Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 6 (1931)
- Issue
- 9 (9.1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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^>flartgc grämen und kränken, die aber kein Mitgefühl empfinden, wenn Menschen leiden, denkt an die, die mit Gatt unzufrieden find, wenn er Gnade an anderen übt, aber die Güte, die ihnen selbst widerfährt, sich gern gefallen lassen. Der Kikajon, der Wunderbaum, ist ein Symbol für Hab und Gut, für vergängliche Güter; Ninive aber ist die Stadt mit den vielen Menschen, die eine göttliche Seele ihr eigen nennen. Bereits wenn irgendetwas Vergängliches, das unserer Bequemlichkeit diente, zugrunde geht, sind wir so leicht tief unglücklich, und Gott sollte es nicht leid sein um die Menschen, die eine unvergängliche Seele in sich tragen? Gott liebt seine Schöpfung. Wie ein Vater sein Kind liebt, so liebt Gott die Menschen, denen er bei all ihren Fehlern und Schwächen seine Güte und sein Erbarmen nicht entziehen will. Schon um dieses einen Satzes willen, den Gott an Jona richtet und der die Größe der göttlichen Liebe verkünden soll, ist das Buch Jona würdig, am Jaum Kippur verlesen zu werden. Jona muß sich den Vorwurf gefallen lassen, nur um den Kikajon besorgt zu sein, um das Schicksal der Bewohner von Ninive jedoch sich wenig Gedanken zu machen. Würden nicht auch heute die Menschen dem Verlust äußerer Güter gewappneter gegenüberstehen, wenn sie nur dieselbe Liebe und Sorgsalt, die sie für die Dinge und für ihren Körper übrig haben, auch ihrer Seele und ihrer Charakterbildung erweisen wollten? Am Versöhnungstag darf es uns um den Körper, dem Entbehrungen zugemutet werden, nicht mehr leid sein, als um die Seele, die doch ihre Nengeburt gewinnen soll. Der Jude, der am Jaum Kippur den Körper mit seinen Ansprüchen zurückstellt, dagegen die Seele mit ihren Bedürfnissen völlig bedenkt, bekundet damit, daß er den Geist höher stellt als die Materie, erfüllt dadurch eine Tat des Idealismus. Die Religion, samt ihren Geboten und Vorschriften, ist und bleibt ein Stück idealistischer Weltanschauung. Darum werden aber auch diejenigen, die nur vor dem praktisch Verwertbaren Achtung haben, einen Jaum Kippur in seiner tiefsten Bedeutung nie begreifen. Sie gleichen dem Jona, dem der Tod lieber ist als das Leben, nur weil sein Kikajon, seine Habe, sein Besitz, zerstört ist. Vor solcher Verzweiflung und solchem Weltschmerz bewahrt den Menschen die Zuversicht, die ihm die Religion zu geben vermag. Das Vertrauen aus einen Gott, der sich der zur Vernichtung bestimmten Bewohner Ninives erbarmt, kann die Menschen über den Verlust so mancher irdischer Güter trösten, nur haben, besitzen muß man etwas von der Kraft, die der Versöhnungstag fordert: dem Körper entsagen zu können zugunsten der Seele. Solange Israel den Versöhnungstag nach seinem tiefsten Sinn begreift und begeht, wird es diese Kraft besitzen und unvergänglich sein. Fackeln in der Hand. (Wie Rabbi Simon ben Gamliel erzählt die Tosefta, daß er gleichzeitig mit acht brennenden Fackeln Fangball spielte und daß er sie so auffing, daß keine die andere berührte. Von Hillel berichtet die Tosefta, daß er an diesem Feste sagte: wenn ich da bin, kommt jeder, wenn ich nicht komme, wer wird dann kommen?) Sie sangen Lieder und Huldigungen. Die Leviten spielten auf Harfen und zahllosen Saiten- und Blasinstrumenten. Sie standen aus den fünfzehn Stufen, die von der Halle der Israeliten zur Halle der Frauen führte, entsprechend den 15 „Stusenliedern" der Psalmen, auf jeder Stufe erklang eines dieser Lieder. Zwei Priester standen am obersten Tor, das von der Halle der Israeliten zur Halle der Frauen ging und hatten Trompeten in der Hand. Sobald der Hahn krähte, ließen sie Tekioh, Ternoh, Tekioh erklingen, ebenso wenn sie auf der zehnten Stufe angelangt waren, ebenso wenn sie in der Halle angelangt waren. Sie bliesen bis sie zu dem . Tore kamen, das von Osten her herausführte. Hier wandten sie ihr Antlitz um nach Westen und sprachen: Unsere Väter, die hier einst gelebt, hatten ihren Rücken dem Heiligtum zugekehrt und ihr Antlitz war nach Osten gerichtet, um sich vor der ausgehenden Sonne anbetend zu