Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 6 (1931)
- Issue
- 9 (9.1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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^SJU strahlenden Kranze der Schabboslichter ertönt die alte und so lebendige Weife des „Scholom Alechem"; der Senior des Hauses, Dauerinsasse Herr Wolpert, spricht das Kidduschgebet. Nach einem ,xreüagabendessen, das die vortrefflichen Künste der Küche in ihrer höchsten Form zeigt, hält eine Atmosphäre echt jüd. Geselligkeit die Glieder der großen Familie beisammen. Zwanglose Gemütlichkeit herrscht. Witzbolde reisen Witze, andere erzählen aus ihrem Leben und Wirken. Wir betreten Jugendland, sehen uns umgeben^ von geliebten Gestalten, erfüllt vorn Geiste großer Führer. Dieser hat Samson Raphael Hirsch zu Füßen gesessen und erzählt der andächtigen Zuhörerschar Episoden aus seinem Leben, ein Zweiter weiß einen Posuk nach der Auffassung seines Rabbi sinnvoll zu deuten, und so tauchen nacheinander ehrwürdige Gestalten vor unserem geistigen Auge auf und geben der Stunde die Weihe. — Manches köstliche und gehaltvolle Taurohwort entschlüpft den Lippen, „Köstlicher als Honig und süßer als Honigseim" — an anderen Abenden tritt noch die sogenannte B'ne-Bridge-Loge in Aktion, eine von Männlein und Weiblein gebildete Interessengemeinschaft, die dem Bridgespiel huldigt. — Der Schabbosmorgen vereinigt uns früh zur Haschkomoh, daun zum Stelldichein in der Brunnenhalle. Nach Genuß des Morgenkaffees gehts zur Schul, die bis auf den letzten Platz bei Männern und Frauen beseht ist. Stimmbegabte Kantoren geben dem G'ttesdienst feierliches Gepräge. Zwischen der Schabbosmahlzeit am Mittag und dem Abendessen wird aus naheliegenden Gründen Nachmittagskaffee verabfolgt. Der Minchog'ttesdienst in der Schul, meistens durch Heiminsassen vertreten, beginnt der Kur wegen um 6,80 Uhr. Bei Schabbosausgang sammeln wir uns um die Hawdalahkerze, und mit dem genteinsam gesungenen Hamawdil ben kandesch l'chaul verabschieden wir uns von der Königin Sabbat. — Wer noch Lust zum Ausgehen bat, kann dies tun. Kein Statut, das ihn bindet; im Besihe eines Hausschlüssels kann er m jeder Zeit zurückkehren — und merkwürdig, keiner zeigt sich dieser Freiheit unwürdig. Wer cs liebt, auf Bergesböh sich zu ergehen, erhält von der Frau Oberin eine verbilligte Mahlbergfahrkarte, wer Ansichtskarten bedarf, solche eigens zu diesem Zwecke angefertiate, die das Heim und seine Inneneinrichtung darstellen, deren Erlös einem Wohlfahrtsfonds znfließt. Letzterer soll in seiner Auswirkung dazu dienen, Erholungssuchenden Kollegen und Kolleginnen den Aufenthalt im Heim noch billiger zu gestalten. Vom Kauf dieser Karten sollte deshalb ausgiebiger Gebrauch gemacht werden. Wir besiheu ein Heim, das uns, wenn Nur von des Amtes Last und Bürde uns einmal im Jahre erholen möchten. Zuflucht aewährt. Gelegenheit gibt, uns wieder die Hände zu drücken, ins Auge zu sehen und Gedanken anszutauschen zum Wohle unserer Kinder und Gemeinden. Wir können den Männern, die es uns geschaffen haben, nicht besser dafür danken, als durch unser allseitiges Bestreben, es zu erhalten bnrrfi immer und immer wieder zu erfolgende Rückkehr in seine Räume, durch unsere werbende Stinnne und den Ruf bei den noch Abseitigen: „Werdet Mitglieder!" und durch erhöhte Opferbereitschaft. Unser Heim bedarf noch der Vermehrung und Ausgestaltung seiner Räume im Jnwresse der Erholungssnchenden und s. G. w. immer mehr zunehmenden Zahl seiner Dauerinsassen. Aus unseren Verbandsgemeinden. Eppelsheim. Am 22. August d. I. wurde Rudi Levis, Sohn des Herrn Max Levis, Barmizwoh. Das war für unsere kleine, nur aus vier Familien bestehende Gemeinde ein erhebender Tag, fand doch-aus dieser Veranlassung nach langer Panse wieder einmal in unserer, für btefcu Zweck festlich geschmückten Synagoge Gottesdienst am Freitag abend nnb am Sabbat morgen statt. ' Geleitet wurde dieser durch Herrn A. S a I o m o n , Oberreallehrer i. R., aus Worms, der im Aufträge des „Landesverbandes" den Barmizwoh für diesen religiösen Akt vorbereitet hatte. Dieser trug