Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 6 (1931)
- Issue
- 7 (7.1931)
- Date
- 1931-07-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9582242-9623188-9620941--0778-9620947- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
' '' 1-, ’! -\g< nommen, das aber kann der ganzen Sachlage nach als ausgeschlossen gelten, oder die Zahl der Juden ist in der römischen Kaiserzeit geringer gewesen. Aber wenn es keine sechs oder süns, dann laß es vier oder säst vier Millionen gewesen sein. Das ändert an der Sache nichts, und löst nicht die Frage jener laugen, fünfzehnhundertjährigcn Periode gegenüber. Es bleibt nur eine Lösung. Es müssen während der ganzen laugen Zeit, außer den historisch gemeldeten Zwangstaufen und den Opfern, die die Verfolgungen gekostet haben, außerordentlich starke Abwanderungen erfolgt sein. Anders ist jene merkürdige Erscheinung gar nicht zu erklären. Durch die ununterbrochenen Vertreibungen sind unendlich viele haltlos geworden. Viele sind, das ist unter solchen Umständen nur zu erklärlich, der Landstraße und dem Laudstreicherium verfallen. Andere mögen sich gerettet haben, indem sie das Judentum verließen. Die ungeheuere Macht der christlichen Kirche wird auch hier vehement eingewirkt haben. Es ist auch möglich, daß es nicht das Christentum, also Europa, gewesen ist, das große Teile des Judentums verschlungen hat, vielleicht mehr noch der Mohammedanismus, also Asien. Noch im Mittelalter lebte nämlich der größere Teil des Judentums immer noch im Orient. Heute sitzt dort nur noch ein ganz geringer Teil der jüdischen Gesamtheit, etwa dreivicrtel Million. Wo sind'all jene Menschen geblieben? Ein Teil wird nach Europa abgewaudert sein, besonders nach Rußland, aber doch keineswegs in dem Maße, wie es die heutigen gegenseitigen Zahlenverhältnisse zwischen Occident und Orient bedingen müßten. Der Verfall jener Länder hat jedenfalls den völligen wirtschaftlichen und geistigen Ruin des dortigen Judentums nach sich gezogen. Es ist dadurch in der Masse des Volkes untergegangen. Es ist verschwunden, wie derzeit, ein genau gleicher Vorgang, die zehn Stämme verschwunden sind. Aber ob Christentum oder Mohammedanismus, das Untertauchen in diese muß in jener langen Zeitperiode irgendwo und irgendwann stattgefunden haben. Nach Graetz sind im 17. Jahrhundert 1500 Chassidäer nach Palästina ausgewandert. Als sie dort ankommen, stirbt plötzlich ihr Führer, und sie stehen ratlos da. Aus Enttäuschung und Verzweiflung gingen alle 1600 zum Mohammedanismus über. Hier haben wir tatsächlich den Fall eineA Massenübertritts. Diese Renegaten werden aber nicht von den Mohammedanern beeinflußt sein, mit denen sie ja gar keine Verbindung hatten, sondern von früher zum Mohammedanismus übergetretenen Juden. Während der römischen und später byzantinischen Herrschaft in Kleinasien hat es dort sehr zahlreiche, blühende jüdische Gemeinden gegeben. Nach Luschan sind diese bis auf kleine Reste unter den heidnischen und christlichen Nachbarn untergetaucht, d. h. sie sind von ihnen resorbiert. Nach Zollschan „Rassenproblem" scheint die Million Juden, die im ersten nachchristlichen Jahrhundert in Aegypten wohnte, völlig im Christentum aufgegangen zu sein, da vom 2. bis 10. Jahrhundert von der Existenz einer Judenheit in Aegypten kaum etwas bekannt ist. Danach ist anzunehmen, daß es zwei Perioden stärkster Abwanderungen aus dem Judentuni gegeben hat. Eine in der spätrömischen Zeit in das Christentum, eine zweite, sei es achthundert oder tausend Jahre später, in den Mohammedanismus. Das erklärt dann auch die Zahlen am Ausgang des Mittelalters. Mit den Tagen der Aufklärung endlich beginnt für die Juden erne andere Zeit. Die Neuzeit bricht an. Und es ist, als wenn nicht nur die Menschheit, als wenn auch die Natur von einem anderen Denken ersaßt ist. Es erfolgt in zwei Jahrhunderten* eine rapide Zunahme der Bevölkerung, nicht nur des Judentums, sondern der ganzen Menschheit. Das achtzehnte und besonders das neunzehnte Jahrhundert bringt ein Steigen der Bevölkerungsziffern, wie nie zuvor. Wir zählen heute an sechzehn Millionen Juden. Tann kommen die letzten drei Jahrzehnte dieses Jahrhunderts und mit ihnen der Weltkrieg und seine Nachwirkungen. Die Aufwärtsbewegung ist gehemmt. Ein Stillstand tritt ein. Das frappiert uns. Aber, wie so oft, werden wir auch hier durch die uns naheliegende letzte Zeitperiode