Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 6 (1931)
- Issue
- 4 (4.1931)
- Date
- 1931-04-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Tausende, die an den Feiertagen nach Jerusalem kamen, zwar eme fürchterliche Enge und Unbequemlichkeit herrschte, daß aber niemand zu den Leuten, die nicht dort waren, etwas davon geäußert hat. Die Begeisterung über das Erlebnis war so groß, daß man nicht nur die ungemütliche Enge nicht beachtetete, sondern daß man auch bedacht war, die Säumigen und Gleichgültigen nichts merken zu lassen, um nicht ihre Interesselosigkeit für das heilige Land noch mehr zu erhöhen; man hat es sorgfältig vermieden, daß etwa “>'1 üble Nachrede über das Land verbreitet wurde. Da sollte man für die jetzigen Verhältnisse folgende Lehre daraus ziehen. Man bedenke, es war eine Zeit, in der die Kinder Israels auf ihrer eigenen Scholle faßen, nnn jeder im Besitz feiner eigenen Weinberge und Feigenbäume war, eine Zeit, in der sie ihr geistiges Kulturleben ungehindert pflegen konnten. Und dennoch ist jede Aeußerung, die etwa ein ungünstiges Licht über das Land werfen könnte, sorgfältig vermieden worden, um wie viel mehr wäre ein derartiges Verhalten bei der jetzigen Zeit geboten, wo hunderttausende Juden heimatlos sind, Verfolgungen und Zurücksetzungen tägliche Erscheinungen find, und fast kein Land für die Einwanderung der Unglücklichen frei ist. Auch Amerika hat die Einwanderungsquote auf ein Minimum reduziert, in Palästina ist dagegen immerhin Raum für einige Tausende Einwanderer im Jahr. Wäre es da nicht ein Gebot 'der Menschlichkeit, daß man keine abfälligen Bemerkungen macht, die schädigend wirken können? In den letzten Jahren hat sich in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen wachsendes Interesse für den Aufbau Palästinas gezeigt. Die Pro-Palästinavereinigungen, die in vielen großen Plätzen gegründet wurden, sind gern bereit, mit Rat und Tat für den Ausbau Palästinas zu wirken. Man soll daher die Menschen, die dort Zuflucht suchen und auch die, die eines hohen Ideals halber das Land wieder urbar machen wollen, nicht entmutigen, ebensowenig die Menschen der Diaspora, die für diesen Zweck große Opfer bringen. Man befolge das Beispiel aus den Sprüchen der Väter, daß man in den früheren Zeiten niemals gesagt hatte Elpön ns „Der Platz in Jerusalem ist mir zu eng." Aus unseren Verbandsgemeinden. Friedberg (Hessen). Am FH Adar, genau an dem Tage, an dem sie vor 50 Jahren unter die .nvN geführt worden, verschied die verehrte Gattin unseres Lehrers und Führers, Frau Regina Ehr m ami, um an ihrem Ehrentage rnr genommen zu werden. Mit ihr ijt nicht nur eine wahre ‘HFi Jityx von uns genommen worden,sondern eine jener JVPJpns CtTJ wie sie besonders in den Klein- und Mittelgemeinden immer seltener werden. Tiefe Frömmigkeit, die fest gegründet war auf und mH2u zeichnete diese Frau aus, deren sittliche Größe nur die kannten, die ständig in ihrem Hause ein und ausgmgen. Tenn die rruy war so sehr hervorstechendes Merkmal ihres Cbarakters, daß kaum jemand ahnen konnte, wie viele von ihr kamen und noch viel weniger, wie viele sie veranlaßt hat. Ihre Tätigkeit in der Fraucnkippe war mustergültig. Geradezu beispielgebend aber war ihr Verhalten den Wanderarmen gegenüber, die nicht nur Spende und Speise bei ihr fanden, sondern die auch wie Freunde bei ihr ausgenommen wurden, wie sie überbaupt jedem Menschen mit stets gleichbleibender Güte und Freundlichkeit entgegcntrat. Die Anordnung unserer Weisen, jeden Menschen iil-T zu beurteilen, befolgte sie in einer Weise, die fast als weltenfern zu bezeichnen ist. In ihren letzten Lebensjahren bezeichnte sie es als ihre größte NNLL' dem sabbatlichen Gemoroh-Schiur ihres Gatten zuzuhören und manches interessante und kluge Wort, das sie einwarf, ließ erkennen, daß das Leben dieser Frau sowohl im Elternhaus in Burgpreppach als auch in dem von ihr gegründeten Heim stets vom Geiste der FH171 umwoben war. Möge der Allmächtige dem greisen Gatten und ihren Kindern Trost spenden. Möge E r Söhne und Tochter die Pfade gehen lassen, die die