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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1931-05-01 · 5 (5.1931) · p. Seite 6

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
6 (1931)
Issue
5 (5.1931)
Date
1931-05-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Zu verschaffen und Uebergriffen in energischer Abwehr entgegenzutreten. Ich hoffe, jedem Juden, ganz besonders aber dem lauen Auch-Juden, gezeigt zu haben, worum es bei diesem Kamps um die Kalenderreform letzten Endes geht. Jeder jüdische Mensch — mag er nun in der Beachtung der religiösen Gebote seine Ausgabe Rücu oder in und jenseits der Form aus geistiger Wellschau jüdisches Sein als beglückendes, tragendes Schicksal leben oder in aufdringlichem und darum abstoßend wirkendem Benehmen den ihm „gemäßen" Wesensausdruck suchen — muß die Bedeutung fühlen, die dem jetzigen Protestunternehmen beizulegen ist. Mag'auch der Eotsworthsche Vorschlag für den optimistischen Beurteiler verhältnismäßig wenig Aussicht auf Erfolg haben, nachdem bereits die österreichische, holländische und deutsche Negierung mehr oder weniger betont ihre Ablehnung kundtaten und andere, allgemein befriedigendere Reformpläne vorhanden siiid, so darf man die drohende Gefahr dennoch nicht unterschätzen. Amerika, seine politische und finanzielle Macht und seine Propaganda sind zu bedeutende Faktoren, als daß eine rein optimistische Einstellung vorläufig gerechtfertigt wäre. Sollte aber die Abweisung der Kalenderreform mit Blankotag gelingen und bat dann die jüdische Welt ihren Teil zur Aufrechthaltung ihres religiösen Kalenders beigctragen, dann dürfte unser religiöses und"geistiges Leben eine Ungeahnte moralische Stärkung erfahren, die'es heute mehr als alles andere gebrauchen kann. Wie gewinnen wir unsere Jugend für das Gotteshaus? Von Lehrer Jakob Strauß, Dffcnbach a. M. Ta§ oben angeführte Thema war Gegenstand der Behandlung und Aussprache auf einein Elternabend unserer Gemeinde. Da wohl vorausgesetzt werden darf, -daß diese Frage weitere Kreise unserer Gemeinschaft und besonders ihrer verantwortungsbewußten Führer bewegen wird und -- um ein viel gebrauchtes Fremdwort zu gebrauchen — „aktuell" ist, möge mein kurzes, einleitendes Referat auf jener Elternversammluilg einer größeren Oeffentlichkeit unterbreitet werden, allerdings mit der einschränkenden Bemerkung, daß die nachstehenden Ausführungen auf die Verhältnisse der Gemeinde unserer Stadt — die anderwärts wohl ähnlich gelagert fein werden — bezogen fein wollen, einer typischen Industriestadt, in der die erwerbstätigen Erwachsenen fast restlos auch am Sabbat in das Wirtschaftsgetriebe eingefpannt sind, in der bei vielen die religiöse Tradition teils unterbrochen, teils ganz abgerissen ist^ und in der die Kinder schon durch den Besuch der öffentlichen schulen au der Teilnahme am Sabbatgottesdienst verhindert sind. Im folgenden fei der wesentliche Inhalt des Referates und das Ergebnis der sich anschließenden lebhaften Aussprache kurz wicdergegebcn: „Von vornherein sei darauf hiugewiefeu, daß auf der Einladungskarte hinter der Angabe des Themas ein F r a g e z e i ch e n stetst, und daß dieses Fragezeichen in voller Absicht hiugesetzt worden ist. Denn ich bin mir der Problentatik aller vorzufchlagenden Lösungsversuche wohl bewußt, und es wäre vermessen, wollte ich iniu die Fähigkeit zutrauen, auf itusere Frage eine entscheidende Antwort oder eine allgemein gültige Anweisung geben zu können; es soll lediglich versucht werden, einen Weg zu finbcn oder viel- Isr. Hamburger Haushaltungsschule und Pensionat Regina Bachrach Ausbildung in allen praktischen Fächern; auf Wunsch mit Examenabschluß. Gesellschaftliche, wissenschaftl. und sprachliche Fortbildung. Aufnahme für berufstätige junge Mädchen. Ausiiihrl. Prospekt auf Wunsch, la. Referenzen Villa mit allen zeitgem. Einrichtungen — jedem modern. Anspruch genügend Ihre 'Winterkohlen nur bei Jakob Pfennig, Mainz Büro: Leibnizstr. 