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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1931-06-01 · 6 (6.1931) · p. Seite 7

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
6 (1931)
Issue
6 (6.1931)
Date
1931-06-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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$i$ic weit das Judentum iu dieser Periode erstarkt ist, darüber fehlen uns die Zahlen. Man kann aber jeI>enfctH§ einen Aufstieg annehmen, denn dieser geht iuuner nebenher mit Wirtschaftlich starken Zeiten. Dann, etwa mit dem zwölften Jahrhundert, ändert sich das Bild. In den europäischen Völkern entwickelt sich ein Handelsstand. Es entstehen Zünfte, Innungen, großkaufmännische Unternehmungen und Zusammenschlüsse, und es beginnt ein brutaler Kampf gegen das Judentum, es beginnt seine Verdrängung. Immer einhergehend mit den Einflüssen einer iluduldsameu christlichen Kirche. Der Jude verarmt, er wird zum Trödler und Hausierer, er wird in das tiefste Proletariat herabgedrückt. Das sind die Zeiten der Verfolgungen, des Austreibens, des Hinmordcns. Das sind die Zeiten der Kreuzzüge, der Pest, der Inquisition. Tausende und Abertausende gehen zugrunde. Der Jude wird in das Ghetto getrieben. Er wird von der christlichen Bevölkerung isoliert und isoliert sich von dieser. Er hat kulturell mit der Umwelt keine Berührung. Geistig und wirtschaftlich versinkt er in einen erschreckenden Tiefstand. Das hält an bis in die Zeit der Emanzipation. In bezug auf das Judentum uiuß man das Mittelalter also sehr weit hinausschieben. Nehmen wir nun einmal die Zeit um 1600 an, von wo an die ärgsten Ausschreitungen gegen die'Juden als überstanden gelten können. Wie stark an Zahl wird nun die Gesamtheit der Juden damals gewesen sein? Theilhaber sagt in seinem „Der Untergang der deutschen Juden", daß die Zahl der Juden in der ganzen Welt zum Ausgang des Mittelalters mit nur einer halben Million zu veranschlagen sei. Diese Zahl aber halte ich für ganz undiskutabel. Theilhaber sagt gleich danach, daß 1689 in dem kleinen Hessen 2566 Juden ausässig gewesen seien. Es wird schwer sein, für jene Zeit eine einigermaßen sichere Schützling zu gewinnen. Eingehende Erforschung der alten Judenaktcn, solche bezüglich der Kammerknechte, Schutzjuden, Judcnstcuern u. a. könnten vielleicht noch manche Aufklärung schaffen. Einem Forscher böte sich hier noch ein weites und dankbares, allerdings sehr schwieriges, Feld der Betätigung. Eine Zahl ist es aber vielleicht doch, die uns einen Anhalt geben könnte. Bei der Vertreibung der Juden aus Spanien sollen ■ Juden das Land verlassen haben. Diese Zahl dürfte ungefähr stimmen. Wenn man nun annimmt, daß im übrigen Europa, besonders Deutschland und Polen, die doppelte Anzahl gelebt habe, so käme man auf etwa eine Million. Rechnet man nun den Orient hinzu, und nimmt hier auch eine Million an, denn in. der Türkei genossen die Juden damals unter dem Einfluß des jüdischen Fürsten Joseph von Naxos weitgehenden Schutz und waren sehr zahlreich, dann käme man insgesamt aus zwei Millionen. Das dürfte aber das Alleräußerste gewesen sein. Wie ist nun die ganz eigenartige Erscheinung zu erklären, daß das Judentum in der ungeheuer langen Periode von der römischen Kaiserzeit um 2—300 n. Ehr. bis zum Schluß des Mittelalters, in fast anderthalb Jahrtausendeil, diesen enormen Verlust aufweist. Es ist bis auf ein Drittel seines frühereil Bestaudes zurückgegangen. Eille Allgeiileiilcrscheinllug ist das ilicht, wenn schon die Bevölkerungsbewegung jener Zeiten ilicht im Entferntesten mit der der letzten Jahrhuilderte zu vergleichen ist. Bei der Zählung im römischerl Reiche im'Jahre 14 n. Ehr., dem letzten Lebensjahre des Kaisers Augustus, hatte Italien 6 Millionen, Spanien 6 Milliollen, Gallien 3K Millionen Einwohner. Am Ende des 15. Jahrhunderts zählte Italien 9,2, Spanien 8,8, Frankreich 12,6 Millionen. Also Zunahmen von 60, 160 und 270 Prozent. Der Orient, der im Mittelalter eine Blüte erlebte, wird ebenfalls steigende Ziffern aufweisen. Woher kommt null das Manko bei der jüdischen Bevölkerung? Durch die Leiden, die das Judentum im Mittelalter erlitten hat, ist das nicht zu erklären. Es gingen mal an dieser, mal an jener Stelle Tausende zugrunde. Das allein ist nicht ausschlaggebend. An anderer Stelle blieb cs eben erhalten. So furchtbar auch die dauernden Verfolgungen und die Opfer, die dieje gefordert haben, gewesen sind, muß man doch bei Einschätzung der Zahlen, die darüber gemeldet werden, sehr vorsichtig sein. Meistens find sie übertrieben. Sie sind von Mund zu Mund getragen, je weiter sie getragen sind, um so größer sind sie geworden, bis sie oft ins Ungeheuerliche wuchsen. Erilstell Nachprüfungen gegenüber halten sie