Mannheim
Compact Memory

Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1931-05-01 · 5 (5.1931) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
6 (1931)
Issue
5 (5.1931)
Date
1931-05-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9582242-9623188-9620915--0753-9620922
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Aufgabe mufe der jüdische Lehrer auch die Ergebnisse der ucuzeitlichen Pädagogik für seinen Unterricht fruchtbar zu machen suchen, um das Erlernen der imnierhin schwierigen hebräischen Sprache den Kindern zu erleichtern und so bei ihnen eine freudigere bejahende Einstellung zu unserer heiligen Sprache auszulöscn. Wir glauben gerade iu dieser Hinsicht in Ossenbach mit unserer neuen Methode ans dem rechten Wege zu sein. Ist so eine der bedeutsamsten Grundlagen für die Teilnahme der Jugend am Gottesdienste geschaffen, daun gilt es, sie iu diesen Gottesdienst hineinwachsen, sie sich als Glied' der betenden Gemeinde empfinden, deren Kult ihnen zu einer lieben Gewohnheit werden zu lassen. Hierfür dürfte für unsere Gemeinde - abgesehen von den Festtagsgottesdiensten — nur der Freitagabendgottesdienst, und zwar der G e m c i n d e - Freitagsabendgottesdienst in Frage kommen. Dessen Anfang muß allerdings für einen bestimmten Zeitabscl itt unveränderlich scstgelegt werden. Tie Ausgestaltung dieses Gotl sdienstes und sc ne dein religiösen Empfinden unserer Jugend gemußen Ausdrucksso. neu mögen iu der nachherigen Aussprache behandelt und bestimmt werden. Damit ist aber unsere Aufgabe noch nicht erschöpft. Unsere Kinder sollen ja auch in die menschliche und insbesondere in die jüdische Gemeinschaft hineinwachsen und ein lebendiges Glied derselben werden. Darum mutz durch Gewöhnung und bewußte Ein- N'irkung Gemeinschaftsgefühl unb Gemeinschastsgesinnung in ihnen geweckt und gepflegt werden. Wir wollen deshalb die Kinder, nach 'Altersstufen gegliedert, vor oder nach dem Gottesdienst — je nach der Jahreszeit — zu kleinen Gemeinschaften zusaiumensassen, sie in einer „Jugendstunde" um uns Lehrer scharen und im heiteren Spiel, aber auch durch ernstere Unterhaltung und Belehrung ihren Geist und ihr Geinüt im jüdisch-religiösen Sinne beeinflussen, ihr Gemeinschaftsgefühl stärken und die „Jugendstunde" zu einer „Feier st u n d e" gestalten. Selbstverständlich muß unsere Erzieherarbeit mit getragen und gefördert werden durch die Haltung der Familie, des Elternhauses, durch Festhalten an den religiösen Lebensformen und deren Uebung im Familienkreise. Dann wird das Erlebnis des Gottesdienstes und der Jugendstunde in der Seele des Kindes weiterschwingen. Nachschrift: Die Elternversammlnng fand unmittelbar nach den Hcrbstseiertagen statt; es wurde sofort zur Ausführung der ans jener Elternversammlnng gegebenen Anregungen geschritten, Freitagabendgottesdienst und Jugendstunde in der oben angedenteten Weise gestaltet. Mit einer gewissen zweifelnden nnb zagenden Erwartung sahen wir der weiteren Entwicklung entgegen. Heute, nach Ablauf eines halben Jahres, können wir mit freudiger Genugtuung seststellen, daß unser Versuch einer Aktivierung unserer Jugend für das religiöse Leben unserer Gemeinschaft geglückt ist und wir hoffen zuversichtlich, daß dieser Erfolg auch mit Gottes Beistand sich in Zukunft einstellen wird. n::^ nrvai x r, Das jüdische Bevölkerungsproblem. Von Otto Reumann, Berlin-Willnersdorf, Vorstandsmitglied der Gesellschaft für jüdische Familiensorschnng. Ein Thema, das in letzter Zeit viel erörtert wird, ist die Erscheinung der zahlreichen Mischehen und Taufen im Judentum. Fast alle Betrachtungen hierüber kliltgen ans in der Klage über die Schädigung, den Verfall, ja, über den Untergang des Jndentums.Man betrachtet die Frage ideell. Ich fasse die Sache bei einem anderen Ende an, komme zu anderen Ergebnissen und anderen Schlüssen, als das gemeinhin geschieht. Es wird mancher mir nicht in allen Punkten zustimmen, aber man kann eine Tagesfrage ja auch mal von einer anderen Seite beleuchten. Ein Gedankenaustausch kann so niemals schaden. Daß die im Judentum geschlossenen Ehen einen hohen Prozentsatz an Mischehen answeisen, ist eine Tatsache, die wir alle Tage erleben, und die durch die Statistiken genügend bewiesen ist. Eng damit zusammen hängen die zahlreichen Taufen. Dazu die fallenden Gebnrtszissern, die eben noch oder nicht mehr den Abgang decken, dann müßte sich das deutsche Judentum in den letzten drei Jahrzehnten schon stark gelichtet haben. So arg ist eS aber nicht. In