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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1931-04-01 · 4 (4.1931) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
6 (1931)
Issue
4 (4.1931)
Date
1931-04-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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nacht ni einem leichten Kahne leicht dahinfährt auf dem lieben, klaren Rheinstram. Wahrlich, der alte, gutherzige Vater Rhein kanns nicht leiden, wenn seine Kinder weinen; thränenftillend wiegt er sie ans seinen treuen Armen, und erzählt ihnen seine schönsten Märchen, und verspricht ihnen seine goldigsten Schätze, vielleicht gar den uralt versunkenen Niblungshort. Auch dieThränen der schönen Sara flössen immer milder und milder, ihre gewaltigsten Schmerzen wurden sartgespült van den flüsternden Wellen, die Nacht verlor ihr finstres Granen, und die heimatlichen. Berge grutzten wie zum zärtlichsten Lebewohl. Vor allen aber grüßte traulich ihr Lieblingsberg, der Kedrich, und in seiner seltsamen Moudbeleuchtung schien es, als stände wieder oben ein Fräulein mit ängstlich ansgestreckten Armen, als kröchen die flinken Zwerglein wimmelnd ans ihren Felsenspalten, und als käme ein Reiter den Berg hinanfgesprengt in vollem Galopp; und der schönen Sara war zu Muthe, als sei sie wieder ein kleines Mädchen und säße wieder ans dem Schoße ihrer Muhme ans Lorch, und diese erzähle ihr die hübsche Geschichte von dem kecken Reiter, der das arme, von den Zwergen geraubte Fräulein befreite,und Hoch andere wahre Geschichten, vom wunderlichen Wisperthale drüben, wo die Vögel ganz vernünftig sprechen, und vom Pfefferkuchenland, wohin die folgsamen Kinder kommen, und von verwünschten Prinzessinnen, singenden Bäumen, gläsernen Schlössern, goldenen Brücken, lachenden Nixen . . Aber zwischen all diesen hübschen Märchen, die klingend und leuchtend zu leben begannen, hörte die schöne Sara die Stimme ihres Vaters, der ärgerlich die arme Muhme ausschalt, daß sie dem Kinde so viel Thorheiten in den Kopf schwatze! Alsbald kam's ihr vor, als setzte man sie aus das kleine Bänkchen vor dem Sammetsessel ihres Vaters, der mit weicher Hand ihr langes Haar streichelte, gar vergnügt mit den Augen lachte, und sich behaglich hin und her wiegte in seinem weiten, blauseidenen Sabbathschlafrock . . Es mußte wohl Sabbath sein, denn die geblümte Decke war über den Tisch gespreitet, alle Geräthe im Zimmer leuchteten, spiegelblank gescheuert, der weißbärtige Gemeindediener saß an der Seite des Vaters und kaute Rosinen und sprach Hebräisch, auch der kleine Abraham kam herein mit einem allmächtig großen Buche, und bat bescheidentlich seinen Oheim um die Erlaubnis, einen Abschnitt der heiligen Schrift erklären zu dürfen, damit der Oheim sich selber überzeuge, daß er in der verflossenen Woche viel gelernt habe und viel Lob und Kuchen verdiene . . Nun legte der kleine Bursche das Buch auf die breite Armlehne des Sessels, lind erklärte die Geschichte von Jakob und Rahel, wie Jakob feine stimme erhoben und laut geweint, als er sein Mühmchen Rahel zuerst erblickte, wie er so traulich am Brunnen mit ihr gesprochen, wie er sieben Jahr um Rahel dienen mußte, und wie sie ihm so schnell verflossen, und wie er die Rahel geheirathet und immer und immer geliebt hat . . . Auf einmal erinnerte sich auch die schöne