Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 6 (1931)
- Issue
- 10 (10.1931)
- Date
- 1931-10-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Nicht Allgemeingut ist jedoch der zweite Gesichtspunkt, daß es auch diesen Erscheinungen gegenüber int Wesentlichen auf Selbsthilfe ankommt. Der Träger des jüdischen Lebens ist seit jeher die Familie. Zum ältesten jüdischen Erbgut gehört die heilige Aufgabe, die Familie zu erhalten und für sie auch über die Tage des eigenen Lebens hinaus zu sorgen. Die Erkenntnis musi sich wieder durchsetzen, dasi dies auch heute nur aus dem Weg der Selbsthilfe möglich ist. Die jüdischen Gemeinden sind heute nicht mehr in der Lage, ihren laufenden Wohl fahrtsverpflichtungeil nachzukommen und die dringenden Nöte des Tages zu lindern. So gilt es, sich auf eigene Kräfte zu besinnen. Von größter Bedeutung ist dies für bcu jüdischen Mittelstand. Wer die zahllosen Bitten und Gesuche kennt, die sich in den jüdischen Wohlfahrtsämtern häufen, der weiß wie groß die Verwüstungen sind, die der jüdische Mittelstand in Deutschland erlitten hat. Weite Kreise des jüdischen Mittelstandes sind nicht mehr in der Lage, die Prämien für hohe Lebensversicherungen aufzubringen. So häufen sich in allen Gemeinden die Fälle, irr denen die Familien nach dem Tode des Versorgers nicht einmal mehr imstande sind, die Kosten für die Bestattung, die letzte Pflicht, die sie dem Versiorbenen zu erweisen haben, zu tragen. Die Zahl der Bestattungen, die auf Kosten der Gemeinden vorgeuommen werden muß, wächst in beängstigendem Maße. Auf diesem Gebiet versucht der Gemeinnützige Verein ,,F a m i l i e n s ch u tz", auf dessen segensreiche Tätigkeit nicht genug hingewiesen werden kann, Abhilfe zu schaffen. Er versucht, in jüdischen Kreisen das einzuführen, was in nichtjüdischen Kreisen seit langem eingeführt ist, nämlich eine Art Klein-Lebensversicherung einzurichten. Aber er geht über den Rahmen der nichtjüdischen Anstalten weit hinaus uud er verbindet — den jüdischen Traditionen entsprechend — in glücklichster Weise seine Aufgabe mit den Aufgaben der allgemeinen jüdischen Wohlfahrt. Der Verein „Familienschutz" hat es sich zur Aufgabe gestellt, seinen Mitgliedern durch Leistung kleiner und kleinster Beiträge, deren Zahlung auch noch dem geschwächten jüdischen Mittelstand durchaus möglich ist, eine kleine Lebensversicherung zu schaffen, die beim Tod des Versicherten fällig wird und dazu dient, die durch den Tod entstandenen Kosten zu decken und darüber hinaus der Familie die schwersten Tage überstehen zu helfen, ohne daß fremde Hilfe in Anspruch genommen werden mutz. Damit ist dem deutschen jüdischen Mittelstand endlich die Möglichkeit gegeben, seine Familie durch Selbsthilfe zu sichern, zu verhindern, daß nach dem Tode des Ernährers die Hinterbliebenen gezwungen sind, den bitteren und schmerzhaften Weg zum Wohlfahrtsamt zu gehen. Auch die jüdischen Gemeinden sind aufs stärkste daran interessiert, daß ihnen nicht durch Todesfälle plötzlich außerordentliche Kosten erwachsen. Schon ist der Fall nicht mehr selten, in dem jüdische Gemeinden, vor allem natürlich kleine und Mittelgemeinden, in schwere finanzielle Bedrängnis geraten, weil die Zahl der kostenlosen Bestattungen außerordentlich gewachsen ist. Die Gemeindebudgets sind derart angespannt, daß alles vermieden werden muß, was die Ausgaben erhöht. So ist es verständlich und begrüßenswert, daß bereits namhafte Gemeinden dem Verein „Familienfchutz" in corpore beigetreten sind, um für alle Gemeindemitglieder die Mitgliedschaft zu erwerben. Andere Gemeinden haben den Weg gewählt, ihren Mitgliedern den freiwilligen Beitritt zu empfehlen. Selbstverständlich ist der Verein so aufgebaut, daß die Rechte der Mitglieder vollauf gewahrt sind. Durch die Rückdeckung, die der Verein bei der großen Lebensversicherungs-Gesellschaft Phönix gefunden hat, ist die absolute Gewähr gegeben, daß alle Verpflichtungen, die dem Verein erwachsen, jederzeit in vollem Umfang gedeckt