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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1932-02-01 · 2 (2.1932) · p. Seite 9

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
7 (1932)
Issue
2 (2.1932)
Date
1932-02-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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(Fortsetzung von Seite 4.) hundert mehrfach Pläne einer geschlossenen jüdischen Siedlung außerhalb Palästinas gegeben. Im Dezemberheft der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" behandelt der Wirtschaftshistoriker Jakob Lestschinsky diese Pläne in einem Aufsatz „Jüdische Wanderungen und Staatsräume im Lichte der Vergangenheit". Unter den Männern, die in Sibirien, Neurutzland, Amerika und Algier solche Siedlungen begründen wollten, haben sich Philanthropen, Philosophen, auch Rabbiner (wie L. Philippsohn) gefunden. Das gleiche Heft bietet eine lehrreiche Darstellung der Geschichte der Juden in Köln aus der Feder des Rabbiners und Geschichtsforschers Dr. Adolf Kober und den Abschluß der großen Artikelreihe über das jüdische Schulwesen der Gegenwart: B. Weinryb berichtet über die jüdischen Schulen und Lehrerbildungsanstalten in Sowjetrußland. Unter den Besprechungen wird die eingehende Stellungnahme von I. Scheftelowitz zu. dem vielbesprochenen Falascha-Problem weite Kreise interessieren. So schließt dann das Heft würdig den 75. Jahrgang der MGWJ ab. Wer die Zeitschrift bezieht, verschafft nicht nur sich selbst Anregung, sondern hilft auch die jüdische Wissenschaft stutzen, deren aufklärende Arbeit jetzt nötiger ist als je. Man abonniert die Monatsschrift, indem man Mitglied der Gesellschaft zur Forderung der Wissenschaft des Judentums in Berlin wird und den jährlichen Mindestbeitrag von Mk. 10.— an die Gesellschaft (Postscheckkonto Paul Veit Simon, Berlin 7030) oder an einen der Vertrauensmänner sendet,' welche in jedem Heft der Monatsschrift aufgeführt sind. Dr. Eugen Müller: „Judentum und Zionismus. Zur Geschichte und Psychologie einer religionspolitischen Bewegung. Mit 23 Plänen und Zeichnungen." 125 Seiten. Verlag I. P. Bachem, GmbH., Köln. Palästina-Hefte des „Deutschen Vereins vom Heiligen Lande". Heft 4—6. Kart. RM. 3.6O. t An Literatur über Zionismus ist kein Mangel. Verfasser zählt allein in seinem Literaturverzeichnis zirka 50 Bücher auf, dazu eine Menge Zeitschriften. So ist sein Werk eine fleißige Arbeit. Wenn er aber im Vorwort sagt: „Ich war bemüht, die Materie unvoreingenommen und in ernster Sachlichkeit zu behandeln, den Juden zum Nachdenken, den Christen zur Erkenntnis und zum besseren Verständnis der Judenfrage", so muß sestgestellt werden, daß diese seine Bemühung nicht immer gelungen ist. Für ihn ist die „Hineinpflanzung" eines „stammfremden" Volkes nach Palästina „gleichbedeutend mit Umsturz und Revolutionierung des Landes Palästina, mit Zersetzung der Judenheit als eines internationalen religiösen Kulturkörpers und mit der Herausforderung der christlichen Kirchen." (S. 92.) Er sieht nur die negative Seite: die.Thoralosigkeit des Aufbauwerkes (dafür kann er eine Kundgebung des Agudas-Jisroel zitieren), die finanzielle Schwierigkeit, das Araberproblem. Er glaubt auch nicht, daß die Juden für Landarbeit geeignet sind, oder es jemals werden. Besonders merkwürdig berührt es, daß Dr. Müller eine Verbindung von Freimaurern (— freisinnigen Juden!) (S. 96—97) und Zionisten als Schreckgespenst an die Wand malt, noch merkwürdiger, daß er von „sowjetzionistischen Jünglingen" in Palästina spricht. Denn daß Sowjet- Rußland den Zionismus bis zur Vernichtung bekämpft, und daß umgekehrt der