Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 6 (1931)
- Issue
- 9 (9.1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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auch mir mein Ziel kund". Ter Bote des Herrn antwortete: „Ueber Dich und Deinesgleichen habe ich keine Gewalt, denn manchmal schon hat der Heilige, gelobt sei er, Wohlgefallen gefunden an Euren guten Werken und hat Euch Tage zugegeben, wie es heißt: „Gottesfurcht verlängert die Tage". Zweifellos will dieses alte Midrasch-Gleichnis vor allem der Ueberheblichkeit der Menschen, die ihre Hin¬ fälligkeit nicht bedenken, eine Lehre geben und will zeigen, wie wir an weitausholende Pläne mit M 1 Demut und Gottesfurcht Herangehen sollen. Aber ein Zweites und für unsere Tage Lehrreiches will uns der Midrasch nahebringen: So n lobenswert die Bedächtigkeit und die Sparsamkeit ist (die meisten Menschen allerdings W — sparen weniger an sich als an anderen und den Aufgaben für die Gesamtheit), es gibt auch Zeiten, in welchen man gewisse Handlungen und Leistungen nicht auf lange Frist ver¬ — schieben darf. „Bis dat, qni cito dat", „doppelt gibt, wer schnell gibt", sagt das lateinische Dichterwort. D Und ähnliche Gedanken finden sich an zahlreichen Stellen auch des jüdischen Schrifttums ausgesprochen. ü In unseren Tagen ist die Befolgung dieser Lehre dringendes Gebot. Es gibt auch heute bei aller Not¬ 1 lage, die so weit um sich gegriffen hat, noch Hilfsmöglichkeiten, wenn die Menschen nur den Willen zur W Hilfeleistung nicht kaltherzig vernichten. Die Hilfe, die der Mensch dem Nebenmenschen leistet, ist immer noch eine lebensbeglückende Menschentat und zugleich eine Bewährung heiliger Gottesfurcht. Wer am Leid W H des Nebenmcnschen vorbeiblickt, wird schließlich selber blind. Wer das Leben des Nebenmenschen nicht hält und stüht, dem verdorrt und verarmt das eigene Leben: .rpvlv n AKT W | Möge der Allgütige im neuen Jahre die äußere und innere Not beschwichtigen! Möchte den Menschen aber der Wille zur tätigen Hilfe erhalten bleiben! “örDA “Jw“? Rabbiner Dr. Levi, Mainz. Rückschau auf das Jahr 5691 zugleich eine Ausschau. Das Jahr 5691 im religiösen Kalender der Juden, das nun zu Ende geht, brachte im politischen Leben Deutschlands auf der schon hohen Flut der Iudengegnerschast eine beträchtliche neue Welle. Dies war zahlenmäßig an den Stimmen erkennbar, welche der Nationalsozialismus bei den Wahlen im Herbst 1930 auf sich vereinigte. Aber auch im wirtschaftlichen wie akademischen Lebenskreis, in Verbänden und Versammlungen, in der Presse und in der Literatur brandete es gegen Juden und Judentum, gegen seine Geschichte, seine Werte und seine Stellung. Wir wissen, daß wir auch mit der geistvollsten Umschau und mit stichhaltigen Auseinandersetzungen das Problem des Judenhasses nicht lösen und den Frieden nicht erringen können. Aber zur Besinnlichkeit anregen wollen wir unsere Leser auch über diese für uns Juden so bedeutungsvolle Lebensfrage. Wir bringen deshalb heute einige Gedanken und Aeußerungen über diese Frage, Gedanken, welche sowohl vom Standpunkt des Juden wie des Nichtjuden aus dargelegt werden und stellen unsere Spalten auch den Aeußerungen eines holländischen Glaubensgenossen zur Verfügung: Juden und Judenhaß. Von Ernst Holzer, Frankfurt a. M. Diese Zeit ist eine Zeit der Auflösung aller Werte. Alle Ideale und Weltanschauungen, die kraft Autorität, Pietät, Erziehung, kraft eigener Erfahrung und Erkenntnis die Menschen regieren, find erschüttert worden und zweifelhaft. Ist es ein Wunder, daß für die Juden, die in dieser erschütterten Welt leben, auch Sinn und Wert ihres Judeseins zweifelhaft geworden ist? Daß gerade den weltoffensten, den aktivsten unter ihnen der Sinn des Judenschicksals, ihres Schicksals, schwankend geworden ist? Und daß besonders die jungen Menschen unter diesen weltzugewandten, lebendigen Persönlichkeiten nicht mehr mit derselben Eindeutigkeit, Fraglosigkeit ihr Leben als ein jüdisches Leben leben, wie es etwa ihre Großväter in der Ruhe, Geborgenheit, Selbstsicherheit ihres jüdischen Milieus