beeinflußt. Die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts war für das Judentum außergewöhnlich günstig. Es hatte Teil au der ungeheueren wirtschaftlichen Entwicklung dieser Zeit, es stieß auf wenig Gegensätze. Die Ausscheidungen hörten auf. Die Zeiten haben sich plötzlich vehement geändert. Das wirkt auch auf das Judentum ein, und sofort sind die Abspaltungen wieder da. Darüber sind wir verwundert, aber zu Unrecht. Wenn mau den Gang der Geschichte betrachtet, so sehen wir, daß das in allen Perioden der Fall gewesen sein muß. lieber die Vorgänge jetzt und im Anfang des vorigen Jahrhunderts, zur Zeit der Emanzipation, sind wir vollauf unterrichtet. Alles andere liegt zu weit zurück, als daß wir darüber ein klares Bild gewinnen können. Uns fehlen die Nachrichten über Einzelheiten. Nur das nackte Rechenexempel bewerft die Tatsache. Wie heute die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen eine Nolle spielen, so jedenfalls auch damals. Und Emanzipationszeiten, die dem Judentum Verluste bringen, hat es auch schon früher gegeben, zur Gricchenzeit, zur Römerzeit. Die. letzte, die des vorigen Jahrhunderts, emanzipierte gleich so kräftig, daß in dreißig Jahren die Hälfte der Berliner Gemeinde getauft war. Das Buch vom „Untergang der deutschen Juden" hätte also schon. vor hundert Jahren geschrieben werden können. Aber untergegaugen sind die deutschen Juden dennoch nicht, und die Berliner Gemeinde erst recht nicht. Ja, ja, so ein Buch vom Untergang der Juden, wie oft hätte das schon geschrieben werden können. Zur Königszeit, als Hoch uno Niedrig dem Baalskult verfiel, und nur die Leviten die Tradition hochhielten. Das Judentum ist doch geblieben. — Zur Zeit der assyrischen Gefangenschaft, als das Zehnstämmereich aus immer verschwand. — Zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft, als das Land eine Einöde wurde, und nichts dort blieb, als fernab davon ein Häuflein der Juden. — Zur Zeit, da die herrliche griechische Kultur die Menschen umfing. Die Masse des Judentums widerstand ihr. — Zur Zeit, da das Christentum die Welt eroberte, bis auf das Judentum. — Zur Zeit der Völkerwanderung, als alles zusammenbrach und die Menschheit sich minderte und mit ihr das Judentum. Aber geblieben ist es doch. — Zur Zeit des Mittelalters, als das Judentum gehetzt, gepeinigt und gemordet wurde grausam, grausam. Es hat alles ertragen und alles überstandeu und ist geblieben. Ja, ja, es hat schon andere Katastrophen erlebt, als einige Stillstands- und Ausscheidungserscheinungcn der Neuzeit. Aber gleich erhebt sich ein allgemeines Geschrei vom Verfall und Untergang des Judentums. Dabei ist dieses noch nie so stark an Zahl gewesen, wie eben jetzt, und wir erleben ein Aufblühen des jüdischen Geisteslebens, von dem wir uns noch vor zwanzig Jahren nichts haben träumen lassen. Was sollen demgegenüber jene Reden vom Verfall und vom Untergang? Doch zurück zu unserem Thema. Nach den gegebenen Darstellungen über die Bevölkerungsbewegung des Judentums im Laufe der Zeiten kann man folgende Perioden unterscheiden: I. 300 Jahre (ca. 1300—950). Von der Einwanderung in Kanaan bis zur Neichstrennung. Stark steigend von ca. 50 000 bis auf 3 Millionen. Einwirkungen: Seßhaftwerden nach der Wanderzeit. Aufnahme alteingesessener Volksteile. Großer wirtschaftlicher Aufschwung im letzten Jahrhundert. ■ II. 400 Jahre (950—586). Von der "Neichstrennung bis zur Babylonischen Gefangenschaft. S t'ar k fallend von ca. 3 Millionen bis auf wenige 100 000. Einwirkungen: Assyrische und babylonische Kultur, Baalskult, politische Vernichtung, endend mit gänzlicher Deportation. III. 500 Jahre (538—1). Von der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft bis zur herodianischen Zeit. Stark steigend von einigen 100 000 bis auf 2—3 Millionen. Einwirkungen: Politische Ruhe, wirtschaftlicher Ausstieg durch Einfluß der griechisch-römischen Kultur, deren assimilierender Einfluß dadurch abgeschwächt wird. IV. 200 Jahre (1—200). Die römische Kaiserzeit bis zu den Soldatenkaisern. Stark stergend von 2—3 Millionen auf etwa 6 Millionen. Höchststand der jüdischen Bevölkerung im Altertum. Einwirkungen: «mser, Dolls & Co 40jährige heiztechnische Erfahrungen - Zentralheizungen Mj}g||y Sömmeringplatz 4 •9 aller Systeme 11U11B £ Tel. Amt Münsterplatz 33Z41 Beste Referenzen - Fachmännische Beratung kostenlos und unverbindlich 6