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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1932-02-01 · 2 (2.1932) · p. Seite 10

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
7 (1932)
Issue
2 (2.1932)
Date
1932-02-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Erscheinung, daß sie unmittelbar vor dem Tod von neuem Lebenswillen .... erfüllt werden, um dann um so rascher ihr Leben auszuhauchen." (S. 18t). Zionismus ist der Versuch des „jüdischen Mittel- und Kleinbürgertums, aus dem Zusammenbruch der jüdischen Kaste einen Ersatz für die verlorengehende Rolle des Judentums zu finden." (S. 153.) Chaluzim sind Jrrgeleitete, die gar nicht merken, wie sie nur der Ausbeutung der jüdischen Bourgeoisie dienen, die ganze Siedlungsarbeit bestenfalls eine Wohltätigkeitsangelegenheit. Dagegen gibt es in Birobidjan weder die Frage nach Geld noch nach dem Geldgeber, kein Wohltäter gibt hier, sondern die Gesellschaft. Achad Haam und Buber find Prediger in der bösartigen Wüste eines unmhstischen Zeitalters, Rettungsanker für die hilflose, bürgerliche jüdische Jugend. Und da Heller anscheinend alles bisher Gedruckte fleißig gelesen hat, ist nicht mal Joachim Prinz mit seiner in zionistischem Sinne geschriebenen „Jüdischen Geschichte" vergessen; weil er dazu noch Rabbiner ist, wird er weniger sanft abgetan. Merkwürdigerweise fehlt eine .Kritik von Kasteins „Eine Geschichte der Juden". War sie bei der Niederschrift Hellers noch nicht erschienen, oder dämmerte ihm bei der Lektüre etwas auf, womit er bei seiner so glatten Rechnung nicht fertig wurde? Teil II gibt auf 112 Seiten einen Bericht über die Behandlung des Judenproblems durch die Sowjetmacht und das Problem der nationalen Frage. Heller kann eine jüdische Nation im zionistischen Sinne gewiß nicht anerkennen, aber in keineswegs überzeugender Weise versucht er zu beweisen, daß und warum eine jüdische „Nationalität" auch in Rußland notwendig und unumgänglich ist. Sehr interessant ist auch ein aufschlußreiches Kapitel über die „Verjudung" der Sowjets, wichtig alles, was Heller über die Berufsumschichtung der in Rußland lebenden Juden berichtet, über ihre Eingliederung in Landwirtschaft und Industrie vor allem. Teil III erzählt von der Reise Hellers vom Juli 1930 ab durch die Ukraine, Krim, Kaukasien, Zentralasien (Buchara) und schließlich in das Gebiet von Birobidjan, nördlich der Mandschurei, fast schon am Japanischen Meer. Selbst wenn man von vorneherein an Hellers Buch ablehnend heranginge und in Rechnung stellte, wie sehr er alles durch die rote Brille leninistischer Auffassung sieht, bliebe es wertvoll, von einem, der jetzt erst da war, zu hören, wo all in Gottes weiter Welt jüdische Splitter wohnen, unter welch interessanten, merkwürdigen äußeren Umständen, und wie überall Menschen wohnen, auch in den lOOprozentigen Sowjetsiedlungen, die mit ihrem jüdischen Herzen sich nicht zufrieden geben, wenn sie zu essen haben, die lernen wollen und sei es nur die Wissenschaft von ihrer Bauernarbeit. Agronomen werden, das ist der Wunsch der jungen jüdischen Siedler, sie scheinen doch nicht Bauern und Siedler wie die „anderen Völker" zu sein. Und von nicht wenigen berichtet Hellers Bericht so zwischendurch, bei denen der Individualismus stärker ist als jeder kollektive Zwang, und selbst von solchen, die noch immer beten! Soviel über den Inhalt des Hellerschen Werk. Soweit der Zionismus als Angegriffener sich zu verteidigen hat, ist dies bereits verschiedene Male geschehen: ich verweise hier auf die Besprechung in Nr. 90/100 der Jüdischen Rundschau vom 23. Dez. 1931, wo das Werk als „getarnter Prospekt" für Birobidjan bezeichnet wird. Ebenso hat am 23. Januar 1932 sich Dr. Georg Landauer, Berlin, in Frankfurt a. M. als Zionist zum Thema Zionismus-Sozialismus-Marxismus geäußert. (Siehe Familienblatt Nr. 4/1932, S. 11). Aber das gesamte Judentum muß zu den Gedankengängen Hellers Stellung nehmen. Ganz abgesehen davon, daß die tatsächlichen Angaben Hellers über die jüdischen^ Siedlungen noch nachzuprüfen wären (was allerdings schwer sein wird, weil wir fast nie etwas Authentisches, Einwandfreies über Rußland berichte: bekommen, um wie viel weniger vom fernsten Osten!), bleibt genug zu sagen, wenn tatsächlich alles so klappen würde, wie es Heller und die Sowjetleute Voraussagen. „Menschen und Maschinen". Das sind die zwei Pole, um die sich Birobidjan dreht!" (S. 372.) Das ist Hellers letzte Weisheit. Es kann ja auch nicht anders sein, denn wer ein überzeugter Anhänger des materialistischen Sozialismus ist, für den gilt als höchster Wert die Materie, das rein Stoffliche, und der Mensch, der immer besser es verstehen wird, den Stoff zu formen, die Materie sich dienstbar zu Kennen8ie unser Abholungsverfahren? Kostenloses Abholen von Sparbeträgen von