Mannheim
Compact Memory

Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1931-04-01 · 4 (4.1931) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
6 (1931)
Issue
4 (4.1931)
Date
1931-04-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9582242-9623188-9620898--0732-9620901
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

meinde Mainz mitverwaltet wird, wird Herr Ferdinand Simon in Mainz ernannt. 26. Nach Verabschiedung einer Novelle zur transitorischen Bestimmung des Kirchensteuergesetzes soll um öffentlich rechtlichen Charakter sür den Verband petitioniert werden. Bekanntmachung. Der Landesverband der israelitischen Religionsgemeinden Hessens hat Postscheckkonto Nr. 63618 Amt Frankfurt am Main. Es wird gebeten, alle Zahlungen auf dieses Konto zu leisten. Mainz, den 26. März 1931. Die Verbandskasse. Jur Frage der Gehaltskürzung auf Grund der Verordnung vom 1. Dezember 1930. Mitteilungen aus verschiedenen Religionsgemeinden unseres Verbandes beweisen, daß über die Bedeutung der Gehaltskürzungs- Verordnung und ihre Anwendung bei den israelitischen Religionsgemeinden noch vielfach Unklarheit herrscht. Wir machen deshalb aus folgenden Sachverhalt aufmerksam: Nach § 6, Teil II, Kap. 2, dieser Verordnuug sind die öffentlich-rechtlichen Religionsgefellschaften zwar berechtigt, aber im Gegensatz zu den sonstigen Körperschaften öffentlichen Rechtes nicht verpflichtet, eine Gehaltskürzung von 6 Prozent vorzunehmen. Ebenso find die öffentlich-rechtlichen Religiansgesellfchaften zur Kündigung der Angestellten zum Zwecke der Durchführung einer entsprechenden Gehaltskürzung zwar ermächtigt aber nicht verpflichtet. Infolgedessen ist es jeder Synagogen- oder israelitischen Religionsgemeinde freigestellt, ob sie von den genannten Möglichkeiten Gebrauch machen will oder nicht. Wenn wir es auch als selbstverständlich betrachten, daß der Beamte oder Angestellte einer jüdischen Gemeinde der Notzeit sein Opfer bringt, wie die Angestellten oder Beamten des Reichs, der Staaten usw.; in solchen Fällen aber, in welchen das Gehalt des jüdischen Beamten oder Angestellten hinter den staatlichen Besoldungssätzen schon jetzt um 6 Prozent und mehr zurückbleibt (und diese Fälle sind bei israelitischen Religionsgemeinden noch recht häufig!), sollte billigerweise von einer Kürzung um die in der Verordnung vorgesehenen 6 Prozent Abstand genommen werden. Tie Schriftleitung. Ein Midrasch zum 7. Pessachtag. Wiedergegeben von Rabb. Tr. Tienemann, Offenbach. Anknüpfend an den Vers aus den Sprüchen Salomos XVI, 10; „Mehr Einfluß übt ein Scheltwort auf den Klugen als hundert Schläge auf den Toren", heißt es in der Pesikta de Raw Kahana:* Es lehrte Rabbi Jsmael. So geschah es einst, ein König sagte zu seinem Diener: geh auf den Markt und hole mir einen Fisch vom Markt, er ging und brachte ihm einen Fisch, der schon roch. Sagte der Herr zu ihm: bei deinem Leben, eines von den dreien bleibt dir nicht erspart: entweder du ißt diese ekligen Fische auf, oder du läßt dir 100 Stockprügel aufzählen, oder du bezahlst mir die Fische. Sagte der Diener: „ich esse die schlechten Fische auf", aber als er einige Bissen gegessen hatte, wurde ihm sterbensübel, und er sagte: „lieber lasse ich mich prügeln"; doch als er die ersten fünf Hiebe hatte, schrie er: „ich zahle lieber das Geld"; also: hatte er sowohl die ekligen Fische gegessen und seine Prügel empfangen und mußte doch sein Geld bezahlen. So sagte auch der Heilige, ge- . * S. auch Mechilta zu 2. B. M. Cap. 14 B. 8 und Jalkut zur gleichen Stelle. lobt sei ec, zu Pharao, dem Bösewicht: bei deinem Leben, deine 10 Plagen mußt du büßen und dein Geld mußt du hergeben, — denn so heißt es: sie leerten Aegypten aus — und schließlich mußt du Israel doch ziehen lassen. So die Pesikta. Man sieht zunächst mit einigem Vergnügen, daß hier die Quelle zu dem bekannten Sprichworte ist: „Faule Fisch' und Klöpp dazu." Der Midrasch hat aber einen tiefen unvergänglichen Sinn, er will einer Beobachtung Ausdruck verleihen, nämlich der, daß viele Menschen lieber eine Entwürdigung ihrer eigenen Person in Kauf nehmen, lieber ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, ehe sie sich zu