Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 6 (1931)
- Issue
- 9 (9.1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Hoffnung auf die Zukunft. Wenn aber ein Optimist feine Zuknnftsgedanken auch anderen bekannt geben will, so müssen ite doch einigermaßen so begründet sein, daß sie auch vor Andersdenkenden bestehen können. Allein wir begegnen öfters Fällen, wo jdies, fast garnicht beachtet wird. Als Beispiel wollen wir folgendes erwähnen. In der Zweimonatschrift „Der Morgen" erschien im vorigen Frühjahr ein durchaus sympathischer Aussatz von Raimund e r h a r d über das Pessachsest. Trotz der täglichen antisemitischen Schandtaten und Verläumdungen usw. hat eine bekannte Persönlichkeit günstige Aussichten für die Stellung der Juden in der Zukunft öffentlich verkündet, und zwar nur infolge seiner Begeisterung über diesen hervorragenden Toleranzartikel eines nichtjüdischen Autors. Dieser Optimismus geht zu weit! Ist es denn denkbar, daß die antisemitische Welle auch nur abflauen wird infolge eines — wenn auch von einem prominenten Nichtjuden — verfaßten Aussatzes in einer jüdischen Zeitschrift? Die von Haß und Neid getriebenen Hetzer und Vergifter der Massen werden ihn nicht lesen und werden sich wen.g kümmern um die religiöse Toleranz eines Raimund Eberhard. Diese und ähnliche anerkennende Aeußerungen nichtjüdischer Persönlichkeiten über das Judentum können zwar wie ein kleines Pflaster auf einer Wunde wirken, aber ein Universalmittel gegen die Krankheit, die unsere Zeit verpestet, sind sie nicht. Solange solche Toleranzkundgebungen wie die Raimund Eberhards nur einem engen Kreis hekannt werden, bleiben sie wirkungslos und verhallen wie ein Ruf in der Wüste. Umfassender wäre die Wirkung, wenn eine größere Anzahl niEIK vpDit, geistiger Persönlichkeiten, ihre Toleranzkundgebungen in der öffentlichen Welt erließen, wenn sie im Namen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit Protest gegen die Hetz-Apostel einlegten und deren gewissenlose Verleumdungen widerlegten. Allerdings wäre auch alsdann an ein plötzliches Verschwinden des Antisemitismus nicht zu denken, aber mit einem Abflauen der Hetze wäre mit aller Wahrscheinlichkeit zu rechnen. Es ist daher dringend notwendig, daß unsere jüdischen Führer Fühlung nehmen mit den uns gutgesinnten nichtjüdischen prominenten Persönlichkeiten. 'Es gibt G. s. D. in Deutschland noch viele hervorragende edle Geister wie Raimund Eberhard, um gemeinsam in der großen O e f f e n t l i ch k e i t an der Beseitigung der Schmach unsrer Z e i t zu arbeiten. Vor allem aber müssen die jüdischen Organisationen und Verbände eine Einheitsfront bilden. Die inner-jüdlschen Verschiedenheiten in politischen und religiösen Auffassungen dürfen keinesfalls Hindernisse sein, um eine geschlossene Einheit zum Zwecke der Abwehr zu bilden. Die mißliche Lage der Zeit fordert aber nicht nur Zusammenschluß nach außen, sondern ebenso nach innen. Von größter Wichtigkeit wäre eine Beratung von maßgebenden Persönlichkeiten darüber, aus welche Art eine Linderung der wirtschaftlichen Not des jüdischen Mittelstandes, der am stärksten leidet, getroffen werden kann. Infolge antisemitischer Hetzereien und infolge der Werbung vieler Vereine und Verbände für die Geschäfte ihrer Mitglieder, kämpfen viele jüd. Geschäfte einen scharfen Kampf um ihre Erhaltung. Es wäre deshalb sehr zu wünschen, daß man bei Einkäufen die jüdischen Geschäfte, hauptsächlich die des Mittelstandes, mitberücksichtigt, und man sollte es in jüdischen Kreisen als Gcwisscnspflicht betrachten, den jüdischen Mittelstand vor dem Untergang zu bewahren. In der jetziger: schweren Zeit sollte das Gebot der heil. Schrift “py ihl „Es lebe Dein Bruder mit Dir", auch aus wirtschaftlichem Boden gewissenhaft befolgt werden. Jüdische Wegbereiter der Emanzipation in Kurmainz. (Aerzte und Hoffnktoren.) Von Dr. jnr. Karl L a d e n b u r g , Mainz. In seinen „Vorboten der Jnden-Emanzipation"ch begnügt sich Salfeld mit der Besprechung der sich aus die Rechtsstellung der Juden beziehenden obrigkeitlichen Urkunden, den in der i) Salfeld in Cohenfestschrift 1012. Mainzer Stadtbibliothek bewahrten Erlassen und Reskripten der letzten Mainzer Kurfürsten. Tie Frage, ob auch jüdischerseits für die Gleichberechtigung gekämpft und für den kulturellen Aufschwung gearbeitet wurde, untersucht