gewiß in großen Teilen sozialistische Aufbau in Palästina nichts mit Bolschewismus zu tun hat, dürfte allgemein bekannt sein. Dr. Müller verlangt eine staatliche Neuregelung Palästinas. „Unser Bestreben muß dahin gehen, Palästina politisch zu neutralisieren, um dadurch Friede und Unantastbarkeit der heiligen Stätten sicherzustellen." (S. 93). Die Juden haben kein Recht auf das Land, denn ihre Tradition hat „keine Kontinuität mit der Gegenwart — bis zum 19. Jahrhundert haben sich nur wenige Betjunden in Palästina aufgehalten." (S. 90), dagegen hat sich die christl. Tradition bis auf den Tag erhalten. Außerdem find die Christen in Palästina zu 90 Prozent Araber. Da diese 70 000 christliche Araber (von insgesamt über 1 Million Einwohnern) als' Araber Nachkommen von den Ureinwohnern Palästinas sind und diese schon 1200 Jahre vor Abraham das Land bewohnten, hätten diese die ältere Tradition und ihr Anspruch käme vor dem der Juden. Palästina ist heute ein heißer Bbden. Gegensätze bestehen genug. Man mag zum Zionismus stehen wie man will, niemals war und wird er eine Gefahr für die heiligen Stätten der Christen sein. Dr. Müllers Schrift bietet nicht die einzig mögliche Stellungnahme eines überzeugten Katholiken. Glücklicherweise gibt es auch andere. Trotzdem oder gerade wegen ihrer so ablehnenden und über das Ziel hinausgehenden Stellungnahme, empfiehlt sich für jeden, der sich mit dem Problem Palästinas beschäftigt, die Lektüre der Broschüre. M. N. Otto Heller: „Der Untergang des Judentums. (Die Judenfrage, ihre Kritik, ihre Lösung durch den Sozialismus)". 390 S. Verlag für Literatur und Politik, Wien-Berlin 1931. (Kartoniert 4.50 RM., Leinen 6.50 RM.) Untergang des Abendlandes — Untergang des Judentums, die seit Kriegsende immer wiederkehrende Melodie! Das Judentum gebt unter, weil es die Thora verlassen hat, sagen die einen, weil die Sterblichkeitsziffer die Geburtenzahl überschreitet, sagen dre anderen, und nun kommt Otto Heller und beweist uns, daß das Judentum untergehen muß, weil sonst seine, Hellers marxistische Rechnung nicht aufgehen würde und ein unerträglicher Nest bliebe. Und dabei haben sich die Juden trotz Taufen, Mischehen, Pogromen, Abfall von der Thora und wirtschaftlichem Niedergang von schätzungsweise drei Millionen, ums Jahr 1800, 10 Mill. um 1900 auf 16—17 Mill. in unseren Tagen vermehrt. Zwar brauchte das kein Beweis zu sein, aber so sind eben die Juden: ihr Sterben kleiden sie in das Gewand einer merkwürdigen Vitalität! Das Buch von Heller nun sieht so aus: ein Vorwort sagt uns, daß zwar Marx und Lenin wiederholt und entscheidend btc Judenfrage aufgezeigt und ihre Lösung in der sozialistischen Gesellschaft angekündigt haben, jetzt aber Heller den Versuch unternimmt, „eine historisch-materialistische Darstellung des Gesamtproblems der Judenfrage zu geben", denn „an einer zusammenfassenden, perspektivischen Erörterung der Judenfrage vom proletarischen Standpunkt hat es ... bisher gemangelt". (S. 5.) Und dann zeigt Teil I, wie von diesem Standpunkt aus jüdische Geschichte, jüdische Religion und Zionismus zu bewerten sind. Teil II, wie „das große Werk", nämlich die Eingliederung der jüdischen Kolonisation in den Fünfjahresplan der Sowjetrepublik aussieht, und als Teil III folgt ein „Protokoll einer Reise", durch alle jüdischen Kolonien des weiten Rußland und vor allem durch Birobidjan. Anmerkungen über die vorkommenden Termini und fünf übersichtliche Karten vervollständigen das Werk. Es ist eine fleißige Arbeit. Heller hat viel gesehen und viel gelesen. Er macht ausgiebig Gebrauch von Zitaten, wobei er allerdings sich überall das