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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1931-09-01 · 9 (9.1931) · p. Seite 3

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
6 (1931)
Issue
9 (9.1931)
Date
1931-09-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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rade die Pflicht und nur die Pflicht der Juden fei, ihre Existenz in Deutschland zu verteidigen. Es ist auch und erst recht die Pflicht staatsbewußter Nichtjuden, hierfür zu wirken. Man komme doch nicht mit dein Nationalsozialismus! Er sei in feiner Gefährlichkeit für die deutschen Juden gewiß nicht unterschätzt. Eine größere Gefahr aber ist diese umstürzlerische Bewegung für den heutigen Staat und seine Verfassung. Hat man deuu nicht gehört und gelesen, daß sich allmählich die blutrünstigen Angriffe der Hitlerleute gegen die Juden gewandelt haben in ebenso heftige Hetze gegen die Republik, ihre Träger und ihre Einrichtungen? Den Nazis sind die Juden einmal Anlaufbrett gewesen, wenn man einmal oben ist, dann braucht man dieses erprobte populäre Mittelchen der Demagogie nicht mehr. Das sei vor allem Herrn G. H. gesagt, der in einem viel beachteten „Offenen Brief an die deutschen Juden" in der Zeitschrift „Deutsche Republik" sie zu verstärktem Einsatz aller Kräfte gegen den Nationalsozialismus ausrufen zu müssen glaubt. Als ob es dieses Aufrufes bedurft hätte! Was sie, die halbe Million unter fünfzig Millionen tun können, das tun sie schon lange. Wo aber sind die Nichtjuden? Sie glauben aber, es ginge um die Haut der Juden. Aus Philantropie setzen sie sich für die Juden ein. Schön! Aber es geht nicht um die Juden, es geht um den Staat, um Euere Republik! Sollen die Juden sich als Juden in das Feuer stellen, das man ihretwegen in Wahrheit garnicht angezündet hat? Sollen die Juden den Nationalsozialismus vom jüdischen Standpunkt bekämpfen, wo es doch klar ist, daß sie garnicht oder garnicht mehr der Gegner sind, sondern der Staat? Wirth hat in jener denkwürdigen Reichstagsrede nach der Ermordung Nathenaus gesagt: Der Feind steht rechts! Heute steht er vielleicht ein wenig weiter rechts. Es ist aber die Aufgabe der Republikaner, die deutsche Republik zu schützen. Juden, die Republikaner sind, werden in den Reihen der Republikaner . stehen als republikanische Staatsbürger — (nicht als Juden nur). Herr G. H. aber und seine Gesinnungs- und Glaubensgenossen — denn die Juden sind ja auch unter den Freunden der Republik eine verschwindende Minderheit —• sei ausgerufen, den Kamps vor allem und für sich zu führen. Siegen die Feinde der Republik: Diesmal würde man nicht nur die Juden hängen, sondern die Führer des heutigen Staates, gegen die man kämpft. * Ein nichtjüdischer, gewissenhafter Pädagoge, dem die Erziehung der Jugend, wie die Förderung seines deutschen Volkes und des deutschen Volkstums immer am Herzen lag, stellte uns ein ausführliches Manuskript zur Verfügung, in welchem er sich mit dem Problem „Die deutsche Judenfrage" ausführlich auseinandersetzt. Zwar vermögen wir nicht die gesamte Abhandlung zu veröffentlichen, wir bestreiten auch nicht, daß wir manchen Gedanken in dieser Abhandlung nicht gutheißen können, wir wollen aber einige Gedanken dieser Arbeit entnehmen, die uns und unsere Gegner zum Nachdenken anregen könnten. Der Verfasser schreibt u. a.: „Wir müssen uns zu einer Gefahr bekennen, die von allen Gefahren unserer Tage eine der schmählichsten ist, es ist keine kluge, ehrliche und gerechte Predigt, wenn unserer Jugend gepredigt wird» die Juden hätten das Unglück des verlorenen Krieges über uns gebracht. (Der Kranke und sein Thermometer). Wir haben einen Krieg verloren, der unser Dasein als Volk und Reich in Frage stellt; wir sind aus Macht und Reichtum in Not und Armut gefallen; unsere Gläubigkeit hat schweren Schaden erlitten, nun fehlte es noch, daß die Torheit einen Schuldigen suchte, sich an ihm zu rächen. Wer vermag für jedes böse Schicksal den Feind zu nennen? Wenn wir das könnten, so brauchten die Dichter der Menschheit keine Tragödien mehr zu schreiben; die simple Verteilung von Tugend und Laster wäre unsere einzige mögliche Form. Es war töricht von unseren Feinden, daß sie die Verantwortung für den Krieg uns allein zuschieben wollten, der eine abendländische Verschuldung und mehr als ein Schicksal war; genau so töricht ist es, wenn wir für unseren Zusammenbruch, statt in uns zu gehen, einen Sündenbock suchen. Weder der abendländischen Gesellschaft noch unserem Volke kann gestattet werden, in einen derartigen Zustand der Unbildung zurückzufallen. Wir haben den Krieg verloren, weil unsere Macht nicht ausreichte, ihn zu gewinnen. So einfach stellt sich der Grund unserer Niederlage dar, wenn wir sie nicht als Schicksal sehen. Zu dieser Macht gehören nicht nur Säbel und Kanonen, sondern Klugheit der Führer und tapfere Treue der Geführten, ebensowohl wie alle wirtschaftlichen Voraussetzungen. An wel- * chen von diesen Dingen es bei uns gemangelt hat, das müssen wir prüfen an den zwei Grundtatsachen