Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 6 (1931)
- Issue
- 7 (7.1931)
- Date
- 1931-07-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9582242-9623188-9620941--0775-9620944- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Justizrat Dr. Goldschmidt, Offenbach, erwidert dem Vorredner, daß zur Durchführung seiner Anträge zur Zeit noch alle Voraussetzungen fehlten. Lehrer Kahn, Alsfeld, sieht keine andere Möglichkeit, als eine allgemeine Besteuerung aller hessischen Juden. Er spricht von der Not aber auch von dem Leistungsunwillen der Kleingemeinden. Statt Neuanstellung von Wanderlehrern müsse man die Lehrerstellen in Oberhessen zu erhalten suchen. E b e r t, Osthofen, dankt für die ihm dargebrachten Glückwünsche. Neben Zuschlägen von 12 Pfg. vom land- und forstwirtschaftlichen und 24 Pfg. vom gewerblichen Steuerkapital erhebe seine Gemeinde 18 Prozent Einkommensteuerzuschlag. Eine Lotterie sei untunlich, eine kurzfristige Anleihe sei zu empfehlen. Stein, Hungen, weist daraus hin, daß Kleingemeinden zur Erhaltung ihres Lehrers alles aufbieten, in seiner Gemeinde betrage die Umlage 77 Prozent der Reichseinkommensteuer. Rechtsanwalt Rothenberger, Gießen, weist daraus hin, daß die oberhessische Landjudenschaft eine Art Landeskirche darstelle, daß dieselbe zur Besoldung der beiden Rabbiner 4 Prozent Einkommensteuerzuschlag erhebe. Mit einem zweiprozentigen Zuschlag könne man für die Bedürfnisse des Landesverbandes 30000 RM. ausbringen, er stellt folgenden Antrag: Der Gemeindetag ermächtigt den Oberrat, dem Landesausschuß das Recht zu erwirken, seinen Bedarf durch Umlagen ans die Mitglieder seiner Mitgliedsgemeinden in Form von Zuschlägen zu den für die Kirchensteuer vorgesehenen Steuerarten aufzubringen. Der Oberrat wird zu zweckentsprechender Aenderung des Antrags ermächtigt. Wartensleben, Oberramstadt, weist auf die gegenwärtige schwere Wirtschaftslage hin, er habe keine Hoffnung für erne Besserung, solange man getrennt marschiere. R. A. Rothenberger, Gießen, bemerkt, daß seinem Anträge eine aus objektiven Zahlen beruhende Schätzung zugrunde liege. Lehrer Kahn, Alsfeld, weist darauf hin, daß Leistungsunwille fast nur.in den Gemeinden bestehe, in denen die Lehrerstelle unbesetzt ist. Er würdigt den Opferwillen der Gemeinde Hungen. In Bayern subventioniere der Landesverband Gemeinden, die derartig hohe Lasten zu tragen haben. Krämer, Friedberg, referiert über oberhessische Verhältnisse und die Bemühungen des Oberrats, bestehendem Lehrermangel abzuhelfen. Wartensleben, Oberramstadt, berichtet, daß seine Gemeinde, die dem Verband 60 RM. zahle, ihre Bedürfnisse durch freiwillige Beiträge decke und durch den Roßdorfer Lehrer unterrichten lasse. Lehrer Kaufmann, Schotten, bemängelt, daß Gemeinden durch nicht vollwertig ausgebildete Personen unterrichten lassen. Hetz, Düdelsheim, bringt zur Kenntnis, daß die von seiner Gemeinde aufgebrachte Klassensteuer 170 Prozent der Reichseinkommensteuer der Mitglieder ausmache. Dr. Guggenheim, Offenbach, macht einen Vorschlag zur Vertretung der diesseitigen Petition um Staatszuschuß. Rabbiner Dr. Levi, Mainz, erwidert unter Hinweis aus die bereits unternommenen Schritte. R. A. Goldschmidt, Worms, beglückwünscht den Verband, dem es vergönnt sei, in dieser kritischen Zeit mit Sachlichkeit zu arbeiten. Auch die Tätigkeit des Verbandes könne nicht losgelöst werden vom allgemeinen Wirtschaftsleben, die Forderung eines Staatszuschusses müsse immer wieder gestellt werden, in der Art der Ausbringung der Mittel müßten Oberrat und Schulausschuß noch Stellunb nehmen, auch eine andere Gruppierung der Gemeinden sei in Erwägung zu ziehen. Rabbiner Dr. Levi, Mainz, stellt fest, daß der Gedanke einer Lotterie durch das Stillschweigen der Versammlung erledigt zu sein scheine, bei Abnahme von Losen wären den Gemeinden die Beiträge erlassen gewesen, ihm sei jedoch eine Lotterie zuwider. Er beantragt, dem Oberrat wegen Aufbringung der Mittel und Gestaltung der Zeitung Vollmacht zu erteilen, jedoch eine Entschließung herbeizuführen, wie die Bewilligung von Stipendien gehandhabt werden soll, hierbei schlägt er vor, hessische Studierende, die hessische Akademien besuchen, zu subventioniereu, und die an außerhessische Seminare bewilligten Subventionen zugunsten hessischer Studierender zu bestimmen. Lehrer Stern, Alzey, erklärt sich gegen die Neubewilligung von Stipendien, für die Erhaltung