Mannheim
Compact Memory

Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1931-08-01 · 8 (8.1931) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
6 (1931)
Issue
8 (8.1931)
Date
1931-08-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9582242-9623188-9620954--0789-9620958
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Statistik, die so vieles beweist, beweist uns auch, daß die Geburtenziffer der jüdischen Mischehen außergewöhnlich niedrig sind. Also ein doppelter Frevel. Mischehe und äußerst geringe Zeugung. Allerdings sind die jüdischen Mischehen besonders kinderarm, das ist Tatsache. In den letzte,: Jahren sind in Berlin, wenn man auf 100 Ehen die Geburtenziffer der jüdischen Mischehen mit 10 annimmt, die Ziffern für die rein evangelischen Ehen 22, für die jüdischen Ehen 28, für die katholischen Ehen 35, für die konfessionslosen Ehen 35. Die rein konfessionslosen Ehen weisen also eine außergewöhnlich hohe, die jüdischen Mischehen eine ungewöhnlich niedrige Geburtenziffer auf. Ist es nun wohl denkbar, daß sich gerade bei den Leuten, die aufs Amt gehen und sich für konfessionslos erklären, ein besonders reicher Kindersegen einstellt? Wohl kaum. Man muß sich fragen, wer sind diese konfessionslosen Leute. Es sind dnrchgehcnds die kommunistischen Arbeiter. Wer aber sind die Leute, die in jüdisch-christlicher Michehe leben, mit der auffallend niedrigen Geburtenziffer? Es sind zum größten Teil Angestellte, und zwar Angestellte in nicht sonderlich gehobener Stellung, wo in den meisten Fällen auch die Frau noch erwerbstätig ist. Ein Vergleich mit christlichen Ehen in gleicher Lebenslage würde wahrscheinlich das gleiche Ergebnis anfweiscn. Diese nach der Konfession ausgestellte Geburtenstatistik hat kaum einen Wert, wenn man nicht weiß, wer und was die Leute sind. Man sieht, wie subtil die Statistik behandelt sein will, und wie schwer es ist, die jüdische Statistik mit der der Umwelt in Vergleich zu bringen. Dann noch die unehelichen Geburten jüdischer Mütter. Die Zahlen sind höher, als man wohl gemeinhin annimmt. Sie bewegen sich meistens im Jahr um die Zahl 300, mal etwas ,nehr, mal etwas weniger. Die niedrigsten Zahlen weisen die Jahre 1917 und 1918 auf mit 191 und 174, die höchsten die Jahre 1921 und 1922 und 1923 mit 402, 407, 418. Der Jahresdurchschnitt von 1901—1927 ergibt 308 Geburten. 1928 verzeichnet 242 Geburten. Nun die Sterbeziffern der letzten Jahre. Ich stelle diesen die Geburtenziffern gegenüber. Wir kommen damit zu einem sehr überraschenden Resultat. Gestorben Geboren Minus Plus 1920 5921 5811 110 — 1921 5449 6295 — 850 1922 5942 5728 214 — 1923 5717 5858 — 141 1924 5685 5381 304 - 1925 5554 4792 762 •— 1926 5504 4259 1245 — 1927 5697 3830 1867 1928 5704 3771 1933 6435 991 Minus: 5444. In den drei Jahren 1926—1928 allein 5045. Diese Minnszahlen werden sich in nächster Zeit naturgemäß noch erhöhen, denn die Geburtenziffern werden sich vorläufig wenig ändern, die alten Leute aber sterben mehr und mehr dahin. Im Laufe von 20 Jahren können wir immerhin mit einem Ausfall von 60—70 000 rechnen. Allerdings eine enorme Zahl. Aber auch das wieder ist keine jüdische, sondern eine adäquate Erscheinung gleicher Gesellschaftsklassen. Man muß uoch die Geburten aus den Mischehen und die unehelichen Geburten berücksichtigen. Für die Zeit 1920—1928 sind das: Mischehen, Mann Jude 4049, Frau Jüdin 2485, unehelich 3145, zusammen 9679, oder wenn ,nan die Geburten der Ehen, in denen der Mann christlich ist, außer acht läßt 5630. Wie weit diese Zahl etwa den Schaden mindert, entzieht sich der Beurteilung. Eine gewisse Minderung ist ja auf alle Fälle in Rechnung zu stellen. Es wäre wünschenswert, wenn hierüber Erhebungen stattfänden. Jene Minderungszahlen, das ist nicht zu bestreiten, erscheinen katastrophal. Eine Hilfe aber gibt es dagegen augenblicklich nicht. Wir müssen uns damit abfinden, daß wir zur Zeit in einer jener Perioden stehen, die das Judentum, das habe ich ja dargelegt, schon häufig durchgemacht hat, einer Periode des Rückganges. Die jetzige wird fo wenig ein Untergang sein, als die früheren. Ja, sie wird, das ist anzunehmen, auch nicht annähernd so stark sein, und nicht annähernd von so langer Dauer, als jene. Kann inan überhaupt die letzten dreißig Jahre als eine Periode im Sinne der früheren, vielhundertjährigen deuten? Vielleicht sieht es in 20 oder 30 Jahren schon wieder ganz anders aus. Die wirtschaftlichen Verhältnifse werden nicht immer so bleiben, wie jetzt. Sie werden sich bessern, und das ergibt ohne weiteres ein Steigen der Geburtenziffer. Unser Gefühl sträubt sich nun dagegen, daß es anders wird und anders werden muß, als bisher. Wir müssen aber zur richtigen 4 Erkenntnis kommen. Wir müssen die Geburtenminderung anders beurteilen, als bisher. Das Tempo