verklärte Mutter zeitlebens gewandelt. msun Es ist eine merkwürdige Fügung, daß eine greise Frauengestalt, die in "Wirken und Wandel — der verstorbenen Frau Regina Ehrmann so eng verbunden war — Frau Sabine Mayer — am gleichen Tage vom irdischen Sein abberufen wurde. Auch sie war eine Frau, die zeitlebens von tiefer Frömmigkeit beseelt war. Als Gründerin des Frauenvereins war sie jahrzehntelang dessen 1. Vorsitzende und hat in dieser Zeit unendlich viel Gutes an Armen und Kranken gewirkt. Ihr Leben war reich an Freud und Leid, doch sie war in allen Lagen von unerschütterlichem Gottvertrauen beseelt. Der Allgütige hat es aber gefügt, daß sie den 6 Tod ihres ältesten Sohnes E d u a r d Mayer nicht mehr zu erleben brauchte, der zwei Stunden nach ihr seine Seele aushauchte, beweint von Frau und Kindern, für die er zeitlebens in Liebe gesorgt hatte. So wurden in unserer Gemeinde am (2^ rn drei zur letzten Ruhe gebettet. Wegen des 2HN irsn konnte Herr Lehrer S e e l i g nur in kurzen Worten treffende Charaktermerkmale der Dahingefchiedenen zeichnen und den Allmächtigen bitten, die Trauernden zu trösten und dem Sterben in unserer Gemeinde Einhalt zu gebieteu. 40 jähriges Ortsjubiläum d. Herrn Lehrer u. Kantor Marx-Gietzen. MW Am 19. April feiert Herr Lehrer und Kantor Josef Marx sein vierzigjähriges Ortsjubiläum als Beamter der Israelitischen Religionsgemeinde Gießen. Der Jubilar wurde am 1. März 1866 zu Köln-Kalk geboren, absolvierte das Progymnasium zu Linz a. Rh. und trat Ostern 1881 in das Lehrerseminar der Marks-Haindorffchen Stiftung zu Münster i. W. ein. 1884 bestand er das Examen als Volksschullehrer, war als solcher 6 Jahre in Unna, Godesberg und Moers tätig und ging 1890 als deutscher Lehrer nach Brüssel. Am dortigen Konservatorium erhielt er seine gesangliche Ausbildung. Im Frühjahr 1891 wurde er zum Kantor und Religianslehrer der Israelitischen Religionsgemeinde Gießen gewählt. In dieser Stellung wirkt er noch heute, nach insgesamt 47 Dienstjahren, in ungebrochener Frische, erteilt daneben auch an sämtlichen höheren Lehranstalten Religionsunterricht. Herr Marx erfreut sich rächt nur innerhalb seiner großen Gemeinde, sondern auch in allen Kreisen Gießens und weit darüber binaus einer außergewöhnlichen Beliebtheit. Ist er doch einer der Schüler Aarons, nach dem bekannten Hillel-Wort, „der den Frieden liebt und ibm nachjagt", der nicht nur für seine Person keinen Feind hat, sondern auch überall, wo einmal Streit oder Uneinigkeit vorkommt, als Mittler es versteht, wieder Frieden herzustellen. In diesem Zusammenhang darf auch nicht unerwähnt bleiben, daß zwischen dem Jubilar und dem Rabbiner der Gemeinde, Herrn Dr. Sander, seit nun bald 35 Jahren gemeinsamer Tätigkeit das beste Einvernehmen besteht und diese Harmonie noch nicht ein einziges Mal gestört war, was ganz gewiß für die friedliebende und vornehme Gesinnung beider Herren spricht und darüber hinaus zu dem gedeihlichen Frieden in der ganzen Gemeinde und zu ibrer Arbeit nicht wenig beiträgt. Als Lehrer ist Herr Marx ein verständnisvoller Freund seiner Schüler, wie diese ihrerseits wieder an ihm hängen und die Fühlung mit dem einstigen Lehrer noch gerne behalten, wenn sie schon erwachsen sind und selbst nicht mehr in Gießen weilen. Und so geht kein Geburtstag unseres Jubilars und kein Feiertag vorüber, an dem nicht von weit und breit die Schüler ihre Gruße senden. Der Schreiber dieser Zeiten möchte sich, dem schlichten Sinne des Jubilars entsprechend, auch bei dem so seltenen Jubiläum von 40 Jahren Dienst an einer Gemeinde Beschränkung auferlegen in der Aufzählung der vortrefflichen Eigenschaften dieses Mannes. Seine Tätigkeit als Lehrer und Kantor, seine Arbeit für die Interessen seiner Kollegen und innerhalb ihrer Organisationen möge berufener Feder Vorbehalten bleiben. Es soll nur im Namen aller Gemeindemitglieder, der Freunde aus aller Welt und allen Kreisen der herzliche Wunsch ausgesprochen werden, daß Herr Josef Marx noch manches Jahr seiner segensreichen Tätigkeit in Gesundheit und Frische erleben und darüber hinaus in recht langen Jahren