der Lehrerstellen, die Sorge für ein Lektorat in Gießen erachtet er nicht als primäre Aufgabe des Verbandes. Nach einer Frühstückspause, während der die Israelitische Religionsgemeinde Worms die Teilnehmer vorzügliche Gewächse ihrer Provinz kosten ließ, werden zunächst die beiden Revisoren, Herren Ferd. Oppenheimer, Ober-Ingelheim, und Bankdirektor Reis, Friedberg, wiedergewählt. Auf Vorschlag des ersteren wird der Verbandsvorsitzende wieder und Herr Fritz Löwensberg, Mainz, als sein Stellvertreter neu gewählt. Kommerzienrat Mayer, Mainz, und Fritz Löwensberg, Mainz, danken für das ihnen geschenkte Vertrauen und versprechen ihr Bestes zu tun, um die ihnen übertragenen Obliegenheiten zu erfüllen. An Stelle des Herrn Küchler, Alzey, der eine Wiederwahl abgelehnt hat, fchlägt Herr Isaak Oppenheimer, Mainz, Herrn Emil Jsaac, Erster Vorsteher der Gemeinde Wallertheim, vor. Herr Oppenheimer begründet seinen Vorschlag mit der orthodoxen Gesinnung des Herrn Jsaac und dem Wunsche, die paritätische Behandlung der Orthodoxie zum Ausdruck zu bringen. Dementgegen beantragt Lehrer und Rechner Stern, Alzey, den Sitz dem neuzubildenden Vorstand der Israel. Gemeinde Alzey zu reservieren. Moritz Berney, Mainz, beantragt die Wahl des Herrn Jsaac, Wallertheim, und demnächst Kooptierung eines Mitgliedes des Alzeyer Gemeindevorstandes. Herr Emil Jsaac wird hierauf einstimmig gewählt. Auf Vorschlag des Rabbinerverbandes wird an Stelle des in den Ruhestand getretenen Herrn Rabbiner Dr. Lewit, Alzey, Herr Rabbiner Dr. Bienheim, Darmstadt, und auf Vorschlag des Lehrerverbandes Wird Lehrer Kaufmann, Schotten, an Stelle des nach Nürnberg übergesiedelten Herrn Sulzbacher gewählt. Auf Vorschlag des Vorsitzenden werden alle übrigen Mitglieder des Oberrats und deren Stellvertreter en bloc wiedergewählt. Leopold Herzog, Niedersaulheim, rät den Lehrern als den Erziehern der Kinder beispielgebend voranzugehen und angesichts der Notverordnung auf einen Teil ihrer Bezüge zu verzichten. Der Vorsitzende informiert Herrn Herzog und die Versammlung über die unzureichende, häufig unter dem Existenzminimum liegende Besoldung der jüdischen Landlehrer. Justizrat Dr. G o l d s ch m i d t, Offenbach und Ferd. Mayer, Harxheim, schließen sich diesen Ausführungen an, letzterer empfiehlt denjenigen Landjuden, denen nicht die Möglichkeit geboten ist, Sch'nodar Gelder zu zahlen, die Förderung einer freiwilligen Lotterie. Er kritisiert eine Gemeinde, die einen Vorbeter honoriere, der morgens der Gemeinde „W'schomru b'ne Israel eth haschabboth" vorlese und nachmittags wegfahre. Redner tritt für „Thorah im derech erez" ein und bemerkt hierzu, daß er dem Turnverein seines Orts jetzt 25 Jahre als Mitglied angehöre. Lehrer Kaufmann, Schotten, macht ziffernmäßige Angaben über das geringe Einkommen der jüdischen Landlehrer. Mayer, Gau-Algesheim, interpretiert die Ausführungen des Herrn Herzog. R. A. Dr. G o I d s ch m i d t, Worms, erklärt es als notwendig, daß der Verband seine Sendboten so honoriere, daß sie mit Freuden an der Arbeit sind. I. R. Dr. Goldschmidt, Offenbach, erblickt in den Lehrern die Träger unserer Kultur aus dem Lande und in den Mitgliedern der Gemeinden nicht gegenüberstehende Feinde von liberaler und orthodoxer Gesinnung, sondern Juden. Der Gemeindetag erteilt dem Oberrat Vollmacht zur Aufstellung des Voranschlags. Unter lebhaftem Beifall der Versammlung dankt Herr Ferd. Oppenheim ew, Oberingelheim, dem Vorsitzenden, Herrn Kommerzienrat B. A. M a y e r, für die Führung der Geschäfte und seinen weitausschauenden Blick. Auf Vorschlag des Herrn I. R. Dr. Goldschmidt, Ossenbach, wird der vormittags gestellte Antrag Rothenburger zum Beschlüsse erhoben, nachdem eine hierauf bezügliche Frage des Herrn Krämer, Butzbach beantwortet war. Rabbiner Dr. Levi, berichtet über eine in der Mittagspause stattgehabte Verhaudlung des Schulausschusses; er teilt mit, daß durch diese Verhandlung Meinungsverschiedenheiten und Reibungen, die in einer oberhessischcn Gemeinde vorhanden waren, beseitigt worden sind. Dr. Levi erinnert daran, daß der heutige Gemeiudetag der sechste seit Begründung des Landesverbandes ist, daß er aber ein Sabbatjahr des Verbands nicht einleiten dürfe, daß wir vielmehr nach der Tagung sofort weiter an die Arbeit gehen müssen; vor Eintritt in die Arbeit der neuen Woche sage man am Sabbatausgang den Psalmvers: u're banim l'banecha schalom al 3