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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1931-05-01 · 5 (5.1931) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
6 (1931)
Issue
5 (5.1931)
Date
1931-05-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Sabbat oder Blankotag? (*m Wort zur Umncftafhtttß des Kalenders an die „Unbeteiligten" unter uns. Von Dr. Renn Hartogs. Tie letzte Nummer unseres Blattes brachte einen Prolestaufruf, den der Oberrat des Landesverbandes gegen eine sabbatgefährdende Kalenderreforiu erließ. Diese Aktion steht im Zusammenhang mit umfassenden allgemeinjüdischen Abwehrmaßnahmcn, denen eine Massenpetition bei dem Völkerbundsausschuß für Kommunikations- und Transit-Wesen machtvollen Ausdruck gebend soll. Eine solche Manifestation dürste jeden Hilden, ganz besonders aber >den religiös indifferenten A u ch - I u d e u, ernstlich veranlassen, sich über die Einzelheiten der zur Beschlußfassung gestellten Fragen, ihre Vorallssetzungen, ihre Problematik lind ihre Konsequenzen entscheidellde Klarheit zu verschaffen. Das Bedürfilis nach einer Kaleilderreform ist seit Fahrhllndertcn, llicht etwa erst seit Installation des Völkerbundes vorhanden. Bereits im Jahre 1582 unternahm der noch heute gebrauchte Gregorianische Kalender eine durchgreifende Korrektur julianischen Kalenders, ohne jedoch dessen Hauptmängel 311 beseitigen. Er hat also weder die nilgleiche Tauer der Vierteljahre lind Monate lloch die Verschiebbarkeit der Wochentage in den anfeiilNllder folgenden Jahreil um je einen bzw. zwei Tage iloch das Schwaiiken des Osterfestes innerhalb eitles Zeitraumes von 85 Tagen beseitigt. Diese Variabilität in der Zeitmessung verursachte mannigfache wirtschaftliche Schwierigkeiten. Ihr soll jetzt mit allem Ernst zu Leibe gegailgen werden. Der Verkehrsausschuß des Völkerbuildes hat die eigerltliche Initiative übernommen. Er hat Reforinvorschläge verlailgt, sür die als Hauptbedingung das Festhalten am l. Januar, an dem 10. Tage nach der Wintersonnenwende, als dein Jahresanfang, ail der Jahresdaner und folglich auch der Gregorianischen Schaltregel und an den bisherigeil Monatsnamen gefordert wurde. Es werden also von vornherein Vorschläge abgewiesen, die zll geringe oder zu radikale Aendernngen vorfehen. Nach der Art der bereits eingegangenen Umgestaltungsvorschläge hat man drei Gruppen unterschieden, von denen niis hier nur der sabbatfeindliche Reformplan aus Gruppe C illteressieren soll. Es ist der Vorschlag, der bisher neben dem Reformplan Nr. 42440 «Gruppe Bi von Dr. Rudolf Borchmann die meiste Beachtung gefunden hat. Er trägt die Nnmmer 88106 lUld ist entworfen von dem Büroallgestellteil Moses B. Eotsworth, einem geborenen Engländer. Eiile riesenhafte Propaganda sucht in Ainerika für diefeil Reforinplan Illlterstütznng. Tie Milliarden sind bereits ausgerechnet worden, die dlirch deil Vorschlag von Eotsworth erspart werden solleil. Große amerikanische Uiuernehmcn haben diese neue Kaleilderreform schon selbständig durchgeführt. Rach Europa spielt die Propagailda bereits hinüber. Ucberall werden sogenannte Studienkomitees gebildet, die forschend lind anfklärend wirken sollen. Es ist also ein riesiger Reklaineapparat in echt anlerikailischer Weise eingesetzt worden. Die Vorteile, die inan sich von einer Reform ilach Vorschlag voll Eotsworth verspricht, scheiileil sehr hoch eiilgeschätzt zu werden. Dieser werbenden Propagailda steht jedoch eine ebenso