Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 6 (1931)
- Issue
- 6 (6.1931)
- Date
- 1931-06-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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in dieser Stunde benutzen die Kinder Farbstifte zum Schreiben, wie überhaupt sinngebende Verwendung van Farben im ganzen Lehrverfahren eine ausschlaggebende Rolle spielt). In der zweiten Stunde erscheint vor den Kindern ein farbiges Anschauungsbild. (Zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen machen Besuch bei Onkel und Tante.) Die Kinder sprechen sich über dieses Bild aus und wenn ihr Interesse geweckt ist, wird das Bellen des Hundes nachgeahmt, besprochen und lautiert. Alsdann wird die Silbe Wau zweimal in Umrißzeichnung an die Tafel gemalt. Die Kinder gewinnen daraus den Was und wenn er erkannt ist, werden die vorgezeichneten Silben in der Farbe des Hundes (braun) ausgesüllt. Dann bekommen die Kinder ein Mal- und Leseblatt, ebenfalls in Umrißschrist, auf welchem das an der Tafel stehende Wort und der neu gewonnene Buchstabe (letzterer, damit er sich besonders hervorhebt in Vollschrift) vorgezeichnet sind. Die Kinder malen das ihnen jetzt bekannte und vertraute Wort in derselben Farbe aus. Dabei wird es ohne Zutun des Lehrers gelesen. Hinter dem nun gemalten Wort steht auch der in Druckschrift geschriebene Buchstabe Was. Er wird ebenso wie vorher der gedruckte Buchstabe kritisch nach Form und Eigenart betrachtet und dann an eine Wandtafel mit quadratischen Linien vorgeschrieben. Darauf nehmen die Kinder ihr Heft mit ebenso liniertem Papier und schreiben den Buchstaben. Vorher werden sie noch darauf aufmerksam gemacht, daß der Buchstabe an die rechte Seite des Quadrats angelehnt wird. Später wird bei den breiteren Buchstaben auch noch darauf gehalten, daß die linke Seite des Quadrats niemals berührt werden darf. Auf diefe Weise gewöhnt man die Kinder bald daran, daß sie Leseabstände zwischen den Buchstaben machen. Die Kinder werden veranlaßt, die gewonnenen Wörter nach Belieben in Sätzen zu verwenden und sich in ihrer Weise über das im Bild Geschaute unter Verwendung der bekannten hebräischen Wörter in deutsch-hebräischer Sprache auszusprechen. Der exakte Sprachwissenschaftler wird vielleicht über das Kauderwelsch schaudern. Wir lassen es gelten, ja, wir fördern es, weil die Kinder so eine Möglicheit haben, zu beweisen, daß die Wörter und die dazu gehörigen Begriffe geistiges Eigentum geworden sind und weil es die einfachste Möglichkeit ist, die Kinder von Anfang an sprechen zu lassen. Zudem verschmähen ja auch wir Erwachsenen die Zweisprachigkeit nicht. Diese Zweisprachigkeit ist auch legitim, denn unser zweitansendjähriges Ruhen in zwei Kulturkreisen ist unser Schicksal und rechtfertigt auch die Zweisprachigkeit. Wie zuerst den was, so erarbeiten wir uns auf dem Weg über einen Sachbegriff vom Leichten zum Schweren fortschreitend, die übrigen Buchstaben des Alphabets in einer Reihenfolge, die streng darauf sieht, daß der nächste Buchstabe so weit als möglich eine 'Veränderungsform des vorausgegangenen ist. Nach dem Was kommt der Doleth danach der Nun, der Gimmel u. s. f. Tie Kinder arbeiten in einer frohen Weise, wobei ihren Fähigkeiten nicht Unmögliches zugemutet wird, sie immer tätig sind und spielend lernen. Sie ziehen begeistert heim, stolz auf neue in Freude erworbene Kenntnisse, froh ob ihrer fröhlichen