einem Geldopser entschließen. Am Ende bleibt es ihnen trotz Entwürdigung und trotz der aufs Spiel gesetzten Gesundheit nicht erspart. Hat sich an dieser Beobachtung inzwischen etwas zum Besseren geändert? Zum 75. Todestag Heinrich Heines. Im Februar d. I. waren es 75 Jahre, daß Heinrich Heine, der im Jahre 1707 als Kind jüdischer Eltern m Düsseldorf geboren war, nach jahrelangem jammervollem Leiden in Paris gestorben ist. Als Zwanzigjähriger kam er zunächst nach Frankfurt am Main und dann nach Hamburg, wo er bei seinem Onkel Salomon Heine im Banksach tätig war. In den Jahren 1819 bis 1824 studierte er dann in Bonn und Güttingen die Rechte. In der Hoffnung, dadurch eine Staatsanstellung zu finden, nahm er im Jahre 1825 die protestantische Religion an, wurde aber durch diesen Schritt wirklich kein gläubiger Protestant. Er hing vielmehr sein Leben lang an den Erinnerungen seiner Kindheit und Jugendzeit, an den jüdischen Erlebnissen in seiner Familie und der jüdischen Gemeinde. Wenn er dadurch auch nicht etwa als religiöser Jude, zu bezeichnen ist, und wir ihn überhaupt als Juden sür uns zu beanspruchen keine Veranlassung haben, so berechtigt doch manche seiner Aeußerungen dazu, ihn als rmtrr zu bezeichnen. Jedenfalls verdankt ihm die deutsche Literatur Perlen der Lyrik und das Judentum verdankt ihm dichterische Schilderungen, die sür alle Zeit ihren Wert und ihre Anziehungskraft behalten werden. Man denke z. B. an seine „Hebräischen Melodien" ^Prinzessin Sabbath, Jehuda ben Halevy, Disputation u. a.) Heute sei hier gerade im Hinblick aus das bevorstehende P e s s a ch s e st auf das seinem Freunde Heinrich Laube gewidmete Fragment „Der Rabbi von Bacharach" hingewiesen. Ein Auszug aus diesem Fragment möge unter Weglassung der einleitenden' lokalen und historischen Schilderung zugleich auch als Beweis sür Heines Erzählkunst hier folgen: * Im großen Saale seines Hauses saß einst Rabbi Abraham, und mit seinen Anverwandten, Schülern und übrigen Gästen beging er die Abendseier des Paschasestes. Im Saale war Alles mehr als gewöhnlich blank; über den Tisch zog sich die buntgestickte Seidendecke, deren Goldsranzen bis aus die Erde hingen; traulich schimmerten die Tellerchen mit den symbolischen Speisen, sowie auch die hohen weingesüllten Becher, woran als Zierat lauterheilige Geschichten von getriebener Arbeit; die Männer saßen in ibren Schwarzmänteln und schwarzen Platthüten und weißen Halsbergen; die Frauen, in ihren wunderlich glitzernden Kleidern von lombardischen Stoffen, trugen um Haupt und Hals ihr Gold- und Perlengeschureide; und die silberne Sabbathlampe goß ihr festliches Licht über die andächtig vergnügten Gesichter der Alten und Jungen. Aus den purpurnen Sammetkissen eines mehr als die übrigen erhabenen Sessels und angelehnt, wie es der Gebrauch heischt, saß Rabbi Abraham und las und sang die Agade, und der bunte Chor stimurte ein oder antwortete bei den vorgeschriebcnen stellen. Der Rabbi trug ebenfalls sein schwarzes Festkleid, seine edelgeformten, etwas strengen Züge waren milder denn gewöhnlich, die Lippen lächelten hervor aus dem braunen Barte, als wenn sie viel Holdes erzählen wollten, und in seinen Augen schwamm es wie selige Erinnerung und Ahnung. Die schöne Sara, die auf eiuem ebenfalls erhabenen Sammetsessel an seiner Seite saß, trug als Wirthin Nichts von ihrem Geschmeide, nur weißes Linnen umschloß ihren schlanken Leib und ihr frommes Antlitz. Dieses Antlitz war rührend schön, wie denn überhaupt die Schönheit der Jüdinnen von eigenthümlich rührender Art ist; das Bewußtsein des tiefen Elends, der bittern Schmach und der schlimmen Fahrnisse, worinnen ihre Verwandte und Freunde leben, verbreitet über ihre holden Gesichtszüge eine gewisse leidende Innigkeit und beobachtende Liebesangst, die unsere Herzen sonderbar bezaubern. So saß heute die schöne Sara und sah beständig nach den Augen ihres Mannes; dann und wann schaute sie auch nach der vor ihr liegenden Agade, dem hübschen, in Gold und Sammet gebundenen Pergamentbuche, einem alten Erbstück mit verjährten Weinflecken aus den Zeiten ihres Großvaters, und worin so viele 3

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.