Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 6 (1931)
- Issue
- 3 (3.1931)
- Date
- 1931-03-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Wie sah es mit dem jüdischen Religionsunterricht in Hessen vor 70 Jahren aus? Bekannt ist der Midrasch, der von Rabbi Chonia erzählt, wie dieser Gelehrte eines Tages in einen siebzigjährigen Schlaf verfiel und bei seinem Wiedererwachen die ganze Umgebung und die menschliche Gesellschaft so verändert fand, daß er sich nicht mehr auskannte. An diesen Midrasch wird man erinnert, wenn man die Zustände des israelitischen Religionsunterrichts in Heften, wie sie heute sind, vergleicht mit den Zuständen von vor etwa siebzig Jahren. Wir besitzen nämlich einen sehr interessanten Bericht über die Zustände in der damaligen Zeit und zwar in der von K.Klein herausgegebenen israelitischen Schulbibliothek, ein Zentralorgan für Synagoge, Schule und Haus, 1. Band, Mainz 1858. In diesem Bande schildert uns der damalige Lehrer in Alsheim K. M a r x, von Seite 214 an, die Lehrer- und Schulverhältnisse in einem grotzen Teil der jüdischen Gemeinden Hessens. Wir bringen zunächst auszugsweise die Schilderung, wie sie von einzelnen Gemeinden in dem genannten Artikel gegeben wird. In dem Artikel heistt es: Beginnen wir zuerst mit der nächsten Nähe: In hiesiger (Gemeinde sind schon seit langen Jahren die Gemeinde- und Schulverhältnisse geregelt. Die Gemeinde besteht zwar nur aus Mitgliedern, nichtsdestoweniger hat sie seit 15—20 Jahren schon große Opfer gebracht. Sie baute eine Synagoge, kaufte ein Schulnnd Wohnhaus für den Lehrer mit einem Kostenaufwand von über 5000 fl. und stellte feit genannter Zeit nur auf dem Seminar gebildete Lehrer an. Schreiber dieses fungiert seit 11 Jahren als Bel.-Lehrer und Cantor hier. Er bezieht einen fcftcn Gehalt von 825 fl., nebst 12 fl. für Heizung des Schullocales und freier Wohnung. Obschon die Schule nur Religwns- und nicht eine vom Staate gegründete Elemenlarfchule ist, so wird doch zugleich der ganze Elementarunterricht in derselben crtheilt und sind die Kinder von der Kreisschulkommission von dem Besuch der christlichen Schulen entbunden. Die Schülerzahl iit durchschnittlich 8 bis 10. Bon diesem Jahre an zahlt die allgemeine Ortskasse einen kleinen Beitrag zu den Bedürfnissen der i'sr. Religions-Gemeinde, seither war letztere ganz allein auf sich selbst angewiesen. —- Bor dem Jahr 1848 gehörte Gimsheim als Filiale zur Alshcimer isr. Rel.-Gemeinde, erstere hat sich aber 1849 von letzterer getrennt und sind seitdem dort die jüdischen Eultus- und Schulverhältnisse in einem höchst verwahrlosten Zustande, da die Gemeinde zu schwach ist, einen Lehrer allein zu besolden. Diese Gemeinde giebt leider einen sprechenden Beweis von dem oben im Allgemeinen Behaupteten. In Guntersblum mit dem Filial Ludwigshöhe, im Kreise Oppenheim, besteht eine Elementarschule, an welcher Herr Hirsch als definitiv angestellter Lehrer seit 17—18 Jahren segensreich wirkt. Sein Gehalt beträgt ca. 260 fl. nebst freier Wohnung in einem freundlichen, noch nicht lange erbauten Schulhause. Die politische Genieinde trägt jährlich 75 fl. zum Lehrergehalt bei. Die Schule wird von 40—50 Kindern besucht. Herr Hirsch erhält als Auerkeitnung seiner