eifrige, fast erbitterte Abwehrarbeit gegenüber. Zu der nur ablehnenden Haltiuig christlich-theologischer und vieler intellektllell-bürgerlicher Kreise tritt der energische und zielbcwußte Karnpf der Weltjndenheit gegen den Vorschlag Nr. 88106, da dieser den ^abbat in große Gefahr bringt und somit den Griindpfeiler jüdischer Tradition zll stürzeil sucht. Bevor wir jedoch eine Polemik eröffnen, soll dieser Reformvorschlag von Eotsworth eiile sachliche Darstellung erfahreil. Seine einschneidendste Aendcrnng ist die Einteilung des Jahres in 18 Monate zu je 28 Tagen. Der neu hinzutretende Monat soll zwischen Juni und Juli unter dem Wonum „Sol" eingesügt iverdeil. Das Jahr beginnt wie bisher am 1. Januar, Der alljährliche Uebertag wird als „Blailkotag" vor dem 1. Janllar eingefügt. Für das Schaltjahr ist außerdem die Anreihung eines 20. Tages an deii Monat „Sol" vorgesehen. Ostern wird auf Sonntag, den 15. April, d. h. den 00. Tag des Jahres unveränderlich festgelegt. Die Benennung der Monate soll außerdein nur durch römische Ziffern erfolgen. Wenn jedoch Nainen sich als llnentbehrlich erweisen, siild die bisherigeil Monatsnamen durch Tierkreisbilder 31t ersetzen. Weiterhin soll die Gregorianische schalt rege l nur bis zllm Jahre 2000, das selbst kein Schaltjahr sein soll, in Anwendung bleibeil; alsdann soll jede durch vier teilbare Jahreszahl ein Schaltjahr sein mit Ausnahme jeden 128. Jahres. Die Wochentage sollen ferner eiile Bezeichnung nach den einzelnen Mondphasen erhalten. Man sieht: Dieser Vorschlag bringt radikale Aendernngen, und schoil deshalb dürfte er wenig Aussicht auf Erfolg haben, zumal sich die katholische Kirche, ein bestimmter Faktor, bereits gegen Kalenderreformcn erklärt hat, die mehr ändern als uilbedingt ilotwendig ist. Jedoch auch rein sachlich betrachtet siild die Vorteile dieses Reforinplans keineswegs so groß, wie sie von interessierter Seite alis dargestellt werden. So verursachen 18 Monate für weite Kreise eine erhebliche Mehrarbeit, da z. B. Monatsabschlüsse, Zahlungen nsw. dreizehnmal im Jahr statt zwölfmal geleistet werden müßten. Diese Mehrarbeit von einem Zwölftel pro Jahr ist natürlich absolut unwirtschaftlich, und ihre Kosten müßten sozusagen ans Verlustkonto gebucht werden. Hierzu kommt eiile unnötige Komplizierung der wirtschaftlichen Zeiteinteilung, da ganzmonatige Vierteljahre oder Semester für weite Kreise von inaßgebender Wichtigkeit sind, alsdanil aber llniilöglich würden. Für uns Juden enthält dieser Vorschlag niefit nur Unannehmlichkeiten, sondern direkte Gefahren. Nack der Kaleilderreform mit Blailkotag fiele nämlich der Sabbat llicht wie bisher immer auf den stabilen siebenten Wochentag, also deil Samstag, sondern ilach Maßgabe des Blankotages in den einzelnen Jahren auf verschiedene Wochentage, d. h. der jüdische religiöse Kalender disharmonierte in jeder nur möglichen Weise mit dem bürgerlichen Kalender. Würden dann manche Inden weiterhin deil Samstag als Sabbat feiern, dann befänden sie sich nicht inehr in Uebereinstimmnng mit der jüdischen Zeitrechnung, die mit dem 7. Oktober 8701 vor der üblichen Jahreszählnng begillilt. Tie anderen, überlieferungstreucn Jlidcn würden deil eigentlichen Sabbat auch iilitteil in der Woche halten und wären so dauerrld zll außerordentlichen Opfern gezwungen. Mail müßte also mindesteils mit einer tiefgreifenden Spaltung des Judentums rechnen. Tie ernsthaften Folgen eines solchen Schismas in religiösem, iiloralischein, sozialein