Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 7 (1932)
- Issue
- 3 (3.1932)
- Date
- 1932-03-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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gekommen, die überall zum Angriff gegen die Religion rüsten und werben. Gottlosenbünde suchen schon die Jüngsten dem Glauben und der Gläubigkeit zu entfremden. Ein Kamps der Geister gegen die Welt der Religion ist überall im Gange. Willst du in dieser Zeit dreifacher Not, der wirtschaftlichen, der weltanschaulichen und der religiösen, deine Gemeinde verlassen, die Kämpfenden dem Schicksal der Vereinsamung preisgeben, im Rechtskampf die Ringenden verleugnen? Womit begründest du deinen Austritt? Angeblich mit deiner verneinenden Einstellung zum Kultus, zur äußerlichen Betätigung der Religionsgemeinde. Hast du vergessen, daß die Gemeinde neben ihrer kulturellen Wirksamkeit eine philanthropische, eine kulturelle, eine soziale und eine erziehliche Arbeit in größtem Stile zu leisten hat? Fühlst du nicht, daß der Verfall oder auch nur der Niedergang deiner Religionsgemeinde auch dich selbst und deine bürgerliche Stellung innerhalb deiner Gemeinschaft zerstört? Denn welche Achtung kann der Jude vom Nichtjuden und vor Behörden beanspruchen, wenn er seine religiöse Vertretung verfallen und zerstören läßt, ohne seinen pflichtgemäßen Anteil in ihr zu vertreten? Verdient nicht ein solcher Jude den Vorwurf der erbärmlichen Fahnenflucht? Ist er nicht der wahre Antisemit, der frivole Bundesgenosse unserer Todfeinde? Keine nationalistische Verleumdung vermag die Würde unserer ehrwürdigen Religion, unserer großen Vergangenheit und den Sinn unserer Geschichte in gleichem Maße zu untergraben wie der Abfall unserer Gemeindegenossen in dieser ernsten Zeit. Ihre Untreue belastet die Gerneinschaft, entehrt ihren Glauben, zerstört ihre Einheit. Du bist eilt angeblicher Freigeist! Ich glaube dir deine Freigeisterei rricht. Gerade sie müßte dir sagen: Wenn der moderne Staat die christlichen Konfessionen erhält, dann muß ich aus Gründen der Gerechtigkeit und des geschichtlichen Stolzes beweisen, daß wir das gleiche Recht für unser Judentum fordern. Ist etwa ein Lessing, weil er Freigeist war, aus seiner Gemeinde ausgetreten und ihr in den Rücken gefallen? Bist du ein Vertreter freisinniger und freigeistiger Anschauung, dann hast du die besondere Pflicht, in deiner Gemeinde zu verbleiben und in ihr ausklärend zu wirken. Sei offen! Dein Austritt ist keine Gewissensangelegenheit, sondern eine Geldfrage. Es ist einzig und allein dein öder Materialismus, der dich zum Verlassen deiner Gemeinde veranlaßt. Gestehe es ehrlich: Du, dem es noch gut geht, bist unter der Maske der Freigeisterei nichts anderes und nichts mehr als ein mitleidsloser Fahnenflüchtling, der die ärmeren, die hungernden Brüder und Schwestern als lästige Bettler voll sich abschüttelt. Weil dir der rechte Idealismus fehlt, verleugnest du deine Gemeinde uild mit ihr deine Ahnen, Deine Geschichte, den Mutterboden Deiner Persönlichkeit und betreibst, vielleicht ohne es zu beabsichtigen, die Geschäfte unserer Gegner. Du bist — geschichtlich gesehen — ein Gräberschänder, denn du entwiirdigst ltnD beschimpfst die Grabstätten Deiner Vorfahren, Die für Gott gelebt und mit dem Bekeniltnis der Treue zum Judentum aus dem Leben geschieden sind. Was früher die Taufe lvar, also erbärmliche unnioralische Feigheit, ist heute der Austritt aus der Gemeinde. In den Motiven silld beide ganz gleich niedrig, materiell und egoistisch; in ihren Auswirkungen sind beide ganz gleich entehrend und zerstörend. Wenn lioch ein Funke von Ehrgefühl für die große Vergangenheit deiner Gemeinschaft in dir flammt, wenn lioch eine Spur voll Verständnis für die Achtung in dir lebt, die dem treuell und charaktervollen Menschen gebührt, dann bleibe deiiler religiösen Gemeinschaft treu und opfere deinen Beitrag zur Erhaltung ihrer Einrichtungen. Der Austritt aus Gründen der Steuerflucht ist wahrhaftig keine moralische Entschuldigung deiner Untreue. Das Motto der jüdischen Geschichte heißt: Schände d e ln Ehrlosen, Ehre de m Ehrenhaften und Gesinnulrgstreuen! Jeder Jude trägt in sich die Verantwortlichkeit für das geschichtliche Erbgut von drei Jahrtausendeil. Wer diese Verantwortlichkeit voil sich ablvälzt, dem fehlt der geschichtliche Sinn, dem ist vor Gott und vor Menschen dieses Verantwortlichkeitsgefühl abzusprechen. Die Gegenwart fordert von uns Juden allerlei Opfer; das Steueropser, das wir der Gemeinde bringen, ist ein Ehrenzoll der Treue. Wer sich diesem Opfer entzieht, wer die Pflichten der Gemeinschaft verletzt und verleugnet, lver ihre Kalnpfreihen in Notzeiten feige verläßt, übt Felonie und ist als Fahnenflüchtiger gebrandmackt. Eine Rundfunkzentrale für jüdische Angelegenheiten. Von Lazarus F r i e d m a n n, Mainz. Gelegentlich der