Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 6 (1931)
- Issue
- 7 (7.1931)
- Date
- 1931-07-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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lieber Ofsenbacher und Binger Schulmethoden. Ein Nachwort von Jssi Bayer, Bingen. In Nr. J l, Jahrgang 5, dieser Blätter finden die Leser mein vorjähriges Referat, das ich in Darmstadt vor den hessischen Lehrerkollegen hielt. Die Hauptthese dieses Referates war, man müsse das Schrcivcn im Religionsunterricht benützen, so wie dies auch irn profanen Unterricht geschieht. Wie das Schreiben zu nützen sei, wurde näher gezeigt. Bereits damals haben die Offenbachqr Kollegen Strauß und Lichtenstein mein Referat wertvoll ergänzt. Nun waren in Offenbach einige Kollegen, die mein Darmstädter Referat nicht gehört hatten. In Offenbach beschränkte ich mich darauf, das Darmstädter Referat zu ergänzen und einen kurzen Vergleich zwischen meinen Methoden und denen der Offenbacher Kollegen zu versuchen. Dabei wurde ich vielfach mißverstanden, eben von jenen Kollegen, die in Darmstadt nicht dabei waren und meine Ergänzung für ein komplettes Referat hielten. Besonders von jenen Kollegen wurde nun ein Gegensatz konstruiert zwischen OffenbacheO und Binger Methoden. Die Dinge sind an sich wichtig genug, um über den Kreis der hessischen Lehrerschaft hinaus diskutiert zu werden. Außerdem möchte ich das Wort ergreifen, um darzustellen, was mir die Offenbacher Tagung gab und worin die Unterschiede in meiner Arheit, unb derjenigen der Kollegen Strauß und Lichtenstein bestehen. Beide Methoden bedienen sich des Schreibens, erlernen das Lesen mit Hilfe und unter steter Benützung des Schreibens, so daß man wirklich von einem Schreiblesen sprechen kann. Die arbeitsunterrichtlichen Forderungen werden somit erfüllt. Die Kinder find immer aktiv, miterlebend, mitgestaltend. Das ist die gleiche Grundhaltung beider Methoden, und wir d. h. die Kollegen Lichtenstein und Strauß, ebenso wie ich, lehnen es ab, die Methoden gegeneinander auszuspielen. Bei der praktischen Anwendung dieser Grundsätze zeigen sich jedoch Verschiedenheiten in der Technik, die zu verschleiern töricht wäre, seien sie groß oder klein. Diese Unterschiede der Technik wollen wir hier darstellen. Da ist zunächst der Schulbeginn. Wir nahmen die Schüler zum Beginn des zweiten Grundschuljahres erstmalig in den Religionsunterricht. Offenbach beginnt schon nach % Jahren. Die Begründung steht im Referat der Offenbacher Kollegen, sie ist einleuchtend und sehr durchdacht. Ich werde diesen Gedanken übernehmen und hoffe nur, daß meine Gemeinde mir Gefolgschaft leistet. (Bei dieser Gelegenheit sei auf die vorbildliche Zusammenarbeit hingewiesen, die anscheinend in Offcnbach zwischen Lehrerschaft, Rabbinat, Vorstandschaft und Elternschaft herrscht, dank deren man in Offenbach insgesamt 4 Religionsstunden hat.) Im vorigen Jahre brauchte ich ca. 14 Stunden zur Schristerlernung, in diesem Jahre — 5 Stunden. Schon in der ersten Stunde fügen wir Buchstaben zu kleinen Wörtern zusammen» denn dem Kinde muß bald ein „Sinn" begegnen. Und zwar ein leichter Sinn. Aber auch die leichtesten hehräischen Wörter sind w i s s e n s b e l a st e t. Deshalb schalten wir eine Zwischenstufe ein und schreiben deutsche Wörter mit hebräischen Buchstaben. Diese Zwischenstufe behielten wir auch dieses Jahr bei, aher wir haben sie sehr, sehr verkürzt. Wir kommen eher als sonst zu hebräischen Wörtern und Inhalten. Die Offenbacher Tagung hat diese Verkürzung gerechtfertigt und mich in dieser Hinsicht noch ermuntert. Aber missen möchte ich diese Zwischenstufe nicht, weil dadurch dem Kinde schneller zum Bewußtsein kommt, etwas zu können. Das ermöglicht ja erst unser Tempo presto. In der dritten Stunde dieses Unterrichtsjahres schrieben wir bereits „Schabos, Channukko" und einige andere hebräische Begriffe. Von einem langen Umweg kann man also nicht reden. Statt der Abrahamschen Fibel verwenden die Offenbacher die Fibel von Mandelbaum. Diese führt früher als die Abrahamsche Fibel in jüdische Inhalte ein. Das ist gut und richtig. Ich will in diesem Jahre versuchen, mit den Schülern zusammen selbst eine „Fibel" zu erschreiben. Die Offenbacher haben ein System paralleler Tafeln und Bilder ausgearbeitet. Ich werde dieses System und seine Anwendung übernehmen. Denn — hier sei es erwähnt und betont — es kommt nicht auf die Person, sondern auf die Sache an. Ob der Gedanke der Denkstütze durch das Bild von Rosenfelder, Mandelbaum oder Lichtenstein ist, was kümmerts? Er ist da, er ist gut und brauchbar. Ta gibt es nur eines: — nachmachen, übernehmen. Tie Offenbacher verwenden Farbstifte für