Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 6 (1931)
- Issue
- 11 (11.1931)
- Date
- 1931-11-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9582242-9623188-9620989--0824-9620993- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Protokoll über die Verhandlungen des am 11. Oktober 1981 zu Mainz stattgehabten außerordentlichen Gemeindetages. In Gegenwart: 49 Abgeordnete. Der Vorsitzende des Oberrats Herr Kommerzienrat B. A. Mayer, Mainz, begrüßt die Erschienenen und tritt unter Hinweis auf die bei der Berufung des Gemeindetages bekannrgegebene Tagesordnung und' den den Verbandsgcmeinden übersandten Verfassungsentwurf in die Verhandlungen ein. Es wird zunächst die Präambel des Entwurfs verlesen und durch die anwesenden Vertreter der Verbandsgemeinden, die sämtlich öffentlich-rechtliche Körperschaftsrechte besitzen, und ihre 'Abgeordneten zur heutigen Verhandlung genügend legitimiert haben, zum Beschlüsse erhoben, also der Zusammenschluß als gemäß Art. 187 Abs. ö Satz 3 der Reichsverfassung erfolgt festgestellt. Nach einem Bericht des Herrn Bankdirektor Benjamin, Darmstadt, wird der Wortlaut der künftigen Verfassung und vorgängig die dermalige Verfassung artikelweise verlesen und durch Einzelabstimmung einstimmig zum Beschlüsse erhoben. Der Vorsitzende stellt fest, daß die neue Verfassung angenommen ist und bemerkt, daß damit der Name des Verbandes eine Aenderung erfahren habe. Bei Begründung desselben im Jahre 1926 habe man mit einem lückenlosen Zusammenschluß gerechnet, eine Erwartung, die bis jetzt bedauerlicherweise nicht: in Erfüllung gegangen ist. Die tatsächlichen Verhältnisse nötigten daher, das „der" im Namen des Verbandes zu streichen. Th. Fürth, Offenbach, dankt namens seiner Gemeinde der Leitung für ihre mühevolle Arbeit, er wünscht ihr, daß sie die Früchte reifen sehen und deren reiche Ernte genießen möge. Lehrer Kahn, Alsfeld, erklärt sich als ein orthodoxes Mitglied des Oberrats, durch einen Artikel in einer Beilage zur „Laubhütte" stark getroffen. Veranlaßt durch diesen Schmähartikel der Gegenseite stelle er fest, daß unser Verband durch sein Wirken im Geiste der Thorah und durch seine Förderung des Religionsunterrichts mit seinen bescheidenen Mitteln alles getan habe, was geeignet ist, das orthodoxe Judentum zu fördern. Er habe an allen Sitzungen des Oberrats teilgenommen und festgestellt, daß immer unparteiisch verfahren und in keiner Weise gegen das Religionsgesetz verstoßen wurde. Er dankt der verdienstvollen Führung des Verbandes für ihr Wirken im Interesse der Orthodoxie. Oppenheimer, Mainz, stellvertretendes Mitglied des Oberrats, bezeichnet sich als ein Mitglied der Mainzer Neligionsgesellschaft und bedauert, daß die hessische Judenheit nicht eine geschlossene Phalanx bilde. —■ Die Zugehörigkeit zu einer orthodoxen Organisation sei nicht gleichbedeutend mit orthodoxer Gesinnung; es treffe dies auch bei der Darmstädter Religionsgesellschaft, der Gemeinde des Herrn Rabbiner Dr. Merzbach, zu. Lehrer S e e l i g , Friedberg, weist darauf hin, daß in seiner Gemeinde, die dem liberalen Provinzialrabbiner angeschlossen ist, die Interessen der orthodxen Mitglieder voll gewahrt sind, er bedauert als orthodoxer Lehrer, daß die gesetzestreue Judenheit in zwei Lager gespalten ist, wie dies auch neuerdings in Frankfurt a. M. markant in Erscheinung getreten sei. Nachdem eine Resolution lautend: „Die heute hier bei dem außerordentlichen Gemeindetag anwesenden gesetzestreuen Mitglieder des Landesverbandes israelitischer Religonsgemenden Hessens fühlen sich veranlaßt, dem Landesverband für seine Tätigkeit innerhalb der hessischen Judenheit vollstes Vertrauen auszusprechen. Wir hoffen und wünschen, daß der Verband unter der verdienstvollen Führung seines 1. Vorsitzenden in der gleichen Weise wie bisher zielbewußt weiterarbeitet, weil dadurch die Festigung und Förderung der Orthodoxie am besten gewährleistet