Sara, daß ihr. Vater damals mit lustigem Tone ausries: „Willst du nicht eben so dein Mühmchen Lara heiraten?" worauf der kleine Abraham ernsthaft antwortete: „Das will ich, und sie soll sieben Jahr warten." Dämmernd zogen diese Bilder durch die Seele der schöllen Frau, sie sah, wie sie und ihr kleiner Vetter, der jetzt so groß und ihr Manu gewordeil, kiildisch mit eillallder in der Lauberhütte spielten, wie sie sich dort ergötzten an deil bullten Tapeten, Blumen, Spiegelil und vergoldeten Aepfeln, wie der kleine Abraham immer zärtlicher mit ihr koste, bis er allmählig größer uild mürrischer wurde, und endlich ganz groß lind ganz mürrisch . Und endlich sitzt sie zu Hause alleiil in ihrer Kammer eines Samstag-abends, der Mond scheint hell durchs Feilster, uild die Thür fliegt auf, uild hastig stürillt herein ihr Vetter Abrahaill, in Reisekleideril uild blaß wie der Tod, uild ergreift ihre Hand, steckt einen goldnen Ring an ihren Finger und spricht feierlich: „Ich nehille dich hiermit zu meinem Weibe, nach den Gesetzeil voll Moses uild Israel!" „Jetzt aber", setzt er bebend hinzu „jetzt muß ich fort netdi Spanien. Lebewohl, siebeil Jahre sollst int auf mich warten!" Und er stürzt fort, und weinend erzählt die schölte Sara das alles ihrem Vater . . . Der tobt uild wüthet: „Schlleid ab deill Haar, denn du bist ein verheirathetes Weib!" - uild er will deut Abraham uachreiteil, um einen Scheidebrief von ihm zu erzwiilgeu; — aber der ist schon über alle Berge, der Vater kehrt schweigeild nach Haus ztlrück, ltnb wie die schöne Sara ihm die Reitstiefeln ausziehell hilft uild besänftigend äußert, daß der^Abraham nach sieben Jahre» zurückkehre, da flucht der Vater: „-Liebelt Jahr sollt ihr Vetteln gehn!" nnb bald stirbt er. So zogen der schölten Sara die alten Geschichteil durch dnt Sinn, wie'ein hastiges Schatteilspiel; die Bilder vermischteil fi-.fi auch wunderlich, und zwischendurch schautell halb befannte, halb fremde.bärtige Gesichter uild große Blume» mit fabelhaft breitem Blattwerk. Es' War auch, als lllurntelte der Rhein .die Melodien, der- Agade/ und.die Bilder derselben. stiegen daraus hervor,- lebe'.lsgröß.üüd verzerrt/ tolle Bilder: der Erzvater Abraham zerschlägt ängstlich die Götzengestalten, die sich immer hastig wieder von selbst zllsaininensetzen; der Mizri wehrt sich furchtbar gegen deil ergrimmten Moses; der Berg Sinai blitzt und flammt; der König Pharao schwillllllt im rothell Meere, mit dert Zählten im Maule die zackige Goldkrolte festhaltend; Frösche mit Menschenalltlitz schwimuleil hinterdrein, und die Wellen schäumen und brauseil, und eine dunkle Riesenhand taucht drohend daraus hervor. Das war Hattos Müusethurm, und der Kahn schoß eben durch den Binger Strudel. Die schöne Sara ward dadurch etwas aus ihren Träuillereiell gerüttelt, uild schaute ltach ben Bergen des Ufers, auf deren Spitzen die Schloßlichter flimmertell, und an deretl Fuß die mondbeleuchteten Nachtnebel sich hinzogen. Plötzlich aber glaubte sie dort ihre Frepilde uild Verwandte zu sehen, wie sie iilitLeichengesichterll ulld in weißwallendenTodteuhemden schreckenhastig vorüberliefen, deal Rheiil entlang ... es ward ihr schwarz vor den Augeil, ein Eisstroul ergoß sich in ihre Seele, und wie im Schlafe hörte sie itur ltoch, daß ihr der Rabbi das Nachtgebet vorbetete, langsam äilgstlich, wie es bei