des Krieges: 1. Deutschland war durch die geographische Kriegslage eine belagerte Festung, 2. die technischen Mittel der modernen Kriegführung haben den Krieg mit jedem Jahr mehr zu einem Ringkampf der Industrie gemacht. Das erstere bedeutete die Aushungerung, das zweite die Ueberschüttung unserer Mauer aus Stahl und Treue mit den Granaten ziemlich der ganzen Welt. Es war unmöglich, den Krieg zu gewinnen, darum haben wir das Unmögliche versucht, ihn nicht zu verlieren. Die Tat unserer vierjährigen Verteidigung gehört unter die Heldenkämpfe der Menschheit. Wir sollten aufhören, sie selber zu verkleinern, indem wir uns nachträglich noch die Furchtbarkeit unserer Lage mit minderwertigen Beschuldigungen wegstreiten .... Verantwortung heißt, für eine Sache die Antwort der sittlichen Entscheidung in sich tragen. Dazu gehört, daß alle minderwertige Beeinflussung der Entscheidung ausgeschaltet wird. Eine solche Minderwertigkeit ist es aber, wenn in der Rassensrage das einzelne Individuum die höhere Bewertung seiner selbst und die Verachtung des anderen Volkstums dummdreist voraussetzt. Das ist der Fall ziemlich aller Antisemiten, der Nationalsozialisten, wenn sie die Rassensrage vor den Wagen spannen. Wer es erlebt hat, daß eine Erscheinung wie Walther Rathenau, die als körperliche wie geistige Vollendung, als Begabung wie als Sittlichkeit zu einer Höhe gewachsen war, die in jedem Sinn des Wortes weit über dem Gemeinen stand, als Judensau der gemeinsten Motive verdächtigt und aus dieser Verdächtigung abgeschlachtet werden konnte, der weiß, daß die entfesselten Instinkte des Pöbels sich hier einer Entscheidung bemächtigt haben, für die ihm alle Voraussetzungen fehlten. Wenn wir kein anderes Deutschtum besäßen als dieses, so hätte sich unsere Minderwertigkeit derart dargetan, daß wir vor jedem Juden schamrot werden müßten. Was für diese Leute ihr Deutschtum heißt, läßt alle freie und edle Menschlichkeit vermissen; nur eine solche aber hat das Recht, die Rassenfrage zu diskutieren; denn was sollte bei einer Züchtung herauskommen, die sich den Antisemiten mit dem Hakenkreuz als Ziel setzte? Nur die Hoheit des Deutschtums, wie sie am größten in Goethe war, konnte dieses Ziel darstellen. Der Jdealmeusch der Rassentheorie mag noch so blond und so blauäugig sein — (Goethe wie Beethoven, Luther wie Rembrandt waren dies bekanntlich kaum) —, wenn nicht der volle Strom dessen hindurch geht, was wir den deutschen Gedanken nennen, bleibt er eine leere Hülle. Der Rassegedanke ist nur als Züchtungsgedanke wertvoll; und Züchtung geht weder bei Pferden noch Hunden aus schöne Ohren und Läufe, sondern auf Steigerungen der Leistungen. Unsere Leistung ist der deutsche Gedanke, d. h. die Lebensform, die er im deutschen Volke annimmt und für die ganze Welt fruchtbar macht, von hier aus allein kann der Rassengedanke auf die deutsche Judenfrage angewandt werden ... Die sogenannte Neuzeit mit ihren Erfindungen und Errassungen, ihre Erwerbsgier und Genußsucht ist ein Niedergang und Verfall der Bildung sondergleichen. Von Hölderlin zu Geibel, von Kleist zu Wildenbruch sank ihr Geschmack, bis gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts sich ziemlich aus allen Gebieten der Spießbürger, der Todfeind jeden geistigen Lebens, durchgesetzt hatte. Von Postsekretären, Reisenden und Friseuren kann man erfahren, daß diese Verödung unserer Bildung im Materialismus eben das erste sichtbare Zeichen unserer Verjudung gewesen sei. Die Wahrheit ist die, daß die deutschen Juden sichtbar geholfen haben, dm: Lebensboden der Bildung überhaupt wieder zu lockern. Ohne sie hätten wir anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts kaum noch von einem geistigen Leben sprechen können. Der Adel war längst und in jeder Beziehung neben das Leben geraten und der wohlhabende Bürgerstand, der Fabrikant und Geschäftsmann hatte mit Denkern und Dichtern wenig zu tun. Gewisse Kreise der Beamtenschaft und der freien Berufe hielten den Rest der Bildung lebendig, der darnach üppig ins Kraut schoß, weil er von den Juden gepflegt wurde. In jüdischen Häusern, mehr als sonst, hängen gute Bilder, in jüdischen Häusern, mehr als sonst, wird gute Musik gemacht, in jüdischen Häusern mehr als sonst, werden gute Bücher gelesen usw. Die heute so eifrig „Die Juden heraus" rufen, sickd eben nicht berufen in Sachen der Bildung zu urteilen . . . ." * Wenn man derartige Aeußerungen hört, dann muß man nur bedauern, daß solche Stimmen, die zu einer vernünftigen Behandlung derIudenfrage ausrufen, in Deutschland so selten gehört werden. Beschämend ist es oft für den deutschen Juden als Deutschen, zu hören und zu sehen, mit welcher vornehmen Sachlichkeit im Ausland der Jude vielfach gewertet wird. Da schreibt z. B. ein Amsterdamer Jude einem hiesigen Gemeindemitglied in einem Briese: „Daß die ökonomischen Verhältnisse in Deutschland dermaßen miserabel sind, wie ich aus Eurem lieben Briefe ersehen und aus unserer Presse erfahren habe, bedaure ich unendlich. Als 3

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