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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1931-11-01 · 11 (11.1931) · p. Seite 8

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
6 (1931)
Issue
11 (11.1931)
Date
1931-11-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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hören wollen oder hören dürfen. Der Jude darf es nicht, denn es gibt keine Idee in der Welt, die er — Mensch universalistischen Erlösungsglaubens — nicht auf ihren Gehalt an Erlösendem prüfen müßte; und es gibt keine Idee in der Welt, für die er — Mensch der Gewaltlosigkeit — nicht Opfer in jeder Form hätte bringen müssen. Gegen ihn haben sich alle Wehen der Welt entladen, darum muß er alle Geburten und Mißgeburten der Welt zu sich einlassen. Er hat es nicht leicht gehabt und hat es heute noch nicht leicht, aus solcher Belastung einen Weg zu finden, der sein Weg ist und der ihn zu einer Fortsetzung führt. Zu vielfach haben das kleine und das große Elend sich an ihn herangemacht und ihn aus Not und Vorsorge in die kleinen Seitenwege, in die Sackgassen der Entwicklung gejagt. Wir konnten, wenn wir hier die Vergangenheit eines Volkes rekonstruierten, unmöglich an dem gehäuften Leid und an dem Massenmartyrium vorübergehen, das dem Juden von der Umwelt und immer wieder über das Medium des Christentums hinweg zugefüg't worden ist; wir durften die Millionenzahl erschlagener und ermordeter Juden nicht verschweigen, ohne uns der Fälschung schuldig zu machen. Aber wo es für uns um den Ausblick in das Zukünftige geht, ist es nicht unsere Aufgabe, die Last der Erinnerungen mit uns zu schleppen, so wenig es unsere Aufgabe ist, den Hatz in der Welt zu verewigen. Nicht wir haben für den Ausgleich dieses Unrechts zu sorgen. Geschichte ist kein Tatsachenvorgang mit mechanischer Verknüpfung von Ursache und Wirkung, von Reaktion und Gegenreaktion. Geschichte ist Projektion einer Lebensidee, einer aus dem Kosmos entlassenen Jdeenkraft auf die Lebensrealität von Gemeinschaften. Das Einzelleben verläuft im kosmischen Bezug; das Gesamtheitsleben tut das gleiche. Das Vergehen des Einzelnen und das Vergehen von Gesamtheiten haben den gleichen Sinn: Störung des kosmischen Ablaufs. Sie haben auch die gleiche Folge: Rückschlag des gestörten Ablaufs, oder das, was wir Vergeltung nennen. So werden Sünden vergolten nicht, weil sie ein Wüten gegen den anderen sind, sondern ein Wüten gegen sich selbst. Das hat auch der Jude je und je an sich selbst erfahren und erfährt es noch heute. Daß er dieses Gesetz auch an denen sich erfüllen sieht, die ihm das Martyrium der Jahrhunderte bereitet haben, kann ihm nichts anderes bedeuten als das Wissen, daß er selber, als Teil eines Ganzen, in den Plan des kosmischen Ablaufs einbezogen ist. Das mag Romantik sein; doch entstammt sie der Wirklichkeit. Unser Judentum ist eine Wirklichkeit und zugleich ein Postulat, ein mangelhaftes Dasein mit dem Ziel eines vollkommenen. Vor unserem Willen zur Fortsetzung dieses Daseins versagt sich uns jede Formel und jede Formulierung, was wir nach Gramm und Lot sind und was wir — wie auf einer abgesteckten Rennbahn — erreichen wollen. Das Leben kennt nur bewegliche Ziele. Aber das Wissen um den Ausgangspunkt, um den organisch gewachsenen Grund, um den Wurzelgrund der Seele ist in unseren Tagen schon wieder lebendig geworden. Wir nennen es, wenn wir historisch sehen, Nation. Man kann ihm jeden anderen Namen geben, wenn er nur die Lebensgesetze dieser Gemeinschaft nicht verneint, ihr Biologisches und ihr Utopisches, ihr Soziologisches und ihr Religiöses, ihre historische Objektivität und ihre messianische Schöpferkraft. Das sind Weltkräfte, die zwar überall enthalten sind, die aber im Judentum eine Zusammenraffung erfahren haben, die durch alles Versagen hindurch eines Tages Wirklichkeit werden möchten. Es gibt etwas, das man das Fluidum der Weltgeistigkeit nennen kann. In diesem Fluidum wird alles Widerstrebende sich eines Tages auflösen müssen. So stehen wir also da: vielfach entartet und vielfach bemüht, vielfach geschwächt und vielfach vom übermäßigen Willen gespannt, vielfach befeindet und vielfach hoffend; mit unendlicher Vergangenheit, mit geringer Gegenwart und mit einer Zukunft, die nur in der Gestaltungskraft jüdischer Herzen eine Wirlichkeit hat. So vom Wunderbaren und vom Grauenhaften, so vom Notwendigen und Zufälligen, so vom Ewigen und vom Zeitlichen ist diese Geschichte eines Volkes erfüllt, daß man ihr nicht nahen kann, ohne über alles Dogma der Religion hinweg im tiefsten Sinne gläubig zu werden. So helfe Gott uns weiter. Aus unseren Verbandsgemeinden. Altenstadt (Oberhess.). Ein imposanter Leichenzug bewegte sich am 23.10. d. I. unter Vorantritt des Kriegervereins mit Fahne und Gewehrträgern zum jüdischen Friedhofe unserer