Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 6 (1931)
- Issue
- 9 (9.1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Trost möge dienen, daß in der ganzen zivilisierten Welt das ökonomische Gleichgewicht zerstört ist und auch vorläufig noch nicht wiederhergestellt werden kann. Einer unserer großen Oekonomen, Dr. Zimmermann, vergleicht die heutige Situation mit der eines erkrankten Menschen, der seinem Körper und seinem Geiste zu große Ansprüche gestellt hat, wodurch seine Kräfte unzeitig nachließen. Ein langwieriges Krankenlager wird der Erkrankte durchzumachen haben und nur von vollständiger Mäßigung aller seiner Bedürfnisse ist seine Heilung zu erwarten. Daß aber bei Euch außerdem der Antisemitismus in alter Art auftritt, erfüllt mich mit tiefstem Schmerz, umsomehr weil man bei uns von diesem Greuel nichts spürt. Zwar werden nicht alle Juden von allen Christen gesellschaftlich gleichwertig betrachtet, aber im öffentlichen Leben ist doch kein Unterschied und die besten Stellen werden oft von Juden eingenommen. Von den sechs Unterbürgerineistern Amsterdams sind drei Juden. Daher tut es mir so unendlich leid, daß iu einem benachbarten Lande, das sich stets als Träger der Kultur empfahl noch mittelalterliche Zustände herrschen, und es drängt mich zu fragen, ob dagegen in genügender, würdiger Weise von tonangebenden Persönlichkeiten ausgekommen wird." Und nun berichtet der Briefschreiber von Aeuszerungen zweier nichtjüdischer holländischer Gelehrter über Juden und Judentum: Am 1. Dezember 1930 wurde das 25jährige Jubiläum der neuen Iugendgesetzgebung im Haag gefeiert. Bei dieser Gelegenheit äußerte sich nach einem in der „Nieuwe Rotterdamsche Courant" vom 30. November erschienenen Bericht der Direktor der Zwangserziehungsanstalt für Knaben Nijmegen bei einem Interview folgendermaßen: „Meiner Ansicht nach gibt es zwei Vorbeugungsmittel, um nicht dem Verbrechen zu verfallen: „Gründliche Fachkenntnisse zu besitzen oder Jude zu sein. In 4 oder 5 Jahren brauchte der jüdische Religionslehrer keinen Fuß über meine Schwelle zu setzen", (Weil keine Juden in der Zwangserziehungsanstatt waren). Die zweite Aeußerung stammt von dem Direktor der staatlichen Erziehungsanstalt für Knaben in Amerssoort, Pfarrer Dr. I. Visier. Dieser Geistliche war ausgefordert worden, bei der am 24. November 1930 in Amsterdam abgehaltenen Generalversammlung der Berg-Stichting zu Laren (Pflegeheim für verwahrloste jüdische Kinder beiderlei Geschlechts) einen Vortrag zu halten und sprach über das Thema: „Die Stellung, welche die Privatanstalten in der Kinderfürsorge einnehmen." Der Redner führte u. a. folgendes aus: „Tie Pflegeanftalt hat die Aufgabe, Erziehung, Zwangserziehung zu leisten, eine Arbeit, welche große Ansprüche stellt. Ein bedeutender Faktor bei dieser Arbeit bildet der Glauben, der wahrhafte Glauben, der in Liebe zu wirken lehrt, ohne aus direkte Erfolge zu achten. Vor allem aber verlangt die Arbeit Geduld. Tie Erziehung in der Anstalt steht neben der Erziehung durch Pslegeeltern, beide sind gleich anormal. Normal ist nur die Erziehung des Kindes im elterlichen Heim. Dennoch hat die Berg- Stichting in ihrer zwanzigjährigen Tätigkeit viele Erfolge aufzuweisen. Viel Segen hat ihre Arbeit gekrönt. Daß die Anstalt besteht, ist erfreulich, aber trotzdem entsetzlich. Nicht nur die verwahrlosten Kinder sollen Gegenstand unseres Erbarmens sein, auch die verbrecherischen haben Anrecht aus unser Mitleid. Beide sind schlecht bedachte Kinder, welchen das vorenthalten wurde, was sie von Natur und Gottes wegen beanspruchen durften. Die Kindersürsorge ist daher keine Aeußerung der Barmherzigkeit, sondern der Gerechtigkeit. Ein Teil unserer sozialen, religiösen und persönlichen Schuld kann getilgt werden durch die Arbeit an den schlecht Bedachten. Die Jugendgesetzgebung zieht die private Fürsorge dem Eingreifen seitens des Staates vor. Der Staat soll nur ergänzend auftreten. Die Berg-Stichting steht aus jüdischer Grundlage,_ dies ist nötig, besonders heutzutage zeigt sich dies deutlicher als je Zuvor, wo Mauern der Sicherstellung nach und nach zerfallen. Man bcnfc an den Verkehr der beiden Geschlechter, an den Reiz, den gewisse Literatur ausübt, an den Umsturz verschiedenster Werte. Auch in die staatlichen Erziehungsanstalten werden jüdische Zoglinge aufgeiiommen und auch da wird deren religiösen Bedürfnisse n Rechnung getragen. Wenn sich bei dem Redner Eltern jüdischer Kinder über deren Betragen beklagen, so lautet seine Antwort durchweg: „Die Schuld