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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1931-10-01 · 10 (10.1931) · p. Seite 3

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
6 (1931)
Issue
10 (10.1931)
Date
1931-10-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Unter dem Titel.was uns rettet, Einigkeit, war in der Juni-Nummer 1931 der C.-V.-Zeiung ein Bericht über die Tagung des Vereins für das Deutschtum im Ausland in Aachen erschienen, den wir mit Rücksicht auf die Werbetätigkeit des V.D.A. und aus die vielfach mißtrauische Einstellung jüdischer Kreise diesem Verein gegenüber unseren Lesern im folgenden unterbreitew möchten. Zwar scheinen einzelne Persönlichkeiten und wohl auch einzelne Ortsgruppen zu versuchen, den Gedanken, den der Verein für das Deutschtum im Ausland fördern will, ins nationalistische und sogar ins antisemitische umzubiegen, es dürfte sich aber empfehlen, derartigen Versuchen dadurch entgegenzutreten, daß man, wo immer es mit der Ehre des Juden vereinbar ist, in die Ortsgruppen des V.D.A. einzutreten und derartige Versuche durch tätige Mitarbeit zu unterbinden. Der Bericht lautet folgendermaßen: „Tie Tagung des V.D.A., die zu Pfingsten dieses Jahres in Aachen stattfand, gestaltete sich mit ihren 20 000 Teilnehmern zu einer mächtigen Kundgebung des bedrohten Grenz- und Auslandsdeutschtums. Es zeigte sich wieder, daß Angehörige aller Stände, aller Bekenntnisse, aller Parteien im Dienste des großdeutschen Gedankens, im Dienste der Volksverbundenheit, des tatkräftigen Volksschutzes und Volksbewußtseins zum V.D.A. stehen. . Die Tagung selbst bewies den staatsbejahenden Sinn der Träger der B.D.A.-Bewegung aufs neue. Der einzige Mißklang war eine stark völkssch gefärbte, ins Parteipolitische abgleitende Rede, die Freiherr von Lünninck auf der Bauerntagung hielt, die aber inmitten des eindrucksvollen Bekenntnisses zum Deutschland der Gegenwart unterging. Die anderen Redner nannten die Dinge ohne Rücksicht aus parteipolitische Forderungen beim rechten Namen; so kennzeichneten sie die wahre Lage der Deutschen in Südtirol, die die Nationalsozialisten immer rosig zu färben pflegen. Die Jugend, die das Bild der Tagung ganz entschieden bestimmte, hinterließ in ihrer disziplinierten Ordnung den glänzendsten Eindruck. Die Breslauer Studienrätin Dr. Käthe Rosenthal, die als Führerin ihrer Schulgruppe an der Tagung teilnahm, schildert uns ihre Eindrücke: „Der wesentlichste Eindruck, den ich von meinem viertägigen Aufenthalt in Aachen als Führerin unserer Schulgruppe bei der Tagung des V.D.A. hatte, ist der einer Notwendigkeit der im V.D.A. geleisteten Arbeit, die auch uns Juden vollkommen freisteht. Die Tagung bot neben dem Ernst der auf ihr geleisteten Arbeit die Stimmung wirklicher Festlichkeit. Lebendig steht vor meinem Auge unsere Ankunft nach 18stündiger Fahrt von Breslau, unser Einzug durch die geschmückten Straßen, die voll waren von Jugend und von uns begeistert grüßenden Aachenern. Die Jugend war beglückt im Gefühle ihrer Aufgabe und nahm anderseits das Bild der Sagenstadt mit ihren reichen Kunstschätzen in sich aus. „Was uns kettet, das ist Leid, was uns rettet, Einigkeit." Wie oft habe ich diesen Spruch während dieser Tage gehört. Was man hier nahe an der Grenze von der Not des Grenzdeutschtums und Auslandsdeutschtums erfuhr, war erschütternd, aber beglückend war der Ruf nach Einigkeit, der den Festabend im Stadion beherrschte. Man muß den opferfreudigen Willen dieser Jugend, die sich im V.D.A. zusammenfindet und ein offenes Ohr für die Nöte der Volksgenossen hat, achten, auch wenn manche sich im jugendlichen Ueberschwange von radikalen Forderungen mitreißen lassen. Es ist immer ein guter Wille dabet, und es ist die Aufgabe der Führung, hier richtunggebend vorzugehen, eine Aufgabe, deren sich der V.D.A. bewußt ist." Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubend hat soeben eine Zusammenstellung der in der Zeit von 1923 bis 1931 in Deutschland erfolgten Friedhofsschändungen veröffentlicht. Er nennt diese Veröffentlichung „Ein Dokument der politischen und kulturellen Verwilderung unserer Zeit." Ueber 100 Friedhofsschändungen, zu welchen sich noch einige Shnagogenschändungen gesellen, sind zu verzeichnen. Von den Friedhossschändungen waren auch hessische Gemeinden, wie Hillesheim in Rheinhessen! und Reichelsheim im Odenwald betroffen. Nicht in allen Fällen konnten die Täter ermittelt und der verdienten Strafe zugeführt werden. In zahlreichen Fällen ist aber erwiesen, daß die Schändungen von Mitgliedern rechtsradikaler Verbände angeregt oder ausgeführt waren. In der Kulturgeschichte