tun konnten? Man hat es dem Zionismus oft zum Verdienst angerechnet, daß er das zur Friedhofsstille erstarrte jüdische Leben zu neuem Leben erweckt, daß er zum Selbstbesinnen neu aufgerufen hat. Vielleicht ist es aber so, daß der Umbruch, den diese Epoche in der Geschichte der Menschheit bedeutet, auch das Judentum in die Unruhe um die überkommenen Werte einbezog und die Juden zum Wissen um die moderne Problematik auch ihres Judeseins zwang. Wenn es so ist, dann ist die große Frage für die Judenbeit nicht mehr Zionismus-Antizionismus, nicht mehr auch Emanzipation-Antisemitismus. Sondern es ist die Frage nach 2 dem Judentum schlechthin. Es ist die Frage nach der größten jüdischen Gruppe, der Gruppe der Indifferenten, der Uninteressierten in jüdischen Dingen, der Grenzjuden. Grenzjuden! Juden, die auf der Grenze zwischen Judentum und — nennts, wie ihr wollt: Menschheit, Sozialismus, Welt, jedenfalls — Nicht-mehr-Judentum leben. Und so wahr jenes Wort ist, daß man auf allem sitzen kann, nur nicht auf Bajonetten, so wahr ist es, daß man überall leben kann, nur nicht auf der Grenze. Für die Grenzjuden also gibt es nur ein Vorwärts-Hinaus oder ein Zurück-Hinein. Wo steht das Judentum? Constantin B r u n u e r , Philosoph seines Zeichens und „Exjudaeus" nach seinem Willen, hat in seinem Buche „Von den Pflichten der Juden und von den Pflichten des Staates" (Gustav Kiepenheuer Verlag Potsdam) daraus hingewiesen, daß nur ein paar Generationen ohne Judenhaß die Assimilation der Juden an ihre Umwelt soweit fördern würden, daß ein völliges Verschwinden der Juden als sichtbarer Bevölkerungsteil sicher wäre. Der Antisemitismus als Schützer des Judentums, welche Perspektive! Brunner meint, daß das Festhalten der Juden an jüdischem Volkstum ihnen schädlich sei, weil es ihr Einwachsen in die deutsche Welt erschwere; daß es aber ferner nur eine Gedankenkonstruktion sei, von Nationaljudentum zu sprechen, weil es ohne gemeinsame Sprache, gemeinsame Kultur, gemeinsames Land keine Nation gäbe. Was bliebe als jüdische Eigenart? Der „jüdische Geist" der Sittlichkeit oder Gerechtigkeit? Als ob andere Menschen nicht auch sittlich und gerecht sein könnten, ohne Juden zu sein. Und was die Religion anbelangt, so stellt Brunner fest — wozu es der Feststellung des Atheisten Brunner nicht mehr bedarf •—, daß ihr Einfluß überall im Schwinden sei, und für die große Menge der Juden sich ihr Judesein nicht mehr im Religiösen dokumentiere. Was dann? Brunner sagt: Emanzipation. Emanzipation vom Judentum. Ablegen aller ablegbaren Eigenarten. Mosaische Religion? Meinetwegen wer daran glaubt. Für die areligiösen Juden völliges Aufgehen in der Umwelt. Solange es Juden gibt, gibt es Judenhaß und Judenunglück, das Unglück, ein Jude zu sein. Also Schluß damit! Hat Brunner Recht? Wir hoffen es nicht. Aber sein Buch muß zu denken geben, weil hier einmal nicht ein Jude, sondern ein mit den Dingen vertrauter Exjude seine Meinung kundgibt. Eine beachtliche Meinung, wahrlich! Eine gefährliche Ansicht, aber es gilt, sie zu widerlegen — durch Taten. Die Judenfrage, von den Juden gesehen, ist schließlich eine Judentumsfrage. Es ist die Frage nach dem Judentum in jedem Juden. Insoweit es noch gelingen kann, den Sinn des Judeseins jedem Juden, auch jedem Grenzjuden lebendig zu machen, insoweit ist der Bestand von Judentum und Judenheit sicher, lieber diese Seite der Judenfrage aber brauchen die Juden nicht mit Nichtjuden und Exjuden zu streiten. Was also ist die Judenfrage, über die Deutschland diskutiert? Die Judenfrage, über die die Deutschen nicht zur Ruhe kommen wollen oder können, ist eine Deutschlandsrage. Das will sagen: Die deutsche Judenfrage ist eine Angelegenheit des deutschen Staates, ist eine eminent deutsch-politische Angelegenheit. Einmal hängt schon für Deutschland den Staat und für Deutschland den Kulturbegriff manches davon ab, wie sich das Zusammenleben einer so wesentlichen Minderheit mit der Mehrheit vollzieht. Ob sie sich als Gäste oder als Bürger fühlen und betragen können. Darum ist es falsch anzunehmen, daß es ge-