er nicht. Den Umstand, daß aus den Kreisen der Unterdrückten die Quellen nur spärlich fließen, legt er dahin aus, daß der Druck den Mut und die Hoffnung für den Kampf um die Rechtsstellung geschwächt habe. Adolf Kober zeigt dafür?), daß im allgemeinen die Aufklärung unter den Juden nicht erst mit Moses Mendelssohn beginnt, sondern mindestens schon mit der Zeit seiner Geburt, allerdings nur in einer dünnen Oberschicht. Vom soziologischen Gesichtspunkte aus sieht er auf sozialem Gebiet in den Judenärzten ein wichtiges Bindeglied zwischen Juden und Christen, ähnlich wie auf wirtschaftlichem in den Hossaktoren. Er sucht in den Juden dieser Stellungen die jüdischen, Wegbereiter der Emanzipation. Im Gegensatz zu den Knrmainzschen Hosfaktoren sind durch die Geschichtsschreibung die Mainzer Judenärzte durchweg bekannt, sowohl die, die nicht studiert, als die, die an den Universitäten zum Dr. med. promoviert haben. Für den Beginn des 16. Jahrhunderts sind nach Kober die Aerzte L i e p m a n n , B e h s u ß und Mose in Kurmainz namentlich bekannt. Ihr Wohnsitz war wahrscheinlich Weisenau, da in der Residenz erst 1588 sich wieder eine Gemeinde bilden durste. In: 17. Jahrhundert sind es nach Löwensteinch zwei Rabbiner, die gleichzeitig die Heilkunde ansübten, nämlich Jehuda Löb 1634—1644 und Leo Simon (R. Lob b. Simon Enoch) von 1687—1714, dessen Grabstein aus dem alten Friedhof erhalten ist. Während das Memorbuch der Mainzer Gemeitide noch den Arzt Moses Sohn des Gelehrten Löb Sobernheim als in Mainz 1727 verstorben auszeichnetch, nennt Kober für das 18. Jahrhundert Selkele Grotwahl, verstorben 1704, dessen Sohn Meier, verstorben 1741, sowie Jakob Dokter, verstorben 1721; im Jahre 1747 tritt Doktor Salomon Emanuel Wallich die Stelle des unlängst verstorbenen Judendoktors an, während im Jahre 1759 Beysnß Max (Phoebus Cohn) die Erlaubnis erhält, in der Erzdiözese zu praktizieren. Dieser dürste identisch sein mit dein Judendoktor Feist, da sich nach dem Protokollbuch der Gemeinde in seinem Todesjahr 1793 der Rate Raufe um die Stelle des verbliebenen Feist Raufe bewirbt?) Die Kenntnis dieser Aktenstelle entkräftet nicht die Behauptung Kobers, daß Beysnß der letzte offizielle Kurmainzsche Judendoktor war, denn der Erfolg der Bewerbung des Nathan ist ebenso nitbekattnt, wie fein Zuname und bcr_ seines Zeitgenossen Selkele, dessen Existenz die Auszeichnung seiner Gattin, der im Jahre 1811 verstorbenen Kindle, Tochter des Löb Guggenheim aus Worms im Mainzer Memorbuch beweist?) Um die Jahrhundertwende praktizierte, und zwar seit 1791 der im Jahre 1815 verstorbene Joseph Hamburg, erster jüdischer^ Doktorant der Medizin der im Jahre 1784 wieder eröffneten Miainzer Universität?) sein Sohn Markus, wie die Aerzte Friedberg und Lebrccht — teilweise Gemeindeärzte — gehören schon der neueren Zeit an, in der — durch das napoleonische Dekret von: 20. Juli 1808 bcn jüdischen Untertanen Familiennamen zu führen gebotench — der Feststellung der Persönlichkeiten weniger Schwierigkeiten entgegenstehen. Daß die Bezeichttung Hossaktor auch in Kurmainz geführt wurde, ist beiläufig aus veröffentlichten Urkunden bekannt, nngeklärt aber sind die Ausgaben eines Kurmainzschen Hossaktors, die Träger dieses Titels und in welcher Zeit diese Bezeichnung im Erzbistum Mainz eingesührt wurde. Faktores sind — nach der Bezeichnung des großen vollständigen Lexikons aller Wissenschaften und Künste ans dem Jahre 17359) — unterschiedlich gewesen, als etliche dienen nur Potentaten, Fürsten und Herrett in der Anschaffung desjenigen, was sie zu ihrer Hoshaltnitg m: Piktnalien, Kleidern und anderen Dingen itötig haben; diese werden Hos-Faktores, ja wohl nach dem' heutigen Stil itach Commercian-Commissarii, sich wohl gar Contiitereien-Räthe, gertanitt, soitderlich wenn ihre Aitschafsuitgeit etwa aus was mehreres als ans bloses Verlegen der Hofstatt geben, uttd sie etwa ganze Regimenter zu proknrieren habeit oder herrschaftliche Gelder zu disponieren haben, in welchen: 2) Kober „Rheiltische Jndendoktoren", in Breslauer Seminarfestschrift 1929. 3) Löwenstein, Mainzer Rabbiner, Jb. I. L. G. III, Seite 225. ■*) Mainzer Mb. Nr. 506. 3) Mitteil, des Herrn Leo Boitdi, Mainz. 6) Maittzer Mb. 1197. - ch Mertniitger: Das Napoleon. Dekr. wegen der Vor- und Zunanien der Juden. ch Stern Jud Süß, Seite 26. 7