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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1931-04-01 · 4 (4.1931) · p. Seite 4

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
6 (1931)
Issue
4 (4.1931)
Date
1931-04-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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hd und bunt ßcmnltc Bilder, die sie schon als kleines Mädchen am Pascha-Abend so gern betrachtete, und die allerlei biblische Geschichten darstellten, als da sind: wie Abraham die steinernen Götzen seines Vaters mit dem Hammer entzwei klopft, wie die Gugel zu ihm kommen, wie Moses den Mizri todtschlägt, wie Pharao prächtig auf dem Throne sitzt, wie ihm die Frosche sogar bei Tische keine Ruhe lassen, wie er, Gott sei Dank! versäuft, wie die Kinder Israel vorsichtig durch das rothc Meer gehen, wie sie offnen JDfctuleä mit ihren Schafen, Kühen und Ochsen vor dem Berge Sinai stehen, dann auch wie der fromme König David die Harfe spielt, und endlich wie Jerusalem mit den Thürmen -und Finnen seines Tempels bestrahlt wird vom Glanze der Sonne! Der zweite Becher war schon eingeschenkt, die Gesichter und Stiinmen wurden immer Heller, und der Rabbi, indem er eins der ungesäuerten Lsterbrote ergriff und heiter grüßend empor hielt, las er folgende Worte ans der Agade: „Siehe! Das ist die >wsl, die unsere Väter in Aegypten genossen! Jeglicher, den es hungert, er komme und genieße! Jeglicher, der da traurig, er komme und theile unsere Paschafreude! Gegenwärtigen Jahres feiern wir hier das Fest, aber zum kommenden Jahre im Lande Israels! Gegenwärtigen Jahkes sinern wir es noch als Knechte, aber zum kommenden Jahre als ^öhne der Freiheit!" Da öffnete sich die Saalthüre, und herein traten zwei große blasse Männer, in sehr weite Mäntel gehüllt, und der Eine sprach: „Friede sei mit euch, wir sind reisende Glaubensgenossen und wünschen das Paschafest mit euch zu feiern." Und der Rabbi antuwrtete rasch und freundlich: „Mit euch sei Frieden, setzt euch nieder in meiner Nähe!" Die beiden Fremdlinge setzten sich alsbald zu Tische, und der Rabbi fuhr fort im Vorlesen. Manchmal während die klebrigen noch im Fuge des Nachsprechens waren, warf er kosende Worte nach seinem Weibe, und anspielend ans den alten -scherz, daß ein jüdischer Hausvater sich an diesem Abend für einen König hält, sagte er zu ihr: „Freue dich, meine Königin!" Sie aber antwortete wehmütig lächelnd: „Es fehlt uns ja der'Prinz!" und damit meinte sie den Sohn des Hauses, der, wie eine Stelle in der Agade es verlangt, mit vorgeschricbencn Worten seinen Vater um die Bedeutung des Festes befragen soll. Der Rabbi erwiderte Nichts und zeigte bloß mit dem Finger nach einem eben ausgeschlagenen Bilde in der Agade, wo überaus anmuthig zu schauen war, wie die drei Engel zu Abraham kommen, um ihm zu verkünden, daß ihm ein Sohn geboren werde von seiner Gattin Sara, welche unterdessen weiblich pfiffig hinter der Zeltthüre steht, um die Unterredung zu belauschen. Dieser leise Wink goß dreifaches Roth über die Wangen der schönen Frau, sie schlug die Augeu nieder, und sah dann wieder freundlich empor nach ihrem Manne, der singend fortfuhr im Porlesen der wunderbaren Geschichte, wie Rabbi Jesua, Rabbi Eliescr, Rabbi Asaria, Rabbi Akiba und Rabbi Tarphen in Bona-Brak angelchnt saßen und sich die ganze Nacht vom Auszüge der Kinder Israel aus Aegypten unterhielten, bis ihre. Schüler kamen und ihnen zuriefen, cs sei Tag und in der Synagoge verlese mau schon das große Morgcngebet. Derweilen nun die schöne