todtkranken Leuten geschieht, und träuillerisch stammelte sie ltoch die Worte: „Zehntausend zur Rechteil, zehntausend gur Linken; den König zu schützen vor nächtlichent Grauen . . ." Ta verzog sich plötzlich all das eiildrillgeilde Dunkel und Grausen, der düstre Vorhang ward vom Himmel fortgerissen, es zeigte sich oben die heilige Stadt Jerusalem mit ihren Thürmen und Thoren; in golduer Pracht leuchtete der Tempel; auf deiu Vorhofe desselben erblickte die schöne Sara ihren Vater iu seinem gelben Sabbathschlafrock uild vergllügt mit deil Augen lacheitd; aus deil rundeil Tempelfenstertl grüßten fröhlich alle ihre Freunde ulld Verwaildte; im Aller-Heiligsten klliete der fromille Köllig David mü Purpurmautel und funkelnder Krone, nnb lieblich ertönte sein Gesatlg lllfd Saiteuspiel - unb selig lächelnd entschlief die schöne Sara. Ein Vorschlag Die Inflation lind die nachfolgende schlechte wirtschaftliche Lage wirkt sich am härtesten.im jüdischen Mittelstand aus. Bei der Versorgung der weiblichen Nachkommen macht sich che Notlage der Nachkriegszeit aut fühlbarstell bemerkbar. Die alte Litte, deil Töchtertl, je nach Veriuögensstaud, ein Haus zu gründetl, ist für deil glößteu Teil der jüdischen Bevölkerung in der Stadt wie auf dem flachen Latlde nur ltoch eine schöne Erinnerung. Die unheilvolle Wirkung dieses Zustaltdes gereicht vielfach weder der Familie, noch dem Jlldeutum zu Heil uild Ehre. Tie Mischehe, vielfach als Legalifieruilg voraufgegangener jahrelanger Verhältnisse, nimmt erschreckend zu; viele ehrbare junge Mädchen bleiben mit sich selbst alleiil. Ilm der Mischehe und beut Alleinbteiben Einhalt zu tun, möchte ich folgeudelt Vorschlag zur Diskussion stellen: In Teutschlaild leben ca. 100 000 jüdische Familien. Wenn jede dieser Faiililieii zu einem zu gründenden „Reichsverbatld zur Ausstattung unbemittelter jüdischer Mädchen" /ohne Unterschied ihrer religiösen Eiilstellung sofern sie Juden voll Geburt sind, und bei der Verve iratltilg die religionsgesetzlichen Vorschriften befolgen», einen Jahresbeitrag voll 5 RM. leisteil würde, hätten wir in einem Jabs 500 000 RM. Alljährlich soll dauil eine Berlosuilg ftattfiudeu und 100 bedürftige Mädchen sollen mit einer Mitgift voll je 5000 RM. bedacht werdeil. Für jede Mitglied-Familie wäre dadurch eine gewisse Versicherluig gefchaifen. Unbemittelte Mädchen könnten zu gegebener Zeit ohne ftuangieUe Schwierigkeit heiraten. Der Reichsvervand könnte atlch zahlenmäßig erweitert werden; er soll von einem neutralen Kuratorium, bestehend aus Tautell lind Herren, verwaltet werdeil. Hier liegt eine de.r dringeildsten Lozialatisgabell der Jetztzeit vor. Lt. Zar li hamokaum? Von Lazarus Friedmanu, Mainz. Anläßlich der Einweihung der renovierte» Svuagoge des Israelitischen Krankenvereills am 20. Januar d. I. hat Herr Rabbiner Dr. Levi iu seiner Ansprache eine schöne Erklärung des Rabbiner Dr. Lehmaiill s. A., beffen 100jähriger Geburtstag am gleichen Tag gefeiert ivllrde, über einen Satz aus dem 5. Kapitel der Sprüche der Väter erivähut. Der betreffende Satz lautet: ' Z'-'r-P'r.'Z- \"rx‘2'-.x’ ren? -IX „Es hat' niemals einer zum anderengesagt: „Der Platz, in Jeruscholaiin ist. iilir zu eng, um dort gu übernachten." Diesen unklaren Satz hat Dr. Lehmann in der Weise erklärt, daß durch die vielen 5

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