bücken, wir aber — wir gehören Gott an und unsere Augen sind nur ans Gott gerichtet." So der Bericht der Mischnah von jenem Fest, mit dem man das Schöpsen des Wassers begleitete, das man — einziges Mal im Jahr! — am Hüttenfest auf dein Altar als Trankopfer ausgoß, wo man sonst nur Wein opferte. Es war das ein alter Volksbranch, von dem in der Thora nichts stand, und das Volk hing mit heißer Inbrunst an der Erfüllung des Brauches, duldete kein Abweichen davon, auch von dem Höchstgestellten nicht. Und weil es mit solcher Liebe an dem Brauch des Wasseropfers am Hüttensest hing, darum eben begleitete es das Einholen des Wassers mit einem großen Fest. Der Bericht ist schon darum so iuteressant, weil wir aus ihm ersehen können, wie die Religionsübung des alten Israel nicht nur eiue von tiefem und schwerem Ernst getragene war, sondern mit wieviel Heiterkeit und Freude sie verbunden war, und wie mit ihr ursprüngliches Volksleben in seiner Farbigkeit und Buntheit verbunden war, wie überschäumend man Volksfeste zu feiern imstande war. Den Bericht, der Mischnah ergänzt die Gemara (Sukkah 53a) noch, indem sie angibt, was das denn für Lobgesänge und Huldigungen waren, die die Frauen, die Männer bewährten Tuns in ihrer Begeisterung anstimmten. Die einen, so wird erzählt, riefen aus: „Heil dem, der nicht gesündigt, und wer gesündigt, möge er umkehren und dann wird er Vergebung finden." Andere riefen: „Heil unserem Alter, daß es Sühne gebracht hat für unsere Jugendzeit". Wieder andere sollen ausgerusen haben: „Heil unserer Jugendzeit, daß sie nicht unser Alter beschämt." Diesen letzten Ruf für uns auszunehmen, verlohnt sich mehr denn je. Möge es uns gelingen, die Spannkraft und Tatkraft und Begeisterung der Jugend zu erhalten und neu anzufachen, damit es gelinge standzuhalten in den gehäuften Nöten und Sorgen der Gegenwart, in die wir hineingestellt sind. Möge es gelingen, den Eifer und die Hingabe, deren der Mensch in der Jugend fähig ist, zu erhalten und nicht erkalten zu lassen, damit wir für Juden und Judentum in ungebrochener Kraft wirken. Mögen unsere reifen Jahre so sein, daß sie nicht Abstieg bedeuten gegenüber den Jugendjahren, mögen die Tage der Reife und des Alters so vor Gott gelebt werden, auch in den Verstrickungen dieser Zeit, daß wir' uns unserer eigenen Jugend nicht zu schämeu haben. roN^n rro nrm Zum Hüttenfest. Von Rabb. D r. D i e n e m a n n - Offertbach a. M. Die Mischnah berichtet uns (Sukkah 5): „Wer nicht die Freude des Hauses der Wasserschöpfuug miterlebt hat, hat sein Lebtag keine volle Freude erlebt. Am Ausgang des ersten Festtages'vom Hüttensest ging man hinunter in die Halle der Frauen urid machte dort große Herrichtungen (man ordnete Bänke und Galerien so, daß Frauen und Männer getrennt saßen). Goldene Leuchter waren da, sie trugen jeder vier goldene Schalen; zu jedem stieg man aus vier Stufen enrpor; und vier aus der Priesterjugend gossen aus Oelkrügeu von 120 Lug in jede Schale. Aus alten Priesterkleidern wurden Dochte gedreht, und dank ihnen gaben all die Oelkrüge Licht. Jeder Hof in Jerusalem strahlte wider vom Licht „des Hauses der Wasserschöpsung". Fromme und im Tun bemühte Männer tanzten einher mit brennenden 6 Der jüdische Optimismus. Von Lazarus F r i e d m a n u - Mainz. Pnt5- „Vertrauen aus Gott" und „Hoffen" sind Eigenschaften, die von jeher die Juden in reichem Maße ihr eigen nennen. Das pnüS , ein religiöses Gebot, hat uns ja stets auch in den schlimmsten Zeiten aufrecht erhalten und vor dem Untergang bewahrt. Dieses Vertrauen, das seit Jahrtausenden in uns'verankert rst, hat insofern auch seine Wirkung auf die heutige Zeit, die Zeit der Gleichgültigkeit, ausgeübt, daß fast der größte Teil der Juden Optimisten sind. Alle, ob strenggläubig oder sreideukend, sehen die Zukunft für uns Juden günstig an.' Der Optimist hat — unbewußt — die Erbschaft des „Bitochaun" seiner Vorfahren m sich ausgenommen. Und so wie der strenggläubige Jude wenig nach Vernunftgründen sucht, sondern einzig und allein fern Vertrauen auf die Vorsehung stützt, ebenso beruht die Auffassung des modernen Optimisten nur wenig auf Gründen der Vernunft. Sein inneres Gefühl weist ihn vielmehr mit froher