Tätigkeit und sind begeisterte Sendboten ins jüdische Haus. Zur Technik des Malens und Schreibens ist noch besonders zu bemerken: Stets halte man sich genau an die im Bild vorkommenden Farben. Der Daud (Onkel) in seinem dunklen Gewände veranlaßt eine dunkele Ausmalung des Wortes, ebenso wie die Daudo in ihrem grünen Kleid grüne Farbe bringt. Die Schrift trägt nicht den Unterricht, sondern st ü tz t ihn nur. Wir lehnen es auch ab, deutsche Wörter schreiben zu lassen, denn wir gewinnen aus der Anschauung eine solche Fülle hebräischer Wörter, daß es noch nicht einmal möglich ist, diese alle schreiben zu lassen, wir also die deutschen Wörter entbehren können. Die Kinder erarbeiten sich in leichter, froher Weise betrachtend, lernend, malend, schreibend und lesend das Olef-beth. Sie tun aber dabei noch viel mehr. Sie begründen einen unverlierbar verankerten lebendigen Wortschatz — aus der Anschauung kommt der Sachbegriff; zum Sachbegriff fügen wir das Klangbild, zu diefem das Wortbild; zum Wortbild den Farbwert, zuletzt das Schriftbild, — das gibt einen allseitig verankerten Wortschatz und das wichtigste: er ist ohne Mühe in reiner, tiefer Arbeitsfreude gewonnen. Der Lehrer hat nur eine Aufgabe: diese heilige Freude lebendig und wirksam zu erhalten. Im zweiten Bild machen die beiden Kinder mit ihren Eltern einen Spaziergang. Das dritte Bild zeigt die Arche. Damit leiten wir aus dem Profanen ins Religiöse 'hinüber. Diesen Weg gehen die meisten modernen Methodiker: Wir suchen das Kind in seiner Erlebniswelt auf, fesseln sein Interesse, und wenn wir es gewonnen haben, führen wir es ins Religiöse hinüber. Deshalb bringt das vierte Bild eine Darstellung des Freitag-Abend im Familienkreise. Die 4 Einführung dieses Bildes gibt den Kindern eine religiöse Weihestnnde. Sie haben jetzt ihren Wortschatz dergestalt erweitert, daß sie auch schon kleine Sätzchen ganz hebräisch sagen können. Wenn dieses Bild und damit der vierte Malbogen durchgearbeitet ist, ist die erste Arbeit geschehen. Die Freude hat niemals nachgelassen. Die Kinder können lesen, schreiben, besitzen einen schätzenswerten Wortschatz, dessen Befestigung und Erweiterung neben der Förderung der Lesefertigkeit auch auf der zweiten Stufe die Hauptaufgabe sein muß. Vor allem aber, wenn sie jetzt die Fibel in die Hand bekommen, ist sie ihnen kein Buch mit siehen Siegeln mehr, dessen fremdartige Schristzeichen ihnen in ihrer Fülle Beklemmung erregen, sondern es grüßen da heraus alte, vertraute, in Freude kennen gelernte Bekannte. Im Verein mit den schönen Bildern winken sie zu neuen Freuden. Nach der Durcharbeitung des ersten Lesebogens — nicht früher — bekommen die Kinder auch einen Lesekasten. Da wir die bisher erschienenen Lesekästen nicht praktisch genug finden, beabsichtigen wir die Herausgabe des Lesekastens, der auch in der dritten Stufe die sprachliche Arbeit unterstützen soll. Es ist Sorge zu tragen, daß möglichst jedes Kind einen Lesekasten hat, der so eingerichtet sein muß, daß er bequem in der Schultasche geführt werden kann, ohne daß die Buchstaben durcheinander geworfen werden. Für die Arbeit der Vorstufe sowohl, als auch für diejenige der folgenden Stufe gilt ein« wichtiger Grundsatz: Nichts geschieht, was nicht die zielbewußte Arbeit fördert. Niemals sollen die Kinder nur gut unterhalten sein. Stets muß die Arbeit einen Gewinn an Kenntnissen und Fertigkeiten bringen, der den