Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 6 (1931)
- Issue
- 7 (7.1931)
- Date
- 1931-07-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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@tar!e wirtschaftliche Entwickelung des römischen Reiches. Gegenwirkung: Zerstörung Jerusalems, Barkochba-Aufstand, entstehendes Christentum, Verfolgungen. Die fördernden Einwirkungen sind so stark, daß die Gegenwirkungen, trotz ihrer Größe, nicht ausschlaggebend sind. V. 500 Jahre (ca. 200—700).; $£m der Zeit der Soldatenkaiser, über die Völkerwanderung, bis zum Beginn des Mohammedanismus. Stark fallend. Zahlenschätzungen fehlen. Einwirkungen: Allgemeiner wirtschaftlicher Verfall, dauernde Inflation der römischen Währung, Uebergang von der Geldzur Naturalwirtschaft. Steigende Macht des Christentums, wahrscheinlich große Ausscheidungen durch Taufen in der spätrömischen Zeit. Die Völkerwanderung. VI. 600 Jahre (700—1200). Frühes Mittelalter. Wahrscheinlich steigend. Zahlen fehlen. Einwirkungen: Starke wirtschaftliche Betätigung der Juden. Sie sind Mittler des Warenaustausches und Besitzer und Bringer des sich jetzt wieder bildenden Kapitals. Duldung unter den mohammedanischen und abendländischen Völkern. VII. 500 Jahre (1200—1700). Stark fallend bis aus etwa 2 Millionen um 1600. Für 1700 könnte man 2K—3 Millionen annehmen. Einwirkungen: Verdrängung aus dem Wirtschaftsleben, Unduldsamkeit und Uebermacht der christlichen Kirche, dauernde Verfolgungen und Austreibungen, Kreuzzüge, Pestzeit, Inquisition, Zwangstaufen. Im 17. Jahrhundert läßt der Druck etwas nach, doch bleiben die Beschränkungen bestehen. Verschwinden des asiatischen Judentums. VIII. 200 Jahre (1700—1900). Die Neuzeit. Rapide st e i g e n d von etwa 3 Millionen bis auf etwa 16 Millionen, zusammengehend mit der gleichen Erscheinung der Gesamtbevölkerung. Einwirkungen: Zeit der Aufklärung, die französische Revolution, die Emanzipation, Ende der Schutzjudenzeit. Ungehinderte wirtschaftliche Betätigung während der großen Wirtschaftsentwickeluwg im 19. Jahrhundert. IX. 30 Jahre (1900—1930). S t i l l ft a n d. Ursachen: Veränderte wirtschaftliche Lage, allgemeiner Geburtenrückgang, Wachsen des Nationalitätsgedankens und damit stärkeres Auftreten des Antisemitismus, zahlreiche Mischehen und Ausscheidungen durch Taufen. Der Weltkrieg und seine Folgen. Die Periode der Neuzeit (VIII) ist die markanteste. Wir stehen nun alle unter dem Eindruck eben dieser Zeit, besonders des vorigen Jahrhunderts, das wir, wenigstens wir Aelteren, ja zum guten Teil miterlebt haben. Wir meinen nun, der rapide Bevölkerungszuwachs dieser Zeit wäre die Norm, es müßte immer so bleiben, und ein allgemeines Klagen beginnt, wenn die Geburtenziffer sinkt. Der Mensch verfällt eben gar zu leicht in den Fehler, seine Tage als die Krönung des ganzen Werdens anzusehen und ihnen eine übertriebene Bedeutung beizulegen, die das Vergangene nur als eine Art Vorbereitung „seiner" Zeit gelten läßt. „Unsere" Zeit ist im großen Gange der Geschichte aber nicht wichtiger, als irgend eine Periode vor Jahrtausenden. Das ganze Werden muß man betrachten, nicht die einzelne Episode. Diese geht vorüber, und gar bald sieht die Welt wieder anders aus. Das Tempo der Bevölkerungszunahme der Neuzeit, das wir für so selbstverständlich und für das allein heilbringende halten, kann gar nicht ungehindert weitergehen. Wohin käme Europa damit in hundert oder zweihundert Jahren. Man denke sich einmal Deutschland mit einer Bevölkerung von 150 oder gar 200 Millionen. Die europäischen Juden haben sich in vier Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts, von Mitte der fünfziger bis Mitte der neunziger Jahre um über 150 Prozent vermehrt. Bei diesem Tempo würde die gesamte jüdische Bevölkerung bis zum Ende dieses Jahrhunderts auf vielleicht 60 oder gar 80 Millionen angewachsen sein Hat man sich schon mal die Frage vorgelegt, wohin damit? Die jetzigen Millionen stoßen sich schon bedenklich im Raum, heute mehr, als noch vor einigen Jahrzehnten. Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind andere geworden, und auch die politischen. Der Jude hat heute nicht mehr den Anteil am Wirtschaftsleben, als noch im vorigen und selbst noch im Anfang dieses Jahrhunderts. Die großen Konzerne und das Genossenschaftswesen zeitigen andere Formen und bringen andere Persönlichkeiten auf den Platz. Sie schalten den jüdischen Kaufmann zum Teil aus, wie überhaupt die Bedeutung der Einzelfirma, d. h. die individuelle kaufmännische Betätigung. Ich erinnere hier nur an die Verdrängung des privaten Getreidehandels, an einige große Bankfirmen, die die überragende Stellung, die sie früher einnahmen, gänzlich verloren haben. Solche Erscheinungen gibt es viele. Im politischen Leben ist der dynastische Gedanke abgelöst durch den nationalen. Ethisch mag dieser höher stehen, als jener, politisch aber ist er weit gefährlicher. Gefährlicher ist er auch für das Judentum. Der wachsende Antisemitismus ist eine Folgeerscheinung davon. Es vollzieht sich eben eine ungeheuere Umstellung in der ganzen Welt, bei Völkern aller Erdteile und aller Nassen. Es ist eine Unterströmung, die die Menschheit erfaßt hat und diese umgestaltet, weit hinaus über die Macht jedweder Partei, hinaus über die Macht jedweder politischen und diplomatischen Kunst. Ein neues Denken zieht herauf. Niemand vermag dies auszuhalten. Die Welt geht unbeirrt ihren Gang. Das muß auch das Judentum erkennen. Auch hier gilt es, Fragen zu lösen, die früher nicht da waren. Verkehrt und zwecklos ist es, sich in Klagen zu ergehen, wenn das Judentum in jetziger Zeit an Zahl nicht zunimmt, wenn es stillsteht oder sich gar mindert. Für ein politisches Volk, das geschlossen in seinen Grenzen lebt, ist die Bevölkerungszahl von vitalster Bedeutung; für das Judentum nicht. Für dieses hat die Volksmenge nur eine mindere Bedeutung. Wenn wir heute statt der sechzehn Millionen Juden deren nur zwölf oder gar zehn hätten, würde das für das Judentum auch nur etwas ausmachen? Nicht soviel! Im Bezirk des Ostjudentums leben etwa sieben Millionen Juden, zum großen Teil als Proletariat in kläglichster Lage. Wenn es statt jener Zahl nur die Hälfte wäre, würde das dem Judentum irgendwelchen Abbruch tun? Nein! Im Gegenteil, es würde jenen Menschen, die dort zusammengepfercht unter den ungünstigsten Existenzbedingungen leben, wahrscheinlich besser ergehen, und manche unerfreulichen Erscheinungen, die durch die Massenansammlung bedingt sind, würden nicht sein. Ein Schicksal waltet über Israel! Durch alle Nöte ist es gegangen, aber es lebt. In Atome zersplittert, ohne Staatsregiment, ohne Kirchenregiment, ganz auf sich selbst gestellt, lebt das Judentum durch Jahrtausende. Kein Volk kann diese Kraft aufweisen, nur das jüdische. Ein Weltenrätsel. Es steigt auf und sinkt, und steigt wieder auf und sinkt wieder, und steigt nochmals auf und sinkt nochmals, und steigt aufs Neue empor, wie nie zuvor. Aber ins Grenzenlose kann es nicht steigen. Ein übergroßes Anwachsen könnte gefährlich werden. Das Schicksal, das das Judentum erhält, dieses Schicksal gebietet auch einen Halt, wenn es an der Zeit ist. Das behaupte ich: Das Judentum bedarf eines Ventils! Es muß zeitweise Teile abstoßen, damit anderen Teilen eine größere Lebensmöglichkeit bleibt. Diese Minderung ist keine Schwächung, sie ist eine Stärkung. So ist es immer gewesen! So ist es auch heute noch! Ich weiß, daß manch einer diesen Gedanken nicht billigen wird. Wenn ich ihn hier und da mal aussprach, wurde mir fast immer erwidert: Ja, es mag wohl etwas richtig daran sein, aber ich will das nicht hören. Ich will nicht die Abkehr vom Judentum und seine Minderung. Das aber sind gefühlsmäßige Einstellungen. Man darf sich aber, so schwer es auch manchem wird, diesen Fragen nicht nur sensitiv gegenüberstellen, nicht nur das jüdische Herz sprechen lassen. Damit richtet man nichts aus. Nur eine sachliche, historische Betrachtung kann zu einer richtigen Beurteilung führen, und das als Naturnotwendigkeit erkennen lassen, was vielfach als Schuld und Frevel und Fehl verschrien wird. Man soll einen Fall der Taufe oder Mischehe, über die manches Wort zu sagen wäre, nicht nur mit Reden von Charakterlosigkeit und dergleichen abtun, wie das so vielfach geschieht. Man muß auch das noch berücksichtigen, daß jedes, besonders jedes europäische Volk» mal stärker, mal schwächer, dauernd Ausscheidungen erleidet. Welche Verluste haben die europäischen Staaten, selbst die kleinsten, nicht durch Auswanderungen erlitten. In den Jahren 1890 bis 1914 finb. in Amerika 17 Millionen Menschen eingewandert. Was ausscheidet, findet keinen Raum unter seinen Volksgenossen. Das ist im Judentum so, wie bei den anderen Völkern. Ich nenne die aus dem Judentum Ausscheidenden — Auswanderer! Was macht es schließlich für sechzehn Millionen aus, wenn jährlich einige Tausend hinausgehen. Die Sorge darum ist vielfach übertrieben. Uebertrieben wird auch meistens die prozentuale Berechnung in bezug auf die Mischehen. (Fortsetzung folgt.) 7