für ihn Passende herausliest: bei ihm wird RabbinerDr.Herzfeld lBraunschweig, 1879!) mit seiner „Handelsgeschichte der Juden des Altertums" zum Kronzeugen dafür, daß man jüdische Geschichte und jüdische Religion nur vom leninistischen Standpunkt aus begreifen kann und Klatzkiu zum Kronzeugen gegen den — Zionismus! Geschickt zitieren ist die Hauptsache!! Im Kopse eines Bolschewiken läßt sich alles Geschehen dieser Welt, also auch die Geschichte der Juden, auf eine sehr einfache Formel bringen: „Ihr nationales Schicksal ist die Folge der sozialen, ökonomischen Rolle, die ihnen in der Geschichte nicht von ungefähr zuteil wurde. Diese ist den natürlichen Bedingungen entsprungen, unter denen die Juden in die Sphäre der Warenproduktion und der Warenzirkulation eintraten, den Bedingungen, unter denen sie zur Nation wurden". „Es gibt keine nationale Frage, die nicht eine soziale Frage wäre". (S. 15.) Seit Marx ist alles vom „Licht der Wissenschaft von den Bewegungsgesetzen der Gesellschaft erhellt", daß es keine Geheimnisse mehr gibt. Die Juden sind nur ein besonderes Glied in der bürgerlichen Gesellschaft und gehen also mit dieser unter. Untergang des Judentums, das ist „Untergang einer Vergangenheit, deren Bedingtheit: fortzeugend nur Böses' gebar." Trotz dieser Bedingtheit hat sich der Jude aber allmählich den Gesetzen der Gesamtheit der bürgerlichen Welt angepaßt, „aber jene Vergangenheit wirkt im Bewußtsein, das sich langsamer wandelt als das Sein, noch weiter. Wenn sie untergeht, so verschwindet ein jahrtausende alter Popanz, der nichts anderes ist als der Bruder jenes Fetischs, der Ware heißt". (S. 21.) Heller zeigt uns, immer mit — wie gesagt — großartig ausgesuchten Zitaten, den Weg jüdischer Geschichte als den Weg von Händlern, Warenvermittelern von den Nomadenzelten Abrahams bis zu Tietz. Daneben läßt sich tadellos einfach die jüdische Religion erklären, die sich „von ihrem Ursprung an mit der sozialen Funktion der Juden in allen ihren Abwandlungen ursächlich verbindet". „Das strenge jüdische Gesetz, das nicht nur dem einzelnen Menschen, andern gegenüber, ein bestimmtes, durch göttliches Gesetz geregeltes seelisches Gleichgewicht gab, sondern ihn auch zu den verschiedenen sozialen Faktoren und zu der Welt über ihm ins Gleichgewicht setzte, diese Religion, die ihn von Verpflichtungen, die er auf sich nahm, von Fehlern, die er begangen hatte, befreite, die ihm (modern gesprochen), Verrechnungsschecks, Wechsel auf eine bestimmte Seligkeit gab, so eine Religion war nicht zu verachten." (S. 118). „Die jüdische Religion hat es nicht vermocht, sich von ihrem Ursprung zu lösen. Der einzige Versuch, dem dies gelang, war das Christentum. Er mußte .... die soziale Basis des Judentums verlassen und damit auch sein religiöses Gehäuse. Die jüdische Religion ist daher auch in der Gegenwart abhängig vom Schicksal der jüdischen Kaste. Sprengen die Produktionsverhältnisse, die Gesellschaft, die Kaste, so vernichten sie damit auch die jüdische Religion." (S. 122). Es folgt ein Kapitel über den Antisemitismus, das nichts Neues sagt, und die bekannte Betrachtung des Antisemitismus vom sozialistischen Standpunkt aus wiederholt: als Ablenkungsmanöver der Bourgeoisie, um die Proletarier davon abzulenken, aegen die unterdrückende Klasse sich zu wenden. Auch die modernen antisemitischen Rassentheorien wollen nur die entscheidenden Klassenauseinandersetzungen verzögern. Und dann wird der Hauptfeind der Sowjetkolonisation abgetan, der Zionismus. „Der Zionismus ist nichts anderes als die bei Sterbenden oft beachtete 9

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