Verdienste seit 1854 jährlich 40 fl. Zulage aus der Großherzogl. Staatskasse, ein deutlicher und unsre Staatsregierung ehrettder Beweis, daß die Gleichstellung der jüdischen mit den christlichen Elementarlehrern nicht blos auf dem Papiere steht, sondern auch in der Praris geübt wird. __ Oppenheim besitzt seit läitgern Jahren Herrn ^-tetteuheimer als definitiv angcstellten Elementarlehrer, der aber liicht, wie bei lveitent die ineisten Elementar- und Religions-Lehrer unseres Landes, den Borbeterdienst versieht. Sein Gehalt beträgt ca 260 fl. Atich ertheilt Herr Stettenheimer an der dortigen Realschule den jüdischen Schülern Religions-Unterricht, sowie er an der landwirthschaftlichen Schule in verschiedenen Fächern Uitterrickt ertheilt. Daß inan mit ihm sehr zufriedett, geht daraus hervor, daß ihin atls dem allgemeinen Proviitzialschulfoitd Gratifikationen zugeflossen sind. — Herr Sonnenberg steht der Elementarschule in Bechtheim, Kreis Worms, als tüchtiger Lehrer vor. Er bezieht jährlich an 800 fl., hat eilte schöne Wohnung in dem bei der ncugebauteit freundlichen Synagoge gelegenen Hofraum, nebst großem Garten. - In Odernheim, Kreis Alzey, war Herr Klingcnstein seit mehreren Jahreil provisorisch und ist seit ktirzer Zeit defiititiv als Elementar-Lehrer altgestellt. Malt ist ntit seinent Wirkeit sehr zufrieden und hat die Gemeinde schon viele Opfer gebracht, um ihn zu erhalten. - - Die Elementarstelle ist erst einige Jahre gegründet und mit einem Gehalt von ca. 260—80 fl. nebst freier Wohnung dotirt. Außerdem hat der Lehrer ein Stück Gemeindefeld in Nutznießung. — In Hamm, mit dem Filial Eich, bezieht Herr Lehrer Nathan, der zur Zufriedenheit feiner kleinen Geineinde schon rnehrere Jahre als Religionslehrer wirkt, einen Gehalt von ungefähr 230 fl. — In Heßloch ist Herr Herzog als Religions-Lehrer seit 5—6 Jahren mit einem Gehalt von ca. 230 bis 240 fl. angestellt und ist man mit seinem Wirken sehr zufrieden. — Herr Gottfchall, der schon seit 13 Jahren in Schornsheim als Religions-Lehrer mit unermüdlicher Berufstreue arbeitet, hat sich der Liebe und Achtung seiner Gemeinde zu erfreuen und hat ihn dieselbe definitiv ausgenommen. Die Stelle trägt ungefähr 280 fl. ein. — Tie Elementarschule Niederwiesen wird von Herrn Friedberg sehr gut verwaltet und scheint sich derselbe in diesem sehr kleinen idyllisch gelegenen Orte ganz behaglich zu fühlen. — Der Gehalt beträgt hier ungefähr 260 fl. In Sprendlingen, wo Herr F l e i s ch m a n n seither als Relig.-Lehrer angestellt war, wurde kürzlich eine Elementarstellc mit 350 fl. Gehalt gegründet. Diese Stelle ist zu besetzen. — Mit dein Wirken des Herrn Reis, seit 8 Jahren in Hechtsh e i m Relig.-Lehrer, ist man sehr zufrieden. — In Bretzenheim wirkt Herr Joßbcrger als Religionslehrer mit gutem Erfolge. — Weisenau bei Mainz, das früher eine Elementarschule besaß, hob dieselbe auf und wird die jetzige Religionsschule von Herrn L ö w e n s o h n gut verwaltet. Einen sehr tüchtigen Relig.- Lehrer besitzt F ü r f e l d in Herrn L e v i. Derselbe bezieht einen festen Gehalt von circa 350 fl. Was seine Stelle finanziell angenehm macht, ist der Umstand, daß er ein großes Stück Gemeindefeld in Nutznießung hat. In A b e n h e i m, bei Worms, ist Herr Hauser als Relig.