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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1931-06-01 · 6 (6.1931) · p. Seite 6

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
6 (1931)
Issue
6 (6.1931)
Date
1931-06-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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itag Uon Handwerk, Industrie und Landwirtschaft, vom Beamtenstand und ähnlichen Berufen sich notgedrungen dem Handel zuwendcn mutzten, daß es aber im Interesse meiner Glaubensgenossen und des. Vaterlandes liegt, wenn sie sich allen rechtlichen Berufszweigen widmen, ordne ich als Zweck der Stiftung an: Hand- und Fabrikarbeit, Handwerk, Landwirtschaft, Garten- und Obstbau unter den Israeliten in grötzerem Umfange zu betreiben." Die „Israelitische Gartenbauschule zu Ahlem" bildet junge Inden vorzugsweise aus seinem zirka 80 Morgen grotzen Grundbesitz in Gartenbau und Landwirtschaft aus, betreibt aber daneben auch die Ausbildung als Schuhmacher, Schneider, Tischler, Bäcker, Glaser, Elektrotechniker, Klempner, Buchdrucker und Tapezierer. Durch die Ungunst der Verhältnisse konnten nur einige Handwerkslehrstätten in den letzten Jahren aufrecht erhalten werden; es besteht aber die Absicht, sie sämtlich wieder in Betrieb zu nehmen, um so praktische Arbeit im Sinne der produktiven Berufsumschichtung unter den Juden in großem Umfange zu leisten. Autzerdem wird in Ahlem eine staatlich anerkannte Volksschule unterhalten, so datz Knaben schon im Alter von sechs Jahren ausgenommen werden können, die zunächst ihrer Schulpflicht genügen und dann später einem der angeführten Berufe zugeführt werden. Die in Ahlem ausgebildeten Juden haben durchweg mit gutem Erfolg den Lebenskampf ausgenommen und bestanden. Sie haben Beschäftigung in allen Erdteilen gefunden und es teilweise zu solch guten Stellungen gebracht, datz sie ihrerseits wieder die weitere Ausbildung jüdischer junger Leute in Gartenbau, Landwirtschaft und Handwerk übernehmen konnten. Bedenkt man, datz die hohe Intelligenz der deutschen Juden und ihre unbeugsame Zähigkeit und Energie es verstanden haben, allen Schwierigkeiten znm Trotz sich zu behaupten, sich durchzusetzen und auf vielen Gebieten führend zu wirken, so müßte man cs eigentlich als eine Selbstverständlichkeit betrachten, datz es gelingen mutz, ein so bedeutungsvolles und mustergültiges Institut wie Ahlem noch weiter auszubaucn. Niemand weiß, wie sich die Geschicke Deutschlands und insbesondere die Lebensbedingungen der deutschen Juden gestalten werden. Um so mehr ist es eine Ehrenpflicht der deutschen Juden, dieses einzigartige Unternehmen zu unterstützen und diese der deutschen Iudenheit gebotene Chance auszunutzen. Der große Philantrop Moritz Simon hat in seinem Testament gesagt, daß er den dauernden Bestand der Ahlemer Anstalt dann für gesichert hält, wenn sie von allen Glaubensgenossen als Gemeingut betrachtet und unterstützt wird. Dieser Hoffnung des Ahlemer Gründers zu entsprechen, ist in der heutigen Zeit doppelte Pflicht eines jeden deutschen Juden. Er unterstützt damit das große Werk der Nächstenliebe, der zweckmäßigen Berufsausbildung, insbesondere der minderbemittelten Kreise, und dient gleichzeitig dem immer dringender werdenden Problem der Berufsumschichtung unter den Deutschen, und insbesondere unter den deutschen Juden. Wer Ahlem, diesem einzigartigen jüdischen Kulturunternehmen, dieser jüdischen Pionierstätte hilft, der hilft sich selbst und dient dem so oft erprobten Gemeinschaftssinn der deutschen Juden. Möge der Appell an die Einsicht der deutschen Iudenheit nicht vergeblich sein. Das jüdische Bevölkerungsproblem. Von Otto N e u m a n n , Berlin-Wilmersdorf, Vorstandsmitglied der Gesellschaft für jüdische Familienforschuug. (1. Fortsetzung) Einige Vierzigtausend kehrten zurück, dazu andere heimkehrende Emigranten, ein Teil blieb in Babylon, ein Teil saß wohl auch in _ Aegypten. Laß es hunderttausend, laß es zweihundert-, ja, laß es selbst dreimalhunderttausend gewesen sein. Das war alles, was von dem einst so stolzen davidischen Reiche übriggeblieben war. Und aus diesem, man kann doch sagen, Häuslein, ist das Judentum wieder erwachsen. Es folgt eine Zeit der Ruhe. Zweihundert Jahre (630—330) ist Judäa persische Provinz. Die Bevölkerung nimmt zu. Sie mag auf eine Million angewachsen sein. Dann stürzt das große persische Reich. Aber Juda bleibt. Alexander der Große kommt und bringt die leuchtende griechische Kultur. Sie hat sicherlich viele Judaer angezogen und ausgesogen. Der Jude beginnt in die griechische Welt hinauszugehen. Viele, viele werden dort verschwunden sein. 6 Auch das Alexauderreich schnüudet