seinen Thora-Abschnitt in einer Weise vor, die ihm den Beifall aller Zuhörer cintrng. Im Mittelpunkt des Gottesdienstes stand eine Ansprache des Herrn S a l o m o n , gerichtet an die Gemeinde und an den Barmizwoh, die auch auf die gegenwärtige ernste Lage unseres Vaterlandes einging, aber auch der zuversichtlichen Hoffnung auf konnnende bessere Zeiten Ausdruck gab. Sie galt allen Parteien und Bekenntnissen; sie forderte 'auf zur Einfachheit, Mäßigkeit und Bescheidenheit, zur Tapferkeit im Ertragen. Dieser Appell galt insbesondere den Frauen. — Auch dem Söhnchen des Herrn Otto S ü s, Karl Ludwig S ü s, das an diesem Sabbat zum erstenmal mit seiner Wimpel zum Gotteshause ging, widmete Herr Salomo n von Herzen kommende Wünsche. — Möge es Herrn S a l o m o n noch vergönnt ein, feine Worte in Erfüllung gehen zu sehen! Griedel. Auf dem hiesigen israelitischen Friedhof wurde in der Woche zum 26. Juli in vandalischer Weise an den Gräbern gehaust. Die Rohlinge drangen über die Friedhofsmauer, warfen Grabsteine um, beschädigten mit einem scharfen Gegenstand ein anderes Denkmal sehr und brachten auf einem Denkmal die Worte „Heil Adolf" an. Tie Gemeinheit dieser Grabschänder ging sogar so weit, daß sie aus dem Denkmal für den verstorbenen Adolf Bär von hier das Wort Bär auskratzten und vor den Vornamen Adolf das Wort „Heil" anbrachten. Die Untersuchung ist im Gange. Solche Rohheiten und Gefühllosigkeiten sollten mit aller Strenge bestraft werden. Lich (Oberhessen). Am Donnerstag, den 13. August d. I. wurden die sterblichen Ueberreste des durch einen Autounfall so jäh aus dem Leben geschiedenen 58jährigen Pferdehändlers Mayer Bing zur letzten Ruhe bestattet. Dem Trauerzug voran schritt der hiesige Kriegerverein mit der Fahne, dessen Mitglied der Verstorbene gewesen war. Von nah und fern waren Verwandte und Freunde herbeigeeilt. Ein großes Trauergefolge aus allen Konfessionen und Schichten der hiesigen und auswärtigen Bevölkerung gaben dem Verblichenen das letzte Geleite. Durch sein Schlichtheit und sein einfaches Wesen, feine Rechtschaffenheit und unbedingte Reelität genoß Mayer Bing großes Ansehen und erfreute sich überall größter Beliebtheit. Als am 11. 8. die Schreckensnachricht von dem Unglücksfall unser Städtchen durcheilte, war die Einwohnerschaft fast wie gelähmt. Auf unserem alten ehrwürdigen Friedhof entwarf am Grabe Herr Provinzialrabbiner Dr. Sander, Gießen, in trefflichen Worten ein getreues Lebensbild des Entschlafenen und hob besonders seine Eigenschaften, seinen lauteren Charakter und seine Treue zum Judentum hervor. Ter 1. Vorsteher, Herr Emil Isaak, rief im Nameu der Gemeinde unserem Glaubensbruder die letztere Grüße und ein letztes Lebewohl zu. Herr Stadtrechner Ludwig Häuser, 1. Vorsitzcrrder des Kriegervereins, fand warme Worte des Gedenkens. Er erwähnte besonders, daß Mayer Bing, welcher auch im Kriege ciugezogen war und schwer krarrk im Lazarett gelegen hatte, dem Vaterland seine Dienste getarr hat. Um dem Heimgegaugerren trauern die schwer geprüfte Gattin und zwei noch unmündige Kirrder. Möge ihnen Gott der Herr in ihrem Leid Trost spenden und beistehen. Wir aber, in unserer Geineinde, werden Mayer Bing, welchen wir besonders an den Gottesdiensten, zu denen er selten fehlte, sehr vermissen werden, ein treues Audeukeu bewahren. Wir werden ihn nie vergessen. Mainz. Am 2. September kann Herr Justizrat Dr. Otto Lichten in bewundernswerter geistiger und körperlicher Frische seinen 70. Geburtstag feieru. Herr Justizrat Dr. Lichten hat sich in. seinem juristischen Berufe durch seine Gewissenhaftigkeit und : seine tiefgründigen juristischen Kenntnisse das Ansehen seiner Fachgenossen und die Anerkennung der juristischen Behörden erworben. Dem Kunst- und dem Kulturleben des deutschen Volkes und insbesondere der engeren Heimat Mainz und Umgebung hat er sich auf den verschiedensten Gebieten mit Eifer und feinem Verständnis als Förderer geuüdmet. Der Volksbildung galt seine Arbeit schon lange vor Entstehung der Volkshochschulen und ähnlicher Einrichtungen. Tie Verwaltung der Stadt Mainz hat die wertvolle 9