Mannheim
Compact Memory

Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1931-06-01 · 6 (6.1931) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
6 (1931)
Issue
6 (6.1931)
Date
1931-06-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9582242-9623188-9620928--0762-9620931
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

weichenden Anschauungen erwarten lassen, findet Pnnkt 1 der Tagesordnung seinen Abschluß. 2. Müller, Bensheim, erstattet kurzen Bericht über de'n Stand der Vereinskasse und Sterbekasse. Oppenheimer, Gr.-Steinheim, wünscht weiteren Ausbau der Sterbekasse. Er wird ersucht, der nächsten Generalversammlung einen diesbezüglichen Antrag vorzulegen. 3. Der seitherige Vorstand wird einstimmig wiedergewählt. 4. Da keine Anträge vorliegen, ist die Tagesordnung erschöpft. Der Vorsitzende schließt mit Worten des Dankes an die Gemeinde Offenbach und die Offenbacher Kollegen die in schönster Weise verlaufene Tagung. Der Vorsitzende: K a h n. "Der Schriftführer: K a u f m a u n. Der hebräische Unterricht in der Grundschule. Versuch einer zeitgemäßen Losung. Von Heinr. Lichtenstein u. Jakob Strauß, Lehrer zu Ossenbach a.M. Ausgangspunkt einer jeden Unterrichtsmethode muß die vorausschauende Erkenntnis der Schwierigkeiten sein, die uns im Unterricht erwachsen. Sie sind ihrer Herkunft nach dreierlei Art: Sie erwachsen aus dem Lehrziel, dem Lehrstoff und von den Kindern, die wir zu unterrichten haben. Das Lehrziel des Unterrichts in der hebräischen Sprache lautet: Wir müssen den Kindern in der Grundschule zu einer genügenden Kenntnis und Beherrschung der hebräischen Gebetssprache verhelfen, damit sie dem Gottesdienst ohne Mühe mit innerer Anteilnahme folgen können. Ferner müssen sie uns folgen können, wenn wir sie zu Tauroh und den übrigen Teilen des Tenach führen. Darum muß der Unterricht stets zielbewußt sein. Die Schwierigkeiten, die der Lehrstoff, die hebräische Sprache, bietet, sind uns allen in ihrem gewaltigen Ausmaß bekannt. Sie zu meistern gibt es nur einen Weg: Eine möglichst vollkommene Ausbildung der Lehrer im Hebräischen und in den pädagogisch-methodischen Disziplinen und ihre immanente F o r t b i l - g u n g. Lehrziel und Lehrstoff sind ewig unwandelbar, ewig wandelbar dagegen sind die Kinder, die wir zu unterrichten haben. Ta aber unsere Schüler wahrlich nicht mehr dieselben sind, die wir, oder gar unsere Väter einst als Schüler waren, so kann auch die Lehrweise nicht mehr dieselbe sein wie einst. Sie muß vielmehr weitgehend auf die Eigenart unserer Schüler eingestellt sein, wenn der schwierige Lehrstoff gemeistert und das hohe Ziel erreicht werden soll. Wie aber ist die seelische Beschaffenheit unserer Kinder? Zuerst nlüsscn wir darüber im klaren sein, daß der grüßte Teil unserer Kinder in ihrer Umwelt, auch in der Familie, keinen ergiebigen Nährboden für die heilige Sprache hat. Selbst in Familien, in denen noch bei religiös-kultischen Anlässen die hebräische Sprache erklingt, ist sie nur in vereinzelten Füllen lebendig. In zahlreichen Füllen aber wird den Kindern sogar der Klang der Gebetssprache fremd sein. Wir dürfen uns in dieser Beziehung keiner Selbsttäuschung hingeben, weil wir sonst keinen Ausgangspunkt für den einzuschlagenden Weg finden. Ja, solche Selbsttäuschung ist e i n Grund, für die allgemeinen Mißerfolge. Denn auch für Kinder aus religiösen Familien gilt dies: Sport und Technik, Kino, Mode, Politik und wenn es günstig steht, Natur und profane Literatur, sind die Pole ihres Erlebens. Sie besuchen ferner einen mehr oder minder arbeitsschulmäßig betriebenen Unterricht, der ihre Interessen und ihre Kräfte weitgehend in Anspruch nimmt. Wenn wir nun in dieser geistigen Bedrängnis, in der zeitlichen Enge von 1—2 Wochenstunden am schwierigsten Stoff ein hochliegendes Ziel erreichen sollen, so kann das nur in einem freudespendenden arbeitsschulmüßigen Unterricht geschehen, der den üblichen Unterricht noch übertreffen muß, der die Kinder anspricht, anzieht und durch Freude an der lebendigen heiligen Sprache zur Freude am Judentum führt. Die Freude muß auch hier die Sonne unserer Arbeit sein, lieber unserer Arbeit muß als Leitstern das Wort stehen: Jwdu es adonoi besimchoh „Diene dem Ewigen in Freude!" Die meisten unserer Kinder erhalten keinen seelischen Antrieb zur Erlernung der hebräischen Sprache aus einer religiösen Verpflichtung heraus; bei ihrer Seelen- und Geisteshaltung würde eine Methode, die die Lesefertigkeit an unsinnigen Buchstabenzusammenstellungen, an nicht verstandenen Wortverbindungen, zusammenhangslosen Sätzen üben wollte, ein Unlustgefühl und einen inneren