nnb wirtschaftlichem Bezug siild unabsehbar. Die jüdische Religion ruht auf der Idee der Weltschöpfung in sechs Tagen uild feiert seit Jahrtausendeil den Tag ' des Ächöpfungsabschlilsses als Sabbat in geheiligter Tradition? Wird die Möglichkeit der Beobachtung des Sabbat als eineg arbeitfreicn Tages genommen oder weseiitlich erschwert, dann werden den sabbattreueil Juden Zuinntüilgen gestellt, die sie nur unter enormer allseitiger Belastung tragen könnten, uild somit würde die heute in ihrer Existenz mehr wie je bedrohte jüdische Menschheit aus eiile schwere Probe gestellt werden. Ich sehe davon ab, die in ihren wirklichen Ausmaßen ungewissen Folgen einer solchen verhäilgilisvolleil Konstellation eingehenderer Abwägung zu unterzfehen. Jeder wird sich selbst ausdenken könilen, in welche Schwierigkeiten, der orthodoxe Jude durch eiile Kalenderreform nach dein dargestellten Vorschlag von llolsworth unweigerlich kommen liinß. Ganz besonders nachdrücklich will ich jedoch auf die Konsequenzen Hinweisen, die eiile solche Kalcnderumgejtaltuilg für die religiös weniger konservativ Orientierten oder gar die Gleichgültigen unter uns nach sich ziehen müßte. Wird das Jlideiltilin in einer konstilliierenden Idee, dem Gedanken der Weltschöpsnng, getroffen und ihm die Heiligung des Sabbat auf die Dauer erschwert, dann zehrt eine solche Beanspruchung der übernational-volkhaftcn Kräfte zum Zwecke der Selbstdurchsetzluig in immer erschöpfenderem Maße an dem inneren Reservefond von vitaler Energie, deil der jüdische Mensch als Blnterbe eines mehrtansendjährigen Schicksals heute noch in sich trägt. Wir alle wissen ferner, in welch deprimierender wirtschaftlicher Notlage sich die Ueberzahl der Inden heute befindet. Wir alle spüren tagtäglich dlirch Erlebnis oder Zeitungslektüre, ivie scharf nnb gehässig der Kampf ist, der gegen uns Juden heute auf Leben und Tod geführt wird. Wir wollen uns llicht selbst täuschen: Schon sind wir fast zll schwach, um einem ernstlichen Angrisf erfolgreichen physischen Widerstand entgegenzusetzen. Erfolgt nun gar ein schwerer Vorstoß in die Wurzeln unseres religiösen Seins wie etwa dlirch die vorgeschlagene Kalenderreform mit Blankotag, dann dürfte sich jeder Jude in seiner menschlichen uild moralischen Existenz bedroht fühlen. Denn — überlegeil wir cs llils richtig - ein jndenfeindlicher Angriff fragt nicf)t nach lleberzengung lind religiöser Einstellung des Einzelnen, sondern spürt nur das jüdische Wesen, den jüdischen Lebenshalt. Diesen aber können wir alle niefit verleugnen, nicht beseitigen, wir sind dlirch unser Jude-Sein über alle Formen hinweg gebunden, llnsinnig, zwecklos nnb sei ge wäre es, dieses Schicksal resigniert als Fluch zu betrachten. Durch lebensbedingende Notwendigkeit gcbotcn ist allein seine bejahende Aufnahme, die aktive Anfsteilung zum kraftvollen Zusammenschluß. Wir begreifen jetzt, daß^der Angriff gegen unsere Formen sich auch gegen unser eigeilstes «eiri richtet. Gleichgültig ist es hier, wie sich der Jude zur Tradition verhält. Aber eintretcu muß er in die Front, die den Sabbat verteidigt. Seine Stimme muß er einsetzcn in dem gemeinsamen Ruf, der sich machtvoll vor dem Bundesrat der Völker in Genf erheben uild die Menschheit zu der eindrucksamen Wahrnehmung veranlassen wird, daß es auch heute noch ein geschlossenes jüdisches Menschentum gibt und daß dieses entschlossen ist, sich Beachtung 5

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