25 / Telefon 33305 Lagerplatz: Rheinallee 80, Zollhafen leicht auch nur aufzuzeigen, der uns dem angedeuteten Ziel näher bringen kann. Den Impuls zur Abhaltung unseres Elternabends und der Wahl des Themas gab die Jaum-Kippur-Predigt unseres verehrten Herrn Rabbiner und namentlich die Stelle, daß am Ci'1 auch die Schuld der Eltern gesühnt werde, und man eine Schuld der vorausgegangenen Generation darin erblicken müsse, daß sie für sich allein gelebt, sich um die darnalige Jugend nicht gekümmert und so die Verödung unserer Gotteshäuser mit verschuldet habe. Diese Anklage hat uns wohl alle im Tiefsten getroffen und an die Seele gegriffen, und sie konnte nur deshalb diese aufrüttelnde Wirkung haben, weil auch in unserem Herzen das Gefühl einer ähnlichen Schuld Ivach wurde und ins Bewußtsein gehoben wird. Sollen Nur die gleiche Schuld auf uns laden wie unsere Väter? Soll dereinst auch von uns gesagt werden, wir hätten die Jugend, die wir zu betreuen hatten, sich selbst überlassen? Sollten auch Nur dereinst der Sühne bedürfen “i' iifilüTC “J^ für die Sünde, die wir gesündigt haben an anvertrautem Gut? Darum -- im Bewußtsein unserer Verantwortung gegen das Heranwachsende Geschlecht — mußten wir uns die^ Frage vorlegen: „Wie gewinnen wir die Jugend für das religiöse Leben unserer Gemeinschaft und für das äußere Symbol dieser Gemeinschaft, das Gotteshaus?" Tenn darüber besteht wohl hier in unserem Kreise kein Zweifel, daß wir das Gotteshaus als die Stätte empfinden, die dein Menschen am eindringlichsten die Erfahrung einer höheren Macht, das Gefühl des Beieinander- und Einsseins von Gott und Mensch, eine Stimmung der Verbundenheit mit dem Höchsten vermittelt und Antriebe zum religiös-sittlichen Handeln auslöst. Wenn wir auch zugeben, daß in unserer gegenwärtigen Zeit der Sachlichkeit und Nüchternheit, in einer Zeit der schwersten Wirtschaftskrise und des schlimmsten Wirtschaftsegoismus wenig Raum da ist für innere Sammlung und fromme Gestimmtheit, so glauben und vertrauen wir dennoch — um mit Rabbiner Tr. Bäck zu reden — auf das Erbe im jüdischen Blut, auf den dem Juden eigenen Sinn für das Ewige, für das Geheimnis des einen gebietenden Gottes, und wir glauben vor allem an die religiöse Grundkraft unserer Jugend. Eine der wichtigsten und grundlegendsten Voraussetzungen für die Teilnahme am Gottesdienst ist das Vertrautsein mit der Gcbetssprachc, mit der Sprache unseres Kultus. Tie Versuche, durch llebertragung der Gebete in die Umgangssprache eine tiefere Andacht zu erzeugen, mißglückten und mußten mißglücken, einmal wegen der Seelenhaltung der Betenden und zürn andermal begründet in den geheimnisvollen Kräften unserer Seele, in der durch das Medium der Gebetssprache das Erleben unserer Vorfahren, ihre tausendjährige Geschichte mitschwingt, mit- und weiterklingt. Und noch eine andere Bedeutung der Gebetssprache sei hier erwähnt, der von Herrn Rechtsanwalt Joseph-Tarmstadt anläßlich der dort tagenden jüdischen Lehrerversammlung etwa in folgenden Worten Ausdruck gegeben wurde: „Ich bin Mitglied des Vorstandes einer Großgemeinde und bekenne mich als liberaler Jude. Ich habe viel über unsere hebräische Sprache nachgedacht und bin zu der Ueberzeugung gekommen, daß es eine Versündigung an unserem Judentum wäre, wollten wir die hebräische Sprache verkümmern lassen. Sie ist die Gebetssprache unserer Glaubensgemeinschaft auf dem weiten Erdenrund, ein Bindeglied unserer Glaubensbrüder und Schwestern; sie verkörpert heute am sinnfälligsten die Einheit des Judentums. Darum müssen wir unsere Gebetssprache als heiliges Gut zu erhalten suchen." Ich kann es mir nicht versagen, in diesem Zusammenhang einige Ausführungen des Herrn Rechtsanwalt Heinrich Stern, Berlin, eines prominenten Führers der liberalen Judenheit, zu unserem Gegenstand in Nr. 11 des Hamburger Israelitischen Familienblattes Postskriptum hier anzufügeu: „Meiner Ueberzeugung gemäß habe ich den Kindern dargelegt, daß die Feier des Freitagabend und der Feste ünd insbesondere auch der Gebrauch der heiligen Sprache von uns hochgehalten werden, weil es heute die stärksten Bindemittel seien, die uns mit unseren jüdischen Brüdern auf der ganzen Welt verbinden und zugleich die Erinnerung wachhalten an die große Geschichte unseres Volkes, an die Väter unserer Religion' und das, was von dem gewaltigen Schaffen unserer Väter und Urväter erhaltenswert ist." Und an einer anderen Stelle: „Ich will dafür sorgen, daß die Kinder .... Bibel und Gebetbuch in der heiligen Sprache zu lesen verstehen. Gerade weil das Beten keine alltägliche Sache ist, wirkt der Zauber der heiligeu Sprache im Gegensatz zu . der Alltagssprache besonders stark, abgesehen davon, daß der °Gebrauch der hebräischen Sprache in unseren Synagogen auch das äußere Zeichen der Verbundenheit aller Juden in'der Gottesverehrung bedeutet." Darum muß es heißestes Bemühen von Schule und Elternhaus sein, unsere Kinder wieder mehr als seither mit unserer Gehetssprache vertraut zu machen. Durchdrungen von seiner heiligen 6

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