dahin. Immer aber bleibt Juda. Anderthalb Jahrhunderte vergehen, die Herrschaft der Ptolemäer, Seleukiden, der Syrier. Diese bedrängen das jüdische Land bis zur Unerträglichcheit. Aber da erwacht noch einmal die Kraft Judäas. Der Heldenkampf der Makkabäer (der Hasmonäer) beginnt, die Ruhmestat des jüdischen Volkes (167—137). Und aus diesem Kampf steigt es wieder auf zu neuer Glorie. Unter den Hasmonäern und dann unter den Herodäern sitzt wieder ein König auf Jerusalems Thron. Das Land erlebt seine letzte Blüte. Aber das Volk ist zum großen Teil schon ein anderes geworden. Es ist beeinflußt von der griechischen Kultur. Die alten biblischen Namen verschwinden, und statt derer nennen sich die Leute Herodes, Alexander, Tigranes, Agrippa, Kleopatra. Ebenso wie in unserer Zeit aus Abraham Adolf und aus Moses Moritz geworden ist, und wir heute bei Horst, Heinz, Rolf, Irmgard und Hildegard, und wie die Namen sonst lauten mögen, angelangt sind. Die Jugend kämpfte damals in den Stadien, wie heute aus den Sportplätzen. Schon damals gab es eine Emanzipation, und wie heute, standeu sich die modern-politische und die orthodoxnationale Partei gegenüber. Es ist alles schon dagewesen. Tann kommt Rom, die Herrin der Welt! Die herodianische Zeit steht schon ganz unter ihrem Einfluß. Die römischen Land-^ Pfleger kommen ins Land. Der Druck wird unerträglich. Mutig wehrt sich dagegen die nationale Partei. Der galliläische Krieg. Nie ist eine Stätte verteidigt worden wie damals Jerusalem. Das war stolz und heldenhaft, aber politisch unklug. Eiue winzige Schar gegen Rom! Die Legionen des Titus rücken heran. Sie treten nieder, was sich ihnen iu den Weg stellt. Der Tempel stürzt und Jerusalem sinkt in den Staub. Damit war die Herrlichkeit Judäas für immer dahin. Das Judentum hat keine Heimat mehr. Schon ist der größte Teil des Volkes draußen in der Welt. Jetzt zieht auch nodE) der Nest hinaus. Und von den Ufern des Euphrat und von Aegypten bis hin mach Spanien und Gallien und hin bis an die Grenzen Germaniens, überall ist der Jude. Und so ist es geblieben. In jene Zeit fällt eine eigenartige Periode. Um 140 v. Ehr. wird der Pentateuch ins Griechische übersetzt und gewinnt großen Einfluß in der heidnisch griechisch-römischen Welt. Dem Judentum fließen von außen her zahlreiche Anhänger zu. Das ist die einzigste Zeit im Laufe der Jahrtausende, in der das Judentum Proselyten gemacht hat. Der Mosaismus war auf dem Wege Weltreligion zu werden. Doch dann kommt der Feuerkopf Paulus und das Christentum erwächst. Damit verschärft sich der Gegensatz gegen das Judentum, und üüeder kommt eine Zeit der Absplitterung. Dem werdenden Christentum sind viele verfallen. Viele mag auch das stolze Römertum verschlungen haben, dort wie hier wohl mehr, als man annimmt/ Die ersten zwei Jahrhunderte der römischen Kaiserzeit, etwa bis Marcus Aurelius oder Eommodus, haben durch ihre ungeheure wirtschaftliche Entwicklung dem Judentum sicherlich große Lebensmöglichkeiten geboten. Trotz der Gegenwirkung des werdenden Christentums und der Opfer, die die Vernichtung Jerusalems uui) der sechzig Jahre spätere Bar-Kochba-Aufstand gekostet Haben, dürste die Zeit um 2—300 n. Ehr. als der Höchststand der jüdischen Bevölkerung im Altertum anzusehen sein. Wie stark mag nun damals das Judentum gewesen sein? Nach Nossig „Jüdische Statistik" ist aus verschiedenen Berechnungen anzunehmen, daß der jüdische Stamm in dieser Epoche bedeutend zahlreicher war, als zu Zeiten Salomos. Danach könnte man auf fünf Millionen schließen. Zollschan nennt in seinem „Rassenproblem" sogar 6 bis 7 Millionen. Das Judentum machte also im römischen Reich einen sehr erheblichen Prozentsatz aus. Mau kann die Bevölkerung des römischen Reiches damals auf etwa 75 Millionen schätzen. Dann kommt die Reihe der Soldatenkaiser. Roms Macht schwindet politisch und wirtschaftlich allmählich dahin und bricht iu der Völkerwanderung zusammen. In dem Drunter und Drüber dieser Zeiten, wo Reiche verschwinden und Reiche entstehen, wird, wie andere Völker, auch das Judentum Verluste erlitten haben. Dann mit der Frühzeit des Mittelalters setzt wieder ein Aufstieg ein. Unter dem Mohammedanismus kommt das Judentum geistig und wirtschaftlich zu hoher Blüte, im Osten in Babylon, im Westen in Spanien. In dieser Zeit ist der Jude der Mittler des europäischen und europäisch-asiatischen Warenaustausches. Die europäischen Völker hatten noch keinen ausgebildeten Handelsstand aufzuweisen. Der Jude ist Großhändler und Kapitalist, wahrscheinlich erst der Bringer des sich langsam bildenden Kapitals. Er brachte es aus dem Orient herüber,

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