Widerwillen auslösen, der sich nicht nur auf das Hebräische beschränken, sondern auch auf andere Bezirke jüdischen Lebens Übergriffe. Diese Erkenntnis wurde schon seit einer Reihe von Jahren von verschiedenen bekannten Methodikern verbreitet; aber man kenn nicht sagen, daß sie sich weit ausgebreitet hat. Ihren Niederschlag fand sie in einer Anzahl nurer Fibeln und Sprachbücher; aber ein noch so gutes Buch macht noch keinen erfolgreichen Unterricht, und tatsächlich sind wir trotz mancher Anstrengungen noch nicht weit voran gekommen. Soll man da nicht hoffnungslos werden, angesichts der Tatsache, daß mit den vielfach mangelhaften Unterrichtsergebnissen, das abgerissene Band der Tradition nicht wieder geknüpft werden kann? Mit Nichten! Um so weniger ist dazu Grund vorhanden, als in weiten Kreisen der jüdischen Elternschaft und der jüdischen Jugend ein bemerkenswerter Wille zur Erlernung der hebräischen Sprache wieder erwacht ist. Grund zur Hoffnungslosigkeit iväre er st das Versagen der Le hr enden und aller derer, auf deren S ch u l t e r n die Verantwortung für den B e st a n d der jüdischen G e m e i n s ch a f t liegt. Diese Ueberlegungen veranlaßten uns in gemeinsamem Streben einen Weg zu suchen, der zum Ziele führt. Wir erteilen den hebräifchen Unterricht in der Grundschule in vier Stufen: 1. Vorstufe, Stufe des Olef-Beth (letztes Quartal des ersten Schuljahres), 2. Fibelstufe (zweites Schuljahr), 3. Stufe der sprachlichen Vorbereitung (drittes Schuljahr), 4. Stufe der Tfilloh (viertes Schuljahr). Daran schließt sich für die Kinder, die den hebräischen Unterricht weiter besuchen, die Stufe des Chummosch, die später zur Stufe des ganzen T'nach erweitert wird. Es dürfte sich empfehlen, schon auf der vierten Stufe auch leichte uud den Kindern bekannte Erzählungen des Pentateuchs durchzunehmen und diesen Teil des hebräischen Unterrichts in den Religionsunterricht einzugliedern. Da die Teilnahme am hebräischen Unterricht mit dem Uebergang der Schüler in die höhere Schule problematisch wird, so muß die Haupt- und grundlegende Arbeit mit Beendigung des vierten Grundschuljahres getan sein. Unser Lehrverfahren hat einige Besonderheiten: Erstens, der Unterricht ist auf jeder Stufe nur K l a s s e n u n t e r - r i ch t. Wir wissen vom allgemeinen Unterricht her, daß der Lehrerfolg wesentlich davon abhängt, ob und in welcheui Maße wir vermögen, die innere und äußere Schau aller Schüler auf den zu behandelnden Gegenstand hinzulenken, die Aufmerksamkeit der ganzen Klasse auf ihn zu konzentrieren. Darum verlangen wir auch für den hebräischen Unterricht den Klassenunterricht. Die Schüler — auch wenn es nur zwei sind — bleiben dadurch in der Gewohnheit des allgemeinen Unterrichts. Die Schüler unter sich und Schüler und Lehrer lernen in freiem Geben und Nehmen. Der Unterricht wird lebendig und vertieft. Zweitens. Wir beginnen mit dem hebräischen Unterricht nach Weihnachten im e r ft e n Schuljahr. In Anbetracht der allzukuappen Unterrichtszeit bedeutet die Vorverlegung des Anfangstermins einen schätzenswerten Zeitgewinn. Die Vorverlegung müßte aber unterbleiben, wenn dem Kinde daraus auch nur eine einzige Schwierigkeit erwüchse. Das ist aber keineswegs der Fall, sondern der Schüler hat nur Vorteile davon: Bis Weihnachten hat das Kind sich in den Unterrichtsbetrieb eingewöhnt, es hat Rechnen, Lesen und Schreiben gelernt, ist ein Schüler geworden. Es besitzt also alles, was wir voraussetzen müssen. Bekanntlich wird im allgemeinen Unterricht das letzte Quartal vor Ostern benutzt, um die gewonnenen Kenntnisse und Fertigkeiten zu vertiefen. Dem Kinde wird mm nicht mehr täglich Neues geboten; die Hochspannung, die zu Anfang und weit bis ins Schuljahr im Kinde war, klingt jetzt ab. Nun können wir sein Ohr und sein Interesse haben. Wenn wir diese Spannungspause, die mit Beginn des zweiten Schuljahres durch neue Bücher, neuen Lehrstoff wieder überholt wird, für unsere Zwecke ausnützen, so wird uns das jüdische Kind dankbar sein, daß wir ihm gerade jetzt mit etwas gänzlich Neuem kommen. Sein Ohr wird um so williger der heiligen Sprache geöffnet sein. D r i t t e n s. Wir erlernen das Oelf-beth nicht an Hand der Fibel. Hierzu veranlaßt uns die Ueberlcgung, daß es ganz unmöglich ist, siebenjährige Kinder in eine schwierige Fremdsprache cinzuführen und ihnen gleichzeitig ein fremdartiges Alphabet zu vermitteln. Wir nehmen diese letztere Schwierigkeit in der Vorstufe vorweg. In der ersten Stunde lernen die Kinder mit einem Punkt beginnend die Vokale kennen, lesen und schreiben (schon gleich 3

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.