Vs RM an in beliebiger Höhe durch unsere Gelderheber in Wohnungen, Dienst- und Arbeitsräumen Fernsprecher: Amt Gutenberg Nr. 3801 Stadtamt Nr. 718/722 u. 760 Städtische Sparkasse MAINZ machen. Unter der Herrschaft dieser „höchsten Güter" mutz allerdings Geschichte nichts anderes sein als Kampf um die Wirtschaftsform, Religion Opium fürs Volk. Seien wir uns darüber klar, daß dies die Ansicht vieler Menschen von heute ist! Wer Gelegenheiten wahrnimmt, mit unserer Jugend zu sprechen, der weiß, wie geöffnet die Herzen heute für die Lehre von Moskau sind. Zusammenbruch der materiellen Grundlagen des Elternhauses, Chaos in der Wirtschaft der ganzen Welt, Sinnlosigkeiten in Produktion und Konsum, Reparationen und Arbeitslosigkeit, und für den, der noch arbeiten darf, die Gefahr, plötzlich aus der Arbeit herausgeworfen zu werden: wer als junger Mensch das mitmacht, der kann wahrhaftig sich nicht in Gedankengänge finden, die vielleicht vor 20Jahren die allgemeingültigen waren und denen viele Aeltere noch immer nachgehen. Brennende Sehnsucht, sich zurechtzufinden, einen Sinn, ein Gesetz in dem Geschehen ringsum zu erkennen, lebt gerade in unserer jüdischen Jugend. Wir können sie nicht den Tiraden Otto Hellers ausliefern, wir müssen ihr zeigen, daß selbst damit, daß alle materielle Not beseitigt werden könne, selbst damit, daß in einer 100prozentig sowjetistischen Welt mit tadellos funktionierendem Uhrwerk alle satt und keiner reicher als der andere würde, noch lange nicht die Menschen — Menschen wären. Unser Judentum, unsere Geschichte hat uns genugsam gelehrt, daß nicht Geld und Gut, nicht der einzelne Mensch und auch nicht das Kollektiv einen höchsten Wert darstellen, sondern etwas, was darüber steht: nennt's Sittengesetz, oder höhere Macht, oder wie immer, oder ganz einfach immer noch Gott! Untergang des Judentums? Ja, wenn wir alle uns entschließen können, einem Materialismus nachzulaufen, wie ihn Heller predigt, auch wenn er sich so wifsenfchaftlich und so menschenbeglückend gibt wie dort. Aber dreimal nein, wenn wir den Mut haben, das Leben über das Materielle hinaus zu betrachten, Gesetzen zu folgen, die in unserer Brust zwar nicht immer so wissenschaftlich arbeiten und deren Befolgung auch nicht immer den Lohn des „Glückes" folgen läßt, die aber unsere Gegenwart in eine erträgliche Beziehung zur Vergangenheit setzen (entgegen der trostlos öden Beziehungslosigkeit Hellers) und unserer Zukunft einen anderen Sinn weisen als den: Menschen und Maschinell. Wir glauben, daß auch in unseren Brüdern drüben in Rußland und weit in Birobidjan etwas von diesem jüdischen Geiste leben bleiben wird, vielleicht wie ein Fünkchen in der Asche, und noch leben wird, wenn sich die Menschen rn Formen organisieren werden, gegen die der Sozialismus Otto Hellers antiquiert anmuten wird. Interessant in diesem Zusammenhang ist eine Veröffentlichung, die gerade eben durch die jüdischen Blätter geht: „Herr Gütermann" von Alfred Döblin. (Ik. a. in dem Hamb. Jfr. Familienblatt Nr. 4/1932, 28. Jan. 1932, S. 10, und Jüd. Rundschau Nr. 6 vom 22.. Jan. 1932). Er glossiert eine Werbeveranstaltung des „Geserd", jener Gesellschaft, die in Deutschland für die sowjetistische Judenkolonifation wirbt und Gelder sammelt. Auch er glaubt nicht, daß man die geplante Arbeit unter „Verachtung alles Ideellen" betreiben könne. Am meisten stören ihn die Saalwächter jener Veranstaltung: „man muß diese jungen Leute gesehen und gehört haben, um an die Zukunft(slosigkeit) ihres Planes zu glauben. Sagen wir genauer: ist eine Sache so beschaffen, daß sie solche Saalwächter braucht, dann ist sie schon verloren." E. M. Jüdischer Frauenbund Mainz. Voranzeige. Am 10. Februar, um 16 Uhr, spricht in den Räumen der Rhenusloge Frau Dr. Rahel Strauß, München, über „Der junge Jude und seine Umwelt"; am 18. Februar, um 16 Uhr, findet im Vereinshaus, Klarastratze, der erste Lesenachmittag mit Aussprache unter Leitung von Frau Dr. Hannah Simon, Mainz, statt. Thema: „Aus neuesten jüdischen Werken." Am 22. Febr. Arbeitsgemeinschaft mit Herrn Rabbiner Dr. Levi. Thema wird noch bekannt gegeben. Zu den Veranstaltungen sind unsere Mitglieder herzlich eingeladen. Der Vorstand. Arbeitsgemeinschaft Jüdischer Jugend Darmstadt. ' An die jüdische Jugend Darmstadts! Die Arbeitsgemeinschaft jüdischer Jugend ist gegründet. In der Zeit schwerster Angriffe gegen das Judentum scheint es uns Hauptpflicht zu sein, uns auf uns selbst zu besinnen. Wir wollen die jüdische Jugend aller Kreise und Richtungen zu gemeinsamer Arbeit zusammenführen. Durch Bereicherung mit jüdischem Wissen will die Arbeitsgemeinschaft bei der Jugend das Selbstbewußtsein stärken, um ihr ein Gegengewicht zu geben gegen die seelischen Belastungen unserer Zeit. 10

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