Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 6 (1931)
- Issue
- 11 (11.1931)
- Date
- 1931-11-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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gebenen Sonderheft „M agenza" (Menorah Jg. 5) 1927 von dem Direktor der Stadtbibliothek Dr. Ruppel auf Ersuchen von Dr. Levi veröffentlicht. — Ein Aufsatz „Mainzer Judenerben" erschien 1921 in der Zeitschrift: Im Deutschen Reich. Die hier gegebene Skizze der Arbeiten kann nur andeuten, auf welcher Linie die zahlreichen Veröffentlichungen Heidenheimers sich bewegen. Das Material verdanke ich der Liebenswürdigkeit des Herrn Direktor Dr. Nuppel, der bei Uebersendung bemerkt, daß dies Heidenheimers Lebensarbeit nicht erschöpfend aufzeige. Für unzählige hat er unermüdliche Kleinarbeit im Zusammenstellen und Zurverfügungstellen von Literatur für Arbeiten Anderer geleistet — von Vielen in Vorreden zu Dissertationen u a. Veröffentlichungen oft gewürdigt —• das i ft das ch a r a kt e r i st i s ch e Zeichen dieser s e l b st l o s e n , rührend bescheidenen Gelehrten natur. Möge es dem Jubilar vergönnt sein in unverminderter geistiger und körperlicher Frische zur Ehre des Judentums und zur Freude der historischen Wissenschaft noch lange Jahre zu wirken. Michael Fraenkel, Breslau. Aus Kasteins „Eine Geschichte der Juden!' (Vergl. die Besprechung unter Bücherschau ) Am unseren Lesern einen Einblick in die Denk- und Schreibweise, in die Deutungsart Kasteins zu gewähren, bringen wir aus seinem neuesten Werke das von ihm ,,Epilog" genannte zusammenfaffende Schlußkapitel. Die Schriftleitung. Epilog. Wenn eine Literatur reich genannt wird, die wenige klastische Trauerspiele besitzt, welcher Platz gehört dann einer Traaödie, die anderthalb Jahrtausende währt, gedichtet unv dargestellt von den Leiden selber? Zunz. Wir haben versucht, aus drei Jahrtausenden Geschichte eines Volkes den Kern zu enthüllen, wie er sich unserem Wissen und unseren Ahnungen darstellt. Wir erkennen dabei als das Wesentliche und Bezeichnende niemals den Zustand, sondern immer die Bewegung. Die innere und äußere Geschichte dieses Volkes verläuft in Bewegungen, die sich im geistigen und im weltlichen Raum vollziehen. Zeit, sagt Bergson, ist Bewegung im Raume. So gesehen, steht die Geschichte des Judentums in der „Zeit" schlechthin. Von den religiösen Uranfängen, die als erste in der Geschichte der Menschheit mit der ahnungsmäßigen Vorstellung der Einheit verknüpft waren, geht der Jude zum schal f umrissenen Begriff des Eingottes über. Von da aus versucht er, sein Dasein unter den Formen der Theokratie zu verwirklichen. Er trägt sie nicht zu Ende, sondern substituiert ihr den weltlichen Repräsentanten, den König. Das ist der Weg, auf dem sie sich den weltlichen Formen und damit den unweltlichen Inhalten nähern, der Weg, aus dem die Gemeinschaftsform der Völker nachgeahmt wird und der religiöse Synkretismus, die Hereiunahme fremder Kultvorstellungen in den strengen Monotheismus erfolgen kann. Es ist die verweigerte Konsequenz und die verweigerte Ausschließlichkeit. Der größte Teil des Volkes, die zehr: Stämme im Reiche Samaria, fallen dem zum Opfer. In dem Rest, dem Reiche Juda, bereitet sich unter dem Druck dieses Geschickes eine geistige Umkehr vor, die den Begriff Gott über die Eigenschaft eines Stammes- oder Volksgottes hinaushebt und ihn als Gott des Universums begreifen will. Im Schwünge dieser Idee explodiert die Kraft, die wir Prophetie nennen und die in dem Augenblick, da ein Gottbegriff die Herrschaft über die Welt antreten wollte, notwendig entstehen mußte. Um aber wirklich die Welt und nicht das kleine Land Judäa als den Ort Gottes begreifen zu können, mutzten sie aus dem engen Zentrum heraus bis an die Peripherie gerückt werden; denn die Sammlung des Blickes von einem Punkte der Peripherie zum Zentrum hin ist stärker als vom Zentrum aus zu einem beliebigen Punkt der Peripherie hin. So wurde über sie das babylonische Exil verhängt. Hier formt sich die jüdische Idee vom Dasein in der Theokratie zu der verpflichtenden Erkenntnis der Auserwähltheit, zu dem universalistischen Gedanken vom Geltungsbereich der Herrschaft eines Gottes für die ganze Welt. Mit diesem neuen geistigen Bestand wieder in die Hermat entlassen, beginnen sie den Zeitraum des Erweises und der Bewährung. Aber unmäßig früh rücken die großen Kräfte der Welt an und machen sich ihrem Wirken nach anheischig, den Gegenbeweis gegen die jüdische