Sara andächtig zuhörte und ihren Mann beständig ansah, bemerkte sie, wie plötzlich sein Antlitz in grausiger Verzerrung erstarrte, das Blut aus seinen Wangen und Lippen verschwand, und seine Augen wie Eiszapfen hervorglotzten; -- aber fast im selben Augenblicke sah sie, wie seine Züge wieder diu vorige Ruhe und Heiterkeit anuahmeu, wie seine Lippen und Wangen sich wieder rötheten, seine Augen munter umherkreisten, ja, wie sogar eine ihm sonst ganz fremde tolle Laune sein ganzes Wesen ergriff. Die schöne Sara erschrak wie sie noch nie in ihrem Lebe;: erschrocken war, und ein inneres Grauen stieg kältend in ihr auf, weniger wegen der Zeichen von starrem Entsetzen, die sie einen Moment lang im Gesichte ihres Mannes erblickt hatte, als wegen seiner jetzigen Fröhlichkeit, die allmählig in jauchzende Ausgelassenheit überging. Der Rabbi schob sein Barett spielend von einem Ohre nach dein andern, zupfte und kräuselte possierlich seiiie Bartlocken, sang den Agadetext nach der Weise eines Gassenhauers, lind bei der Aufzählung der ägyptischen Plagen, wo man mehrinals den Zeigefinger in den vollen Becher eintunkt iliid den anhängenden Weintropfeii zur Erde wirft, bcpritzte der Rabbi die jüngeren Mädchen mit Rothwein, und es gab großes Klagen über verdorbene Halskrausen, und schallendes Gelächter. Immer unheimlicher ward es der schönen Sara bei dieser krampfhaft sprudelnden Lustigkeit ihres Mannes, und beklommen von namenloser Bangigkeit schaute sie in das summende Gewimmel der buntbeleuchteten Menschen, die sich behaglich breit hin und her schaukelten, an den dünnen Paschabröten knopertcn, oder Weiii schlürften, oder mit eiliander fchwatzteu, oder taut sangen, überaus vergnügt. Ta kam die Zeit, wo die Abendniahlzeit gehalten wird; alle standen auf, um sich zu waschen, und die schöne Sara holte das große silberne, mit getriebenen Goldfiguren reichverzierte Waschvecke», das sie jedem der Gäste vorhielt, während ihrn Wasser über 4 die Hände gegossen wurde. Als sie auch dern Rabbi diesen Dienst erwies, blinzelte ihr dieser bedeutsam mit heu Augen, und schlich sich zur Thürc hinaus. Die schöne Sara folgte-ihm aus dem Fuße; hastig ergriff der Rabbi die Harid seines Weibes, eilig zog er sie fort durch die dunkelen Gassen Bacharachs, eilig zum Thor hinaus ans die Landstraße, die den Rhein entlang nach Bingen führt. Es war eine jerrer Frühlingsnächte, die zwar lau genug,und hellgestirnt sind, aber doch die Seele mit seltsamen Schauern erfüllen. Leichenhaft dufteten die Blumen; schadenfroh und zugleich selbstbeängstigt zwitscherten die Vögel; der Mond warf heimtückisch gelbe Streiflichter über den dunkel hinmurmelnden Strom; die hohen Felsenmassen des Ufers schienen bedrohlich wackelnde Riesenhäupter; der Thurmwächter auf Burg Strahleck blies eine melancholische Weise; und dazwischen läutete eifrig gellend das Sterbeglöckchen der Sankt Wernerskirche. Die schöne Sara trug in der rechten Hand das silberne Waschbecken, ihre linke hielt der Rabbi noch immer gefasst, und sie fühlte, wie seine Finger eiskalt waren unb wie sein Arm zitterte; aber sie folgte schweigend, vielleicht weil sie von jeher gewohnt, ihrem Manne blindlings und fragenlos zu gehorchen, vielleicht auch weil ihre Lippen vor innerer Angst verschlossen waren. Unterhalb der Burg Sonneck, Lorch gegenüber, ungefähr wo jetzt das Dörfchen Niederrheinbach liegt, erhebt sich eine Felsenplatte, die bogenartig über das Rheinufer hinaushängt. Diese erstieg Rabbi Abraham mit seinem Weibe, schallte sich um nach allen Seiten, ulid starrte