liege daran, daß die Eltern ihre 4 Kinder liicht zur Synagoge schickten und nicht rechtzeitig Barmizwoh werden licßeii. Mehrere Male wurde er, weiiii er diese Antworten gab, gefragt: „Ist der Herr Direktor auch vom Volke?" (b. h. Jude). Derartige Augenblicke hat der Redner immer als einen Höhepunkt feines Lebens betrachtet. Die Erziehung in den staatlichen Aiistalten ist eine neutrale, dennoch wird das Möglichste versucht, um die jüdischen Kinder dem Judentum zu erhalten. Aber eine religiöse Erziehung kann ihnen deshalb nicht gegeben werden, weil dazu die nötige Umgebung fehlt, welche beim besten Willen und eifrigster Bestrebung in einer neutralen Zone nicht zu schassen ist; denn die rituelle Verpflegung an Pessach ist nicht das ganze Judentum, und zwar glücklicherweise nicht. Aber von besonderer Bedeutung ist es, ob der Schabbos begangen wird, insbesondere heutzutage, 'wo Stimmen sich erheben, um deuselben auszuschalteu. Genau wird darauf geachtet, waun der Schabbos beginnt und wann er endet, wenn auch das Gebet zur Begrüßung des Schabbos uud die Danksagung nach der Schabbosmahlzeit den in staatlichen Anstalten ausgenommenen jüdischen Zöglingen versagt bleiben muß. Wenn am Samstag Wettkämpfe abgehalten werden, dürfen unsere jüdischen Knaben sich nicht daran beteiligen, weil dafür durchwegs Eisenbahnfahrten erforderlich sind und die Oberrabbiner, in deren Bezirk unsere Anstalten liegen, begreiflicherweise ihre Zustimmung dazu versagen müssen. Auch der Schabbosabend, einem führenden und vertiefenden Studium gewidmet, kauu ihnen nicht geboten werden. Es ist daher lobenswert, daß die Berg-Stichting ihren Zöglingen eine Sphäre bietet, in welcher sie zu bewußten Juden heranwachsen können. Sie haben darauf Anrecht, weil sie schlecht bedachte Kinder sind. Auch hier gilt der Bibelspruch: „Berov-am hadras melech", „in der Fülle des Volkes ist des Königs Herrlichkeit". Aus diesem Grunde hat es den Redner ^tief berührt, daß die Berg-Stichting bis heute noch keine richtige Synagoge besitzt. Er will dem Vorstand deswegen keinen Vorwurf machen, aber er betrachtet-es als einen Mangel bei einer jüdischen Gemeinschaft.... * Man wird gestehen müssen, daß diese Aeußerungen eines nichtjüdischen Geistlichen über das Judentum und, feine Ausgaben eine Höhe der geistigen und kulturellen Bildung aufweist, wie sie leider bei uns in Deutschland selten zu finden ist. Wir Juden klammern uns an solche Erscheinungen, wie die des Herrn Pfarrer Visier mit Vertrauen und mit der Hoffnung, daß allen unseren bösen Erfahrungen zum Trotz, die Zeit vorwärts und aufwärts führen wird. Wir treten in das neue religiöse Jahr mit der Zuversicht, daß die schwere Krankheit der Verhetzung und Verbitterung, die wir in Deutschland durchzumachen haben, doch überwunden wird, und daß im kommenden Jahre Linderung dieses Leides, das den gesamten deutschen Volkskörper entstellt, eintreten möge. Ueber die Eigenart des jüdischen Jahres 5692. Das am Samstag, den 12. September, beginnende Jahr 5692 führt die kurze Bezeichnung N v' 1 und ist ein Schaltjahr. Der erste Buchstabe von rechts gelesen, 1 - 7 deutet an, daß das Jahr am 7. Tage der Woche, am Sabbat, beginnt. Der mittlere Buchstabe V' Zst der Anfangsbuchstabe des Wortes Unb besagt, daß das Gihr ein vollkommenes ist, d. h., daß die beiden Monate Cheschwan und Kislev je 30 Tage haben, während bei einem regelmäßigen Jahr der erstere Monat 29 und der zweite 30 Tage aufweist, und bei einem mangelhaften Jahr die beiden Monate nur je 29 Tage zählen. Der dritte Buchstabe " deutet den Wochentag an, auf welchen Neumond Nissan und somit auch der erste Tag Pessach füllt. Da das Jahr 5692 ein Schaltjahr ist, hat es also 13 Monate auszuweisen und da der erste Adar 30 Tage dauert und, wie eben ausgeführt, auch Cheschwan und Kislev in diesem Jahre 30 Tage haben, sonst aber die Monate abwechselnd 30 und 29 Tage lang sind, enthält das neue Jahr 8 Monate zu 30 Tagen und 5 Monate zu 29 Tagen, im ganzen also 385 Tage. o5 dieser Tage stiid Sabbaie. Obwohl unsere Torah zuni Zwecke der sabbatlichen Vorlesungen in 54 Wochcnabschnitte eingeteilt ist werden wir trotzdem an 3 Sabbaten je. 2 Wochenabschnitte znsammenfassend vorlesen müssen (Chuckas-Balack, Mattos-Masse, Nizovim-Waielech) Dies hat seinen Grund barin, daß an vier ^abbaten andere Vorleiungen zu vollziehen sind, bcnn der erste Rchch-.Haschonoh der erste Tag Suckaus und Schemini Azereth d ^bbat, hierzu kommt noch der Sabbat Chol-hamoed Pessach. Das Chanukka-Fest beginnt bereits ani Sabbat bcn 5. De-