ist. Vorwürfe, wie sie in letzter Zeit durch die Presse gingen, weisen wir mit Entrüstung zurück, und es können uns solche in unserer Treue zum Landesverband nicht beirren." zur Kenntnis genommen ist, schließt der Vorsitzende den Gemeindetag. Jur Beachtung. Reklamationen wegen unregelmäßiger Zustellung oder wegen Ausbleibens unseres „Mitteilungsblattes" sind nicht an die Schriftleitung, sondern an das zuständige Postamt zu richten. Die Schriftleitung. A« die israelitischen Religionsgemeinden in den Kreisen Mainz nnd Oppenheim. Unter Hinweis auf den folgenden Aufruf zur Winterhilfe wenden wir uns an die zu unserem Rabbinatsbezrrk gehörigen israelitischen Religionsgemeinden mit der Bitte, sich für dre Durchführung der Winterhilfe mit allen zu Gebote stehenden Mitteln einzusetzen. Es bedarf in jüdischen Kreisen wohl nid&t erft besonderer Betonung, daß es religiöse und menschliche Pflicht ist, in einer Zeit der Not, wie der gegenwärtigen, nach Kräften zur Linderung dieser Not beizutragen. Mainz, den 1. November 1931. Für das Kr^israbbinat Mainz-Oppenheim. Dr. S. L e v i, Rabbiner. Aufruf zur Winterhilfe! Der Reichspräsident, die Reichsregierung und die Deutsche Liga der freien Wohlfahrtspflege haben zur Ueberwindung der Not dieses Winters aufgerufen! Ebenso haben die hessische Negierung und der Landesausschuß der Arbeitsgemeinschaft der Verbände der freien Wohlfahrtspflege in Hessen sich mit einem entsprechenden Aufruf an die Bevölkerung unseres Hessenlandes gewendet. Für den Bezirk der Stadt Mainz ist das Hilfswerk begonnen. Es hat sich ein Stadthilfsausschuß bereits gebildet, der unter Heranziehung aller Kräfte auf dem besten Wege ist, das Werk der freien Liebestätigkeit zum vollen Erfolg zu bringen. Aber nicht nur in der Stadt, sondern auch auf dem Lande, in den Gemeinden unseres Kreises herrscht bittere Not! Auch diese Not müssen wir zu lindern, wenn möglich sogar zu beheben suchen! Wir wollen allen helfen, die in Not sind! Darum ruft der Unterzeichnete Ausschuß nochmals alle auf zur Mithilfe, die bereit und guten Willens sind! „Die Liebe zum Nächsten und die Sorge um die Zukunft unseres Volkes und damit auch um die eigene Zukunft müssen Zusammenwirken, das letzte, was jeder hergeben kann, herauszuholen, und es einzusetzen im Kampfe gegen die Not." Diese Worte der Deutschen Liga müssen uns allen stets gewärtig sein und uns zur Tat, zur Mithilfe bereit finden! Alles Trennende muß vergessen werden! Gemeinsam müssen wir zusammenstehen im Abwehrkampf gegen die Not! Deshalb gebt alle, wenn die Sammler zu euch kommen! Keiner darf sagen, ich kann nichts geben, es geht mir selbst schlecht. Etwas kann jeder gehen! Auch die kleinste Gabe ist willkommen! Darum helft alle, die Not ist unermeßlich! Wir müssen alle Kräfte anspannen, um ihrer Herr zu werden! Helft! Der Kreishilfsausschuß: Für den Caritasverband: H a t t e m e r, Pfarrer. Für die innere Mission: Bernbeck, Pfarrer. Für die israelitische Wohlfahrtspflege: Dr. Levi, Rabbiner. Für das Rote Kreuz: Dr. Reeb, Regierungsrat. Für die christl. Arbeiterhilfe: Paul, Gew.-Sekretär. Für die Arbeiterwohlfahrt: Ehrenberg. Für den 5. Wohlfahrtsverband: Schrapenborg, Direktor. * Den vorstehenden Aufruf zur Beteiligung an der Winterhilfe empfehle ich der allgemeinen Beachtung. Die Not in unserer Bevölkerung ist ins Unermeßliche gestiegen. Es ist deshalb Pflicht aller Bevolkerungsschrchten, zusammenzustehen und zu helfen, die Notstände zu uberwinden. ' ' V 7k f; u“ v, ^E^cung oes Streikes Mainz k^uch-n. 8U helfen, und zwar jeder nach seinen Kräften. Viele kleine Gaben ergeben immer ein Großes und eS ^‘«1 ™ der Zeit der größten Rot niemand abseits stehen, weil er selbst darunter zu l-id-n hat. Ich spreche die Hoffnung aus. daß durch t«s einmütige Zusammenstehen aller Kreise di- Rot dieses Winters uberwunden werden möge. Mainz, den 31. Oktober 1931. Der Kreisdirektor des Kreises Mainz. Dr. W e h n e r. 4