hinauf nach bcu Sternen. Zitternd und von Todesängstell durchfröstelt stalld neben ihm die schölle Sara und betrachtete seiil blasses Gesicht, das der Mond gespenstisch beleuchtete, uild worauf es hin urld her zllckte wie Schmerz, Furcht, Andacht uild Wuth. Als aber der Rabbi plötzlich das silberne Waschbecken ihr aus der Haild riß uild es schollernd hinabwarf in den Rhein, da koiliite sie das grauenhafte Angstgefühl nicht länger ertrageil, und mit dem Ausrufe: „Schadai voller Gellade!" stürzte sie zu den Füßen des Mailncs und beschwor ihn, das dunkle Räthsel endlich zu enthüllen. Ter Rabbi, des Sprechens ohlllllächtig, bewegte Nlehrulats lautlos die Lippen, uild endlich rief er: „Siehst du deil Enget des Todes? Tort uilten schwebt er über Bacharach! Wir aber sind seinem Schwerte entronnen. Gelobt sei der Herr!" Uild mit einer stimme, die noch vor innerem Entsetzen bebte, erzählte er: wie er wohlgemuth die Agade hiusingcnd uild angelehnt saß, und zufällig unter den Tisch schaute, habe er dort zu seinen Füßen den blntigeil Leichnam eines Kindes erblickt. „Da merkte ich" — setzte der Rabbi hinzu -- „daß unsre zwei späte Gäste nicht voll der Geiueiildc Israels waren, soildcrn voll der Versammlung der Gottloseil, die sich berathcn hatten, jeneu Leichnam heimlich in luiser Haus zu schaffen, uni uns des Kindermordes gu beschuldigen lind das Volk aufzureizen, uns zu pliinbern und zu morden. Ich durfte ilicht merken lassen, daß ich das Werk der Finsternis durchschaut; ich hätte dadurch nur mein Verderben beschleunigt, und nur die List hat uns Beide gerettet. Gelobt sei der Herr! Aengstige dich nicht, schöne Sara; auch unsere Freuildc lmd Verwandte werden gerettet sein. Nur nach meiilelu Blute lechzten die Ruchloseii; ick bin ihucu entronueu, uild sie begnügen sich mit meinem Silber lind Golde. Komm mit mir, schöne Sara, nach einem anderen Lande, wir wollen das Unglück hinter uns lassen, uild damit uns das Unglück nicht verfolge, habe ich ihm das Letzte meiner Habe, das silberile Becken, zur Versöhnung hiugcworfen. Ter Gott unserer Väter wird uns nicht verlassen. — Komm herab, du bist müde; dort unten steht bei seinem Kahne der stille Wilhelm; er fährt uils den Rhein hinauf." Lautlos und wie mit gebrochenen Gliedern war die schöne sara in die Arme des Rabbi hingcsunken, und langsam trug er sie hinab iiach dem Ufer. Hier stand der stille Wilhelm, ein taubstummer, aber bildschöner Knabe, der zum Unterhalt seiner alten Pflegemutter, einer Nachbarin des Rabbi, den Fischfailg trieb und hier seinen Kahn angelegt hatte. Es war aber, als erriethe er schon gleich die Absicht des Rabbi, ja es schien, als habe er eben auf ihn gewartet; um seine geschlossenen Lippen zog sich das lieblichste Mitleid, bcdeutungstief ruhten seine großen blauen Augen ans der schönen Sara, und sorgsam trug er'sie in den Kahn. Der Blick des stummeil Knaben weckte die schöne Sara aus ihrer Betäubung, sie fühlte auf einmal, daß Alles, was ihr Manu ihr erzählt, kein bloßer Traum sei, und Ströme bitterer Thräncn ergossen sich über ihre Wangen, die jetzt so' weiß wie ihr Gewand. Ta saß sie nun in der Mitte des Kahns, ein weinendes Marmorbild; neben ihr saßen ihr Mann und der stille Wilhelm, welche emsig ruderten. Sei es nun durch den einförmigen Ruderschlag, oder durch das Schaukeln des Fahrzeugs, oder durch den' Duft jener Bergesufer, worauf die Freude wächst, immer geschieht es. daß auch der Betrübteste seltsam beruhigt wird, wennn er in der Frühlings-

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