Schüler in der Richtung auf sein Ziel vorwärts bringt. Wir sind uns bewußt, daß es leicht geschehen kann, daß man auf Nebengeleise gerät. Daher lehnen wir alles ab, was nicht auf dem geraden Wege in der Richtung auf das Lehrziel hingeht. Wohl lassen wir hin und wieder auch noch im zweiten Schuljahr »Dinge selbst malen und selbstverständlich hebräisch benennen, doch darf diese Tätigkeit keinen breiten Raum einnehmen. Die bildhafte hebräische Schrift fei stets Hauptgegenstand der malenden und schreibenden Tätigkeit. Die zweite Stufe umfaßt das ganze zweite Schuljahr. In betont arbeitsschulmäßiger Weise beginnen nun die Kinder die Fibel, ihr e r st e s Lesebuch, durchzuarbeiten. Wenn wir uns unter den verschiedenen erschienenen neueren Fibeln für die Mandelbaumsche „aurohw'simcho" entschieden haben, so war hierfür die Tatsache maßgebend, daß sie bei weitem am besten der Forderung entspricht, lebensnahen Stosf zu bringen, das Kind bei seinem Spiel und seiner Arbeit und seinem Erleben aufzusuchen, zu gewinnen und es ins Religiöse hinüberzuführen. Dazu wird der Inhalt aufs wirksamste durch die beigefügten Bilder vermittelt. Auch auf dieser Stufe ist den Kindern immer wieder Gelegenheit zu geben, ihren Wortschatz in Rede und Schrift anzuwenden. In stetiger, freudebesonnter Arbeit kommen die Kinder zu Ende des zweiten Schuljahres dahin, daß sie in ihrem hebräischen Buch ebenso geläufig und mit ebenso viel Verständnis lesen können, wie in ihrem deutschen Buch. Zum Beginn des dritten Schuljahres stehen die Kinder vor der schwierigsten Srufe des ganzen Lehrganges. Wir müssen da die Frage entscheiden, ob es möglich ist, mit Kindern dieser Altersstufe Gebete unserer T'filloh durchzunehmen. Gewiß könnten sie mühsam gelesen werden, aber Verständnis und innere Anteilnahme können ohne weiteres nicht erreicht werden. Dazu sind die allermeisten Gebete doch zu wesensfremd, und alle sprachlich so voller Schwierigkeiten, daß neunjährige Kinder den Wortlaut nicht erfassen können. Tie in allen Gebeten vorkommenden Wortungeheuer, bei denen der Stamm mit Nor- und Nachsilben behängt ist, und oft von ihnen verdeckt ist, die fremdartige Satzbildung und viele andere Eigenheiten der hebräischen Sprache verlangen eine große Fähigkeit zum Analysieren. Diese Fähigkeit -rwrrbt sich der Schüler aber nur durch Synthese. Also heißt unser Arbeitsplan für diese Stufe: Durch Synthese zur Analyse. Dm Kinder muffen das Allernotwendigste der sprachlichen Grundbegriffe erwerben und beherrschen, andernfalls stehen sie bei jedem Gebet der T'silloh wieder vor denselben Schwierigkeiten, nnd Zehrer und >Lchüler sind in jedem einzelnen Falle genötigt die grammatikalische Unterweisung von vorn anzufangen, weil' auf nichts zuruckgegriffen werden kann; ein Verfahren' das wie ein jeder von uns tausendmal erlebt hat, in Schüler und Lehrer bald lede Lust ertötet und den Unterricht zur Qual macht. Hier ist die Klippe, an der die meisten scheitern. Was sollen sich nun die Kinder aneignen? Sie müssen das Dingwort kennen, seine Veränderung nach Zahl, Geschlecht und Anwendung, den Artikel der im Hebräischen nicht Geschlechtswort ist. Sie 'müssen unbedingt befahigt werden zu erkennen, daß all diese Veränderungen des Wortstammes durch Vor- und Nachsilben bewirkt werden sie muffen m allen größeren Wortgebilden den Stamm finden lernen Zum Dingwort muß der Gebrauch des Adjektivs und seine Ver-