. So ist zugleich diese Angelegenheit eme Lebensfrage für die jüdische Lehrerschaft. Sollte hier ke:ne Aenderung eintreten, so können ruhig die noch wenigen Bildungsstätten für jüdische Lehrer, welche übrigens angesichts der heutigen Verhältnisse, ihren Schulbetrieb auf einige Jahre ganz bedeutend e:uichränken dürften, ihre Pforten für immer schließen. Geht es auf diesem Gebiete so weiter, so wird in sehr kurzer Zeit em Ueberaugebot von jüdischen Lehrern vorhanden sein und cs werden jene Zustände einreißen, die wir als überwunden glaubten. Es sind in Hesse:: genug wirkliche Lehrer vorhanden, um für die noch bestehenden Gerneinden auszureichen. Durch eine gütliche Auseinandersetzung und vernünftige Organisation wäre es leicht möglich, in jeder hessischen Gemeinde den Unterricht durch eiuen ordentlichen Lehrer ausüben zu lassen. Gar mancher Lehrer wäre heute gerne bereit, in lehrerlosen Kleingemeindcn den Unterricht noch mitzuversehen und beide Teile würden durch eine solche Regelung nicht schlechter fahren. Aus alle Fälle müssen wir Lehrer einstimmig die Forderung erheben, daß nun endlich auch in Hessen Schluß mit der Anstellung solcher Lehrer gemacht wird. Auf den letzten Tagungen unseres Vereins hörten wir Vorträge der Kollegen Bayer, Lichtenstein und Strauß, die sich mit einer besseren pädagogischen Gestaltung des hebräischen Unterrichts befaßten. Die Kollegen Lichtenstein und Strauß haben auch inzwischen ihre Uebungstafeln und übrigen Schulmittel für diese schon immer schwierige Materie unseres Unterrichtsbetriebes herausgegeben. Es darf wohl ohne Uebertreibung gesagt werden, daß die Vorträge und sonstigen Arbeiten dieser drei Kollegen als überaus beachtlich angesehen werden, und zu einer intensiven Befruchtung des Sprachunterrichtes führen können. Ich selbst habe die Uebungstafeln der Osfenbacher Kollegen in meiner Schule eingeführt und ich kann sie als eine durchaus wertvolle Bereicherung des Unterrichts bezeichnen und sie einen: jeden jüdischen Lehrer wärmstens empfehlen. Wir haben auf unserer heutigen Tagung diesen Kollegen wiederum das Wort gegeben, damit dieselben vor dem Forum einer jüdischen Lehrerschaft ihre Ideen vertreten und bekannt geben können. Als Mitglied des Reichsverbandes der jüdischen Lehrervereiue Deutschlands haben wir unsere Pflichten dieser Körperschaft gegenüber erfüllt. Leider konnten infolge der wirtschaftlichen Verhältnisse die geplante allgemeine Versammlung und die ebenfalls vorgesehene Vorstands- und Ausschußsitzung nicht stattfinden. Diese Umstände haben die Arbeiten des Reichsverbandes nicht gefördert und tragen auch nicht dazu bei, das Zusamu:eugehörigkeitsgefühl innerhalb der jüdischen Lehrerschaft zu stärken. Hoffen wir auch hier, daß gar bald bessere Zeiten es eruwglichen, daß der große Verband bald wieder seine volle Tätigkeit aufnehmen kann und daß dann wieder von ihm ein jeder Verein und damit jeder einzelne jüdische Lehrer die Impulse empfange:: kann, die zur Ausübung unseres Berufes unerläßlich sind. Wir wollen auch heute davon absehen, Ihnen alle Details aus der Fülle unserer Kleinarbeit aufzuzählen. Sie dürfen versichert sein, daß wir gar manche freie Stunde den: Verein und seinen Ausgaben widmen mußten. Im Laufe des nun abgeschlossenen Vereinsjahres erkrankte der 2. Vorsitzende unseres Vereins, Herr Kollege Simon, Darmstadt, und mußte sich einer schweren Operation unterziehen. Mit Gottes Hilfe ist er zu unserer Freude wieder genesen, doch hat er das Amt des 2. Vorsitzenden des Vereins zu unserem großen Bedauern niedergelegt und er ist auch nicht zu bewegen, dieses Amt wieder anzunehmen. Herr Kollege Simon, der schon seit Jahrzehnten in der vordersten Stelle der hessischen jüdischen Lehrerschaft steht, gehört mit zu den Gründern unseres Vereins. Er hat sich um diesen Verein und zugleich auch für die hessische Lehrerschaft große Verdienste erworben. Mit Wort und Tat war er stets zur Stelle, wo es galt, unsere Interessen zu vertreten. Seine Wahrheitsliebe und sein unbestechlicher Gerechtigkeitssinn, sein Mut und seine Unerschrockenheck, sowie seine natürliche Rednergabe befähigten ihn, Wortführer seiner Kollegen zu sein. Wir danken ihm für all das, inas er für unseren Verein getan hat und wünschen ihm für sein we:teres Leben ungestörtes Wohlergehen und eine glückliche Zu- Jch bin am Schlüsse meines Berichtes angelangt. Viel Schönes konnte ich Ihnen nicht berichten, schwere Sorgen, die wir für die Zukunft des jüdischen Lehrerstandes leider hegen müssen, konnte ich Ihnen nicht verhehlen. Doch die jüdische Lehrerschaft, die selbst seit Jahrzehnten unter den widrigsten Umständen stets bestrebt ivar, ihre Pflicht zu tun, wird auch in dieser traurigen Zeit nichts versäumen und alles tun, was ihr der hl. Glaube, welchem sie Aent, was ihr Pflichtgefühl und ihr Standesbewußtsein von ihr verlangt. Von dieser Ueberzeugung und Zuversicht durchdrungen, werden wir auch weiterhin unseren Berus ausüben: „Lichwaud Hamokaum, w'lichwaud Hattauroh".