Gemeinde, der 8 idyllisch am Waldesrande gelegen ist. Innerhalb zweier Jahre wurden dort sechs jüdische Männer in den besten Jahren zur Ruhe bestattet und somit große Opfer von der kleinen jüdischen Gemeinde gefordert. Auch heute haben wir in Hugo Goldschmidt, einem Mann im Alter von nur 49 Jahren, der einem Schlagansalle plötzlich erlegen ist, das letzte Geleite gegeben. Lehrer Markus, Großkarben, hielt dem so früh Verstorbenen, pflichttreuen, liebenswürdigen Menschen einen ergreifenden Nachruf. Sodann verabschiedete sich der Vorsitzende des Kriegervereins, der Amtsgerichtsdirektor des dortigen Gerichts, in erhebenden Worten von dem toten Kameraden, der fast auf allen Kriegsschauplätzen während des Weltkrieges in vorderster Linie mitkämpfte. Als Freund der Familie sprach schließlich noch Lehrer Seelig aus Friedberg Worte ehrenden Gedenkens, rDXJfi Bad-Nauheim. Die israelitische Religionsgemeinde hat trotz der Ungunst der Zeiten es für ihre Pflicht gehalten, auch in diesem Winter wieder eine Reihe von Vorträgen zu veranstalten, um in den Zeiten wirtschaftlicher Bedrückung die Besinnung auf geistige Werte zu ermöglichen. Vor einem stattlichen Zuhörerkreis aus Bad-Nauheim und Friedberg sprach am 29. Oktober Rabbiner Dr. Dienemann, Offenbach, über „Einfluß des Judentums auf die Kultur." "Der Redner beschäftigte sich mit dem Einfluß, den das Judentum auf Grund seiner Vergangenheit und seiner vorhandenen Literatur auf die Gegenwart habe und den es zum Vorteil der gegenwärtigen Kultur einsetzen kann. Trotz der Uneinheitlichkeit des über die ganze Welt verstreuten Judentums hält der Redner einen solchen Einfluß für möglich, doch könne der Einfluß nicht durch die Gesamtheit, sondern nur durch den einzelnen Menschen ausgeübt werden. Hier könne vom Einzelnen ein wohltätiger Einfluß auf weite Kreise feiner Umgebung ausströmen. An zahlreichen Beispielen der Bibel erläuterte der Redner in tiefgründigen Ausführungen diesen Grundgedanken, behandelte dabei u. a. mehrere Grundsätze, die von altersher im jüdischen Schrifttum vertreten find, so z. B. den Grundsatz, daß der Mensch und nicht die Materie oder das Kapital im Mittelpunkt des Weltgeschehens stehe und daß deshalb dem heutigen Wirtschaftsleben gegenüber das Vorrecht des Menchen aufrecht erhalten werden müsse. Auch das Problem „Krieg und Frieden" wurde an Beispielen erläutert. Hierbei wurde der Wille zum Frieden betont, der schon in alttestamentarischen Kriegszeiten zum Durchbruch kam. Schließlich befaßte sich der Redner mit dem Grundsatz von der Einheit des Lebens und berührte hierbei die tiefsten Fragen der gegenwärtigen Kulturkrise. Er wandte sich hierbei gegen die tiefste Krankheit unserer Zeit, die jedes einzelne Lebensgebiet aus seiner ursprünglichen Verbindung loslöste, die mit dem Religiösen hestand. Im jüdischen Schrifttum ist im Gegensatz zu dieser Auffassung jede einzelne Lebensbetätigung vom Religiösen her bedingt: das Religiöse gibt dem Leben Einheit und Sinn. Von diesen Grundsätzen ausgehend appellierte der Redner an das Verantwortungsbewußtsein des Einzelnen, das gerade in der heutigen Zeit so stark zurückgedrängt worden ist, obwohl doch jeder einzelne für alle verantwortlich sein sollte. Bingen. Am Freitag, den 30. Oktober, feierten die Eheleute Max Oppenheimer und Frau Fanny, geb. Sänger das Fest der Silbernen Hochzeit. Das Jubelpaar erfreute sich allgemeiner Hochschätzung und Beliebtheit. Wir wünschen dem Jubelpaar viel Glück für weitere Jahrzehnte! Mainz. In einer Sitzung der Synagogenkommission sowie in den Sitzungen des Gemeindevorstandes vom 10. Juli, 19. August, 9. September und 26. Oktober d. I. sind verschiedene laufende Angelegenheiten zur Erledigung gebracht worden. Bei den Beratungen des Vorstandes an dem zuletzt genannten Termin konnten auch bereits die Liquidationsverzeichnisse für das am 31. März 1931 zu Ende gegangene Rechnungsjahr 1930 von dem Gesamtkollegium unterzeichnet werden. Obwohl die durch den Wegfall der Besatzungszulage am 1. Juli 1930 eingetretenen Ersparnisse an Besoldungen zur Schuldentilgung Verwendung gefunden haben, konnten unumgänglich gewesene Krediterweiterungen durch sonstige Ersparnisse gedeckt werden, so daß das Rechnungsjahr ohne jeden Fehlbetrag abschließt, denn das Umlagen-Jst blieb hinter der Voranschlagssumme und dem des Vorjahres nicht zurück. Ohne hierzu verpflichtet zu sein, macht die Gemeinde allen ihren Beamten Gehaltskürzungen nicht nur in Höhe des Reiches, sondern in der vollen Höhe, wie sie auf Grund der Notverordnung des hessischen Ministeriums, die einen Ausgleich der Haushalte des Landes und der Ortsgemeinden bezweckt, die hessischen Beamten erfahren. Es ist dies eine über Reichskürzung hinausgehende Herabsetzung des Gehaltes von 5 bzw. 8 Prozent des Nominalbetrages.

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