Präfixe, Suffixe usw., um die Vorstellungen in den Kinderhirnen zu differenzieren. Auch hier gibts nur eines: nachmachen. Es fragt sich nur, in welchem Maße. Auf jeden Fall empfinde ich die Arbeit der Offenbacher Kollegen als wertvolle Ergänzung meiner eigenen Methoden. Auf die Pflege und systematische Nutzung der Hausaufgabe, und zwar der schriftlichen Hausaufgabe, legen die Offenbacher Kollegen weniger Wert. Kollege Lichtenstein hat das ungefähr so formuliert: „Bei uns ist das Schreiben nur Stütze für den Unterricht, bei Kollegen Bayer trägt es den Unterricht". In Offenbach widersprach ich dieser Formulierung, aber im Grunde trifft sie den Kern der Sache doch. Das Schreiben schaut bei mir wirklich immer und überall hervor. Man darf auch den disziplinären Wert der schriftlichen Hausaufgabe nicht übersehen. Näher die feineren Einzelunterschiede beider Methoden hier darzustellen, wäre nicht lohnend. Man darf nämlich nicht vergessen, daß die Art der Anwendung methodischer Prinzipien nicht allein eine Sache der gedanklichen Ueberzeugtheit, sondern in nicht geringem Maße auch eine Auswirkung persönlichen Temperaments ist. Und es gilt auch hier der Satz: wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe. Aber im Grunde gleichen sich die „Offenbacher und Binger Methoden". Unser verehrter Seniorkollege Ehrmann, Friedberg hat das ganz richtig erfaßt und zum Ausdruck gebracht. Und daß dieses Gefühl bei dem überwiegenden Teil der hessischen Kollegenschaft besteht, geht schon daraus hervor, daß man uns drei gemeinsam, nämlich Herrn Kollegen Strauß, Lichtenstein und den Verfasser dieses beauftragte, neue Lehrpläne für den Religionsunterricht an hessischen Volksschulen zu entwerfen und der nächsten Lebrerversammlung vorzulegen. Bestünde nicht grundsätzliche Uebereinstimmung, könnten wir eine solche Aufgabe nicht gemeinsam übernehmen und durchführen. Mit diesen Ausführungen find hoffentlich manche Mißverständnisse aufgeklärt worden. Unsere Gemeindeführer vor allem und nicht zuletzt unsere Eltern müssen sich für diese Vorgänge und Bestrebungen interessieren. Es darf insbesondere unseren Eltern nicht gleichgültig sein, ob ihre Kinder nach modernen oder unmodernen Methoden unterrichtet werden. Denn, ohne zu übertreiben, dürfen hier modern und freudvoll, unmodern und lustlos gleichgestellt werden. Einen lustlosen Religionsunterricht kann sich aber das schwer um seinen Bestand ringende Judentum heute gar nicht mehr leisten. Was in einer Zeit der absoluten Erziehungsziele und der ewigen Autoritäten möglich war, hat für unsere Zeit der Relativitäten und der Umwertung aller Werte keine Geltung mehr. Freilich, der Lehrer, der das altgewohnte Geleise verläßt und sich ins Neuland vorwagt, hat viele Schwierigkeiten. Da ist zunächst die alte liebe Gewohnheit, bei Eltern, Schülern und auch — Kollegen. Und man muß experimentieren, man muß probieren und gar manche Probe geht fehl, oder wird fehlerhaft durchgeführt. Da heißt es mit Geduld und Ausdauer die Beschwerden der Eltern auffangen und-in zahllosen Unterhaltungen die Eltern für neue Ideen gewinnen. Mit einem Wort: bequem ist es nicht, Neues zu wollen. Aber ist so ein neuer Weg erst einmal praktisch durchorganisiert, technisch stabilisiert, theoretisch unterbaut und systemvoll durchdacht, so findet er schließlich auch Anerkennung und Ncichahmung. Man muß nur den Mut haben, die Anfangszeiten durchzuhalten. Wenn dann die Kinder die Religionsstunde für die schönste dcs ganzen Unterrichts erklären und dann oft — wörtlich — aus dem Unterrichtszimmer hinausgedrängt werden müssen, dann ist die Bcsricdigung um so größer. Das jüdische Bevölkerungsproblem. Von Otto N e u in a n n, Berlin-Wilmersdorf, Vorstandsmitglied der Gesellschaft für jüdische Familienforschung. (Fortsetzung.) Auch durch einen geringen Geburtenüberschuß erklärt sich bic Sache nicht. Zwar war die Kindersterblichkeit früher eine sehr große, aber das galt ja auch für die Gesamtbevölkerung, und demgegenüber steht, daß gerade die jüdischen Ehen stets sehr kinderreich waren. Man könnte noch annehmen, daß die Juden aus der Völkerwanderungszeit stark geschwächt hervorgegangen sind. Nähere Nachrichten fehlen darüber, und es spricht nichts dafür, daß gerade die Juden damals besonders gelitten hätten. Selbst wenn die Zahl der Juden damals eine nur geringe gewesen wäre, so bliebe immer noch ein Zeitraum von fast tausend Jahren, der den Schaden wieder hätte gutmachen und eine Wiederauffüllung hätte möglich machen können. Schließlich, um alle Gesichtspunkte zu berücksichtigen, wären noch die Annahmen möglich, entweder, das Judentum sei am Ende des Mittelalters wesentlich stärker gewesen, als oben ange- 5