Idee zu erbringen. Es gelingt ihnen nicht. Es gelingt ihnen nur die Zerstörung der staatlichen Gemeiuschaft, das Zerbrechen einer Form, die im ewigen Versagen vor den Anforderungen des Alltags nur selten der Idee adäquat war. Es beginnt die Diaspora, in die der Jude jetzt entlassen wird mit der doppelten Ausgabe, immer eiue neue Form für sein Dasein und immer eine neue Bewährung seiner selbst und seines Verhaltens zu seiner Idee zu finden. Er hat sich für dieses Bemühen ein zweischneidiges Werkzeug geschmiedet: das verpflichtende ethische Gesetz der Thora, der Weisung, und die Ableitungen aus ihr, die sich im Talmud zu einem ehernen Zaun zusammenschließen. Vom Gesetz getragen, wird er doch endlich vom Gesetz unterjocht, weil in der Welt des Religiösen die freie Hingabe des Herzens immer nötiger ist als die freie Unterordnung des Wollens, der Gehorsam. So ringen diese beiden Kräfte im Juden miteinander und werden beide zur Last, der Gehorsam und die Gläubigkeit, das Gesetz und die Mystik. Sie werden zur Last, weil beiden durch die Jahrhunderte hin der Lebensraum verkürzt ist, den sie zu einem gestaltenden Leben gebrauchen und den sie aus die Tauer nicht durch eine Fiktion ersetzen können. Dennoch liegt in der Tragik dieser Situation schon die Auflösung begriffen, denn dieses zwangsweise Verweilen in aller Welt hat dem Juden endlich doch ein neues Weltgesühl vermittelt, und er kann — Mensch des Geistigen — den Teil der Welt, den er aus voller Seele durchdringen und erfüllen will, als Lebensraum und Heimat betrachten. Er kann — im geistigen Bezirk — aus jedem Punkte der Weltperipherie ein Zentrum machen und sich dort so bemühen, wie er es als seine Aufgabe begreift. Tie Wirklichkeit, die er dazu als Vorbild braucht, ist in der alten und niemals aufgegebenen Heimat im Entstehen begriffen Zu dieser inneren Beweatbeit der jüdischen Geschichte gesellt sich die äußere, und auch sie ist iu ihrer Auswirkung mit der ganzen Welt und ihren großen Bewegunacn verbunden. In das judäische Gebiet, in dieses konzentrierte Stück Orient, bricht am Wendepunkt unserer Geschickte das Abendland ein mit Griechenland und Rom. Aus dieser Bewegung des Westens mit dem Osten entsteht eine doppelte Bewegung in der Welt: die Wanderung des Christentums und die Wanderung des Judentums, jeue als Eroberung, diese als Zerstreuung. Damit verbindet sich eine politische Bewegung: der Kamps des Christentums gegen das Judentum, des Westöstlichen gegen das Oestliche. Der große Rückschlag der Pendelbewegung erfolgt in dem Einbruch des Morgenlandes in das Abendland, den der Islam einleitet. Auch der Jude macht diese Bewegung mit, aber er hält sie für sich fest, wie das Abendland wieder seinerseits den Rückstoß gegen den Orient in den Kreuzzügen und in der Verdrängung der Araber aus Spanien vollzieht. So liefert sich der Jude dem Abendland aus und macht es zum Raum seiner Bewegungen. Aber damit ist er zugleich ausgeliefert. Der Westen vertreibt ihn in blutigen Verfolgungen nach dem Osten, der Osten jagt ihn in unerhörten Metzeleien durch die ganze Welt, bis die große Wanderung nach Amerika und die kleine Wanderung nach Palästina einsetzen, jene zur Rettung des Körpers, diese zur Rettung der Seele; beide, damit sie sich eines Tages ausgleichen und ergänzen können. Mit der Summe dieser Bewegungen ist der Jude, immer auf der Suche nach einem Zentrum, zugleich der Welt einverleibt. Das ist mehr als ein tatsächlicher Vorgang, denn er hat Folgen geistiger Art, für den Juden und für den Nichtjuden; sie können einander nicht mehr neutral begegnen. Der Nichtjude kann nicht neutral sein, weil er aus seinen eigenen Hemmungen heraus mit dem Fremdheitsgefühl dem Juden gegenübersteht. Noch weniger kann der Jude neutral sein. Jahrhundertelang wurden Entscheidungen von ihm gefordert, von innen und von außen, von Gott und der Welt, vom Eigenen und vom Fremden; und immer waren es Entscheidungen, die um nicht mehr und nicht minder gingen als um seine Existenz. Man darf sich nicht wundern, daß er unter solchen Umständen zugleich anschmiegsam und apodiktisch geworden ist, zugleich demütig und hochmütig, ein geistig Freier und ein bürgerlich Gebundener, Kapitalist und Sozialrevolutionär, der gläubigste Mensch der Welt und der größte Nihilist im Geistigen. Keinem Anruf der Welt hat er die Antwort verweigern können; denn immer, wo etwas rief, war er gemeint. Andere Völker dürfen schweigen oder negieren, wenn ein Ruf zu ihnen kommt, den sie nicht 7