Sitzung der Landesverbände jüdischer Gemeinden Deutschlands, die am 31. Januar in Berlin stattfand, ist u. a. auch eine Anregung von Ministerialrat Goslar über die Schaffung einer jüdischen Rundfunkzentrale zur Sprache gekommen. Es ist angebracht, die Schwierigkeiten, die hier im Wege stehen, einer Erörterung zu unterziehen. Die nichtjüdischen Religionsgemeinschaften verbreiten schon seit längerer Zeit ihre Sonntags- und Feiertags-Gottesdienste durch Rundfunk; für den jüdischen Gottesdienst ist es sehr fraglich, ob derartiges durchzuführen wäre. Würde es denn möglich sein, eine einheitliche jüdische Leitung zustande zu bringen, die ihre Rundfunksendungen in neutralem Sinne verbreiten könnte? Bei Den heutigen Meinungsverschiedenheiten zwischen liberalen und linksstehend reformierten Juden, bei der Uneinigkeit innerhalb der Gcsetzestreuen — ist es unwahrscheinlich, daß eine Rundfunkübertragung einer Predigt oder eines Gottesdienstes auch außerhalb des Sabbats allgemeine Zustimmung fände, vielmehr ist zu befürchten, daß der Zwiespalt sich noch verschärft. Dies würde dem Zweck der Rundfunkübertragung zuwiderlaufen und man wird deshalb vorerst auf religiöse Uebertragungen verzichten müssen, obwohl diese im Interesse vieler, auf kleinen Plätzen wohnender Juden wäre, ebenso im Interesse von Kranken, die nicht in der Lage sind, die Synagoge zu besuchen. Trotzdem wünschen wir, daß die Verhandlungen zur Schaffung von Rundfunkübertragungen Erfolg hätten. Es gibt immerhin Angelegenheiten, die für weite Kreise der jüdischen Masse von Wichtigkeit sind, denn ein beträchtlicher Teil der Juden liest keine jüdischen Zeitungen und so bleiben ihnen viele jüdische Fragen und Anregungen unbekannt. Rundfunkübertragungen jüdischer Angelegenheiten wären geeignet, jüdische Zeitfragen bekannt zu machen. Mancher Jude und auch Nichtjude gewänne mehr Interesse an: Judentum und bei den Juden selbst würde zweifellos eine engere und festere Gemeinschaft ausgelöst. Daß diese Gemeinschaft eine Lebensfrage für uns Juden bedeutet, wird wohl niemand bestreiten. Allein, alle Anregungen und Vorschläge zur Erreichung dieses Zieles werden erfolglos bleibei, solange dafür nicht gesorgt wird, daß der größte Teil der Juden im Inneren aufgerüttelt wird. In kultureller und materieller Beziehung könnte es besser um uns stehen, wenn das Bewußtsein für unsere Nöte und Bedürfnisse stärker wäre. Die Leistungen der Gemeindemitglieder würden williger gebracht. Und auch unserer Jugend, bei der das jüdisch-historische Bewußtsein in den letzten Jahren erfreulicherweise zugenommen hat und die ein Verlangen nach jüdischem Wissen und hebräischer Sprache bekundet, wäre gedient. Auch das Solidaritätsgefühl, durch Dcffen Mangel weite jüdische Kreise in der jetzigen schwierigen Zeit schwer zu leiden haben, könnte gestärkt werden. Zur Erreichung dieser Ziele könnte eine jüdische Rundsunkstelle bedeutende Dienste leisten. Unerhörte Verdächtigungen Professor Max Liebermanns. Ter „Angriff" und andere nationalsozialistische Zeitungen stellen in sensgtionellen Veröffentlichungen die Behauptung auf, Professor Max Liebermann, der Präsideiit der Akademie der Künste, habe gegenüber einem französischen Journalisten gefordert, daß die Franzosen für den Fall einer Hitlerregierung das Rhein IrtitD besetzen sollen. Der Centralverein hat Herrn Professor Liebermann gebeten, sich zu Den Vorwürfen zu äußern, und er hat einenr Vertreter des (5.-V. erklärt, das; der gesamte Vorgang erlogen sei. Er habe mit andereii Journalisten auch einen fraiizösischen empfangen, diesem seine Bilder gezeigt, aber nicht ein einziges Wort über Politik mit ibm gesprochen. In der Notiz des „Angriff" werde er als „deutscher Schriftsteller" bezeichnet, ^-chon hieraus gehe die Unwahrheit der Behauptung hervor. Professor Liebermann hat den nationalsozialistischen Blättern Berichtigungen zugehen lassen und den Eentralverein er. mächtigt, die Professor Liebermann unterstellten Aensternngen „von A bis Z als erlogen zu bezeichnen". Aus unseren Verbandsgemeinden. Butzbach. In gewissem Sinne als Reaktion auf die auch hier und in der Umgegend sich stark fühlbar machenden Auswirkungen der nationalsozialistischen Bewegung ist mit Beginn des Wintersemesters ein „neutraler jüdischer Jugeitdverein" gegründet worden. Er hat sich im Laufe der verflossenen Monate relativ schnell entwickelt und kraftvoll behauptet. Neben der Pflege der „Geselligkeit" in den verschiedensten Formen der moderne:; Jugendbewegung gilt die Tätigkeit des Vereins in den regelmäßig Donnerstags abends stattfindenden Zusammenkünften vorwiegend der Erkenntnis der Wesenheit des Judentums und der gegenwärtigen und vergangenen geistigen Strönmngen innerhalb desselben und der Stellungnahme zu den politischen Zeitfragen, insofern sie mit den Interessen des Judentums irgendwelche Berührungspunkte 3