llicht stand. (Fortsetzung folgt.) Aus unseren Verbandsgemeinden. Altenstädt. Bei der aln 1. März stattgefundenen Wahl eines zweiten Vorstehers wurde Herr Kassel gewählt. Alzey. (Hohes Alter.) Ain 23. Mai vollendete uilser Mitbürger Karl N e u b e r g e r fein 84. Lebensjahr. Er betrieb viele Jahre das von seinem Vater ererbte, in der Stadt und der garlzen llmgcgend wohlbekannte Manufakturwarengeschäft in der Antoniterstraße gegenüber dem alten Hospital. In jungen Jahren war Herr Neuberger durch sein musikalisches Talent im Orchesterverein und in den Gesangvereinen ein geschätztes Mitglied, wie er auch auf dem Gebiete der Wohltätigkeit ein Freund der Armen und Bedrängten war. Eich. Die Familie des Herrn A b r a h a m Schott ist von einem herben Verluste betroffen worden. Ihr wurde der einzige Sohn und Bruder, Heinrich Jakob Schott, wohnhaft in Mainz, nach kurzem Krauksein im Alter von 34 Jahren durch den Tod entrissen. Mit Eltern und Geschwistern trauert die Gattin, die nach noch nicht zweijähriger Ehe den Gatten, den Vater ihres 7 Monate alten Kindes von hinnen scheiden sehen mußte. Die Beisetzung erfolgte am Donnerstag, 7. Mai, unter zahlreicher Beteiligung auf dem Friedhofe in Osthofen. Herr Rabbiner Dr. Holzer aus Worms richtete in sehr wirkungsvoller Weise warmherzige Worte des Trostes an die schwergeprüften Hinterbliebenen; er erinnerte an große Persönlichkeiten der Vorzeit, die im Bewußtsein, daß ein gütiger Vater der Menschen Geschicke lenkt und leitet, sich auch beim Hinscheiden lieber Angehörigen in den Willen Gottes ergaben. Er wies mit besonderem Nachdruck darauf hin, daß zu aller Zeit ein schönes, inniges Verhältnis zwischen allen Gliedern der jetzt trauernden Familie bestanden, daß jeder bestrebt war, dem andern zur Seite zu sein und wohlzutun und zog daraus die Folgerung, daß dieser Verlust die Familienangehörigen noch inniger zusammenbringen und zum Ertragen stark machen werde. — Treue Pflichterfüllung gewährt seligste Beruhigung. Gau-Odernheim. Am 28. Mai verschied im Alter von 94 Jahren der Senior unserer Gemeinde und wohl auch des ganzen Bezirkes, Herr Salomon Nordheimer. Ter Verewigte hatte lns vor 9 Jahren, wo er in das Haus seiner hiesigen Tochter zog, in Hofheim i. Ried gelebt und dort eine ausgedehnte Landwirtschaft und ein landwirtschaftliches Produktengeschäft betrieben. Seine aufrechte und gesinnungstüchtige Art hatte ihm in Hofheim wie in Gau-Odernheim die Freundschaft und Werschätzung weitester Kreise erworben. Die religiöse Erziehung, die er von Jugend auf genossen hatte, war ihm bis an sein Lebensende ein unverlierbarer Wert. Er versäumte in gesunden Tagen keinen Gottesdienst, wirkt an den hohen Feiertagen als Vorbeter und mühte sich bis in sein hohes Alter um die Stärkung und Erhaltung der Gemeinde. Er hatte als letzter Jude seine Heimatgemeinde verlassen und hatte damals die alten synagogalen Einrichtungsgegenstände darunter besonders die Thorarollen in der benachbarten Gemeinde Worms in Sicherheit gebracht. Die Wertschätzung, die der Verewigte in seinem Leben erworben hatte, kam bei der am Sonntag, den 3t. Mai, erfolgten Beisetzung in Gau-Odernheim zum Ausdruck. Von Nah und Fern waren Freunde und Getreue erschienen, um dem Heimgegangenen die letzte Ehre zu erweisen. Herr Rabbiner Dr. L e v i, Mainz, gab in seiner Trauerrede, in Vertretung des verhinderten Herrn Rabbiner Dr. Lewit, Alzey, ein Lebensbild des Heimgerufenen und wies seine zahlreichen unvergänglichen Verdienste auf. niX-Ti Wallertheim i. Nheinhessen. Anläßlich des 25jährigen Dienstjubiläums des Herrn Pfarrer Ludw. Weisel sprach dieser ehrwürdige geistliche Herr Worte des Dankes für alle ihm zuteil gewordenen Ehrungen, die verdienen, auch in jüdischen Kreisen bekannt zu werden. Dem Bericht, welcher in der „Wallertheimer und Gau-Weinheimer Heimat-Zeitung" erschienen ist, entnehmen wir folgenden Absatz: „. . . . Das Pfarrhaus in Wallertheim ist schon immer so eine Art Bienenstand. Das ist an jedem Tag ein Kommen und Gehen. Was aber an dem fraglichen 6. Mai alles ein- und ausgegangen ist, das ist ohne Zahl. Eins reichte dem anderen die Hand. Junge und Alte, Männer und Frauen! Eine ganz besondere Freude bereitete dem Jubilar die persönliche und auch schriftliche Teilnahme der jüdischen Gemeinde und ihrer zahlreichen Glieder. Ich sehe in der außerordentlichen Teilnahme gerade auch von dieser Seite eine Anerkenntnis meiner Tätigkeit. Meine lieben KAifif*!9 Hülle & fü Zentralheizungen Main 7 Sömmcringplatz 4 111119 1*1 9 IMF 119 1* 1, V», ' aller Systeme lllllllA Tel. Amt Münsterplatz 33241 40jährige heiztechnische*Erfahrungen - Beste Referenzen - Fachmännische Beratung kostenlos und unverbindlich 7 56

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