der Nachkriegszeit werden diese Vorgänge schmerzliche und beschämende Blätter füllen. Wenn der Heldenmut eines mißleiteten Nationalismus im „Kampf gegen Gräber" sich austobt, dann bedarf es eines besonderen Arztes, der eine solche Krankheitserscheinnng heilen soll. Die jüdischen Gemeinden und ihre Institutionen. Von Lazarus Fried m [tun, Mainz. In der vorigen Nummer dieses Mitteilungsblattes läßt Herr Rabbiner Dr. B a e ck einen Ausrtlf des Vorstandes der Zentralwohlsahrtsstelle der deutschen Juden ergehen, dessen Inhalt wir folgendes entnehmen: „In schwerer Stunde richten wir an die jüdischen Gemeinden den Ruf: „Haltet die Wohlfahrtspflege aufrecht! Keine Gemeindearbeit ist in dieser Zeit notwendiger als Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik. Helft, daß die unentbehrlichen Heime, Kindergärten, Horte, Jugendheime offen bleiben. Vermehrt die Speisungen . . . .; Gemeinden und Vereine schließt Euch enger zusammen. Erhaltet und stärkt das Werk jüdischer Einrichtungen." Ebensolche Aufforderungen finden wir vielfach in der jüdischen Presse, und zwar nicht nur um Erhaltung, sondern auch um Erweiterung und Vermehrung der Institutionen, die infolge der schweren Zeit eine dringende Notwendigkeit geworden sind. Daß dieses Verlangen ein Gebot der Stunde ist, wird wohl jeder fühlende Jude zugestehen müssen. Nun kommt aber die Frage, wie sollen die Mittel für diese großen Ausgaben beschafft werden? Die bisher finanziell Gutsituierten haben in der letzten Zeit eitlen beträchtlichen Teil ihres Vermögens eingebüßt; die Steuern an die Genteinden und die freiwilligen Beiträge für jüdische Jttstitutionen gehen infolgedessen zurück; ein Ausgleich für die vermehrten Ausgaben kann kaum geschaffen werden. Bisher floß der größte Teil der Eingänge aus der Klasse des Mittelstaitdes. Der wirtschaftliche Druck, der gerade auf diesem Stand jetzt lastet, ist bekannt. Atls eine bedeutend verminderte Einnahme von dieser Seite muß man mit Bestimmtheit gefaßt sein. Dadurch ist die Ausrechterhaltung der Gemeinden und ihre Wohlfahrtspflege, sowie ihre sonstigen Jnstitutiotten sehr gefährdet. Alle Ausrufe uttd dringenden Mahnungen um Stützung derselben werden wenig Erfolg bringen, solange die wirtschaftliche Lage sich nicht wesentlich gebessert hat. Was soll aber inzwischen geschehen? Sollen die Gemeinden und alles, was dazu gehört, 'stillgelegt werden? Nein! Das kann und darf nicht geschehen. Es tnüssen Mittel und Wege gesunden werden, um die seit Jahrzehnten segensreich wirkenden Einrichtungen weiter bestehen zu lassen und womöglich den Anforderungen entsprechend zu kräftigen. Wir müssen, da wir nicht warten können, bis die wirtschaftliche Lage normal wird, zu der einzig möglichen Selbsthilfe greisen. Wir können es, wem: wir nur wollen. Wir meinen eine gegenseitige wirtschaftliche Förderung. Der jüdische Mittelstand — Geschäftsmann und Handwerker — wird trotz der Not der Zeit eilte attskötnmliche Existenz fittden, falls man ihn beim E i n k a u s u n d bei Vergebung von Arbeiten mit berücksichtigt. Gott sagte einst zu Moses <*03 nf 'iD:"i£rin „Gehet hin und ernährt Euch einer vom anderen". In der jetzigen schweren Zeit müssen die Worte des Ewigen ganz besonders beachtet werden. Nur e i n e g e g enseitige 1l n t e r st ü tz u n g k a n n R e t t u tt g bringen, kann namenloses Elend beseitigen. Tausenden von Existenzen, die jetzt am Rande des Untergangs stehen, kann geholfen werden. Dadurch wird auch das weitere Fortleben der Genreinden und ihrer Institutiottett gesichert. Möge matt bedenken, daß ohne irgend welche Geldopser, sondern nur durch vernüttftige Einsicht jeder die Möglichkeit hat, Hilfe zu bringen, und zwar nicht nur einzelneu Personen, sondern deit Einrichtungen der Gesamtheit! FamUienschutz durch Famittenselbsthilfe. Von A. R h e i tt l ä tt d e r. Zwei Gesichtspunkte verdienen in diesen schweren Tagen besondere Beachtung. Zunächst die Erkettntnis der wirtschaftlichen Labilität. Wir erleben, daß angesehene Firmen plötzlich wanken, jeder von utts kennt unzählige Familien, die wirtschaftlich anscheinend durchaus gesichert waren, bei denen es sich jedoch nach dem Tod des Familienoberhauptes herausstellt, daß die gesamte wirtschaftliche Substanz geschwunden ist. Die Festigkeit, die Stabilität früherer Zeiten scheiitt ans lange hinaus geschwunden, die Zuckungen und uttunterbrochenen Veränderungen des Wirtschaftslebens im allgemeinen bedingen auch schnelle Veränderungen in der Wirtschastssituation des einzeltten. Man darf sagett, daß diese Erkenntnis heute bereits Allgemeingut geworden ist. 3

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