werden. Die jüdischen Männer und Frauen, die den Verwaltungsrat bilden, und unter denen man die besten und bekanntesten Namen des deutschen Judentums findet, bürgen weiterhin für die Zuverlässigkeit des Vereins. Der Gedanke des Vereins „Familienschutz" hat in außerordentlich kurzer Zeit großen Anklang gefunden, interessanterweise auch weit über die Kreise des kleineren Mittelstandes hinaus. Denn niemand weiß, ob die gute Position, über die er heute noch verfügt, in wenigen Jahren, vielleicht in wenigen Monaten, ihm noch erhalten ist. Der kleine Betrag, den diese Versicherung erfordert, ist auch dann noch aufzubringen, wenn sich die Verhältnisse ändern sollten, bleibt man aber in der glücklichen Position, die man etwa heute noch innehat, so besitzt man eben noch eine kleine zusätzliche Lebensversicheruug für seiue Angehörigen, die auch alle Vorteile der großen Versicherung bietet. Doch es wäre dies kein jüdischer Verein, wenn er nur auf Schutz seiner Einzelmitglieder bedacht wäre. Er will gleichzeitig, in einer Zeit, in der das jüdische Wohlfahrtswerk auf das stärkste bedroht ist, in der es kaum gelingen wird, die jüdischen Wohl¬ 4 fahrtsinstitutionen, die in besserer Zeit aufgebaut wurden, zu erhalten, seine Dienste und seine Einnahmen der jüdischen Wohlfahrtspflege zur Verfügung stellen. Die Erträgnisse, die das Versicherungsgeschäft sonst den privaten Versicherungsgesellschaften abwirft'und die Ueberschüsse, soweit sie nicht bestimmungsgemäß den Versicherten selbst zugute kommen, wird der Verein dem jüdischen Wohlfahrtszweck zur Verfügung stellen. Es ist für die jüdische Wohlfahrtspflege von besonderer Bedeutung, daß dieser Weg hier zum erstenmal beschrittcn wird. Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden hat die Verpflichtung übernommen, die Ueberschüsse des Vereins zu kontrollieren und dafür Sorge zu tragen, daß diese Ueberschüsse den jüdischen Wohlfahrtsanstalten in Deutschland zugeführt werden. Die alte jüdische Idee vom Zusammenschluß der Juden zum Schutze der Einzelnen und zum Schutze der Gesamtheit fand im Verein „Familienschutz" eine für die heutige Zeit ausgezeichnete Anwendung. Der einzelne soll an seine Pflicht erinnert werden, für schlechte Tage durch Einzahlung kleinster Beträge vorzusorgen und außerdem ohne geringste Mehrbelastung der Gesamtheit dazu zu verhelfen, das Wohlfahrtswerk, das unter großen Mühen aufgebaut wurde, zu erhalten. Im Interesse der jüdischen Gesamtheit und der jüdischen Familie ist die Tätigkeit des Vereins aufs wärmste zu begrüßen. Glückwunschablösungen zu Rosch haschonoh gingen, nachdem die letzte Nummer bereits fertiggestellt war, von folgenden Herren noch ein: Friedrich Frohwein, Mainz, Notar Dr. Guggcnheim, Offenbach Aus unseren Verbandsgemeinden. Bürstadt. Am 19. September vollendete Fräulein Jeanette Simon in bewundernswerter körperlicher und geistiger Frische ihr 93. Lebensjahr. Die würdige, allgemein beliebte Greisin betätigt sich noch unermüdlich in Küche und Haushalt ihrer hiesigen Verwandten, liest auch täglich noch mehrere Zeitungen und interessiert sich ganz besonders für die darin enthaltenen Romane. Mögen ihr noch viele Jahre in solcher Rüstigkeit beschieden sein zur Freude ihrer Angehörigen, die den Lebensabend der fleißigen Tante in jeder Weise zu verschöneru suchen, und zur Freude ihrer zahlreichen Freunde und Freundinnen, iiJP MHD Np Friedberg. Am 28. Elul verstarb der in weiten Kreisen bekannte ehemalige Lehrer und Kantor der Israelitischen Religions- Gemeinde Heinrich Ehrmann. Der Verstorbene gehörte wohl zu den markantesten Lehrerpersönlichkeiten, der, ausgestattet mit großem Wissen in jüdischen Disziplinen und auch in profanen Wissenschaften, sich sowohl innerhalb seiner Gemeinde, als auch in der jüdischen Lehrerschaft großen Ansehens erfreute. Mehr denn 45 Jahre wirkte Ehrmann segensreich in seiner Gemeinde. Bis kurz vor seinem Tode erfreute er sich jugendlicher Frische und Schaffenskraft. Bei dex Beerdigung, die am Erev Rosch Haschonoh,