Deutschland, wohlverstanden Vorkriegsgebiet, hat sich der Bestand etwa erhalten, vielleicht eine Kleinigkeit erhöbt. In Preußen ist die jüdische Bevölkerung von 1930 bis 1925 von 367 000 aus 404 000 gestiegen, also ein Plus von 37 000-oder 10 Prozent, wobei allerdings die letzte Einwanderung in Rechnung zu stellen ist. Das große Reservoir des Ostens hat immer für Nachschub gesorgt, und tut es auch heute noch. Nach dem großen Einbruch der ersten Nachkriegsjahre fließt der Strom jetzt ja etwas ruhiger, aber ein allmählicher Zufluß wird auch fernerhin erfolgen. Es hat sich da, als die Leute in Scharen zu uns kamen, ein arges Geschrei über den Ostjuden erhoben. Aber in diesem Geschrei sollte inan vorsichtiger scin. Die Schreier sollten doch einmal bedenken, woher ihre Großväter und Urgroßväter gekommen sind, und wie diese aussahen. Und wie sehen die heutigen Enkel und Urenkel aus? Genau so werden auch die Nachkommen jener Männer aussehen, die jetzt zu uns' herüber gekommen sind, und die uns fremd anmuten. Man muß nicht immer nur an sich und die paar Jahre denken, die man ans der Welt hernmlänst. Nach uns kommen wieder Menschen, denen unsere Tage nicht anders erscheinen werden, als uns unsere Großvätcrzeit. Bei den Erörterungen über die Schwankungen der jüdischen Bevölkerung operiert man immer mit den Statistiken der letzten Jahrzehnte. Das aber reicht nicht ans, um m dieser Beziehung das vieltansendjährige jüdische Volk zu beurteilen. Man muß bis aus den Anfang zurückgehen, um den Komplex dieser Frage richtig zu überschauen. Ta zeigt es sich, daß es eine stetig anssteigende jüdische Bevölkerung niemals gegeben hat. Immer sind Rückschläge eingetreten, immer sind Abwanderungen erfolgt, weit stärker, als man das gemeinhin ahnt. Ein kurzer geschichtlicher Uebervlick. Die Israeliten mögen mit dem, was sie in der Wanderzeit, besonders der Sinai- und der moabitischen Zeit, in sich ausgenommen haben, mit einer Kopfzahl von etwa 40 000 Gerüsteten über den Jordan gegangen sein und Kanaan besiedelt haben. Josna 4/13 heißt es: „Bei 40 000 Gerüsteter znm Heer gingen vor dem Herrn znm Streite." In der nun folgenden Richterzeit (1250 1050» waren die Zustände noch sehr wenig gesestigt. Jeder Stamm wirtschaftete sür sich. Es fehlte der Zusammenhang. Die Bibel sagt: „Es war kein König in Israel und jeder tat, ums er wollte." /Richter 17/0. 21/25.) Aber mit der Volkszahl geht es, nachdem die Stämme nach der Wanderzeit seßhaft geworden waren, bergauf. Wieder erfolgt die Ausnahme alteingesessener Volksteile. Es kommt das erste Jahrhundert der Königszeit (1050 050i, Saul — David —- Salomo, der glänzende Ausstieg, die große wirtschaftliche Entwicklung. Am Ende der Regierung Salomos ist die Bevölkerung ans gut drei Millionen angcwachsen. Nach Salomos Tode >050) ist es aus mit der Herrlichkeit Israels. Es kommt die Reichstrennnng -- Inda und Israel - , es beginnt der Abstieg. Der Einfluß der umliegenden Großstaaten macht sich geltend, sowohl in politischer, als in kultureller Beziehung. Große Teile des Volkes verfallen dem Baalskult. Der Mosaismns war während der ganzen Königszeit, seit Rehabeam, keineswegs derart gesestigt, um den starken Einflüssen von außen ber genügend Widerstand leisten zu können, weder in den obereil, geschweige in den unteren Schichten. Der Verfall geht weiter. Es kommt die 'Assyrische Gesangcnschaft (722). Zehn Stämme, das Reich Israel, verschwinden sür immer. Noch 130 Jahre, dann stürzt auch Inda, mir noch ein Rest von ehedem, und geht in die Babylonische Gefangenschaft (560). Hier erhält sich das Judentum. Ja, es konsolidiert sich sogar unter Führung großer Männer. Der nationale Gedanke erwacht. Nach fünfzig Jahren (538), der Perserkönig Eyrus herrscht jetzt auf Babylons Thron, kehren etwas über 42000 nach Palästina zurück, itnb viele Flüchtlinge kehren ans den umliegenden Ländern heim, siebzig Jahre später >400» kommt Esra mit einer ^-char angesehener, vermögender Familien aus Babylon. Er erst schasst das, was wir heute unter dem Judentum verstehen. Er reißt das Volk zusammen, er schlägt es in starre Bande, in Bande aber, die nunmehr zweieinhalb Jahrtausende gehaltert haben. (Fortsetzung folgt.) KaifiPr l)All£A»fl1A Zentralheizungen Main7 Sömmeringplatz 4 IlUivvl) ilUlla aller Systeme IMllIlIA Tel. Amt Münstcrplaiz 332,41 40jährige heiztechnische Erfahrungen - Beste Referenzen - Fachmännische Beratung kostenlos und unverbindlich 7

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.