von früher kann nicht so weitergehen. Das gilt auch für das Judentum. Ueberall indes sehen wir das Bestreben, die Geburtenziffern zu heben. So ist in jüngster Zeit in jüdischen Kreisen der Gedanke angeregt, jeder Familie, m der das dritte Kind geboren wird, eine ansehnliche Geldprämie von, wie ich höre, 500 Mark zu gewähre,,. Die Mittel hierzu sollen durch eine abgestufte Gemeiudesteuer aufgebracht werden, die wohl nicht überall mit Beifall ausgenommen würde. Gegen die Idee wäre nichts einzuwenden, wenn man sie lediglich als Hilfsaktion in Zeiten der Not aufieht. Ob aber die Beihilfe das erreichen würde, was sie bezwecken soll, ist sehr zweifelhaft. Die Ursachen des heutigen Geburtenrückganges liegen viel zu tief, als daß man durch Gewährung von Geldprämien dagegen etwas ausrichten könnte. Es sind weiter Bestrebungen im Werden, eine Organisation für jüdische Eheanbahnungen zu schaffen, um besonders den jüdischen jungen Mädchen zu helfen und auch, um die zahlreichen Mischehen der jüdischen jungen Männer einzuschränken. Es wird das eine große Organisation erfordern, die mit Takt und Geschick ihre Obliegenheiten zu erfüllen haben wird. An Gelegenheit, sich zu betätigen, wird cs ihr nicht fehlen, ja sie wird jedenfalls sehr starken Zuspruch haben. Wünschen wir, daß sie in der Lage sein wird, gar bald segensreich zu wirken. Dann erstrebt man „och, den jüdischen Angestellten zu helfen, die vielfach aus Ablehnung stoßen. Das alles ist sehr löblich, aber man kuriert damit an den Folgeerscheinungen herum, nicht an den Ursachen. Es gilt diese zu erkennen und damit den Weg, den man zu gehen hat. Die Sorge der Zukunft ist die: Wie wird das Judentum unter den Völkern des Abendlandes Platz finden? Wie werden sich die Verhältniszahlen von jenen, zu diesen gestalten? Was wird aus der übergroßen Ansammlung jüdischen Proletariats in einzelnen Bezirken? Wie entgeht das Judentum den Gegensätzen, auf die es heute stößt? All das ist die Frage von der Raumbeschaffung für das Judentu m. Es ist eine Frage von ungeheuerer Größe. Sie wird schwer zu lösen sein, aber das darf uns nicht abhalten, sie anzugreifen, oder vorerst jedenfalls zu erwägen, was getan werden könnte, wo einzufetzen ist und nach welcher Richtu-ng hin gearbeitet werden könnte. Wenn ich vorhin von der Idee des „Ventils" sprach, wenn ich sagte, daß es zum Schicksal des Judentums gehöre, wenn ich es eine Notwendigkeit nannte, so kann man auch das wohl als eine Raumschaffnng ansehen, allerdings eine Raurnfchaffung in negativem Sinne. Gar viele werden diese Auffassung ablehnen. Aber wenn man den Gang der Jahrtausende überschaut, das immer wiederkehrende Sinken, den immer wiederkehrenden Aufstieg, das ewige Auf und Nieder, dann mag vielleicht doch manch einer erkennen, daß der Gedanke nichts Uebles und nichts llebelwollendes an sich hat, sondern daß er ein Teil ist, ein schicksalhafter Teil, jener großen Frage von der Raun,schafsung. Diese Tatsache, man mag sie bedauern, müssen wir hinnehmen. Aber selbstredend dürfen wir uns nicht mit dieser negativen Erscheinung vertrösten. Es müssen positive Wege gefunden werden. Der Gedanke, die Juden der Großstadt zu entziehen, und sie wieder den Landstädten zuzuführen, ist in absehbarer Zeit nicht realisierbar. Uebrigens ist die Flucht in die Großstadt keine jüdische Erscheinung. Auch die Nachkommen alteingesessener christlicher Familien der Kleinstadt finden in dieser nicht mehr die Existenz und wandern ab. Zur Frage gehört das jüdische Proletariat in Newyork. Die Ku-Klux-Klan-Bewegung richtet sich nicht ausgesprochen gegen das Judentum im allgemeinen, sondern in der Hauptsache gegen dessen Proletariat. Möglich aber, daß sich diese Frage von selber löst. Der Zufluß ist verstopft, und es mag ein allmählicher wirtschaftlicher Aufstieg stattfinden und damit ein Abfluß in die Staaten. Für das osijüdische Proletariat ist das großzügige Werk der russischen Regierung hinsichtlich der Ansiedlung der Juden in ländlichen Bezirken von weitgehendster Bedeutung. Es ist das Größte, was je ein Land und je eine Regierung für das Judentum getan hat. Hier ist wirklich ein Weg, der zum Ziele führen kann. (Ob und wie weit das Judentum von außen her hier Beistand leisten kann, ob die russische Regierung einen solchen Beistand überhaupt zuläßt, ist eine Frage, die offen bleibt.) An älteren Versuchen, Siedlungen für Juden zu schaffen, hat es nicht gefehlt. Da sind die Rothschildschen Unternehmungen. Da sind auch manche Unternehmungen der Alliance israelite. All das aber hielt sich in engen Grenzen. Dann kam der Zionismus. Er war lange Zeit nur eine Idee. Da, eines Tages, als der große Kampf der Völker auszukämpfen war, nimmt England das Mandatsrecht über das Palästinagebiet

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.