-Lehrer thätig und steht derselbe mit seiner Gemeinde im besten Berbältniß, ein Beweis von der gegenseitige!: Zufriedenheit. - Die Leistungen des Herrn Schimmel, der schon lange Jahre in Obe r i u g e l h e i m als Relig.-Lehrer wirkt, vefriedigen allgemein. In den genannten, sowie in noch manchen anderen Landgemeinden Rheinhesscns, ist das Schul- und Gemeindewesen Wohl bestellt; weniger Rühmenswerthes läßt sich von den Relig. Schulen der ineisten rheinhessischen Städte sagen. Ter Grund liegt theils, daß in Städten viele israelitische Kinder Realschulen, Gymnasien, verschiedene Institute besuchen, wodurch ihnen nicht wohl Zeit zum Besuche einer Religionsschule bleibt, theils aber auch darin, daß heutigen Tages bei gar Vielen unsrer Glaubensgenossen, insbesondere der in -Ltädten wohnenden, der Relig. Unterricht zu sehr als Nebensache betrachtet wird. Auf fremde Sprachen, Klavierspielen re. wird sehr viel Zeit verwendet, aber für die Kenntniß seiner Religio» ist man oft gleichgültig, und wie oft kommt es vor, daß israel. Jünglinge und Jungfrauen in unfereiu Gottesdienst blos deßwegen nicht initbeten, weil sie eben nicht einmal hebräisch lesen können. — Weit davon entfernt, gegen die Fortschritte in Industrie, Kunst und Wissenschaft eifern zu wollen, möchte ich nur gegen die gar zu häufig vorkommende einseitige Bildung, oder vielmehr Ver- und Ueberbildung hier das Wort ergreifen und Jedem zu bedenken geben, daß ohne Kenntniß seiner Religion und ohne Durchdrungensein von derselben der Mensch eben nicht für vollständig gebildet gelten kann, und eine bedeutende Lücke in seiner ganzen auch sonst noch so großen Bildung offen bleibt. Nach dieser kurzen allgemeinen Bemerkung erwähne ich, daß in Mainz, Worms und Alzey obengenannter Mißstand theilwcisc besteht. In Worms und Alzey befinden sich gar keine israel. Relig.- Schulen. In erstgenannter Stadt werden die israel. Kinder, die das Gymnasium, die Realschule oder das Institut der Frau Dr. Adler besuchen, von dem Prediger Herrn Dr. Lewysohn in der Religion unterrichtet. Viele Kinder aber, die die genannten Anstalten nicht besuchen, erhalten gewöhnlich privatim, oder gar keinen Unterricht in der Religion und im Hebräischen. - Wie verlautet, geht der jetzige Vorstand damit um, eine Gemeinde- Religionsschule zu gründen, wozu wir ihm den besten Fortgang wünschen. — Rühmlich hervorheben müssen wir hier das Institut der Frau Dr. Adler, das Ausgezeichnetes leistet. —- Der verstorbene Dr. A b r a h a in Adle r gründete dasselbe im Jahre 1849 und wollte dem Geiste jener Zeit und seiner eigenen Ansicht nach, alles Eonfcssionelle davon entfernt halten und die Schule zu einer allgeiucineu machen. Es gelang dies jedoch immer nur in sehr geringen: Maße, d. h. es kamen nur äußerst wenige christliche Schülerinnen. Was die Schule sonst für Stürme zu erdulden hatte, wollen wir hier unberühret lassen, es hegreift sich jedoch leicht, daß es ihr schwer wurde, zu erstarken und festen Boden zu gewinnen. Nach und nach gelangte sie jedoch zur Anerkennung ihrer Wirksamkeit; denn während ihr aller Kastengeist und jede separatistische Haltung fern war, zeigte sich bald, daß nur der reinste, einfachste Sinn für die höchste Bildung in derselben 5